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Unterabschnitte
In diesem Abschnitt, der in allen Punkten Übersichtscharakter hat und
nicht ins Detail gehen kann, werden kurz ausgewählte Anwendungsbereiche
der Augenbewegungsmessung oder Okulographie (OG) dargestellt. Es werden im
direkten Vergleich mit anderen Methoden Vor- und Nachteile der VOG-Methode
dargestellt. Die Darstellung folgt im wesentlichen [Huber 1998]
und [Zee 1983].
Wie in der Einleitung bereits angedeutet, ist die genaue Messung von
Augenbewegungen für verschiedene Forschungsbereiche von Interesse.
Dabei bestehen je nach Fragestellung verschiedene Anforderungen an die
verwendeten Meßverfahren.
Für einen kurzen Einblick in die Anwendungsbereiche der OG und die
Arbeitsweise des visuellen neurologischen Systemes
möchte ich vier wichtige Felder heranziehen und im Folgenden eingehender
beschreiben. Dabei habe ich insbesondere im neurologischen Teil eine
ausführlichere Übersicht der Mechanismen und Gesetzmäßigkeiten gegeben,
die durch Augenbewegungsmessung bereits untersucht wurden. Diese Übersicht
dient vor allem dem Zweck, eine Einschätzung der Komplexität der
Augenbewegungen zu erlauben und die Anforderungen an die Meßapparaturen
im Bereich neurologischer Forschung und Diagnostik zu definieren.
Zu den frühesten Anwendungsgebieten der OG gehörten sicherlich die
wahrnehmungspsychologischen Untersuchungen von Blickfolgen.
Hier werden meist die Fixationspunkte bei Präsentation eines visuellen
Reizes ermittelt, und aus der Blickfolge, der Fixationsdauer und
ähnlichen Parametern Aufschluß über psychologische Mechanismen
der Bildwahrnehmung und -verarbeitung gewonnen.
Weitere, eher in den Bereich der Neuropsychologie gehörende Fragestellungen,
die sich mit okulographischen Methoden untersuchen lassen, betreffen
zum Beispiel die visuelle Wahrnehmung und Bildverarbeitung im Gehirn oder
Fragestellungen aus dem Bereich der Psycholinguistik, die sich durch das
Beobachten der Augenbewegungen beim Lesen eines Textes beantworten
lassen.1.8
Gegenstand der Forschung im Bereich der Augenbewegungen sind neben der
Mechanik und Physiologie des Auges unter anderem die verschiedenen
Reflexbögen und neurologischen Systeme, die das Auge zum Beispiel während
Kopfbewegungen steuern.
Dabei erlaubt eine genaue Kenntnis der neurologischen Verhältnisse
nicht nur tiefe Einblicke in die Funktionsweise der beteiligten Teile
des Gehirnes, sondern in der Diagnose über die im nächsten
Abschnitt beschriebenen
Mechanismen durch die starke Modularität der verschiedenen
Bewegungsformen auch genauen Aufschluß über den Ort eines neurologischen
Defektes.
Die zwei hauptsächlichen Aufgaben des Gehirnes bei der Steuerung des
Auges sind zum einen die Fixierung der Blickrichtung im Raum bei Bewegungen
des Kopfes1.9, und zum
anderen die willentliche Veränderung der Sichtlinie,
die für die visuelle Fixation von Bedeutung ist.1.10
Für die erste Aufgabe, die Fixierung der Blickrichtung bei Kopfbewegungen,
sind die Vestibulo-Okulären Reflexe zuständig, die durch Informationen
aus dem Vestibulären System gesteuert werden.
Es gibt hier zwei wichtige Reflexbögen. Zum einen werden die Informationen
aus den Winkelgeschwindigkeits-Sensoren der halbkreisförmigen Bogengänge
des Gleichgewichtssystems verarbeitet. Dies ermöglicht ein Nachstellen der
Augenposition bei Drehung oder Verkippung des Kopfes, und damit das Aufrechterhalten
der Sehfähigkeit bei Rotationen.
Die Augen werden hierbei in Gegenrichtung der Drehung mit derselben
Winkelgeschwindigkeit geführt.
Der zweite Bereich des VOR, der Otolitho-Okuläre-Reflex, wertet Signale aus
den ebenfalls im Gleichgewichtsapparat befindlichen
Otolithen aus, die auf Linearbeschleunigungen des Kopfes reagieren.
Der VOR ist dabei einer direkten optischen Rückkopplung (d.h. einer Auswertung
der auf der Netzhaut aufgenommenen Bilder und einer anschließenden
darauf beruhenden Richtungskorrektur des Auges) durch seine viel kürzere Zeitkonstante
deutlich überlegen: Während der VOR eine Antwortzeit von nur etwa
10 ms bis 12 ms hat, braucht das visuelle System für die Verarbeitung um 100 ms.
Dennoch hat auch die visuelle Rückkopplung Anteil am Reflexverhalten des Auges,
da nämlich bei anhaltenden Rotationen aufgrund der mechanischen
Eigenschaften der Kanäle das Signal aus dem vestibulären System nach
etwa 30 Sekunden abgeklungen ist und die visuellen Reflexe in etwa mit derselben
Zeitkonstanten aktiv werden. So kann auch
bei fortgesetzten Drehungen die Sehfähigkeit aufrecht erhalten werden.
Zusätzlich zum oben beschriebenen VOR und der visuellen Rückkopplung ist
ein Korrekturverfahren nötig, das beispielsweise ein Abwandern der
Blickrichtung an den Rand des Sichtfeldes bei anhaltenden Rotationen
verhindert. Diese Funktion erfüllen die schnellen Phasen des sakkadischen
Systemes, die eine Rückführung des Auges in die Nähe der zentralen Position
vornehmen.
Die schnellen Phasen erreichen dabei Winkelgeschwindigkeiten von bis zu
500/s.
Tiere, deren Augen eine Fovea1.11 aufweisen, haben die Fähigkeit entwickelt,
die Sichtlinie auch ohne Kopfbewegungen zu verändern.
Solche willkürlichen
Sakkaden können von optischen oder akustischen Reizen oder aus der
Erinnerung ausgelöst werden.
Durch Sakkaden alleine ist das Bild von Objekten, insbesondere das von bewegten
Objekten, nicht dauerhaft auf einer Stelle der Netzhaut zu halten. Deswegen
verfügt das Gehirn foveater Tiere über einen speziellen Mechanismus, der
die gleitende Nachführung des Auges erlaubt (''smooth pursuit'').
Der Input dieses Systemes speist sich dabei nicht nur aus dem visuellen
Apparat, sondern kann aus ganz unterschiedlichen Bereichen stammen.
So können manche Testpersonen beispielsweise den Bewegungen ihrer
Hand bei völliger Dunkelheit folgen.
Davon vermutlich verschieden ist der visuelle Apparat, der die Fixation
stillstehender Objekte erlaubt. Obwohl auch die Meinung existiert, daß
es sich dabei um einen Spezialfall der Augenfolgebewegung mit Objektgeschwindigkeit
Null handelt, deuten jüngere Ergebnisse auf die Existenz eines eigenen
Fixationssystems für unbewegte Ziele hin.
Die vorstehenden Steuersysteme der Augenbewegungen werden im Falle kombinierter
Augen- und Kopfbewegungen durch andere Funktionsweisen und Gesetze ergänzt
und kompliziert. Im Falle langsamer Bewegungen, bei denen Kopf und Blick
einem bewegten Objekt gemeinsam folgen, würde ein funktionierender VOR
beispielsweise durch Kompensation der Kopfbewegung eine Fixation unmöglich
machen. Tatsächlich findet man ein Aussetzen des VOR für solche Bewegungen.
Der letzte größere Bereich von Augenbewegungen betrifft die zur binokulären
Erfassung von Objekten - und damit zum räumlichen Sehen - notwendige
Koordination zwischen den Bewegungen beider Augen. Dabei muß einmal die
Blickrichtung der beiden Augen koordiniert werden (fusionale Vergenz), der
sich ergebende Parallaxenwinkel zwischen den Blickrichtungen beider
Augen ist dabei um so größer, je näher das fixierte Objekt dem Betrachter ist.
Zum anderen ist eine gemeinsame Akkomodation (akkomodative Vergenz) auf das
betrachete Objekt nötig.
In der Neurologie verwendet man die bei der OG gewonnenen Daten
routinemäßig bei der Diagnose neuronaler Läsionen und Ausfälle.
Die besonders gute diagnostische Verwendbarkeit der Augenbewegungsdaten gegenüber
anderen Quellen rührt dabei von einer Reihe von Besonderheiten her,
die die Interpretation gewonnener Daten erleichtern.
- Es fehlt beim Auge der für andere Glieder typische monosynaptische
Dehnungsreflex - was durch die gleichbleibende mechanische Last, gegen
die die Augenmuskeln zu arbeiten haben, zu erwarten ist.
- Beim Auge treten - wie im vorigen Abschnitt angedeutet -
eine ganze Reihe von klar unterscheidbaren
Bewegungsformen auf, die alle eine spezifische Funktion, bestimmte
Eigenschaften und ein definiertes anatomisches Substrat aufweisen.
Das Ausbleiben einer bekannten Reaktionsweise des visuellen Apparates
führt daher in vielen Fällen rasch zu einer Lokalisation der
neurologischen Störung.
- Augenbewegungen lassen sich verhältnismäßig einfach und
vor allem leicht quantifizierbar messen. Sie erlauben damit genauen
Aufschluß über die Arbeitsweise des motorischen Systems und die Art
der neurologischen Defekte.
- Augenbewegungen sind fast reine Rotationen und damit besonders
gut im Modell beschreibbar.
- Das Auge als bewegter Teil hat im Vergleich zu anderen Gliedern
verschwindend geringe Trägheit.
Die Augenbewegungsmessung, vor allem in der 2-D-Variante, birgt neben dem in
den letzten Abschnitten angedeuteten medizinischen und wissenschaftlichen
Nutzen auch Möglichkeiten zur praktischen und kommerziellen Anwendung.
Ein wichtiger Anwendungsbereich ist dabei die Blicksteuerung technischer
Geräte und Computer. Dies ist zum einen in Umgebungen interessant, in
denen die Hände für andere Tätigkeiten frei bleiben
sollen, zum Beispiel in der bemannten Raumfahrt, erlaubt irdisch vor allem
aber auch körperlich behinderten
Menschen die Nutzung ihnen sonst nicht zugänglicher Geräte.
Von großem kommerziellen Interesse ist die Blickfolgeuntersuchung
bei der Betrachtung von Bildmotiven beispielsweise im Marketing.
Eine der frühesten, beispielsweise von Helmholtz und
Listing1.12
angewandten Methoden zur Messung von 3-D-Augenbewegungen war die Methode
der Nachbilder, bei der von den Testpersonen längere Zeit ein räumliches Gitter
an einem vorgegebenen Punkt fixiert wird. Anschließend wird die Augenposition
(der Fixationspunkt) verändert und das nun gesehene Gitter mit dem von der
Netzhaut erzeugten Nachbild aus der ersten Fixation verglichen.
Daraus läßt sich insbesondere die torsionelle Komponente der Augenbewegung
bestimmen, was von Listing und Helmholtz zur Ermittlung von Listings Gesetz
verwendet wurde.
Listings Gesetz ist ein Spezialfall von Donders
Gesetz1.13,
das besagt, daß jeder 2-D-Augenposition ein eindeutiger Torsionswinkel
zugeordnet werden kann. Die Bewegung des Auges findet also nicht
in vollen drei Dimensionen sondern in einem zweidimensionalen Unterraum
statt. Listings Gesetz besagt, daß
diese Torsion so ausfällt, als ob die Rotation in eine bestimmte Position
aus der Referenzposition um eine einzelne Achse ausgeführt würde, die
senkrecht auf der Start- und Endrichtung der optischen Achse des Auges steht.
Das Auge befolgt die Vorgabe von Listings Gesetz in der Praxis während
Fixationen sehr gut (
)
Durch ihre geringe Exaktheit und ihre beschränkte Anwendbarkeit ist die
Nachbildermethode heute hauptsächlich von historischem Interesse.
Ein seit langer Zeit erfolgreich angewandtes Verfahren zur Messung von
Augenbewegungen stellt das Aufbringen von magnetischen Induktionsspulen auf die
Hornhaut dar.1.14 Durch oszillierende äußere
Magnetfelder wird in diesen Spulen induktiv Strom erzeugt,
der als Meßsignal abgenommen wird.
Mittels zweier nichtparalleler Spulen kann man die Augenposition
sehr exakt bestimmen. Da das Anbringen von zwei Spulen unhandlich ist,
wählt man eine spezielle Form der Spulen, die dann vollständig in
einer einzelnen Kontaktlinse eingebettet werden können.
Die großen Vorteile der Spulen-Methode liegen in der hohen zeitlichen und
räumlichen Auflösung. Auf der anderen Seite stehen als Nachteile die
Invasivität der Methode und die Stationarität des Apparates, die beide
insbesondere bei klinischen Untersuchungen die Untersuchung sehr erschweren
können.
Zwar gibt es Versuche, mit kleinen, kompakten Magnetfeldspulen eine mobile
Meßvorrichtung zu erhalten, doch spricht auch in diesem Fall die
umständliche Anwendung der Kontaktlinsen gegen eine klinische
Verwendung des Verfahrens.
Die Messung der Augenposition im Kopf ist nicht nur durch direkte optische oder
elektromagnetische Beobachtung, sondern auch durch Messung der elektrischen
Dipolmomentes des Auges möglich. Zwischen Retina und Cornea besteht eine Spannung
von etwa 1 mV, und die Messung des vom Auge erzeugten Feldes ermöglicht
Aufschluß über seine Lage im Raum.
Dieses Verfahren wird routinemäßig in der klinischen Praxis zu
Diagnosezwecken angewandt.
Eine andere Möglichkeit zur Bestimmung der Augenposition besteht darin,
die Reflektionen des Lichtes von zum Beispiel Infrarot-Leuchtdioden auf den
verschiedenen optischen Grenzflächen des Auges,
die sogenannten Purkinje-Bilder, zu lokalisieren
und aus ihrer Verteilung auf die Richtung des Auges rückzuschließen.
Für die Arbeit mit Purkinje-Trackern ist naturgemäß ein recht detailliertes
Modell der verschiedenen Grenzflächen und optischen Systeme im Auge erforderlich.
Erst durch jüngere Entwicklungen im Bereich digitaler Datenverarbeitung
möglich geworden ist die Video-Okulographie (VOG), bei der Bilder des Auges
mit Videogeräten aufgenommen und die aufgezeichneten Bilder anschließend mit
Computern ausgewertet werden.
Den Vorteilen der Methode - der Nichtinvasivität und der verhältnismäßigen
Mobilität der Apparate - stehen Nachteile im Hinblick auf die zeitliche und räumliche
Auflösung des Verfahrens entgegen. Während die zeitliche Auflösung durch
die Aufzeichnungsfrequenz (bei Videoaufnahmen in der Regel 50 Hz oder 60 Hz)
und die endliche
Belichtungszeit begrenzt wird, ist die räumliche Auflösung durch die Auflösungen
entweder des verwendeten Videosystems oder der eingesetzten Framegrabber-Hardware
begrenzt.
Da hier erst verhältnismäßig hochwertige Geräte akzeptable
Werte erreichen, ist die VOG im Verhältnis
recht teuer. Daß sie dennoch in zunehmendem Maße im klinischen Bereich eingesetzt wird,
verdankt sie dem entscheidenden Vorteil der leichteren Anwendbarkeit - und den stetig
fallenden Preisen digitaler Ausrüstung bei gleichzeitiger Leistungssteigerung.
Außerhalb der medizinischen Forschung ist zudem die durch Bildverarbeitung gestützte
Messung von Augenbewegungen die attraktivste Variante. Für die Blicksteuerung von
Windows 2000 wird sich wohl niemand Kontaktlinsen mit Magnetspulen einsetzen wollen.
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root
1999-04-24