{"id":509,"date":"2007-02-26T08:36:46","date_gmt":"2007-02-26T06:36:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.genista.de\/engine\/?p=509"},"modified":"2007-02-27T04:33:25","modified_gmt":"2007-02-27T02:33:25","slug":"ottoeier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/?p=509","title":{"rendered":"Ottoeier"},"content":{"rendered":"<p>Jetzt wohnen also in diesem Ding da, das praktisch \u00fcber Nacht in unser Wohnzimmer gestellt wurde, drei Schwerttr\u00e4ger, zwei Cichliden, drei Otocinclus, drei Corys und zehn Barben. Einundzwanzig Fische, mit anderen Worten. Eine kleine Armee. Eine Invasion. Eine Enklave.<br \/>\nInnerhalb der Enklave herrschen schon wenige Tage nach dem Einzug klare Hierarchien. Unter den Barben regiert Augustus mit eiserner, nun ja, Flosse, \u00fcbergeordnet die Schwerttr\u00e4ger, denen jede Barbe ohne Widerstand weicht, noch eins dr\u00fcber die Cichlids, Schwimmk\u00fcnstler, Denkk\u00f6nige, Beckenmeister, das M\u00e4nnchen hat sich das Schloss gekrallt und residiert dort, zur\u00fcckhaltend und w\u00fcrdevoll, endlich ein richtiger, bunter K\u00f6nig in diesem verwarzten Algenpalast, sein Weibchen paradiert auf und ab, kr\u00fcmmt sich lasziv, wann immer das M\u00e4nnchen guckt, ein munteres, verderbtes Treiben.<br \/>\nUnd unabh\u00e4ngig von dieser Hierarchie, dieser Fischpyramide, leben vor sich hin die Ottos und die Corys. Die Corys taumeln wie schwerf\u00e4llige Riesenschnauzer durch die Vegetation, dick, ungelenkt und mit einem zitternden, regen Schnurrbart unter dem gutm\u00fctigen Gesicht, kleine Hunde, die im Unterholz st\u00f6bern, eine tiefe Bassstimme h\u00e4tten sie, wenn sie eine Stimme h\u00e4tten. Und dann die Ottos, kleine Haie, immer auf der Jagd nach einem schmierigen Algenfilm, erbarmungslose, lautlose Killer. Oder jedenfalls Sauger und Nuckler. Erbarmungslose, stumme Sauger und Nuckler. Niemand k\u00fcmmert sich um diese Bodenbewohner, und sie k\u00fcmmern sich um niemanden. Nur Augustus stellt mitunter einem Coryhund nach, aber nach wenigen Sekunden wird ihm das stets langweilig und der Hund trottet weiter, woanders bellen oder w\u00fchlen.<br \/>\nStatt seiner kommt jetzt ein Otto vor der Kamera vorbeigeschwommen und presst den dicken Bauch gegen die Scheibe und mir quasi direkt ins Gesicht. Und was sehe ich da im dicken Bauch? Kleine gelbe K\u00fcgelchen. Ottoeier. Und als h\u00e4tte meine Entdeckung des Eiersegens daf\u00fcr gesorgt, f\u00e4ngt nun Frau Otto auch an, den Ottokaviar rauszupressen, Ei um Ei. Bilder von Rissen in winzigen gelben Kugeln, winzigem Ottonachwuchs der das Ottogesicht aus der Eischale steckt und lachenden Ottokinderschw\u00e4rmen tanzen vor meinem inneren Auge, w\u00e4hrend die Fischin vor meinen Augen den Geburtstanz tanzt. Noch ein Ei, und noch eins, presst sie sich m\u00fchsam ab, es sieht ein bisschen aus wie ich mir das bei Menschen vorstelle, jedenfalls ideell und abstrakt stimmt das ein kleines bisschen. Jetzt schwimmt sie an die Oberfl\u00e4che, ein wenig Luft schnappen vielleicht in der Geb\u00e4rpause, und bleibt dann reglos dort h\u00e4ngen. Oder vielmehr leblos, denn Frau Otto ist soeben, beim Eierlegen, vom Blitz getroffen worden und jetzt tot. Die Eier aber holen die Barben.<br \/>\nWer fragt, wo die Natur denn ihren Stachel habe, hat wohl nicht richtig hingeguckt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jetzt wohnen also in diesem Ding da, das praktisch \u00fcber Nacht in unser Wohnzimmer gestellt wurde, drei Schwerttr\u00e4ger, zwei Cichliden, drei Otocinclus, drei Corys und zehn Barben. Einundzwanzig Fische, mit anderen Worten. Eine kleine Armee. Eine Invasion. Eine Enklave. Innerhalb der Enklave herrschen schon wenige Tage nach dem Einzug klare Hierarchien. 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