Unser peinlichster Moment

von Kai Schreiber

Quietschende Bremsen, kreischende Mitfahrerinnen mit ondulierten Haaren und kopfloses Bahnpersonal. Kind und Koffer fallen durcheinander wie die Kegel beim Schleudertraining, und allmählich fühlen auch wir ein sanftes Entsetzen in uns aufsteigen. Eine Situation, in der die meisten Leser sich schon befunden haben dürften, und die auch uns andauernd schlaflose Nächte bereitet.

Wir befinden uns, nackt und mit einer braunen Papiertüte über dem Kopf, im Raucherabteil eines Nahverkehrszuges, der in wenigen Sekunden seine Gleise unsanft verlassen wird. Weil nämlich ein rosaroter Gallertklumpen aus dem Weltraum draufgefallen und die Strecke damit unbefahrbar ist.

Eine grauenvolle Vorstellung! Aber warum eigentlich? Es gibt schließlich Schlimmeres. Hungersnöte etwa, oder Flutkatastrophen. Sterbende Wale, verseuchtes Erdreich unter verlassenen Panzergaragen, die Liste der Leiden ist lang.

Aber, liebe Leser, was die geschilderte Situation so unerträglich und unserem feinen Gespür so unaushaltbar macht, ist ja nicht der Tod an sich, der beim Verunglücken ja oft droht. Sondern die Vorstellung quält uns, daß unsere Liebsten, unsere nächsten Anverwandten vor den geborstenen Waggons stehen und mit Fingern auf unseren gleichfalls nicht mehr intakten, aber noch gut erkennbaren Leib, den Kopf vor allem, zeigen.

"Unrasiert!" rufen die Anverwandten erbost und wissen leider, wovon sie sprechen. Denn der starke Aufprall hat uns die Papiertüte vom Kopf gerissen. Daß alle Schaulustigen wenig später von rosa Schleim verspeist werden, kann uns nicht trösten, denn der gesellschaftliche Schaden ist schon angerichtet, der gute Ruf verspielt. Wenig Schlimmeres können wir uns vorstellen, als vom grimmigen Sensenmann heimgeholt zu werden, wenn kratzige Bartstoppeln die Visage entstellen.

Merken Sie sich also bitte ein für allemal: auch vor kürzeren Zugfahrten hat eine gründliche Rasur noch keinem geschadet.