Negativ Geld

von Kai Schreiber

zurück

Es ist allerfrühster Morgen, mein Wecker zeigt in Zeigerspreize gradlinig sanft mir an: der Tag beginnt erst, und tranig und ungläubig schlage ich die Augen auf. Es kann jedoch auch umgekehrt gewesen sein. Wenig darauf sicherlich schellt es laut und schrill an diesmal wohl der Tür, augenfrei wische ich zunächst ehe den Fuß aus dem Bett rasch bewege, dann aber, erneut forderndes drängendes Schellen, rasch schreitend mehrfach Teppichschmeicheln. Der Morgenmantel gleich übergestreift hüllt warm mich beim Gang zur Türe, die Hand schwer auf der Klinke ruhend zögere ich ein Blinzeln lang, dann entringt: "Ja?" durch den Spalt.

"Wir sind von der Finanzaufsicht. Dürfen wir hinein?" bullert adretter Mittelalterherr an— herein muß es, denke ich, heißen, brech ab—, den schwarzen Anzug sich glatt auf die Haut gebügelt, zurückgekämmt das feuchte Haar und Brille. Ich zucke Achseln, weise hinter mich, sage, um mich blickend trotzig, "Sechs Uhr, meine Herrn?" Die kurze Pause scheint mir unklar, rasch ergänz ich "früh." und schweige anklagend blinzelnd. Die beiden von der Finanz stehen unbewegt, gekrönt nun doch von schwarzen Melonen, saftig glänzen Frisuren, vor meiner Tür und so seufze ich endlich und trete zurück. Also schön, seis eben.

Allmählich aber erwacht mein Gehirn nimmt mit blankem Entsetzen zur Kenntnis, was sich abspielt. "Schon wieder!" schreit es, "wirf sie raus!" und "das ist doch dein Ende", krächzt es leblos. Benommen von all dem Lärm schlurf ich in die Küche, Zunge sinkt mir schwer ins Etui und blockiert, derweil die beiden Finanzen im Flur unnütz umstehen und verlegen fast Bügelfalten glattzupsen. Einen Kaffee gieße ich mir ein, biete nicht an, der auf der Maschine steht seit - kurzes Zögern - wenigstens doch wohl gestern früh, lasse die eingekochte und dufte Flüssigkeit Kehle hinabtropfen. Koffein zieht ins Gehirn mit großem Pomp und bringts zum Schweigen. Endlich nächster Absatz:

Der eine der beiden Schwarzen (Kleidung, Seele) hat unterdessen flache Aktentasche zu Boden gleiten lassen und macht sich, unzüchtig wie ungelenk gebückt, dran zu schaffen, zerrt ein Papier zuletzt aus und schwenkt es vor der Nase auf mir und nieder, triumphierend, scheints endlich blöd zufrieden.

"Sie hatten gestern", setzt nun überraschend der Zweite an und ein, "Sie hatten gestern" er lugt auf das fliehende Dokument in der Hand seines Kompagnons, "sie hatten gestern 350,- deutsche Mark über." Natürlich aber deutsche! Ihr Pingel! Was denn sonst, bleche ich stumm aber schon sinkt mein Mut ins Bodenlose—"erwischt" murmelt schwach betäubt mein Gehirn. "Schnauze", denke ich haltlos gegen, trinke wütend.

"Deswegen sind wir gehalten, ihnen für den heutigen Tag 1150,- deutsche Mark auszuhändigen, gemäß Wirtschaftskontrollgesetz §3 Absatz 2 in Verbindung mit..."

"Geschenkt" fall ich ihm ins Wort, das kenn ich—allein:

"...Verbindung mit §9 Absatz 3 (Straferhöhung bei Nichtverwertung, vgl. Anlage)", fährt er unbeirrt fort. Kaum hat er geendet, schon der andere:

"Wenn Sie hier quittieren wollen", und hält mir kleinen Zettel vor die Nase. Ergeben presse ich den Daumen aufs kleine Rechteck, hinterlasse den Abdruck und nehme, ergeben, das Geld zu Händen. Wortlos packt solang der andere sein Täschchen wieder zusammen, und schon sind sie weg. Ich setz mich erstmal.

Halbstunde später beim endgültig Frühstück zieh ich entsetzt Bilanz: 1150,- Mark in der Börse und kaum mehr eine offene Rechnung. Einkaufen, heißt das, doch was?—oder, nicht ungefährlich, Tricks. Zwischen zwei Schlucken Trockenkaffeepulver und der Ecke Streichkäse/Brotscheibe schlinge ich einen Hundertmarkschein weg, würge, spüre ihn zäh sich festbeißen, blutige Krallen in den Rachen schlagen, vergeblich. Schließlich langt er doch im Magen an. Glücklich geschafft. Noch 1050 auszugeben. Versuch, nicht dran zu denken. Nachdenklich drehe ich weiteren Schein in der Hand, reiche ihn prüfend weiter an die andere. Appetitlosigkeit dämmert sacht im Rachenraum, mein Glück. Ich stecke das Geld weg, ruhig sitz ich unentschlossen.

Plötzlich findet mein Finger spielerisch wie wütend den Knopf und der Bildschirm erwacht zu fremdem Leben. Kanal 3: die Küche der Blumbecks im ersten Stock und tatsächlich, da sitzens traut vereint am Frühstückstisch, der Vater hinter der Zeitung verkrochen, die Mutter traurig verhärmt deswegen und sehen ebenfalls fern—aus dem Augenwinkel nehm ich wahr, was sie sehen, daß sie umgekehrt in meine Küche blicken, ich in ihre Küche blicke und so fort, plötzlich ist da ein Anflug von Unendlichkeit; sofort ists mir peinlich (steht unter Strafe, wie so vieles), schalte rasch weiter zu Kanal 7, dem alleinstehenden Herrn Waldschreck (allein der Name), der so gut wie nie fernsieht und richtig: allein sitzt er vor seinem weichen Ei und grübelt, worüber ist mir doch gleich. Dann schellt es bei ihm, er scheint zu erwachen, geht zur Tür und als er die zwei Herren von der Finanz geduckt an seinen Tisch bittet, murmelnd, drehe ich entsetzt und wie im Schreck vollends ab. Ohnehin muß ich ja austreten.

Es ist eine Plage mit dem Scheißen. Die Regierung stellt solang ich denken kann jedem Bürger monatlich Sanitärpässe aus, mit denen der Computer einen überhaupt nur ins Klo reinläßt und wer keine Punkte mehr aufm Paß hat, der kann sehen, wo er scheißt. Ich hatte auf noch vier Punkte und mußte damit die nächste Woche überstehen, und klar, daß ich da Probleme kriegen würde. Jetzt mußte ich aber einfach. Kaum saß ich nun aufm Stühlchen, da ging unter mir auch schon derart erbärmlich ein Pfeifen und Schmatzen los, daß es mir das Drücken ganz verleidete. Einen richtigen ragenden Schreck bekam ich allerdings erst, als es, begleitet lauten Krachens, unerhört, grell aufblitzte. Gewitter—auf der Schüssel? Sterne tanzten vor meinen Augen als ich Minuten später aus der Zelle wankte und mit einem Ohr noch hörte, wie die schwere Tür sich wieder verriegelte—und erst als die Sterne sich verflogen hatten, wagte ich die beiden Hände von der Wand zu nehmen und nach der Post zu sehen.

Viel war nicht.

Ich trug die zwei drei Briefe zum Frühstückstisch zurück, riß unter Kauen einen wie den andern auf: und da, wie ein Schock Schrecken die Entdeckung: Rechnung vom Aufsichtsamt, wie im Trane überfliege, eile ich die Zeilen: "beim Koten... Sicherheitsstreifen... Geldwertvernichtung."

Scheiße. Die haben mir, das also der Blitz gewesen war, tatsächlich doch den Kot abfotografiert, analysiert, zerlegt, dabei den Geldschein entdeckt, den ich gefressen hab - es ist schon eines Affen, eine Affenschande.

Wutentbrannt werfe ich den Fernseher an, zappe mich hastig und zornentbrannt durch die Wohneinheiten im Haus, wo ist größeres Elend? Doch überall Selbes, leere, sterile Tische, Böden und erschrocken mein Blick zur Uhr: Schon nach sieben, noch eine Viertel, Halbstunde eher, und ich muß doch in die Druckerei. Müde welkt mein Sinn dahin. Noch mehr Geld! Eine Affenschande, nochmals. Hilft ja alles nicht.

Die Wohnung schon verlassen dreh ich nochmal um, zurück, und tatsächlich: liegen im Briefumschlag 200 Mark, Strafe für die Geldwertvernichtung—krepiert doch meinetwegen gern alle an euerm Geldwert, denke ich sanft, dann aber weg.

Auf der Arbeit gehts noch munter weiter, steht doch plötzlich der im Hintergrund wie versteckt lauernde Sicherheit auf, fröhlich fast, und hält dem Kowallek ‘nen Zettel (Vordruck) unter die Nase, mit Foto. Geld habe er eingeschmuggelt und zu den Stapeln mit den Neugedruckten getan, das sei klar zu erkennen auf dem Überwachungsbild und Personalnummer ja wohl auch (dämmerte Widerspruch?), und wenn er, der Kowallek nicht Schwierigkeiten (das jetzt aber gedehnt) wirkliche Schwierigkeiten erleben wolle, dann suche er jetzt doch bitte die Scheine selbst wieder raus. Der Kowallek steht kurz ratlos und verbissen greift dann zu, hab’ ich nicht gestern den Sicherheit selber gesehn, wie er? Herrisch huscht der Blick des Beamten durch den Saal, fotographisch sein Gedächtnis, hört man, spezielles Training, sagens, und die Macht streift ja nur, wen sie treffen will. Wir alle plötzlich geduckt arbeiten doppelt so schnell, der Kowallek hat jetzt wohl genug rausgenommen, aber so einfach gehts natürlich nicht ab, wo denkens hin, eine halbe Stunde später ist klar der Justiz da, packts Köfferchen auf - alle haben sie Köfferchen - und liest in Eile Urteil. 30 Tagessätze á hundert Mark solls geben, dabei hat der Kowallek doch Frau! Und Kinder! Und die Welt redet vom Wohlstand, daß ich mich bloß nicht deppert lach!

Und die ganze Zeit rattern endlos die Pressen und Walzen, Stück um Stück treiben die geheiligten Lappen an mir vorüber, unaushaltbare Menge, und jeder hundertste wird mir zum Signieren vorgelegt, lange Reihe von Tischen wie meinem erstreckt sich durch die Halle, überall wird signiert, mit dem Kobalt-11-Stift unverwechselbar signiert, warum weiß ja keiner hier, wäre doch Geldfälschen das letzte, was einer wollte, aber wir signieren stur weiter, bis die Scheine dann in Säcken verschwinden, nach Gewicht verpackt oder Wassergehalt oder sonstwas und ab nach draußen. Wir sind die einzige Geldfabrik weltweit. Hier müßte man mal... das aber lieber nicht zu laut denken, werweiß wird auch das schon abgehört und noch eine Strafe kann ich mir nicht erlauben, noch mehr Geld bringt mich um.

Mittags in der Kantine der nächste Schock: Brötchen zehn Pfennig, Wurst zwanzig, Käse sogar eine ganze Mark billiger das Kilo, die Halsabschneiderei nimmt allmählich unerträgliche Form an. So muß ich eben, der ohnehin zu viel ißt, abermals eine Wurst, Stück Käse mehr auf den Teller mir laden, und alles ohne Klagen, denn auf Klagen im Betrieb stehen 10 Mark Ordnungsstrafe. Zu erhalten in bar.

Geduckt und vorsichtig setzt sich Kowallek an meinen Tisch, wispert ein "Mahlzeit" aus zuckenden Lippen, sichtlich eingeschüchtert kaut er an ‘nem trocknen Brötchen. Ich merke, wie sein Blick mitleidig zu meinem übervollen Teller schwankt, unschlüssig, ob er mich ansprechen soll schlüpft es umsichtig aber schließlich doch aus ihm heraus.

"Wieder übrig gehabt von gestern."

Keine Frage, also antworte ich nicht, stattdessen:

"Ich geh heut’ mittag ins Stadion. Aufheitern", und er blickt halb angeekelt, halb interessiert, "was gibts denn", unterm Kauen.

"USA, Nicaragua glaub’ ich" murmeln, unterdessen die dritte Wurst, er verzieht nun endgültig das Gesicht, der Wurst, der Begegnung wegen?

"Ich finde", tupft sich den Mundwinkel mit der Serviette, "diese Kriegsspiele albern." Die Betonung straft das Lügen. Diese Anstrengung, nur irgendwas zu sagen.

"Würden wohl lieber selbst dienen?" blaffe ich zurück, eine Falle witternd, rede von den Ewiggestrigen, die weder das Aggresionslösende, noch das Unterhaltende einer militärischen Auseinandersetzung im Kleinen erkennen, aber er ist schon weg, unterwegs an den Arbeitsplatz. Recht hat er.

Mir kann er meine Vorfreude ohnehin nicht nehmen.

Langsam gleitend fast schiebe ich jetzt mählich meinen Körper über den Marktplatz dem Stadion zu, um die Ecke lange Gesichter sich strecken, Nase voran und zischeln müd die bekannten Worte, immer auf der Hut, ein Sicherheit immerhin könnt sie ja ertappen, angesprochen von ihnen verärgert die Konsequenz ziehen und ihnen den Tagessatz gewaltig erhöhen, sie dann vergeblich gearbeitet hätten. Die fast abgelaufne Klosettkarte spukt mir leer im Kopf herum und tauben Gebeins verfüg ich mich doch an eine Ecke, strecke der Langnase die Hand hin: "Na?" fragts sofort; - "was darfs denn sein." Woher die die Sicherheit nur nehmen, und die alte Idee: alles Staatsangestellte: steigt wieder hoch in mir. "Klosettkarte erneuern" hauche ich kraftlos und seh einen rasch verstrichnen Moment lang ihn hämisch den Mantel breiten, die silberne Marke blitzt im Licht, "Sicherheit", lacht er und zückt den Block, Schwindel ungläubig, dann wieder alles wie gewesen—"gib her, gib schon her", die Nase wispert und mir schon Sekunden nach Aushändigung das Ding zurück mit hundert Mark drumgewickelt und ist weg. Keine Fragen, kenn ich schon.

Das Stadion ist fast schon ausverkauft und lächelnd genieße ich das Privileg, vorgemerkt zu sein, die Karte schon zu besitzen und schiebe und drücke mich an allen Schlangen vorbei das enge Tor hindurch in den hohen weiten Raum, eine Menschenmasse, die sofort auf mich einbricht, wiegt sich sacht in gespannter Erwartung, dann meine Aufmerksamkeit aber nur noch dem Rund der Mitte gilt, den aufgetürmten Erdmassen, die dschungeldampfendes Versteck bieten der Guerillapartei; da langsam bemerke ich aufsteigen die alte Begeisterung und lasse unmerklich im Gedräng den Hunderter fallen, Füße drübermarschieren und ihn zerreißen. Stunden später wird die Maschine im leeren Stadion den Sicherheitsstreifen finden und nichts unternehmen können, der Schein ist nicht auf mich registriert—"geh weiter."

Einmal umkreist die ganze Masse das Rund in der halben Stunde, und sehe ich also das Gehügel von allen Seiten, als die beiden Mannschaften, etliche hundert Mann jede messend, den Einlauf haben, der Schiedsrichter metergroß auf der Tafel prangt und sanften Wortes die Einführung spricht, die immergleiche: "Die Abstraktion des Unverstandnen, Unvermeidlichen —Vertauschung der Maßstäbe—großer Dank dem Der-Und-Der—undsoweiter", dann es an die Ausfindung der Rollen geht: USA – Nicaragua ja antreten, daher auch der Dschungel, die Berge; Frage nur bleibt (die Veranstaltung ja die Historie überwinden, nicht wahren soll), wer Guerilla, wer herrschende Clique, und die Hunderttausend des Publikums stimmen rasch ab, nicht überraschend freilich: die Staaten in die Guerilla; ohnehin ja ihre Mannschaft nur wenig Sympathien genießt. Der Schiedsrichter ernsten Blickes verläßt die Arena, die amerikanische Mannschaft versinkt im Grün, während die Nics ihre Stellungen nach und nach beziehen. Minutenlang dann herrscht Ruhe, bis pfeifend die ersten Granaten aus dem Wald brechen und krachend einschlagen, wenig Schaden allerdings anrichten und ein rundes, schmiegsames Stück Plastik sich in mein Ohr schiebt: "Nicht erschrecken. Bloß nicht merken lassen."

Während rings immer lauter die Einschläge heulen und die ersten Nics Opfer der überraschend massierten Angriffe werden, Blut in Großaufnahme auf der Leinwand, hat Kowallek sich zu mir vorgearbeitet. "Hör Dir lieber an"; was er zu sagen hat: die Klokarte hat er beobachtet, die hundert Mark unter meiner Nase und mir wird kalt. "Was?" er wolle, gehaucht.

Ob ich von den Palpateken, irgendwas? Gehört? Ich verneine, noch immer nur den eignen Kopf kreisen spürend, und trete von Bein auf Bein, bemüht um Haltung. Ich solle mir lieber anhören, wisperts in meinem Ohr, aber nicht hier, unterdessen die ersten Leichen vom Platz kommen, und noch eh ich protestieren, die Aggressivitätskompensation einklagen kann, wie gelernt, "daß eh alles nicht echt ist" mir entgegenschlägt, stärkerer Schwindel, und die Beine knicken weg.

Umfallen freilich ist in der Enge nicht möglich, Sekunden wohl hänge ich so schwer zwischen den Leibern, fühle ihre Wärme gleichgültig anbranden, und hör wieder die Stimme. Ohnmacht zum Glück unbemerkt geblieben, "draußen vor dem Stadion, in die Kloake." zischt es, ich wende vorsichtig nun den Kopf, niemand zu sehn, und begreif endlich: der Fernsender im Ohr, das Plastikstück, und mehr noch fällt mir ein: die Restemission, das Ausstrahlen und die heiße Selbstvernichtung des Apparats, die gerüchtehalber als Horror geistert. Wochenlanges Ohrschmerzen, schlimmstens eben Verlust des Gehörs. Zornig schreie ich auf, es untergeht im Schlachtenlärm und begeisterten Rufen der Menge wie man stirbt, und schon sehe ich wankend einen Sicherheit durch die Masse pflügen, weichend die Nächststehenden und singend nun in meinem Ohr steigt Wärme an, schon näher rückt derweil der Sicherheit. Mit leisem Geräusch steigert meine Verkrampfung sich erheblich, die Sicherheit kommt an, greift wortlos dem Nachbarn an den Kopf, wendet ihn ruckartig nach links, rechts, blickt in Ohren, läßt fahren. Greift dem nächsten ebenso, Ruck links, Ruck rechts, Innehalten. Neuter Ruck links. Augen verengt jetzt zu Schlitzen und greift zum Holster. Leblos gleich darauf sinkt der Arme mit gelochtem Haupt, der Knall treibt die Gesichter fort, der Leib wird von der Menge zerrieben werden und entbehrlich bleiben: der hats hinter sich. Hoffentlich keine Familie, sonst verschwindet auch die. Kälte zieht sich zusammen, doch die Sicherheit nach kurzem Kontrollblick auf ein Gerät schiebt sich halbzufrieden davon. Ich bewege mich kein Stück bis der Kampf zuende, die Massen sich in Bewegung setzen, mich mitzerren vor das Stadion, und dort halte ich an. Ob ich überwacht? Die Sicherheit das Ablenkungsmanöver durchschaut? Nicht einmal ins Ohr zu fassen habe ich noch gewagt, aufatmen lediglich wegen der ausbleibenden Hitzeschäden. Doch keinen Verdacht geschaffen, Kugeln fliegen schnell; und jetzt: wo ist die Kloake, von der Kowallek faselte? Nie davon gehört, Kloaken sind verpönt, ausgemerzt, das reine Wort schon Anachronismus und selten noch ausgesprochen. Zuviel Organisches ist ja unerwünscht, wir verteilen die Abfälle, bis sie unerkennbar sind und alles durchdringen, geschissen sicherlich die Luft, die wir atmen von tausend Ärschen. Soll ich also stehenbleiben, ratlos?

"Überall ist Kloake", zischt man im Vorübergehen wund und Gesicht abgewandt, "gut erkannt." Und verschwindet in der Menge. Zäh vergehn Sekunden, in denen wirbelnd durch den Kopf mir Fragen schießen von Gedankenkontrolle und Palpateken, Gerüchten und der Kloake, als plötzlich doch noch vor mir hält ein Kleinlaster, umspült von den Menschen, die ihn nicht zu sehen scheinen. Die Tür gleitet nach oben weg, ein erhobener Flügel in die starre Luft, Gesicht erscheint, Körper beugt sich: Kowallek. Laut nun seine Stimme und hart hallt über die Menge, die sich nicht kümmert, "Palpateken", ruft er. "Die Kloake muß weg!" und winkt mir kraftvoll zu. Wie zufällig gehe ich auf den Wagen zu, bemüht, der noch immer wie selbstverständlich in der Menge steht, steige ein und spüre endgültig sich die Tür in meinem Rücken schließen. Ein Geräusch und auf der Windschutzscheibe wechselt das Bild: jetzt sieht man nach hinten, "Computerschirm" brummt Kowallek und fährt rückwärts los, der strömenden Masse in den Rachen, läßt sich weiter verschlingen. Zurück ins Stadion.

"Sonst sehen sie uns nicht", bestimmt, fest, als hätte es seinen Sinn, "sie müssen uns sehen", und fällt endgültig ins starre Schweigen, als wollte er bedeuten, daß die endgültige Entscheidung über mein Schicksal nicht gefallen, vorher das Nebensächliche nebensächlich geworden. Der Dschungel schlägt über dem Gefährt zusammen, klar der Blick und dann hält es an. Die Scheibe erlischt, ist kurz nicht mehr von Wänden zu scheiden, ein Gesicht plötzlich drauf, ein weiter Raum voller Dinge, dezent die Uniform.

"Wir sind auf dem Weg", brummt Kowallek, ein Nicken Antwort, der Blick des andern geht nicht von mir ab, seziert mich kalt, und unwohl rücke ich zurecht. Kowallek derweil bedient Geräte. Dann erlischt der Schirm, flammt wieder auf: endlose Weite, das Auge stürzt ins Bodenlose und vereinzelt schweben Objekte, die Tiefe durch ihr Gegenteil vollständig zu machen. Laut der Überraschung, den ich erst nach Sekunden mir selbst zuordne, entfährt und Kowallek ruhig, "gleich sind wir da", ohne aufzusehen fährt mit der Hand sich durchs Haar. Kurze Pause, ergänzt dann, "willkommen im Innersten" und wendet sich ab.