{"id":440,"date":"2006-11-20T03:51:44","date_gmt":"2006-11-20T01:51:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.genista.de\/engine\/?p=440"},"modified":"2006-11-20T04:14:57","modified_gmt":"2006-11-20T02:14:57","slug":"ikea-emeryville","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/?p=440","title":{"rendered":"IKEA, Emeryville"},"content":{"rendered":"<p>1<br \/>\nLederp\u00f6ang wippt leicht unter meinem Gewicht, Echo der von hunderten von jungen Paaren ausgel\u00f6sten Schwingungen, die durch den Boden der Dauerausstellung im ersten Stock des IKEA Emeryville laufen, ein andauerndes, leises Erdbeben. Ich bin ersch\u00f6pft von gar nichts, Begleiterscheinung der Rekonvaleszenz, und beobachte das Stuhltestverhalten der IKEAkunden. Eine junge Japanerin l\u00e4uft vor mir vorbei, zieht am Bezug von P\u00f6ang, findet nichts, geht scheinbar wahllos zu zwei anderen Sesseln inmitten der gut zwei Dutzend, die hier stehen und kontrolliert die L\u00fccke zwischen R\u00fcckenpolster und Sitzpolster, vielleicht braucht sie Kleingeld f\u00fcr eine Waschmaschinenatrappe. Eine weitere Japanerin gesellt sich dazu, sie kommunizieren ohne Worte, weitere St\u00fchle werden getestet, noch immer wahllos. Eine dritte kniet sich vor einen Roterstoffbezugp\u00f6ang mir gegen\u00fcber, stellt eine grosse Vase mit einer Handbreit Wasser und einem lebenden Goldfisch darin neben sich ab, und sucht das Fahrwerk des Sessels ab. Ich stehe auf, obwohl ich noch immer m\u00fcde bin, und gehe weiter.<\/p>\n<p>2<br \/>\nDie junge Frau ereicht die m\u00e4ssig vollbesetzte Cafeteria nach ihrem Einkaufswagen, aber vor den beiden \u00e4lteren Frauen, die sie begleiten. Sie setzt sich an einen der grossen, runden Tische, parkt ihren Einkaufswagen so, dass er vier Sitzpl\u00e4tze blockiert, setzt sich selbst auf einen freien Stuhl und legt die Beine auf einen der blockierten St\u00fchle zu ihrer Linken. W\u00e4hrend der gesamten Zeit, die ich am Tisch sitze und Koettbullar in mich hineinrolle, sehe ich aus dem Augenwinkel ihre Schuhe auf dem Stuhl wie einen blutigen Verkehrsunfall, und \u00e4rgere mich \u00fcber ihre r\u00fccksichtslose Verw\u00f6hntheit und meine eigene moralische Projektion zu gleichen Teilen.<\/p>\n<p>3<br \/>\nDas kleine Apartment, das an einer Biegung des durch den Ausstellungsraum f\u00fchrenden Wanderweges liegt, wird offensichtlich von jungen Smarties bewohnt, auf dem Beistelltischchen liegt ein Wired, auf allen waagerechten Fl\u00e4chen stehen Flachbildschirmattrappen und simulieren Modernit\u00e4t. Ich allerdings bin mehr an der Eckcouch interessiert. Sie liegt voller nickliger Kissen, die in diesem allegorischen Gem\u00e4lde wohl die Geschmacksarmut des jungen Programmierers vertreten, und die sich nun auf einen sich t\u00fcrmenden Haufen konzentriert finden. In die entstehende Kissenl\u00fccke sinke ich, und bl\u00e4ttere blicklos im Wired. Excuse me, sagt eine Frau, als sie mir nahekommt, um ein M\u00f6bel zu inspizieren, als sei das hier tats\u00e4chlich mein Wohnzimmer. Derart aus der Mediation gerissen, blicke ich um mich, und entdecke auf der Korkwand, die offenbar f\u00fcr jedes Familienmitglied einen Abschnitt hat, einen Zettel mit der Aufschrift &#8220;I hate you&#8221;. Beim Versuch, ihn zu fotografieren, verhakt sich etwas in der Mechanik des Kameraspiegels, der Bildschirm zeigt Err 99, und die Kamera versagt den Dienst.<\/p>\n<p>4<br \/>\nKurz vor den Kassen des M\u00f6belmolochs hat der Schwede die As-Is Abteilung montiert. In der As-Is Abteilung stehen leicht angeschimmelte und -dellte M\u00f6bel und warten auf neue Herrchen, die sie adoptieren. Oder sich auf sie draufsetzen und wegdriften, so wie ich und die Frau neben mir. Zwischendurch erwache ich mehrfach aus dem D\u00f6sen und beobachte, wie die Menschen zu meiner Linken den As-Is Bereich betreten, und ihn nach einer Schleife durch die Wrackversammlung hinter mir zu meiner Rechten wieder verlassen. Ein junges Paar bleibt am Rande meines Blickfeldes stehen, diskutiert, dann scheint eine Entscheidung gefallen und er geht resolut davon und beginnt, Waren von einem Einkaufswagen zu laden. Gemeinsam wuchtet das Paar einen ausgesprochen h\u00e4sslichen Eckschrank auf den nun leeren Wagen. Wieder entspinnt sich nun eine Diskussion zwischen den beiden.<br \/>\nUnterdessen kam die Begleiterin meiner Nebensitzerin zur\u00fcck, &#8220;where is our cart&#8221; fragt sie, und meine Nebensitzerin deutet vage vorw\u00e4rts, &#8220;over there, the one with the flat stuff&#8221;. Beide begutachten nun die pappschachtelfarbenen Pappschachteln, und kommen aber rasch zum Schluss, dass das nicht ihr Wagen ist. Sie blicken sich, sehr ratlos, um, und kurz bevor sie ihre ausgew\u00e4hlten M\u00f6bel an der Seite eines Ausstellungsst\u00fcckes lehnend finden, setzt auch in meinem Kopf D\u00e4mmerung ein.<br \/>\nHektischer blicken die beiden Frauen nun um sich, eine n\u00e4hert sich dem h\u00e4sslichen Eckschrank und dem ihn bewachenden Weibchen, &#8220;did you take a cart from over there&#8221; fragt sie, die Antwort ist unh\u00f6rbar, aber wie aus dem nichts taucht jetzt das M\u00e4nnchen des Weibchens auf, und beide schn\u00fcren, Eckschrank und einen zweiten Wagen im Schlepptau, davon. Ratlos zur\u00fcck bleiben die beiden geprellten, die offenbar nicht nur bestohlen, sondern auch noch belogen wurden, und ich muss erneut den Fl\u00e4zort wechseln, des guten Geschmacks wegen. Einkaufen ist anstrengend.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1 Lederp\u00f6ang wippt leicht unter meinem Gewicht, Echo der von hunderten von jungen Paaren ausgel\u00f6sten Schwingungen, die durch den Boden der Dauerausstellung im ersten Stock des IKEA Emeryville laufen, ein andauerndes, leises Erdbeben. Ich bin ersch\u00f6pft von gar nichts, Begleiterscheinung der Rekonvaleszenz, und beobachte das Stuhltestverhalten der IKEAkunden. Eine junge Japanerin l\u00e4uft vor mir vorbei, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3,4,14],"tags":[],"class_list":["post-440","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-berkeley","category-deutsch","category-minis"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/440","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=440"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/440\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=440"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=440"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.genista.de\/engine\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=440"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}