{"id":712,"date":"2010-03-16T00:04:33","date_gmt":"2010-03-15T22:04:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.genista.de\/engine\/?p=712"},"modified":"2010-03-16T02:47:10","modified_gmt":"2010-03-16T00:47:10","slug":"looking-stupid","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/?p=712","title":{"rendered":"looking stupid"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin-left: 10px; margin-right: 10px; margin-top: 10px; margin-bottom: 5px;\">\n <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/genista\/3788820352\/\" title=\"penn station\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3580\/3788820352_1dbc562c94_m.jpg\" alt=\"\" style=\"border: solid 2px #000000;\" \/><\/a>\n<\/div>\n<p>Zwei kleine R\u00e4der drehen sich, schneller noch als grosse das m\u00fcssten, und rollen \u00fcber den Deckel auf dem alten Kanal. Vor hundert Jahren schwammen hier Lastk\u00e4hne mit pennsylvanischer Kohle in den gl\u00fchenden Industrieofen Newarks, heute rollt auf dem Grund des Kanals die Strassenbahn und oben drauf die Neuerfindung der Stadt f\u00fcrs n\u00e4chste Jahrtausend, mit Condos und Handyl\u00e4den und neuen Pflanztr\u00f6gen. Aus der Metropole wurde nach dem Niedergang ihrer Industrie ein sozialer Herd, verschlimmert durch die Bauernschl\u00e4ue der Stadtherren, die Bundesmittel zum Wohnblockbau einwarben, und dann mit der geballten Unterschicht, die kam, um darin zu wohnen, nicht fertig wurden. In den sechziger Jahren dann der B\u00fcrgerkrieg, die Innenstadt brannte ab, die Nationalgarde besetzte die Stadt drei Tage lang, und vier Jahrzehnte lang regierten danach Armut, Mord und Schrecken die Stadt, ein Geschw\u00fcr, das alle amerikanischen St\u00e4dte von innen aush\u00f6hlt, ihre Innenst\u00e4dte verschlingt, die Hoffnungen der Bewohner, die G\u00fcte, den Gemeinsinn. Klingt komisch, ist aber so.<\/p>\n<p>Ich denke aber an ein anderes Geschw\u00fcr, als ich \u00fcber den versteckten Kanal rolle auf meinem l\u00e4cherlichen Rad, und zugleich an noch ein drittes. Anschreien h\u00e4tte ich ihn m\u00f6gen, den feigen, alten Sack, ihm vergeben, ihn verfluchen, stattdessen verging seine Welt eine Welt weit weg, und meine Fragen und meine Entt\u00e4uschung und das ver\u00e4ngstigte Kind unter der Decke mit ihr. Das ist der alte Schmerz, der neue jetzt von anderer Dimension, diesmal gibt es keinen Hass, keine Verletzungen, nur die Fassungslosigkeit, dass es ernst ist mit dem Elend und mit dem Tod, und wieder ist es eine Welt weit weg, und hilflos wieder wie damals das Kind. You look stupid, ruft einer gutgelaunt aus seiner tief h\u00e4ngenden Hose, f\u00fcr ein St\u00fcckchen Prestige, und einen anerkennenden Blick aus den anderen Hosen heraus, die ihn begleiten. &#8220;I don&#8217;t mind *looking* stupid&#8221;, lege ich mir zurecht, &#8220;how is *being* stupid working out for you&#8221;, aber als mir das einf\u00e4llt bin ich ja schon einen Block weiter auf dem Kanal, und ohnehin: er hat recht. Ich sehe bescheuert aus. Warum soll man mir das nicht sagen d\u00fcrfen?<\/p>\n<p>Am Abend rollt der Tag sich wieder ein, unten am Ende des Kanals der Bahnhof, und gleich nach der T\u00fcr ein Schubs gegen die Schulter. Hey man, gr\u00fcsst es mich. Ich gehe grusslos weiter, hier, wo die Greyhounds abfahren, halten sich Elemente auf und Figuren, Tony Soprano verabschiedete hier Janice, was soll man da stehen bleiben, aber jetzt ruft es von weit hinten laut &#8220;You don&#8217;t recognize me, do you?&#8221; und ich drehe mich doch noch um. &#8220;No&#8221;, sage ich unsicher, &#8220;are you the guy who asked about my bike the other day&#8221;? Nein, ist er nicht. Where do you live, fragt er schalkhaft, und dann wirft er meine Antwort triumphierend als Beweis auf mich zur\u00fcck: Jersey City, eben, sag ich doch, er sei n\u00e4mlich der Brieftr\u00e4ger. Also der Aushilfsbrieftr\u00e4ger sei er, er sehe mich immer am Samstag. Und sein Auto habe eine Panne, er deutet nach draussen in den eisigen Regen. Ob ich dieses Spray kenne, mit dem man Reifen von innen flickt, er macht eine Handbewegung, die Finger spreizen sich auf, schliessen eine L\u00fccke. Und ob ich am Samstag zuhause sei. Und ob ich ihm vierzig Dollar leihen k\u00f6nne, er werde sie einwerfen beim Zustellen, er lacht freundlich, voller Hoffnung, appelliert an meine G\u00fcte und an meinen Gemeinsinn und an das Loch in meinem Herzen. Oder vielleicht auch an das in meinem Magen und den resultierenden Unterzucker, oder an das Summen in meinen Ohren. Ich gebe dem Aushilfspostboten Geld, das ich selbst nicht habe, frage nicht nach seinem Namen, sage ihm nicht meine Adresse, und gehe schnell zur Rolltreppe, um den Gedanken zu entkommen. In meinem R\u00fccken h\u00f6re ich ihn lachen, das Ger\u00e4usch abgerissen von der zufallenden Bahnhofst\u00fcr. Ich stelle mir vor, wie er sich in der kalten, nassen Nacht von Newark aufl\u00f6st wie das Gespenst einer alten Angst, die Hand mit den sich spreizenden Fingern hoch erhoben, ein Loch zu stopfen, das die Zeit in die Welt gerissen hat.<br \/>\n<br clear=\"all\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei kleine R\u00e4der drehen sich, schneller noch als grosse das m\u00fcssten, und rollen \u00fcber den Deckel auf dem alten Kanal. 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