{"id":833,"date":"2020-08-01T23:01:17","date_gmt":"2020-08-01T21:01:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.genista.de\/engine\/?p=833"},"modified":"2020-08-01T23:01:17","modified_gmt":"2020-08-01T21:01:17","slug":"von-viren-toten-mausen-und-offenen-nasen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/?p=833","title":{"rendered":"Von Viren, toten M\u00e4usen und offenen Nasen"},"content":{"rendered":"<p>Ich bin ein Pionier. Wochen bevor das ganze Land seine Kinder an die Virenfront in die Schulen schickt, um zu sehen, wie die Schlachten wohl ausgehen werden, sind wir im Auftrag des Landes Nordrhein-Westfalen schon mal als kleiner Sto\u00dftrupp unterwegs. Sieben Kinder zwischen 10 und 14 und ich Greis stecken 20 Stunden lang K\u00f6pfe und Nasen unter dem Dach eines Sommerprojektes zusammen, um einen Stop-Motion-Film zu produzieren. Die Idee dazu ist \u00fcber ein Jahr alt, gef\u00e4llt mir aber immer noch ausgesprochen gut, vor allem, weil ich das selbst noch nie ernstlich ausprobiert habe aber schon immer wollte. Aber acht Leute und zwanzig Stunden, das sind einhundertsechzig Probleme, wenn ich mich an die Mathematik aus dem Grundstudium recht erinnere. Und da ist der imagin\u00e4re Teil der Gleichung noch gar nicht ordentlich ber\u00fccksichtigt.<br \/>\nMeine erste Ma\u00dfnahme ist deshalb, in den R\u00e4umen, in denen wir planen und drehen wollen, alle Fenster weit aufzurei\u00dfen. Drau\u00dfen w\u00fctet der Halbsommer mit Macht, will sagen: es ist recht k\u00fchl, und wenig sp\u00e4ter ist das dann auch drinnen so und zieht, Hechtsuppe Hilfsausdruck. Aber lieber J\u00e4ckchen an als tot, wie Christian Drosten ja immer sagt in seinem Podcast, also, bitte.<\/p>\n<p>Die Kinder verteile ich so weit es geht auf verschiedene R\u00e4ume und denke, dass unter diesen Umst\u00e4nden die Masken verzichtbar sind. Daran erkennt der Fachmann meine fehlende Erfahrung mit gr\u00f6\u00dferen Kindergruppen, denn Abstandhalten ist nat\u00fcrlich, \u00e4h, so eine Sache. Die Filmplanung und die Dreharbeiten gehen \u00fcber die Tage munter voran, die Pausen verbringen wir drau\u00dfen auf der dreist\u00f6ckigen Feuerleiter und im Garten, der Wind pfeift durch die R\u00e4ume, dieweil der Club der Detektivinnen sich mit Batman verb\u00fcndet, um den b\u00f6sen Pinguin am Morden zu hindern. General Grievous und Yoda sind auch dabei.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des ersten Tages, als wir noch im Nebel nach einer Geschichte stochern, die wir erz\u00e4hlen wollen, habe ich immer wieder leichten Verwesungsgeruch in der Nase, trotz des Durchzugs. &#8220;Ist das Erz\u00e4hlen nun also doch gestorben&#8221; denke ich nicht, sondern habe, weil ich direkt neben der Sp\u00fcle sitze, nat\u00fcrlich sofort den Abfluss im Verdacht. Das Haus ist nicht mehr ganz taufrisch, vielleicht liegt ein toter Elefant im Siphon, oder das Wasser da drin ist in den Ferien von einem wandernden Abflussschw\u00e4mmchen aufgesaugt worden. Was wei\u00df ich, was es alles gibt hier in Norddeutschland.<\/p>\n<p>Nix wei\u00df ich, stellt sich heraus, als ich im Bus, der mich zum Remscheider &#8220;Hauptbahnhof&#8221; (Eingeweihte verstehen die Anf\u00fchrungszeichen) bringen soll, pl\u00f6tzlich wieder Verwesungsgeruch in der Nase habe. Weit und breit kein Kulturpessismismus oder Siphon zu sehen. Ach, der Gestank kommt aus meinem Rucksack? Oha.<\/p>\n<p>Ich mache auf und gucke rein, sehe aber nichts au\u00dfer meines des Stinkens unverd\u00e4chtigen Ger\u00fcmpels. Nach und nach r\u00e4ume ich vorsichtig den Inhalt meines Herrenhandt\u00e4schens beiseite und suche nach der Geruchsquelle, als ich pl\u00f6tzlich etwas Kaltes, Weiches und Pelziges in der Hand habe. Den Reflex, den ganzen Salat quer durch den Bus zu schleudern, kann ich grade noch unterdr\u00fccken, und Sekundenbruchteile sp\u00e4ter wei\u00df ich auch, was ich da in der Hand hatte. Eine tote Maus. Mjam.<\/p>\n<p>Nicht die erste, die Meadow, die Zauberkatze, mir lebend in die Wohnung geschleppt hat. Die meisten erleiden da einen Herzinfarkt und bleiben unangetastet liegen, bis ich sie sp\u00e4ter entdecke. Das kann je nach Ort des Todes auch mal bedeuten, einer Schmei\u00dffliegenprozession zu folgen. Meadow wei\u00df, wie T\u00f6ten geht, aber vom Essen versteht sie nichts. Nicht die erste Maus, aber die erste, die es zum Sterben in meinen Rucksack geschaft hat. Chapeau, Micky.<\/p>\n<p>Den Rest der Busfahrt zum &#8220;Hauptbahnhof&#8221; verbringe ich damit, sehr konzentriert nicht nochmal in meinen Rucksack zu fassen. Dabei male ich mir aus, wie ich die Maus gleich am &#8220;Bahnhof&#8221; raushole und sodann kilometerweit von mir werfe. Und so kommt es auch, nur die Wurfweite hatte ich beim Vorstellen um mehrere Gr\u00f6\u00dfenordnungen \u00fcbersch\u00e4tzt. In vier Metern Entfernung bleibt die Stinkbombe anklagend liegen.<br \/>\nSp\u00e4ter am Abend l\u00f6st sich beim Z\u00e4hneputzen fast beil\u00e4ufig ein gro\u00dfes St\u00fcck der Flanke eines Backenzahns und ich spiele kurz mit der Theorie, versehentlich in einem Klischeealptraum eingesperrt worden zu sein. Ich warte auf Schmerz, aber der kummt net, stattdessen folgt traumloser Schlaf. &#8220;Wie soll man mit dieser abstrusen Realit\u00e4t traumseitig mithalten&#8221; fragt sich mein Gehirn vielleicht. Vielleicht fragt es sich das auch nicht, sondern wartet gespannt, was als n\u00e4chstes Bl\u00f6dsinniges passiert.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag mehr Legospa\u00df, Zahnarztbesuch, Rumgebohre mit dem \u00fcblichen sinnlosen Zusammenzucken bei der kleinsten Andeutung von sp\u00fcrbaren Nervensignalen von unterm Bohrergepfeif her. Ist so, will der K\u00f6rper so, machste nix. F\u00fcllung raus, Karies raus, Nelken\u00f6l rein, vorl\u00e4ufige F\u00fcllung drauf, Schnabel k\u00f6nnse zumachen, Wiedersehn.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Morgen finde ich gereizten Rachen vor. Kennt man ja, Narkosespritze, Chemikalien, Bohren, kick knack. Mal trotzdem das dritte Auge drauf richten, ihr wisst schon, das, das hinten oben hinterm Gaumensegel sitzt und Krankheiten kommen sieht, aber vorl\u00e4ufig erstmal weiter das Batmobil animieren.<\/p>\n<p>Am letzten Drehtag ist aus dem gereizten Rachen leichter Halsschmerz geworden und ein unterschwelliger Hustenreiz. Den hab ich wegen Reflux und Speiser\u00f6hrensperenzchen auch sonst hin und wieder mal, aber das gibt mir nun doch zu &#8220;denken&#8221;. Sieben Kinder und ein Greis, in Innenr\u00e4umen. Kracht uns jetzt die Coronagranate in den Schtzngrrm? Der Film wird fertig, die Tonspur buchst\u00e4blich in letzter Sekunde, w\u00e4hrend die Eltern schon vor der T\u00fcr ungeduldig die Brut erwarten. Kurs zuende, Symptome verdichten sich.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen bin ich sicher: es kratzt im Hals, es zwackt in der Lunge. Ein Infekt will mir ans Leder. Anruf bei der Medizinhotline ergibt das fun fact, dass an Wochenenden landesweit nirgendwo mehr auf die Kr\u00f6nchenpest getestet wird. Wochenende haben die Viren frei. Ob das so richtig sinnvoll ist bei einer Krankheit, die wom\u00f6glich nur ein paar Tage ansteckend und au\u00dferhalb der ansteckenden Zeit mit den Tests nicht mehr nachweisbar ist, haben andere, Kl\u00fcgere entschieden. Und zwar offensichtlich falsch. Aber es ist wie es ist und es kommt wie es kommt, wie der weise Rheinl\u00e4nder in seinem kuriosen Dialekt manches Mal zu sagen versucht. Mein Hausarzt ist im Urlaub, erste Testm\u00f6glichkeit Montag fr\u00fch bei der Vertretung, vielleicht, vielleicht auch nicht, Webseite gibts keine. Ob das geht erfahr ich dann eben Montag fr\u00fch.<br \/>\nIn Erwartung einer m\u00f6glichen Quarant\u00e4ne zwinge ich mich notgedrungen noch zum Hamsterkauf. Holundersaft ist ausverkauft, guck mal an, das ist ja schlimmer als beim Klopapier damals im Krieg, hat sich wohl rumgesprochen, dass das Zauberbr\u00fche ist. Aber Baked Beans gibts noch, gottlob.<\/p>\n<p>Die Symptome werden derweil schlimmer, die Temperatur steigt, die Verwirrung auch, ich schlafe den halben Tag, schleppe mich die andere H\u00e4lfte durch die Wohnung. Irgendwann f\u00e4llt mir ein, dass Katzen Kroni auch kriegen k\u00f6nnen und dass unklar ist, ob sie dann ansteckend sind, und ich mache Balkont\u00fcr und Fenster zu. Tut mir leid, Meadow, meine Unvorsichtigkeit bringt dich jetzt in den Knast. So it goes.<br \/>\nSonntag ist Nebel, 38.5 Grad, Schwei\u00dfausbr\u00fcche, Fieberwahn. Typische M\u00e4nnergrippe, vorerst nicht mit echter Substanz, aber dabei ganz erstaunliche psychische Qualen. Was _der_ Schei\u00df wohl soll? Nervt jedenfalls kolossal.<\/p>\n<p>Montag fr\u00fch Anruf bei der Arztvertretung. Kommse halb Zw\u00f6lf zur Praxis, bitte klingeln und nicht reinkommen, wir ziehen uns dann den Raumanzug \u00fcber, duschen mit Sagrotan und stecken Ihnen was in den Hals. Na gut, dann also so.<\/p>\n<p>Um halb zw\u00f6lf steht niemand vor der Praxis, ich klingle, man bedeutet mir mit Signalflaggen, dass man mich gesehen hat. Sprechanlage ist wohl kaputt, Technik aus dem letzten Jahrtausend. Maskiert stelle ich mich mit Abstand neben den Eingang und warte also. Ein weiterer Testkandidat tritt von b\u00fchnenlinks auf, und ist sehr unruhig. Die Maske elegant unter der Nase platziert stellt er sich direkt an den Eingang der Praxis, wo alle, die rein oder rausgehen, an ihm vorbei m\u00fcssen, aber an der Stelle vergeht die Zeit wohl schneller, und das ist ihm wichtig, denn er blickt immer wieder auf die Armbanduhr, der ganze Wartevorgang offensichtlich eine unzumutbare Belastung f\u00fcr ihn.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde ihn auf die von ihm derart aufgebaute Virenfalle hinweisen, bin aber viel zu m\u00fcde und zu besch\u00e4ftigt damit, das Spektrum m\u00f6glicher Folgen durchzugehen. M\u00fcssen sieben Remscheider Familien in Quarant\u00e4ne, wenn ich positiv teste? Wirds in der Zeitung stehen? &#8220;Videokurs verseucht das bergische Land&#8221;. War ich zu nachl\u00e4ssig mit den Hygieneregeln w\u00e4hrend des Kurses? Ist normaler Schulunterricht unter diesen Umst\u00e4nden Irrsinn oder Schwachsinn? Verschlimmert Kroni meine Thromboseneigung? \u00dcberdrehte Angstbilder von einer Lungenembolie, bei der die Katze zusieht, hatte mir das Fieber ja schon beschert. Danke Hirn, Du geistproduzierende M\u00fcllmaschine.<\/p>\n<p>Irgendwann gehts weiter, der Arzt kommt, l\u00e4sst uns der Reihe nach Schleim hochrotzen (&#8220;Machen Sie jetzt mal das, was man nie machen soll&#8221;) und klaubt ihn uns dann mit dem Wattest\u00e4bchen aus dem Rachen. Mein Name f\u00e4llt kein einziges Mal und der Arzt hat mich vorher nie gesehen. Dass die Helferin sagt &#8220;das ist der Vertretungspatient&#8221; muss ja wohl bedeuten, dass da der richtige Name auf dem R\u00f6hrchen steht, in das das corpus delicti dann verschoben wird. Right? RIGHT?<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich noch ein bisschen nachw\u00fcrge, steht einen Meter neben mir der Ungeduldige mit weit runtergelassener Maske, Nase und Mund im Fahrtwind, Gefahr ja jetzt vorbei,  die Lage ist in der Hand der Medizin, endlich Entspannung, auch die Uhr hat ihren Reiz verloren. Wieder sag ich nix. Menschen, ey.<\/p>\n<p>Der Test ist negativ, die ganze sinnlose Aufregung wegen eines der anderen lustigen Coronitas und einer mittelschweren Erk\u00e4ltung. Ich freu mich schon auf Herbst und Winter, das wird sicher lustig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich bin ein Pionier. Wochen bevor das ganze Land seine Kinder an die Virenfront in die Schulen schickt, um zu sehen, wie die Schlachten wohl ausgehen werden, sind wir im Auftrag des Landes Nordrhein-Westfalen schon mal als kleiner Sto\u00dftrupp unterwegs. 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