{"id":489,"date":"2007-01-12T00:03:27","date_gmt":"2007-01-11T22:03:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.genista.de\/engine\/?p=489"},"modified":"2007-01-12T00:06:50","modified_gmt":"2007-01-11T22:06:50","slug":"wirbelmeditation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/?p=489","title":{"rendered":"Wirbelmeditation"},"content":{"rendered":"<p>Wenn man ein wenig in der Grundsubstanz r\u00fchrt, auf der alle Existenz ruht, steigen, aufgest\u00f6rt durch dieses R\u00fchren und durcheinanderwirbelnd, Schwaden von sich zersetzenden Partikeln der Vergangenheit auf, Fragmente von Ereignissen und Gelebtem in sich rasch zerteilenden und mischenden Wolken. Die schwereren Brocken sinken sogleich zu Boden und verschwinden wieder, unverdaulich und ungesehen, im Unterbau, aber die leichteren St\u00fccke, schon von organischen und chemischen Kr\u00e4ften angegriffen, bleiben sichtbar und in einem Schwebezustand gehalten. Sie zeigen durch ihre Bewegung und ihre wechselnden Konstellationen die ansonsten unsichtbaren Str\u00f6mungen und Bewegungen der sie tragenden Gegenwart des Wassers an.<br \/>\nGenug der verkorksten Geschichtsmetaphern, hier ist nat\u00fcrlich die Rede ausschliesslich vom Aquarium, man konnte es sich ja schon denken, und die Brocken sind keine unverarbeiteten Angriffskriege oder Freundesgeheimnisverrat, sondern von W\u00fcrmern und Bakterien angenagtes Halbverdautes und zerfallende Pflanzenbrocken. Es kommt zwar am Ende sozusagen aufs Gleiche raus, weil man so wie so nicht recht klarsieht, aber da endet die Parallele oder Allegorie  auch schon wieder. Sprechen wir nicht mehr davon.<br \/>\nFast nun ist es sch\u00f6ner, diesen schwebenden M\u00fcllflocken beim Schweben und Tanzen zuzusehen, als den sie erzeugenden Fischen beim Schwimmen und Fischsein. Zum einen gibt es viel mehr Flocken als Fische, zum anderen aber besteht ja keinerlei emotionale Bindung an ein St\u00fcck G\u00e4rschlamm, und das Schicksal des je einzelnen Brockens kann dem Betrachter also v\u00f6llig piepe sein. Dieses h\u00e4ssliche Wort habe ich \u00fcbrigens nur gebraucht, um das schiere Ausmass der piepegalen Gleichg\u00fcltigkeit noch ein bisschen abscheulicher greifbar auszudr\u00fccken.<br \/>\nDer Leser fragt sich nun vielleicht, was an einem piepen Rudel Dreck interessant sein soll, und er fragt sich das zu recht, denn das wichtigste Detail des ganzen Arrangements habe ich noch nicht erw\u00e4hnt: den Filteransaugstutzen, links hinter dem Schloss. Auf etwa zehn Zentimetern befinden sich hier zahlreiche kleine horizontale Schlitze in einem schwarzen Plastikzylinder, durch die stetig Wasser angesaugt und dann durch den Filtersack gepresst wird. Klar kommt das Wasser sodann wieder zur\u00fcckgeplatscht oder ohne sichtbare Bewohner. Was der Filterstutzen einmal hat, das gibt er nicht wieder her.<br \/>\nIn weitem Umkreis um den Stutzen befindet sich das Medium in Turbulenz, und es ist der Kampf der Schwebeteilchen gegen den Sog der L\u00f6cher im schwarzen Stutzen, der den Geschehnissen ihre W\u00fcrze gibt. Wird dieser organische Klumpen von einer aufw\u00e4rtsf\u00fchrenden Str\u00f6mung ergriffen noch eine Kreisbahn drehen k\u00f6nnen, oder fasst ihn \u00fcberraschend der nahe am Zylinder bestehende abw\u00e4rtsf\u00fchrende Sog und zieht ihn unaufhaltsam ins Dunkel? St\u00fcck um St\u00fcck verschwinden die Verunreinigungen in den \u00d6ffnungen, es ist ein Freudenfest f\u00fcr die Sinne, vor allem f\u00fcr den Zerst\u00f6rungssinn und die Lust am Untergang. Wohl zehn Minuten dauert es, bis ein aufgeworfenes M\u00fcllgest\u00f6ber eingefangen und abgesaugt ist, und in diesen zehn Minuten bleibt die Welt stehen und wird Str\u00f6mung. Paradox, aber wahr.<br \/>\nDanach dann wieder Fisch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man ein wenig in der Grundsubstanz r\u00fchrt, auf der alle Existenz ruht, steigen, aufgest\u00f6rt durch dieses R\u00fchren und durcheinanderwirbelnd, Schwaden von sich zersetzenden Partikeln der Vergangenheit auf, Fragmente von Ereignissen und Gelebtem in sich rasch zerteilenden und mischenden Wolken. 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