{"id":633,"date":"2008-04-25T01:13:39","date_gmt":"2008-04-24T23:13:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.genista.de\/engine\/?p=633"},"modified":"2008-04-25T01:16:28","modified_gmt":"2008-04-24T23:16:28","slug":"fruhling-in-jersey-city","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/?p=633","title":{"rendered":"Fr\u00fchling in Jersey City"},"content":{"rendered":"<p><font size=1>I must not fear.<br \/>\nFear is the mind-killer.<br \/>\nFear is the little-death that brings total obliteration.<br \/>\nI will face my fear.<br \/>\nI will permit it to pass over me and through me.<br \/>\nAnd when it has gone past I will turn the inner eye to see its path.<br \/>\nWhere the fear has gone there will be nothing.<br \/>\nOnly I will remain.<br \/>\n<i>(Frank Herbert: Litany Against Fear)<\/i><\/font><\/p>\n<div style=\"float: right; margin-left: 10px; margin-right: 10px; margin-top: 10px; margin-bottom: 5px;\">\n <a href=\"http:\/\/www.flickr.com\/photos\/genista\/2433284455\/\" title=\"photo sharing\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/farm4.static.flickr.com\/3019\/2433284455_50a00ef368_m.jpg\" alt=\"\" style=\"border: solid 2px #000000;\" \/><\/a>\n<\/div>\n<p>Ich fasse mit der rechten Hand unter den Sattel, hebe das Rad in der Mitte leicht an und ziehe dabei die Sattelstange nach vorn. Die Hinterradaufh\u00e4ngung rotiert samt Hinterrad um ihr Lager unter die Rahmenstange, die beiden Standr\u00e4dchen, die ein bisschen wie St\u00fctzr\u00e4der aussehen und erst vor kurzem jemanden zu gutm\u00fctigem Spott anregten in der U-Bahn, wer war das noch, und wann, rotieren nach unten, ich lasse den Sattel sinken und das Rad steht platzsparend und stabil vor der Verkaufstheke. Anfangs faltete ich es in Gesch\u00e4ften immer komplett zusammen, trug es die Regale entlang und zeigte ihm Erbsen und Kokosmilchdosen, jetzt schiebe ich es nur noch rein, schwinge das Hinterrad unter, und lass es stehen. Haven&#8217;t seen you in a while, sagt der Ladeninhaber, l\u00e4chelt freundlich und berechnet sieben Dollar f\u00fcrs Sixpack Yuengling. I&#8217;ll be back soon, l\u00fcge ich w\u00e4hrend ich bezahle. Beim Liquor Store neben dem Chinarestaurant, ein St\u00fcck die Strasse runter, wo immer die Drogenh\u00e4ndler und Bettler stehen, kostet es nur sechs. Ein Schwung, das Hinterrad klappt aus und ich bin wieder draussen, auf der dunklen leeren Strasse am Friedhof, und keine f\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter dann zu Hause.<\/p>\n<p>Die B\u00e4ume wedeln zur Zeit an allen Strassenecken mit ihren Genitalien, und wir Menschen erfreuen uns daran. Dass Bl\u00fcten \u00e4sthetisch so viel ansprechender sind als Sojakeime, K\u00fcrbiskerne oder Runkelr\u00fcben ist ein wenig r\u00e4tselhaft. Man kann sie nicht essen, man kann sie nicht trinken, und nur in raren Ausnahmef\u00e4llen sch\u00fctzen sie vor Wind und Wetter. Aber R\u00e4tsel sind ja nicht schlimm, im Gegenteil. Vielleicht finden wir Gebl\u00fch toll, weil es ein Werbemedium der Geschlechterindustrie ist, vielleicht, weil eine Gegend voller Bl\u00fchen einen Herbst voller Frucht verheisst, seis drum: wenn B\u00e4ume ausschlagen, sieht das gut aus. Kichernd laufen drei Japanerinnen durch den Kirschenhain am World Financial Center, zwitschern Sakura! Sakura! und sind offensichtlich derselben Ansicht. Gegen\u00fcber, im Hudson, zwitschern derweil zwei K\u00fcstenwachboote vorbei, maschinengewehrbewehrt an Bug und Heck, und eskortieren einen einsamen Kajakinsassen zur\u00fcck auf die Insel, die sie doch eigentlich vor ihm besch\u00fctzen sollen. Hoffentlich verhaften sie ihn, ehe er irgendeinen Schaden anrichtet mit seinen Paddeln. Wir gehen erstmal zur\u00fcck nach Jersey, denn es wird jetzt Nacht in Manhattan, und nachts schlafen die Kirschen doch.<\/p>\n<p>Der Fr\u00fchling tut der Welt gut, er l\u00e4sst flattern und wehen, er hat lang, und l\u00e4sst lang h\u00e4ngen, warm wird es in ihm, und mild wird es, die B\u00e4ume strotzen und die Menschen tragen ihre Maschinengewehre auf den Fl\u00fcssen spazieren wie Frischverliebte. Sogar Jersey City sieht pl\u00f6tzlich freundlich aus und bewohnbar, das frische Gr\u00fcn, die Erdt\u00f6ne der Wohnh\u00e4user, die Sirenen eines Polizeiwagens. Oh, noch einer.<br \/>\nOh, noch einer.<\/p>\n<p>Schnell fahren diese Polizeiwagen, und alle kommen sie uns entgegen, mit wichtigtuerischem Huihuihui und Geblinkbling. Kommt vor, alles schon gesehen. Da denkt man sich hier nichts bei. Statt uns also was zu denken, rufen wir ein Huhn an, verabreden uns, gehen einen kleinen Umweg und holen es ab, samt Brokkoli und Gl\u00fcckskeksen und Reis. Vor der Huhnwohnung kommen uns noch zwei Polizeiautos entgegen, allm\u00e4hlich wird es sonderbar. Denn wo die herkamen stehen sogar noch mehr. Duncan Avenue ist, hundert Meter hinter unserer kleinen Sackgasse, komplett gesperrt. Ein Kran steht da ragend in der Nacht und wirft Flutlicht auf die Fahrbahn, eine kleine Menschentraube lungert an der Absperrung, und Polizisten wimmeln durcheinander wie uniformierte Molek\u00fcle in einem Hochofen. Es sieht alles ein bisschen aus wie im Fernsehen. &#8220;Sir, get onto the sidewalk, off the street, NOW&#8221; bellt ein Polizist in einem Tonfall, der nach Bisiness klingt, ein Glatzkopf taucht auf und sieht aus wie ein echter Polizist aus The Wire, jemand wird abgef\u00fchrt, He jumped, sagt eine Person in der Menge zu einer anderen, aber mehr ist nicht zu h\u00f6ren, und ich f\u00fchle mich fremd genug, niemanden fragen zu wollen. Als w\u00e4re jemandem, den ich nur fl\u00fcchtig kenne, ein privates und ein wenig peinliches Ungl\u00fcck geschehen, und die Scham einer Nachfrage \u00fcberw\u00f6ge wom\u00f6glich den Trost der Anteilnahme eines Fremden. Es wird also nicht gefragt, wozu gibt es denn schliesslich Internet.<\/p>\n<p>In unserer Sackgasse stehen die Autos aufgereiht, die der Sperre wegen abbiegen mussten, ein kleiner Vekehrsknoten hat sich da gebildet, und einer der Polizisten leitet das Ballett der Neuankommenden und der schon Gewendeten zu einer Knotenl\u00f6sungsfigur an. Als wir in die Strasse abbiegen winkt er grade einen silbern funkelnden Panzer raus, in dem Stringer Bell und Chris Partlow sitzen und Unh\u00f6rbares sprechen. Oder vielleicht war es auch gar kein Panzer, ich bin ein sehr unzuverl\u00e4ssiger Zeuge. Der Rest stimmt aber.<\/p>\n<p>Im Internet kein Wort \u00fcber Flutlicht und Polizistenflut, noch nicht mal auf Twitter, und wir gehen ungeleitet zu Bett.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen stehen wir fr\u00fch auf, denn wir wollen nach Newark fahren, wo die Kirschen kirschiger bl\u00fchen als anderswo. Mehr Kirschb\u00e4ume gibt es da als in Washington, das doch f\u00fcr seine Kirschb\u00e4ume ber\u00fchmt ist, das sagte Larry der Tierwart, und ich glaube ihm. Obwohl er andererseits die Sternmagnolien vor der Institutst\u00fcr f\u00fcr Dogwood hielt, aber man kann ja nicht alles wissen, man kann nicht auf jede bl\u00f6de Frage eine Antwort haben.<\/p>\n<p>Zum Beispiel wissen wir immer noch nicht, was eigentlich los war auf Duncan. Die Sperre ist weg, der Flutlichtkran ist weg, die Markierungen am Boden sind weg. Die Strasse liegt wieder da als sei nichts geschehen, man kann wieder ungehindert zum Hackensack fahren auf ihr, vorbei an den Projects, den Sozialbauten, die grade nach und nach abgerissen werden, und durch neue Pappschachteln aus der Retorte ersetzt.<\/p>\n<p>Newark hat sich seine F\u00fchrungsrolle der Alptraumstatistiken zum Teil mit dem Bau solcher Projects erstritten. Der soziale Wohnungsbau wurde geraume Zeit lang zu 100 Prozent aus Bundesmitteln bezahlt, und wo andere St\u00e4dte die Konzentration der Kaputten scheuten, baute Newark mehr Armenschachteln als jede andere Stadt der USA. Die Mieteinnahmen der kostenlosen Wohnblocks f\u00fcllten die Stadtkassen, und die, die sich ein vern\u00fcnftiges Leben anderswo nicht leisten konnten f\u00fcllten die Stadt mit Armut und Verzweiflung. 1975 wurde Newark von Harper&#8217;s Magazine mit grossem Abstand zur schlimmsten Stadt der USA erkl\u00e4rt, 2006 ist es ein wenig abgerutscht und zum Beispiel in der Mordhitparade nur noch auf Platz 4, nach Detroit, Baltimore und New Orleans.<\/p>\n<p>Aber Kirschb\u00e4ume gibts offenbar viele und sch\u00f6ne, und also gehen wir jetzt da hin. Der Weg zur Pathstation an Journal Square f\u00fchrt auf West Side Avenue nach Norden, am Friedhof entlang. Auch hier bl\u00fcht alles, \u00fcber den Gr\u00e4bern treiben die B\u00e4ume den Leichensaft lindgr\u00fcn in die Bl\u00e4tter, und gegen\u00fcber, am Briefkasten Ecke West Side und Highland, treibt eine andere Leiche die Blumen aus einem Schild. Votivkerzen dr\u00e4ngen sich eng zusammen in einem kleinen Pappaltar, Kinderfotos, Kugelschreiberkondolenzen, und auf der Strasse ein grosser Blutfleck, &#8220;Bestimmt gang related&#8221; denken wir, ein Zerrbild der Hoffnung, und gehen weiter.<\/p>\n<p>Im ersten Wagen des Zuges fahren wir nach Newark, eine sch\u00f6ne Strecke durch die Industriew\u00fcste, dann mit der schicken, neuen Light Rail durch verfallene, alte Bahnh\u00f6fe und am Ende von Branch Brook Park aussteigen und drei Kilometer nach S\u00fcden laufen, vorbei an zwei Mahnmalen f\u00fcr tote Polizisten, und zahlreichen Transparenten f\u00fcrs Cherry Blossom Land. Aber wir finden kein Cherry Blossom Land, und kein Fest und deutlich weniger Kirschbl\u00fcten als versprochen. An der Kathedrale, die wir dann stattdessen besichtigen wollen, h\u00e4ngt vorne ein Schild: Eingang an der Seite, an der Seite aber ein Schild: Eingang vorne. Die Belegschaft ist vermutlich Ratzinger huldigen gegangen, in der Stadt, die man am Horizont im Dunst schweben sieht. Die H\u00e4user neben der Kathedrale haben zugenagelte Fenster und T\u00fcren. Im Gemischtwarenladen, in dem wir uns statt des erhofften Sushi und Sake zwei Sandwiches kaufen, liegen die Schokoriegel diebstahlsicher hinter Plastik. Von der Zeitungstitelseite verspricht der Papst Frieden und Liebe unter den Menschen. Ich sag das nicht, weil es irgendwas bedeutet, ich sag das, weils so war.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckweg wollen wir wieder in den ersten Wagen, um zu sehen, wie der Zug New Jersey frisst, aber ein Polizist kommt uns in der T\u00fcr entgegen, und von hinten ruft ein anderer &#8220;Sir, you can&#8217;t go there&#8221;. Get off the street, NOW. Ein Teenager in Handschellen wird im ersten Wagen verstaut. Gehen wir eben in den zweiten.<\/p>\n<p>Die Menschentraube am Pappaltar ist gr\u00f6sser jetzt, eine seltsam gel\u00f6ste Stimmung scheint zu herrschen, nicht fr\u00f6hlich, aber entspannt. So wird es in San Francisco nach dem Erdbeben sein, die \u00dcberlebenden w\u00fchlen in den Tr\u00fcmmern nach den Knochen toter Hunde, oder Zeitungen vom Vortag, oder wonach man eben w\u00fchlt nach solchen Ersch\u00fctterungen. Den Blutfleck waschen die Freunde des Opfers jetzt mit Alkohol von der Strasse, Schnaps aus umgekehrten Flaschen. Immer noch f\u00fchle ich mich fremd, die Fotos, die wir machen, machen wir feige aus sicherer Entfernung, Leichenfledderei.<\/p>\n<p>Jetzt weiss auch das Internet Bescheid, Raubmord, Vater zweier Kinder, erschossen beim Einkaufen von einem Gleichaltrigen namens Quaheem, der bei uns um die Ecke wohnte und dort wenig sp\u00e4ter von Polizisten beschossen und gestellt wurde, das Disziplinarverfahren wegen der Sch\u00fcsse schon niedergeschlagen, nichts zu sehen, gehen sie weiter.<\/p>\n<p>Heute fr\u00fch rollte ich wieder auf dem Brompton auf den Altar zu, hebe, klappe, stehe, schaue. Die Kerzen haben neue gemacht, kein Wunder, so eng wie die stehen, Feuerzeuge, leere Flaschen, Zigaretten, eine Zigarre liegen da, die Chiffren schlingernder Leben, ein Passant beugt sich dar\u00fcber. Eine greise Asiatin spricht mich an, &#8220;Excuse me, was he from here&#8221;, und ich blicke einen Moment lang leer zur\u00fcck, meine Augen tr\u00e4nen ein bisschen vom Fahrtwind entlang West Side. &#8220;Yes he was&#8221;, antwortet der Passant, &#8220;over there on Glenwood&#8221;, und ich nicke und bin pl\u00f6tzlich Teil von irgendwas. &#8220;I&#8217;ll be back&#8221;, denke ich, heute abend, und dann stelle ich da auch eine Kerze hin, vielleicht, weil die Asiatin mich gefragt hat. Ich stehe noch einen Moment ratlos rum, schnalze mir den Sonnenbrillenaufsatz ins Gesicht, klappe das Hinterrad raus, und fahre nach Newark.<br \/>\n<br clear=\"all\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I must not fear. Fear is the mind-killer. Fear is the little-death that brings total obliteration. I will face my fear. I will permit it to pass over me and through me. And when it has gone past I will turn the inner eye to see its path. 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