{"id":727,"date":"2010-04-20T08:24:14","date_gmt":"2010-04-20T06:24:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.genista.de\/engine\/?p=727"},"modified":"2010-04-22T22:59:54","modified_gmt":"2010-04-22T20:59:54","slug":"phanomenologie-des-geisteskranken-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/?p=727","title":{"rendered":"Ph\u00e4nomenologie des Geisteskranken (3)"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" id=\"image726\" src=\"https:\/\/www.genista.de\/engine\/wp-content\/090624_1505_treets.jpg\" width=250 alt=\"Treets!\" style=\"margin: 0pt 10px 10px 0pt; float: top; cursor: pointer;\" \/><br \/>\n<strong>III. Unterdessen, anderswo.<\/strong><\/p>\n<blockquote><p>&#8220;I feel I must interject here. You&#8217;re getting carried away feeling sorry for yourself&#8221; (Postal Service, <a href=http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=K_9nIljBYTc>Nothing Better<\/a>)<\/p><\/blockquote>\n<p>Es ist ja nicht so, dass mich diese Dinge nicht interessierten. Billy Wilder soll einen fl\u00fcchtigen Ideenschmetterling, der ihm mehrfach nachts durch die Tr\u00e4ume flatterte, und der jeweils am n\u00e4chsten Morgen verschwunden war, in einem Zettel-und-Stift-Netz neben seinem Bett gefangen haben, und als er das schillernde Insekt am n\u00e4chsten Morgen bestaunen wollte, gespannt auf den Einfall, der dem Traum zufolge zum besten Film f\u00fchren w\u00fcrde, den er je gedreht hatte, stand auf dem Zettel: &#8220;boy meets girl&#8221;. Denn es ist ja so: alles ist interessant und wichtig f\u00fcr den, der die Hauptrolle spielt. Und dem Publikum ist aber vieles fad und banal. Beziehungen br\u00f6seln unter Stress und mit der Zeit, Freundschaften sind schwierig, wo die Liebe mitmischt, Geldsorgen essen Seele auf, der Tod ist gross und wir die seinen, <em>filled with the faults they had<\/em>. Und so weiter, in ewiger Wiederkehr. Und eben Widerkehr auch.<\/p>\n<p>Alles nat\u00fcrlich monumental, wenn man drin eingesperrt ist, aber gleichzeitig doch auch sehr bla, Alltagsgew\u00fcrge, banaler Kram letztlich. Der Mist dieses Kleinviehs kann doch nicht sein, weswegen ich jetzt Pillen schlucke als w\u00e4rens Treets, und trotzdem die H\u00e4lfte der Zeit emotional durch die Gegend taumle wie ein angetrunkener Albatross beim Landen.<\/p>\n<p>Moment. Treets?<\/p>\n<p>An Treets hatte ich zwanzig Jahre lang nicht gedacht, und dann fiel mir neulich in einem Gespr\u00e4ch \u00fcber Affenspezialfutter pl\u00f6tzlich ein: die hiessen so, weil es treats sind: Feiertagsn\u00fcsschen im Schokomantel. Das Strahlen der Erkenntnis in meinem Gesicht, das rein gar nicht in dieses Gespr\u00e4ch passte, versuchte ich dann umst\u00e4ndlich zu erkl\u00e4ren, es blieb aber wohl unverstanden. Treets. Mannmann.<br \/>\nIm Hirnsieb sammelt sich so viel Schotter \u00fcber die Jahre, es ist ein kleines Wunder, dass aus dem Kopf \u00fcberhaupt noch sinnvolle Ger\u00e4usche kommen ab zirka dreissig, und nicht nur noch inkoh\u00e4rente Nostalgie und Assoziationen zu Stellvertretersachen f\u00fcr ein damals und ein dort, f\u00fcr eine Kultur und ein Milieu. &#8220;Kennst du das&#8221; und &#8220;weisst du noch&#8221;, die Haupts\u00e4tze der Zugeh\u00f6rigkeitsrechnung. Dabei ist Differentialrechnung doch viel interessanter. Gleichheit definiert die Spezies, der Unterschied macht das Individuum.<\/p>\n<p>Trotzdem, Auswanderer kleben weltweit zusammen wie ein Bienenschwarm auf H\u00f6hlensuche. Mir war lange nicht klar, warum das so ist, es schien wie das Klischeeeisbein (Triple-E Qualit\u00e4t! Kein Flachs!), des deutschen Urlaubers im S\u00fcden, ein \u00e4ngstlich paradoxes Klammern ans Vertraute, wo man doch reist, um die und das Fremde zu erleben. Oder jedenfalls das Gef\u00fchl des Erlebnisses zu haben. M\u00f6glicherweise ist das Kennenlernen der Fremde ja ebenso unm\u00f6glich, wie einem Japaner unm\u00f6glich ist, die R- und L-Raute zu unterscheiden, aber herrje, versuchen kann mans doch wenigstens.<br \/>\nAber nichts da. Beim Chinesen auf Spadina sitzen die Chinesen und speien gem\u00fctlich die Knorpel auf die Tische, im Latino-Supermarkt von Jersey City shoppen die Latinos in sauber nach s\u00fcdamerikanischem Land geordneten Regalreihen, wie zu Hause in der alten Heimat, und deutsche Besucher sind begeistert, wenn es irgendwo Bratwurst gibt und <em>richtiges<\/em> Bier. In New York!<\/p>\n<p>Aber wer braucht Bratwurst, wenn er Internet hat? Man kann mich unter die Hippies werfen und unter die Homies, dachte ich, es bleibt immer der R\u00fcckzug in die Online-Horde, in die Ersatzfamilie, anstelle der dysfunktionalen echten. Nur dass diese Horde aus Einsen und Nullen besteht, und nicht aus Menschen, und lange Ketten aus Einsen und Nullen summieren sich f\u00fcr den sozialen Instinkt zu einem Nichts. &#8220;Was fehlt: Fernlausen&#8221; schrieb K. j\u00fcngst in eine dieser virtuellen H\u00fctten; denn dem bloss geschriebenen Wort ohne pers\u00f6nliche R\u00fcckkopplung, ohne Achselgeruch und Augenrollen und Mundwinkelzucken, fehlen Bindungskraft und affektive Eindeutigkeit. Man kann das lange ignorieren, ein Fortschritt gegen\u00fcber der guten alten Zeit, in der Exilanten gleich nach Ankunft in Finsternis versanken. Aber irgendwann wird die Rechnung trotzdem f\u00e4llig. Und dann helfen nicht mal mehr K\u00e4seknacker.<\/p>\n<p>Igitt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>III. Unterdessen, anderswo. &#8220;I feel I must interject here. 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