{"id":513,"date":"2007-03-07T06:03:30","date_gmt":"2007-03-07T04:03:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.genista.de\/engine\/?p=513"},"modified":"2007-03-07T06:03:30","modified_gmt":"2007-03-07T04:03:30","slug":"negative-bilanz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/?p=513","title":{"rendered":"Negative Bilanz"},"content":{"rendered":"<p>Aber alles Gute, Sch\u00f6ne, Wahre, so strahlend und funkelnd es auch ins Haus geliefert wird, und so proper es dann auch auf der Fensterbank steht, oder neben dem K\u00fchlschrank, bringt immer auch die Drohung seines eigenen Unterganges mit, und ein eingebautes Verfallsdatum, eingedruckt am Deckelrand oder dem Becherboden. Man muss nicht an Metaphysik oder Vorbestimmtheit glauben, um zu sehen, dass alles, was entsteht, auch wieder zugrundegehen wird, ganz egal, wie wert es uns w\u00e4hrend seiner allzu kurzen Existenz geworden ist.<br \/>\nNat\u00fcrlich hilft dieses abstrakte Wissen im Einzelfall einen Dreck, aber man kann sich wenigstens nicht darauf herausreden, von dergleichen nichts gewusst zu haben, als man in b\u00f6ser Vorahnung am Schloss zupfte, weil der Cichlidenmann nicht herauskommen wollte und so aus der Verantwortung stehlen, oder das geprellte Opfer geben. Die Anschaffung von Fischen, soviel ist klar, beinhaltet nicht nur eine bunte Schau und fr\u00f6hliches Geschwimme, sondern auch deren k\u00f6rperliches Ende, die Entsorgung des Leichnams eines Liebgewonnenen Freundes, ach, nein, das ist nun interessanterweise auch wieder Quatsch.<br \/>\nDenn wo noch vor Monaten jeder tote Fische als kleines, trauriges W\u00f6lkchen ins Seelenbecken umsiedelte, ist der dann wie erwartet tats\u00e4chlich tot im Schlossinneren driftende Prachtbarsch zwar ein Anlass zur Melancholie, aber tiefe Anteilnahme will sich nicht recht einstellen. Um die anderen Fische nur besorgt sehe ich mich um, durchst\u00f6bere im Sturm alle Winkel und Pflanzen, und finde dann leider tats\u00e4chlich noch einen weiteren toten Fisch vor, eine Barbe.<br \/>\nDer Rest der Belegschaft erfreut sich bester Gesundheit, und wo die Seele, kalt und grau geworden, sich um die verendeten Hausgenossen nicht mehr Sorgen mag, \u00fcbernimmt der Verstand die Regie und bem\u00fcht sich um einen Kurzfilm \u00fcber das Fischsterben. Denn, so sagt sich der Verstand, wenn wir nur begreifen und komplett durchleuchten, wie es dazu kommen konnte, dann k\u00f6nnen wir kommende Generation vor dem Schlimmsten bewahren. Ein derartiger Idiot n\u00e4mlich ist der Verstand.<br \/>\nDie Barbe, das ist immerhin schnell ermittelt, ist eine aus der urspr\u00fcnglichen Besatzung, und also ein Augustusopfer. Mit angegriffenen Flossen und eingefallenen Flanken sah der Fisch seit Tagen schon mehr tot als lebendig aus. Hier also ist nichts weiter zu bef\u00fcrchten, individuelle Siechheit ist n\u00e4mlich nicht ansteckend, zumindest stelle ich mir das so vor.<br \/>\nDer Purpurprachtbarsch andererseits erfreute sich bester Gesundheit, ein Purpurprachtkerl von einem Fisch war das, und nun, weh, ist er tot. Weshalb aber? Ein furchtbarer Verdacht schl\u00fcpft aus winzigen Eiern und nistet sich ein; aber ich greife vor, und das soll man nicht.<br \/>\nWo wir aber grade von Eiern reden: einige der Pflanzen hatten wohl wirklich Eier draufgepappt, denn wie aristotelisch aus dem Urschlamm herausgezeugt krabbelt nun zielstrebig ein winziger und noch ganz neuer Schneck \u00fcbers Gem\u00fcse hin, ein Hoffnungsschimmer, ein Zukunftsfunke. Oder was.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aber alles Gute, Sch\u00f6ne, Wahre, so strahlend und funkelnd es auch ins Haus geliefert wird, und so proper es dann auch auf der Fensterbank steht, oder neben dem K\u00fchlschrank, bringt immer auch die Drohung seines eigenen Unterganges mit, und ein eingebautes Verfallsdatum, eingedruckt am Deckelrand oder dem Becherboden. 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