{"id":681,"date":"2009-05-21T19:33:16","date_gmt":"2009-05-21T17:33:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.genista.de\/engine\/?p=681"},"modified":"2009-05-23T02:53:51","modified_gmt":"2009-05-23T00:53:51","slug":"white-mana","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/?p=681","title":{"rendered":"Der Stand der Dinge"},"content":{"rendered":"<div style=\"float: right; margin-left: 10px; margin-right: 10px; margin-top: 10px; margin-bottom: 5px;\">\n <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/genista\/2890158310\/\" title=\"white mana\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3289\/2890158310_fe917ee3b5_m.jpg\" alt=\"\" style=\"border: solid 2px #000000;\" \/><\/a>\n<\/div>\n<p>Wie ein gelandetes UFO steht das Mana Diner da, am Fuss des Bergr\u00fcckens der Jersey City Heights. Vom Park an der Kuppe oben, ein paar hundert Meter \u00f6stlich vom Tresen, an dem die Frau in der speckigen Sch\u00fcrze die Burger grillt, sieht man weit ins Tal des Hackensack und \u00fcber die einst unpassierbaren S\u00fcmpfe hinweg, tr\u00fcbe Wasserfl\u00e4chen, gespickt mit den aufragenden Schloten von Kohlekraftwerken, Papierm\u00fchlen und M\u00fcllverbrennern, und mehrfach durchstrichen von Strassen auf Stelzen; Pulaski Skyway und New Jersey Turnpike erheben sich \u00fcber den salzigen Riesent\u00fcmpel der Meadowlands, seine dioxinverseuchte Flussbette, seine legend\u00e4ren verschn\u00fcrten und versenkten Mafialeichen, umtanzen einander inmitten der toten Wasser, Verkehr geflochten zu einem rauchenden, bl\u00f6kenden Ornament auf br\u00f6ckelndem, feuchtem Grund. Multimedia.<\/p>\n<p>Vom Tresen aus sieht man nichts davon, der Blick trifft in alle Richtungen auf von Fassaden bl\u00e4tternde Farbe und geschundene Karosserien. Ausgebleichte Werbemalereien k\u00fcnden von den l\u00e4ngst verschwundenen Mietern hinter den Fassaden, oder vielleicht auch nur von der Gleichg\u00fcltigkeit des Fortdauernden gegen\u00fcber seinem Ausdruck. That ad up there? Fuhgetaboutit. Das riecht nach Klischee, nach einem dummen Scherz, der dem Scherzenden Gef\u00fchle einer \u00dcberlegenheit verschafft, die er nicht sich verdiente, aber obendrein reden die wirklich so hier. Vielleicht ist aber auch die Verwunderung \u00fcber das best\u00e4tigte Klischee, dass die Ger\u00e4usche aus dem st\u00e4mmigen Trucker an der Burgertheke wirklich klingen wie ihr Abbild im Fernsehen, der eigentliche Scherz, auf Kosten des auf seinem Klappfahrrad in den Industrieverfall geradelten feinsinnigen Beobachters, der sich \u00fcber den Zusammenhang zwischen Popkultur und ihrem Vor- und Abbild den Kopf zerbricht, w\u00e4hrend um ihn her die Welt in Br\u00f6sel f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Die Frau in der speckigen Sch\u00fcrze geht durchs UFO nach hinten, eine Art UFO-Wippe wohl, oder ein Mana-Wetterh\u00e4uschen, denn ein schmuddliges Oberlippenb\u00e4rtchen reitet zugleich aus einem anderen T\u00fcrchen nach vorne. Ob ich schon bestellt habe. Der Trucker sucht im Styroporbecher derweil seinen Kaffee, findet ihr, grunzt ihn an. Ich sei versorgt, erkl\u00e4re ich mich, und mache eine vage Handbewegung specksch\u00fcrzenw\u00e4rts. Das ist dem B\u00e4rtchen nichts, und also dreht es sich kurzerhand einmal im Kreis, bewegt etwas auf der Theke vor ihm von hier nach da, und fragt mich so erfrischt von neuem nach meinen Bestellw\u00fcnschen. Ich will nicht essen, sage ich, ich will ein Kleidungsst\u00fcck. B\u00e4rtchen begreift jetzt, und geht wieder nach hinten, die Wippe knirscht, und es erscheint aus dem anderen T\u00fcrchen wieder die Specksch\u00fcrze und bringt das Gew\u00fcnschte. Acht Dollar. Danke. Bitte.<\/p>\n<p>Das White Mana Diner war das &#8220;Diner of the Future&#8221; auf der Weltausstellung 1939 in Flushing Meadows, und hier steht es jetzt in dieser Zukunft rum, die ihm doch geh\u00f6ren sollte, und speit mich in die ungebende Industrieruine, direkt auf mein Klapprad drauf, praktischerweise. Ich umfahre nun zun\u00e4chst ein &#8220;Sidewalk closed&#8221;-Schild und zwei gelb-schwarze Absperrungen, stehe einen Moment insektenhaft vor dem quer \u00fcber den Gehweg stehenden F\u00fchrerhaus eines riesigen Sattelschleppers, der die Tankstelle verlassen will und des Verkehres wegen nicht kann, und umfahre schliesslich den ganzen langen Schlepper. Auf der anderen Schlepperseite ist alles anders, der Sidewalk jetzt wirklich und ernsthaft closed, grober Schotter knirscht, oder Ger\u00f6ll vielmehr, eine Baustellenendmor\u00e4ne, dann Lehm, dann eine Reihe von Jerseybarrieren, ein Riesenkran, Metallm\u00fcll, ein gehsteigbreiter Bauzaun. Weltende. Damn.<\/p>\n<p>Jerseybarrieren, so heissen diese Betonblockadeeinheiten wirklich; zwei Meter lange Betonmauern mit Spreizfuss sind das, entwickelt auf der anderen Seite der Heights, in Hoboken am Ufer des Hudson. Ein sch\u00f6ner Scherz des Weltgespenstes ist das, dass die h\u00e4sslichen Steinklumpen, die \u00fcberall in Amerika h\u00e4ssliche Highways noch ein bisschen mehr verh\u00e4sslichen, ausgerechnet hier erfunden wurden. Die Sackgasse, in der ich stecke, wird von einer Reihe von Jerseybarrieren von der Fahrbahn getrennt, und die Fahrbahn von einer weiteren solchen Reihe von der Gegenfahrbahn. Zwischen mir und dem verlockenden urwaldgleichen Gr\u00fcnstreifen auf der anderen Strassenseite also: zwei Jerseybarrieren und ein steter Strom von Irren in ihren Irrenschleudern. Da ist nichts zu machen, \u00dcberquerung ausgeschlossen. Ich gehe in mich, grummle da ein bisschen im Dunkeln, und kehre dann um.<\/p>\n<p>Der riesige Sattelschlepper hat sich eine Einfahrt weitergeschleppt. Wie eine ausserordentlich ungelenkige Schlange steht er staksig verdreht auf dem Parkplatz eines Motels, das F\u00fchrerhaus schnuppert am Schlepperhintern, an allen Seiten blockiert Jerseyger\u00fcmpel, und es geht weder vor noch zur\u00fcck. Am Parkplatzrand steht eine Frau im leichten Sommerkleid, rosa der Stoff auf der dunklen Haut. Sie steht als wolle sie von dort beim Manovrieren helfen. Sie hilft aber nicht, steht nur so, und guckt dem Schlepper beim Krabbeln zu.<\/p>\n<p>Endlich eine L\u00fccke in den Jerseybarrieren, ich wechsle die Seite, balanciere das Rad auf dem endlich erreichten Seitenstreifen voller Gr\u00fcn, der aus der N\u00e4he schmaler scheint und scherbenvoller, riesige Jerseytrucks blasen mir mit ihrem Fahrtwind Nervosit\u00e4t in Kreuz, dann endet auch noch der Streifen. Der Highway macht eine Kurve, kreuzt zwei andere Highways, Br\u00fccken und Rampen kommen einander in die Quere, ich lege mich ins Zeug, nur schnell durch durch das Gewirr aus grossen und sehr grossen Autos, am Rand der Fahrbahn, wo sich Kiesel, Sand und Scherben zu einem sch\u00f6nen, griffigen Belag verdichten. Die Ampel gr\u00fcn, hinter mir schon wieder ein riesiger Schlepper, vielleicht der aus dem Motel, der aufgegeben hat, ach nein, die Jerseybarrieren sind auch ihm eine H\u00fcrde. Bedrohlich n\u00e4her r\u00fcckt mir jetzt der fremde Schlepper von r\u00fcckw\u00e4rts, aber nur Meter trennen mich ja von der Einbuchtung hinter dem Br\u00fcckenpfeiler, noch ein bisschen schneller die Pedale, das winzige Vorderrad rollt \u00fcber Asphalt und Sand, nur ist das pl\u00f6tzlich gar kein Asphalt mehr, und nur noch Sand. Vorderrad bohrt sich in den weichen Grund und blockiert. Hinterrad weiss davon nichts und faltet sich unter mir leise maulend nach vorn, w\u00e4hrend Sattel, Rahmen und Fahrer sich aufw\u00e4rts und strassenw\u00e4rts heben. Reflexhaft hartes Zugreifen am Lenker, ein scharfer Zug in der Schulter und ich stehe \u00fcber Treibsandgrube und Radfalte und werde von Hormonen geflutet. Endlos rumpelnd zieht links ein Sternzerst\u00f6rer vorbei. Und noch ehe mir klar wird, was gerade beinahe geschehen w\u00e4re, ist die Gelegenheit auch schon wieder vorbei.<br \/>\n<br clear=\"all\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie ein gelandetes UFO steht das Mana Diner da, am Fuss des Bergr\u00fcckens der Jersey City Heights. 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