{"id":721,"date":"2010-04-17T02:01:38","date_gmt":"2010-04-17T00:01:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.genista.de\/engine\/?p=721"},"modified":"2010-04-20T02:11:28","modified_gmt":"2010-04-20T00:11:28","slug":"phanomenologie-des-geisteskranken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/?p=721","title":{"rendered":"Ph\u00e4nomenologie des Geisteskranken (1)"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin-left: 10px; margin-right: 10px; margin-top: 10px; margin-bottom: 5px;\">\n <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/genista\/12177423\/\" title=\"we're very wide awake\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm1.static.flickr.com\/7\/12177423_ff352d07c9_m.jpg\" alt=\"\" style=\"border: solid 2px #000000;\" \/><\/a>\n<\/div>\n<p><strong>I. Nacht. Innen.<\/strong><\/p>\n<p>Liegen, die Kehle zugeschn\u00fcrt von unten her, ein Knoten ohne Grund und Substanz, der einfach ist. In Wellen laufen Ersch\u00fctterungen durch den Leib, der sich schwer in die Welt dr\u00fcckt, Unausgewogenheiten, kleine Beben, Pulsationen, die dem schlingernden Gehirn wieder f\u00fcr Todesnachricht gelten: den Morgen wirst Du nicht erleben. Entsetzen und Resignation tanzen Walzer im Oberst\u00fcbchen, eine Geschichte dazuerfunden, die Tabletten hast Du nicht genommen, und eingesperrt im Keller sitzt der sogenannte Verstand und wummert mit kleinen F\u00e4ustchen gegen die T\u00fcr. Welche Tabletten eigentlich, ruft er, aber er l\u00e4sst sich nicht raus, seine Einw\u00e4nde zwar berechtigt, das Sterben sei auch bisher ausgeblieben, aller Furcht und aller n\u00e4chtlichen Panik zum Trotz, aber wer h\u00f6rt schon auf die Schmuddelkinder aus dem Denkkeller. Wer h\u00f6rt \u00fcberhaupt auf irgendwen? Und h\u00f6rt eigentlich auch mal was irgendwas auf, oder f\u00e4ngt vielmehr immer nur neuer Scheiss an?<\/p>\n<p>Einatmen. In der Wand ein leises Rascheln, beantwortet durch das Ticken meiner langen Fingern\u00e4gel auf der Wand (Zum Gitarre \u00fcben. Haha.), und das Rascheln verstummt. Antwort und Verstummen; das Gehirn, vom Sturm der Evolution sinnlos aus einer biochemischen M\u00fcllhalde zusammengefegt, diese Mustererkenn- und \u00dcberlebensmaschine, saugt sich magnetisch fest, ein Fadenkreuz haftet auf der Denkfigur: Signalaussendung f\u00fchrt zum Ende der Kommunikation. Was ich sage, bringt die anderen zum Verstummen. Strecke ich die Hand aus, weicht die Welt zur\u00fcck. Selbst f\u00fcr die Ratten in der Wand gilt das; oder eben grade f\u00fcr die, maults von unten, sind ja schliesslich Ratten. Aber halt die Klappe, Verstand, es ist Nacht, da schl\u00e4fst du doch, denn dann tanzt der Teufel ums Fegefeuer brennender Erinnerungen. Vielleicht liegts aber auch nur an der Katze im Frack da am Fussende, dass die Ratten schweigen, und die Frackkatze wiederum liegt da der Rattenger\u00e4usche wegen, eine endlose Goldbergmaschine aus Gr\u00fcnden und Gegengr\u00fcnden, und alle Fratzkacke und uninteressant: ich will wissen, warum die Menschen das tun, was sie tun. Und nicht die Katzen, und nicht die Ratten. Ausatmen. Jetzt das Kissen wenden, die Unterseite presst sich k\u00fchler gegen die brennende Wange. Ein paar Sekunden lang kl\u00e4rt sich was, dann wieder Nebel.<\/p>\n<p>Eingesperrt im eigenen Kopf, der eigenen Vergangenheit, dem eigenen Fleisch, was hilft mir da die Neurophilosophie? Was tut der Klaustrophobe, wenn der Sch\u00e4del zu eng wird, seine sogenannten Verhaltensmuster, seine angeblichen Pers\u00f6nlichkeitsmerkmale, eben das, was dieses dumme Tier so tut und sagt und empfindet und ist? Wenn dann die Panik kommt, die positive R\u00fcckkopplung, in der die Unm\u00f6glichkeit, einer Unausweichlichkeit auszuweichen, den Terror potenziert, und das Ich sich selbst am Haarschopf fasst und in den Hirnsumpf schmeisst. Ich will nicht der sein, der ich bin: der nicht sein will, der er ist. Und so weiter, bis zur Vergasung. Kennste, Alter, oder? Voll der krasse Spruch, Vergasung.<\/p>\n<p>Ich will hier raus. Aber fat chance, klar.<\/p>\n<p>Und dann kreist endlos ein Br\u00f6selteufel: gesagt und nicht gesagt. Gemeint, gedacht, gef\u00fchlt. Eingefordert, ausgeladen. Versetzt, verstanden, verlegen. Akteure und Subjekte. Geworfene und Werfer. Hallo! Hier dr\u00fcben! Eine Parataxe, bitte, in diese hohle Gasse. Was wollte ich nochmal sagen? Ach ja.<br \/>\nLiebe, Hass und Dem\u00fctigung kommen in eine Bar, sagen kein Wort und legen den ganzen Laden in Schutt und Asche. Guter Witz, die Pointe hab ich nur leider vergessen. Aber das ist ein Br\u00fcller. Den h\u00f6rt man weit und breit.<br \/>\nEine Stunde jetzt seit dem Rattenrascheln, langweilig ist er ja schon, the horror, das Grauen und das Gr\u00fcbeln, jedenfalls von hier aussen, vom Text her betrachtet. Immerhin: <em>Bach runter<\/em> eiert im Kreis durch die R\u00fcbe, oder kreist im Eierkopf, ein dummes und liebloses Gepl\u00e4tscher, aber ein Ger\u00e4usch jedenfalls, und aus dem Keller wummert der Zwerg mit dem Wasserkopp Kapielskis Sorgenbesen an die Decke, im Blickfeld der Weitwinkel\u00fcberwachungskamera. Ruhe da oben, wir w\u00fcrden hier alle gern schlafen. So, aha. Eine einzige Ger\u00fcmpelkammer, dieses Oberh\u00fcttchen. So viel kann man gar nicht wegschmeissen, wie man Platz br\u00e4uchte.<\/p>\n<p>Ich wollt ich w\u00e4r Homer, und k\u00fcsste die Muse mich Deppen, und h\u00e4tte ich nichts als einen Donut zwischen den Ohren, mit Marmelade drin und extra Sahne drauf. Aber kamman es sich aussuchen? Kammanicht. Bin ich halt irre eben. Wird schon auch zu was gut sein.<\/p>\n<p>Und es wurde dunkel. Und langsam wieder hell. Ich will aber nicht, dass es hell wird. Mach dunkel wieder. Bitte. Zieh den Tag auf links.<\/p>\n<p>Aber nichts da.<\/p>\n<p>Jeden Morgen erinnern sich Muskeln, Finger, Augen an endlos vorgenommene Handgriffe und Klickbewegungen, die einst das Online aufgerissen haben sperrangelweit, und Nachrichten aus der bewohnten Welt ergossen sich aus der Wunde. Aber wie ein ehemals bunter Hund, schwarz gemacht durch nie vorhergesehene Pr\u00fcgel und Zufallsstrafen, ist mir dagegen jetzt Widerstand in die Synapsen gebrannt. Ich kann sie nicht mehr aufmachen, die staubigen Wasserl\u00f6cher und Schwatzbuden, dieses Forum, dieses Facebook, und nicht nur, weil ich zuviel investierte oder erwartete und jetzt an der Entt\u00e4uschung kaue, einem alten z\u00e4hen Lederkeks. Auch wird mir k\u00f6rperlich \u00fcbel; und \u00fcberwinde ich die Abwehrreaktion h\u00e4misch &#8211; sieh her, Hirn, ich bin Dir \u00fcber und transzendiere Deine Unzumutbarkeiten &#8211; erfasst mich gleich nach Ladeschluss neuer Schwindel. Einmal vertraute Namen h\u00e4ngen in einer Leere, die jetzt g\u00e4hnt, wo ich mich mal zuhause f\u00fchlte. So lang ist das gar nicht her, was ist nur los? Wer seid das hier? Ein Dreckshirn, Spatzl, gell?<\/p>\n<p>Und zuhause, das ist eh. Davon fang ich gar nicht.<\/p>\n<p>Hier liegt ein Nexus der Krise, wenn auch nicht ihr gordischer Knoten: die Diskrepanz zwischen der nachgebastelten Sozialit\u00e4t und ihrer Nachgebasteltheit, die sich in Momenten dichter Emotion am deutlichsten zeigt. Alle haben das gesp\u00fcrt, als der Hirnwucher ausbrach in Berlin, haben helfen wollen, und wussten nicht wie, haben sagen wollen, und wussten nicht, was. Wollten ber\u00fchren und ber\u00fchrt werden, aber mit welcher Hand und wessen warme Haut? Alle sp\u00fcrten es, mir hat es den letzten Boden weggezogen, und seitdem Sturz. Fein, der eine hat die Krankheit zum Tode, der andere jammert. Recht machen kann mans wohl keinem. Aber wie denn auch. We are moments lost in time, like tears in the rain.<\/p>\n<p>Sturz weshalb \u00fcberhaupt? <em>Ist ja nur Forum<\/em>, Freunde gehen anders, der Satzbrocken steckt mir als winzige Axt im gefrorenen Meer, an der Seite der aufgeworfenen Platte in Kasper Friedrichs Bild, ein hilfloser Kitsch, wie immer. Als w\u00e4r die Formulierung pers\u00f6nliche Beleidigung gewesen, und nicht eben offensichtlich und grundrichtig. Was eigentlich willst Du, Kopf? Warum bleiben von allem immer Wut, Verzweiflung, Schmerz, grad diese drei? Und nicht auch mal eine nette Bemerkung, ein L\u00e4cheln, eine versteckte Geste, die sonst keiner sah. Und warum erfahr ich das alles nur hintenrum, per m\u00fchsamen Nachhirnens, und muss es mir zusammenkleben aus Gr\u00fcbelpopeln, du linke Bazille, du Kopfpups, du Irrtumsnetzwerk aus Neuronendreck? Sitzen wir denn nicht im selben Boot? Ziehen wir denn nicht am selben Strang?<\/p>\n<p>Und was ziehen wir da eigentlich, und zu welchem dunklen Ende?<br \/>\n<br clear=\"all\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I. Nacht. Innen. Liegen, die Kehle zugeschn\u00fcrt von unten her, ein Knoten ohne Grund und Substanz, der einfach ist. In Wellen laufen Ersch\u00fctterungen durch den Leib, der sich schwer in die Welt dr\u00fcckt, Unausgewogenheiten, kleine Beben, Pulsationen, die dem schlingernden Gehirn wieder f\u00fcr Todesnachricht gelten: den Morgen wirst Du nicht erleben. 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