Als Martin Walser erwachen

von Kai Schreiber

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Kennen Sie Gregor Samsa? Und finden Sie es nicht auch schauderhaft unhöflich und ungezogen von diesem jungen Mann, sich ohne rechte Not praktisch unter den Augen seiner Nächsten in ein ungeheures Ungeziefer zu verwandeln?

Na sehen Sie, da sind wir uns doch wieder mal einig wie selten, und könnten ganz ohne Verzug zu einer ganz anderen wichtigen Frage von Kinderstube und Benimmvermögen durchstoßen: zu Martin Walser nämlich.

Wie verhalten Sie sich, wenn Sie eines Morgens aufwachen, und Sie finden sich einen wirklich widerlichen Walser verwandelt? Nun, dem feingebildeten Menschen von Rang ist jedes Geschrei und Gefluche selbstverständlich ein Greuel, also halten Sie den Schnabel und jammern Sie nicht. Rufen Sie auch nicht um Hilfe, denn die käme nicht nur ohnehin zu spät, sondern Sie müssen sich ja auch erst in verschiedener Weise vorbereiten, ehe Sie Ihren entstellten Anblick Ihren Freunden und Bekannten wieder zumuten können.

Zunächst lassen Sie das selbstgefällige Grinsen sein. Das wird zwar vermutlich, da ihr Gesicht sich nun mal daran gewöhnt hat, die ersten Tage sehr schmerzhaft sein, aber freundliche Mienen werden es Ihnen danken. Außerdem sollten Sie die verfilzten, struppigen Augenbrauen abnehmen. Ihnen sind die sowieso bloß im Weg und anderen ersparen Sie damit die peinliche Situation, sich nach einem Probeziehen ("Sind die echt? - Darf ich mal?") wortreich zu entschuldigen. So renoviert können Sie jetzt zwar um Hilfe rufen, ohne Ihren Mitmenschen damit zuviel zuzumuten, viel erwarten sollten Sie davon aber nicht. Noch ist die Wissenschaft nämlich nicht imstande, einen Martin Walser zu behandeln, und es ist auch nicht zu erwarten, daß sich das in nächster Zeit ändern wird.