{"id":466,"date":"2006-12-14T20:09:54","date_gmt":"2006-12-14T18:09:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.genista.de\/engine\/?p=466"},"modified":"2006-12-14T20:09:54","modified_gmt":"2006-12-14T18:09:54","slug":"absturz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/?p=466","title":{"rendered":"Absturz"},"content":{"rendered":"<p>Als ich an diesem Morgen zur Arbeit komme, ist etwas nicht so, wie es immer ist.<br \/>\nIst es das Licht? Das Wetter? Wurde einer der B\u00e4ume vor dem Fenster umgelegt \u00fcber Nacht, vor seiner Zeit? Es dauert noch einen weiteren Moment, aber dann f\u00e4llt es mir auf: Ken, der sonst kurz nach meinem Auftauchen die Nase aus dem Schloss steckt, ist nicht da. Beziehungsweise sein nasenf\u00f6rmiges Fischgewebe ist nicht da, um genau zu sein.<br \/>\nIch \u00f6ffne am Aquariendeckel die Klappe. Das geschieht stets nur, um Futter ins Kenbiotop zu werfen, was der kleine Racker auch weiss, und deshalb t\u00e4glich mit geschwommenen Spiralen seine Freude ausdruckstanzt. Heute aber bleibt das Becken spiralenfrei und mir wird seltsam zumute.<br \/>\nIch nehme den Deckel komplett ab, hebe das Schloss an und nehme es dann heraus, gleichfalls die Sonnenbrille. Ratlos und eine Spur d\u00e4mlich sp\u00e4he ich von unten in die lind schleimigen Fischm\u00f6bel, aber es ist nichts drinnen ausser eben Schleim. Im Becken aber ist jetzt nur noch blanker Kies.<br \/>\nIn dem ich jetzt also w\u00fchle, den Fisch zu finden. Erst zaghaft und vorsichtig, dann mit allen Fingern zugleich siebe ich den Kies bis auf den Acrylgrund. Auch hier kein Fisch. Ich blicke mich nun v\u00f6llig verdummt im Zimmer um und suche die versteckte Kamera oder den Kollegen, der feixend die T\u00fcte mit dem Fisch hereintr\u00fcge und \u201eOktober, Oktober\u201c riefe. Andere L\u00e4nder haben ja n\u00e4mlich immer noch andere Sitten. Es kommt aber niemand.<br \/>\nIch hebe das Aquarium an. Nichts drunter. Ich untersuche den Tisch. Nichts drauf. Ich gucke unterm Tisch. Fischfehlanzeige. Ich hebe das Aquarium nochmal an. Immer noch nichts.<br \/>\nAn dieser Stelle schaltet sich in meinem sonderbaren Kopf erstmals die Logikmaschine zu. Wenn, so sagt die Logikmaschine, der Fisch nicht im Becken ist und nicht auf dem Tisch, und nicht unter dem Tisch, dann muss er woanders sein. Dankesch\u00f6n, Logikmaschine.<br \/>\nUnd so fange ich also an, auch an Stellen zu suchen, wo der Fisch gar nicht sein kann, auf meinem Kopf, in meinen Schuhen, in der Teetasse. Aber wenn ich ehrlich bin, stimmt das gar nicht, und ich versuche nur, dem traurigen Ende ein wenig Kom\u00f6die beizumischen. Tats\u00e4chlich n\u00e4mlich suche ich nur erneut unter dem Tisch, auf allen Vieren krabble ich, und sehe den vertrockneten Fisch dann unter dem Nachbartisch liegen. Ein arger Laut des Elends entringt sich mir.<br \/>\nWie die Untersuchungen ergeben, hat der Schlauch, durch den das Aquarium bel\u00fcftet wurde, den Deckel an einer Seite weit genug aufgehalten, um dem wild springenden Ken Durchschlupf zu gew\u00e4hren. Vom Schlupfspalt dann sprang das Tier in die schmale L\u00fccke  zwischen den beiden Schreibtischen, und dann, z\u00fcgig verendend, auf dem Boden unter den Nachbarstisch. Man m\u00f6chte es sich gar nicht ausmalen, wie der Fisch mit brechenden Augen verschieden sein muss, die Flossen anklagend emporgereckt. \u201eWarum?\u201c riefen die rissigen Lippen.<br \/>\nOffenbar springen Loache gerne in die H\u00f6he, und Loachaquarien m\u00fcssen deshalb fugenlos loachdicht gemacht werden. Erfahre ich jetzt, von meinem schizophrenen Freund. Ein wenig sp\u00e4t, schizophrener Freund, findest Du nicht?<br \/>\nTsch\u00fcss, Ken. Es war sch\u00f6n mit Dir.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich an diesem Morgen zur Arbeit komme, ist etwas nicht so, wie es immer ist. Ist es das Licht? Das Wetter? Wurde einer der B\u00e4ume vor dem Fenster umgelegt \u00fcber Nacht, vor seiner Zeit? Es dauert noch einen weiteren Moment, aber dann f\u00e4llt es mir auf: Ken, der sonst kurz nach meinem Auftauchen die [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13,3,4,55,14,41],"tags":[],"class_list":["post-466","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-animals","category-berkeley","category-deutsch","category-fischtagebuch","category-minis","category-nature"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/466","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=466"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/466\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=466"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=466"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=466"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}