{"id":762,"date":"2010-09-15T03:27:17","date_gmt":"2010-09-15T01:27:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.genista.de\/engine\/?p=762"},"modified":"2010-09-15T03:28:05","modified_gmt":"2010-09-15T01:28:05","slug":"nach-hause","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/?p=762","title":{"rendered":"Nach Hause"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin-left: 10px; margin-right: 10px; margin-top: 10px; margin-bottom: 5px;\">\n <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/genista\/4965731860\/\" title=\"lines\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm5.static.flickr.com\/4087\/4965731860_357b14a6a5_m.jpg\" alt=\"\" style=\"border: solid 2px #000000;\" \/><\/a>\n<\/div>\n<p>1 Union City<br \/>\nDas L\u00e4cheln war ein Duchenne-L\u00e4cheln, der Orbicularis Oculi im Co-Kontrakt, aber dennoch rann es wie Sand durch die Engstelle in meinem Hals und auf einen kompakten Haufen in meiner Magengrube, kaum dass sich die Aufzugst\u00fcre geschlossen hatte: nichts dauert. Mein letzter Besuch beim Spezialisten war das, H\u00e4ndedruck, freundliche Sprechstundenhilfen, alles Gute in germany, should be an adventure, Neugier in den blanken Augen. Ihr Wohlwollen erinnerte mich an das der Cafeteriaangestellen im Krankenhaus in M\u00fcnster, wo ich, grade \u00fcbern\u00e4chtigt aus dem Flugzeug gefallen, mir das vergessene Rasierzeug ersetzte. Hoffentlich k\u00f6nnen Sie bald wieder nach Hause, hatte die damals, meinen Einkauf missverstehend, gesagt, und mich kurz aus meinem Tran geworfen damit. Hmja, danke. Nach Hause.<br \/>\nBei ihr gekauft hatte ich statt Rasierschaum ein Deospray, der Wegwerfrasierer auf der Institutstoilette sp\u00e4ter kratzte unangenehm, daf\u00fcr roch ich gut.<\/p>\n<p>Vor dem verabschiedenden H\u00e4ndedruck stand eine ratlose Diagnose, chronisches Nierenversagen, Ursache unbekannt, und Ausdrucke der Testergebnisse, Konzentrationen. Von hier oben aus sieht man die Hochh\u00e4user von Manhattan wo sich durch die Querstrassen der Blick er\u00f6ffnet, ich rolle aber ungebremst den Berg hinab, schnaufender Elefant auf meinem Dreirad, schliesse sekundenlang die Augen und sp\u00fcre den warmen Wind dunkel im Gesicht. Die Dunkelheit ist in Bewegung, Schwarz wirbelt um Schwarz. In der Helligkeit, in die ich nach diesem eitlen Flirt mit dem Dunkel zur\u00fcckkehre, sieht alles aus wie zuvor. Trotz des Fahrtwindes klebt mir das Hemd feucht im R\u00fccken und Salz rinnt in die Augen. Der Schmerz in der Seite kommt und geht. Vom K\u00f6rper verraten und verschwitzt. Dumme Sau, K\u00f6rper.<\/p>\n<p>2 Newark<br \/>\nVor dem Zaun eines Parkplatzes, an einer Strassenkreuzung, stand vor zwei Wochen noch am Boden ein Aquarium, ein kleines, das nur zehn Gallonen fasst. Darin einige Zentimeter Sand und Nippes, kleine Plastikfiguren, ein winziges Surfbrett, ein Cocktailglas. Am Zaun \u00fcber dem Aquarium h\u00e4ngt ein wetterfestes Plakat, auf Kunststoff gedruckt, auf dem eine Reihe von Fotos das Strandleben eines jungen Mannes zeigen, Anfang zwanzig, braun gebrannt, ein breites L\u00e4cheln im hoffnungsvollen M\u00e4nnchengesicht, Duchenne oder nicht ist schwer zu sagen bei der Aufl\u00f6sung. \u00dcber die Todesursache ist nichts zu lesen, Krankheit oder Unfall, aber der junge Mann, der aussieht wie der Feind, dem nicht das Hemd am R\u00fccken klebte beim Surfen, oder wenn, dann sah es gut aus, dieser junge Mann ist tot, und das Aquarium ist ein Altar, den Freunde und Familie ihm hier aufgestellt haben an der r\u00e4udigen Kreuzung. Wider Willen r\u00fchrt mich dieses Schicksal, und ich sch\u00e4me mich f\u00fcr den Neid auf einen, der doch schon tot ist.<\/p>\n<p>Zwei Wochen sp\u00e4ter steht das Aquarium noch immer unter dem Plakat, die Scheiben zersprungen, der Sand bis auf einen kleinen Rest heraus gewaschen, die Figuren zerstreut, das Cocktailglas zerbrochen. <\/p>\n<p>So it goes.<\/p>\n<p>3 Jersey City<br \/>\nIm Wasser schwimmt unbesehen ein Wels. <br \/>\nSeit Monaten schwimmt er da, alle paar Tage werfe ich mit schlechtem Gewissen Futter dazu, und offenbar ist ihm das genug, dem Fisch ist jedenfalls kein Unwohlsein anzumerken. Das Aquarium hatte ich einst betrieben, um eine Leerstelle zu f\u00fcllen und hatte es beschrieben, um die Leerstelle zu umschreiben. Die Leerstelle hat nun gewonnen, und das Becken ist verwahrlost und unbesungen. Die Leuchtr\u00f6hren seit Monaten defekt, der Filterimpeller schl\u00e4gt in hoher Frequenz gegen den Kunststoff des Geh\u00e4uses, rasselnder Maschinenatem eines Fischreichs im Koma.<\/p>\n<p>Um das Becken herum stapeln sich die Fragmente zerfallenden Lebens, die Sedimente von zehn Jahren, nicht mit Pinseln und kleinen Meisseln abgebaut, sondern los gesprengt und in rostigen Loren zur Schmelzgrube verbracht. Der Staub, der sich auf die Schnittkante der Alben gesetzt hat steigt in Wolken auf nur weil ich in seine Richtung atme, und ist schon nicht mehr zu sehen. Ein Kasten voller Mineralienproben, nicht ge\u00f6ffnet seit dem letzten Umzug aus Berkeley, eine selbst gebaute Blumenpresse, Utensilien der Kleinb\u00fcrger-Hochstapelei, und immer wieder B\u00fccher, alt gewordene Gedanken, die mir pl\u00f6tzlich wie Schuppen aus dem Kopf fallen. Wenig wird bleiben, und dieser ist doch nur der kleine Bruder, ein Erwachen in Westfalen, ein Augenreiben, die Skyline von New York das verblassende Fantasma einer langen D\u00e4mmerung.<\/p>\n<p>Hoffentlich kann ich bald nach Hause. Doof hier.<br \/>\n<br clear=\"all\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1 Union City Das L\u00e4cheln war ein Duchenne-L\u00e4cheln, der Orbicularis Oculi im Co-Kontrakt, aber dennoch rann es wie Sand durch die Engstelle in meinem Hals und auf einen kompakten Haufen in meiner Magengrube, kaum dass sich die Aufzugst\u00fcre geschlossen hatte: nichts dauert. 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