{"id":723,"date":"2010-04-19T01:06:24","date_gmt":"2010-04-18T23:06:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.genista.de\/engine\/?p=723"},"modified":"2010-04-21T23:42:16","modified_gmt":"2010-04-21T21:42:16","slug":"phanomenologie-des-geisteskranken-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/?p=723","title":{"rendered":"Ph\u00e4nomenologie des Geisteskranken (2)"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin-left: 10px; margin-right: 10px; margin-top: 10px; margin-bottom: 5px;\">\n <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/genista\/4213879913\/\" title=\"V\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm3.static.flickr.com\/2737\/4213879913_8793732604_m.jpg\" alt=\"\" style=\"border: solid 2px #000000;\" \/><\/a>\n<\/div>\n<p><strong>II. Tag. Aussen.<\/strong><\/p>\n<p>Bei Licht betrachtet ist was man im Dunkeln so treibt und schreibt ja meist ein gebl\u00fcmter Unsinn mit Schleife. Das macht einerseits nix, so weit es um Gef\u00fchltes geht, weil: Gef\u00fchltes braucht keinen Sinn; Gef\u00fchltes schmeckt auch so. Aber vom Gedachten h\u00e4tte man mehr erwartet. Wahrscheinlich ist \u00fcberhaupt das der Fehler.<\/p>\n<p><strong><em>Tractatus sozio-logicus<\/em>:<br \/><\/strong><br \/>\n1 Alle Welt will gefallen.<br \/>\n2 Wodurch man gefallen will, das Mittel, ist das Verhalten.<br \/>\n3 Der Zweck des Verhaltens ist Kommunikation.<br \/>\n4 Kommunikation ist der unternommene Versuch, den Zustand des Anderen zu ver\u00e4ndern.<br \/>\n5 Mittel dieser Ver\u00e4nderung ist das Ausf\u00fchren sozial bedeutsamer Bewegung<br \/>\n6 Die herzustellende Gleichheit ist die zwischen der erw\u00fcnschten Bewegung des Anderen und seiner tats\u00e4chlichen.<br \/>\n7 Wo man nicht angleichen kann, da muss man schweigen.<\/p>\n<p>So weit, so gut. Aber was ist jetzt, wenn die Kommunikation eine \u00fcber das Ende aller Kommunikation ist? Man also zum Beispiel blogt, dass man online nichts mehr schreiben will, ja zwingend nicht mehr kann, keine Wahl hat, weil man vor dem Browser Angst hat wie gebrannte Mandeln vor dem Feuer? Ist das als Kommunikation nicht v\u00f6llig ung\u00fcltig, wegen Binnenwiderspruch? Macht man sich nicht zum L\u00fcgenkreter damit und schafft sich selbst ab? Kann man vor lauter Logik blind werden gegen den eigenen Bl\u00f6dsinn?<\/p>\n<p>Von Schnee kann man jedenfalls blind werden. Nicht wenn es bew\u00f6lkt ist und dichtes Flockengewiesel f\u00e4llt, Schneeblindheit ist ja die Ultraviolettkatastrophe im Auge, eine Schwarzk\u00f6rperexplosion aus zuviel Licht. Aber ich bin im eigenschaftslosen Weiss des Schneetreibens trotzdem blind, die Qualit\u00e4ten der Dinge l\u00f6sen sich von ihnen ab und verschwinden. Es bleibt ein grellweisses Loch, inhaltslose, wirbelnde Verzweiflung. Im Film <em>Nothing<\/em> finden sich zwei Freunde mit ihrem Haus in einer nahezu allumfassenden weissen Leere wieder, nachdem sie den Rest der Welt durch intensiven Hass beseitigt haben. So \u00e4hnlich f\u00fchlt sich Lincoln Park an an diesem Schneetag, eine Insel im Nichts, voller Gespenster abgeschiedener Gr\u00f6ssen. Zwei Baumreihen sind zu sehen, die auf einen Punkt hin fliehen, ohne ihn zu erreichen, und ein steinerner Feuerwehrmann auf einem Podest, der sich gegen den Schnee stemmt. Der Rest ist wirbelndes Schweigen.<\/p>\n<p><em>Nothing<\/em> endet damit, dass die beiden Hauptdarsteller restlos alles weghassen, ausser ihren K\u00f6pfen, die dann zufrieden durch die Leere h\u00fcpfen, deren einzige Eigenschaft ist, dass sie weich ist und nachgibt. Aber der Film stellt die Dinge nat\u00fcrlich von den F\u00fcssen auf den Kopf. Denn viel einfacher w\u00e4r es doch, den eigenen Kopf wegzuhassen statt umst\u00e4ndlich die ganze Welt. Und zack, aus die Maus. Und so stand ich da im Schneegest\u00f6ber und dachte: besser w\u00e4rs gewesen, dieses Ding w\u00e4r mir im Kopf gewachsen und nicht dem W. Er h\u00e4tte nicht das Leid, das von aussen nicht vorstellbare, und mein eigenes Leid und die umfassende Verzweiflung, die alles w\u00fcrgend umklammert, die an der Idee der Leichtigkeit h\u00e4ngt wie Blei, w\u00e4re zu Ende.<\/p>\n<p>Der Gedanke ist nat\u00fcrlich dumm, so dumm, dass auf seine Dummheit hinzuweisen selbst auch dumm ist, das weiss ich selber, und er wurde ja von der Depression gedacht, und nicht von mir. So verteidigt sich mit kleinen \u00c4rmchen rudernd das Ich. Ganz zu schweigen davon, denn auch das ist mir bewusst, sagt das Ich, dass anderer Leute Elend zur dramatisierenden Folie f\u00fcrs eigene zu nehmen ein Schachzug des Anti-ES ist, Ausdruck einer psychosomatischen Abstraktdeformation. Sich so herauszureden auf &#8220;das war Ich nicht, es war mein Hirn&#8221; ist verlockend, aber wer oder was ist denn eigentlich dieses Ich, dass es da nicht gewesen sein will? Dem der Gedanke so peinlich ist, und Anlass zur Wut auf was diffuses Externes? Und w\u00fcrde dieses Ich auch sagen &#8220;Ich hab mir nicht den Fuss gebrochen, das war mein Bein&#8221;? Ist das nicht vielmehr ein Ausweichen, und die ganze Philosophiererei auch nur \u00dcbersprung?<br \/>\n<br \/>\nApropos Ausweichman\u00f6ver und \u00dcbersprung: die Ansichten Humes zum Ich &#8211; das es nicht gebe als Ding der Anschauung &#8211; und seine Induktionsargumente &#8211; wir k\u00f6nnen nichts wissen, und genau genommen nicht mal das &#8211; gelten ja genauso in der Depression. Denn auch ob eine Situation, eine Interaktion, ein Ausbleiben oder Eintreten gut ist oder schlecht, kann man nicht wissen. Man schwiemelt es sich je zusammen, aufgrund des sonst so gewussten: Esse est perspiri. Dasein ist Schwitzen. Und Perspiration ist eben fehlbar. Und m\u00fcffelt.<\/p>\n<p>Anders: dem Induktionsproblem geht das Hirn mit einem Grundvertrauen aus dem Weg, einem heuristisch eingeschriebenen &#8220;wird schon stimmen&#8221;, in dubio pro lege, f\u00fcrs Naturgesetz. Was gestern war, wird auch morgen noch gelten. Die Grundlage daf\u00fcr ist, dass diese Faustregel gestern noch half, das ganze Argument also zirkul\u00e4r, aber das macht ihm nichts. Und ebenso basiert sozialer Austausch auf der Annahme: man nimmt mich ernst, man achtet mich, ich bin was wert auf dem Markt der Personen und Empfindungen. Und wie aus einem grundlegenden Zweifel an der Zukunft die Unf\u00e4higkeit folgt, sie zu erreichen &#8211; wer weiss, ob beim n\u00e4chsten Schritt noch fester Boden ist, besser, stehenzubleiben &#8211; so ist der, der am Wohlwollen der Welt zweifelt, nicht mehr in der Lage, es zu sehen.<br \/>\n<br \/>\nFunktionieren ist Vertrauensvorschuss, ist die Welt auf die leere Leinwand der Wahrnehmung gemalt, oder hier eben ein Haufen Neurojargon auf die schwarze der Existenzverneinung.<br \/>\nDas gegl\u00fcckte Leben eine einzige, lange \u00dcbersprungshandlung; ein Kratzen hinterm Ohr mit dem falschen Fuss; Blindheit im Angesicht des strahlenden Nichts.<\/p>\n<p>\n<font size=1>PS. Wer das mit der Abstraktdeformation erkl\u00e4ren kann, ohne zu gugeln, kriegt einen Pangalaktischen Donnergurgler ausgegeben. Oder zwei.<br \/>\nPPS. Ja, das PS aus dem angeblichen Kommunikationsembargo redet mit dem Leser. Schnauze, Leser.<\/font><br \/>\n<br clear=\"all\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>II. Tag. Aussen. Bei Licht betrachtet ist was man im Dunkeln so treibt und schreibt ja meist ein gebl\u00fcmter Unsinn mit Schleife. Das macht einerseits nix, so weit es um Gef\u00fchltes geht, weil: Gef\u00fchltes braucht keinen Sinn; Gef\u00fchltes schmeckt auch so. Aber vom Gedachten h\u00e4tte man mehr erwartet. Wahrscheinlich ist \u00fcberhaupt das der Fehler. 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