{"id":496,"date":"2007-01-25T03:34:17","date_gmt":"2007-01-25T01:34:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.genista.de\/engine\/?p=496"},"modified":"2007-01-25T07:51:50","modified_gmt":"2007-01-25T05:51:50","slug":"ruckkehr-und-abschied","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/?p=496","title":{"rendered":"R\u00fcckkehr und Abschied"},"content":{"rendered":"<p>Die Menschen sprechen davon, dass morgens die Sonne aufgehe, im Osten, dann aufsteige \u00fcber das Himmelsrund und schliesslich im Westen wieder untergehe, das alte St\u00fcck, um die Welt der finsteren Nacht zu \u00fcberlassen. Und dann freilich wiederzukehren, f\u00fcr Nachschlag. Epistemologisch wird der Vorgang gerne als Beispiel f\u00fcr die Unm\u00f6glichkeit induktiven Schliessens hergenommen, denn nichts kann uns Sicherheit dar\u00fcber geben, dass der Sonnenlauf auch morgen so sich ereigne und nicht etwa andersrum. Epistemologisch verl\u00e4sst man sich am Besten auf gar nichts.<br \/>\nObendrein ist aber diese ganze Darstellung, mit ihren Unter- und Zwischent\u00f6nen von Hoffnung und Aufbau, von H\u00f6hepunkt und von sehnsuchtsvollem Abschied, ein gewaltiger Irrtum. In Wahrheit dreht sich ja die Erde wie ein Brummkreisel um ihren eigenen Nabel, den Nordpol, nichts steigt, nichts sinkt, und der monstr\u00f6se Feuerball Sonne ballert hirnlos Strahlung in die Schw\u00e4rze, als g\u00e4be es keinen Morgen und keinen Abend, und auch sonst ohne sich um unsere Illusion eines Tagesablaufs zu scheren.<br \/>\nDiese Einschr\u00e4nkungen halte man im Hinterkopf, wenn ich nun erz\u00e4hle, dass an diesem Morgen die Sonne \u00fcber einer traurigen, gr\u00fcngl\u00fchenden Szene aufging, und einer der gestreiften Fische leblos am Filterstutzen klebte, angesogen von der Str\u00f6mung, aber vom minderen Druck nat\u00fcrlich nicht durch die \u00d6ffnungen gesaugt, bl\u00f6de Frage. Eine Atmosph\u00e4re \u00dcberdruck saugt nicht mordlustige Weltraummonsterk\u00f6niginnen durch ein kleines Loch ins Vakuum, und auch die totgemordeten Opfer eines Fischtyrannen haben Zusammenhalt, und zerst\u00e4uben nicht sofort in ihre Bestandteile wenn die Entropie an ihnen zerrt. Stattdessen wird die Fischleiche nun von mir behutsam gepfl\u00fcckt und landet im M\u00fcll. Das mag f\u00fchllos scheinen, aber Sonne und Universum scheren sich schliesslich auch nicht.<br \/>\nWie nun erging es unterdessen Augustus? Gab ihm der Tod des unschuldigen Kofisches zu denken, den er doch durch sein Flitzen und Jagen verschuldet hat? Trauert er nun wom\u00f6glich um den verreckten Gef\u00e4hrten, beklagt dessen gebrochene Augen? Die Schwanzflosse, die nicht mehr schl\u00e4gt, das stolze Herz, und so weiter? Es ist schwer zu sagen, denn Augustus ist nicht aufzufinden.<br \/>\nAm Vortag hatte ich dem Verbrecher, von seinem angstvollen Verharren wider Willen anger\u00fchrt, die alte Sonnenbrille in den Schwimmknast geworfen, hinter der Ken immer so keck, so jugendlich dynamisch gewirkt hatte, damit auch Augustus sich nun hinter ihren get\u00f6nten Gl\u00e4sern verbergen und aus dieser Sicherheit heraus vielleicht resozialisiert werden k\u00f6nne. Und muss nun also erstmal die Brille rausnehmen, ehe ich glaube, dass der Malefitzfisch tats\u00e4chlich ausgebrochen ist, die bl\u00f6de Sau. Und wirklich, nachdem sich meine Augen wieder ans gr\u00fcne Glimmen gew\u00f6hnt haben, sehe ich ihn putzmunter und kreuzfidel zwischen den kr\u00e4nkelnden \u00dcbriggebliebenen auf und ab sausen und zweifellos spitze Bemerkungen streuen und Zwietracht s\u00e4en. Er muss in einem kecken Anflug von Mut den Sprung gewagt haben \u00fcber die aufragende Plastikwand und in die Freiheit.<br \/>\nEntt\u00e4uscht wende ich mich nach einer Weile vom Schauspiel ab, aus dessen unver\u00e4nderter Konstellation siecher Opferfische und fr\u00f6hlicher T\u00e4terfische mir keine Freude erwachsen mag. Weil ich zu lange ins Gr\u00fcn gestarrt habe, scheint mir nun die ganze Welt orangerot, als ginge so kurz nach ihrem Aufgang die Sonne auch schon wieder unter, rotfeurig, denn Blut wurde vergossen an diesem Tag.<br \/>\nDas ist aber nur eine Illusion und geht bald vorbei.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Menschen sprechen davon, dass morgens die Sonne aufgehe, im Osten, dann aufsteige \u00fcber das Himmelsrund und schliesslich im Westen wieder untergehe, das alte St\u00fcck, um die Welt der finsteren Nacht zu \u00fcberlassen. Und dann freilich wiederzukehren, f\u00fcr Nachschlag. 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