Vom Nutzen der Lesung

von Kai Schreiber

Gespannte Stille herrscht im Saal. Kaum einem der zahlreich Erschienenen entfährt jetzt noch ein Leibwind, kaum einer putzt sich die Nase oder bohrt gar darin, denn alle haben sie jetzt Wichtigeres zu tun. Es gilt, beide Ohrwaschel weit aufzusperren, um nur ja keines der zahlreichen Worte zu versäumen, das die Vortragenden auf ihrem Podest sorgfältig präpariert haben. Gerade wird noch der Eröffnungstext, ein Benimmtip, vorgelesen, da passiert es: Wie aus heiterem Himmel niedergemäht stürzen die Künstler um und von ihren Stühlen. Herzinfarkt. Alle tot. Die Aufregung war zuviel für ihre zarten, unschuldigen Herzen.

Im Publikum macht sich leichte Unruhe breit. Ist das lediglich metaphernsichere Darstellung des Zustandes der dt. Literatur nach fünfundvierzig? Ein sinnschwerer Ausdruckstanz? Oder doch nur ein langweiliger und alltäglicher Notfall ohne jede tiefere Bedeutung?

Schließlich wird jemand im Publikum aufstehen, einen entschlossenen Blick in die stille Runde werfen und forsch fragen: "Ist ein Autor anwesend?" Es gibt keinen Grund, aus dem Sie das tun müßten, denn irgend jemand ist immer im Raum, der sein Verantwortungsgefühl laut unter Beweis stellen will.

Nun heißt es im Gegenteil, liebe Leser, kühlen Kopf gewahrt und klug und umsichtig gehandelt. Der Schriftsteller von Rang wird nämlich keinesfalls aufdringlich und selbstgerecht als erster den Kasper machen und sich anbieten, den Abend durch Selbstgeschriebenes zu retten. Vielmehr wird er, sobald der oder die Erste sich erhebt (und sie dürfen sicher sein, daß alle Anwesenden das ein oder andere schwülstige Gedicht im Keller haben), vehement dafür eintreten, die Lesung um der Pietät willen ganz ausfallen zu lassen. Dafür sollten sie nun also erbittert streiten, um ganz nebenbei einfließen zu lassen, daß sie ja schließlich auch nicht gerne gesehen hätten, wenn bei ihrer übrigens fulminant verlaufenen Lesung kürzlich jemand anderer über ihre noch warme Leiche hinweg usw. usf.

Bringen Sie alles hinreichend bescheiden und andeutungsvoll vor, dann wird schon bald jeder nur noch Sie vorne sehen wollen, und man wird Sie inständig bitten, doch vorzutragen. Tun Sie es widerstrebend, aber tun Sie es vor allem schnell, ehe die Menge sich anders besinnt, denn sie hat bekanntlich weder Verstand noch Geschmack und könnte es sich nochmal überlegen.

Falls im Übrigen die Vortragenden Ihnen heute den Gefallen nicht tun wollten, und, statt sanft hinzuscheiden, selber lesen, hören Sie still und geduldig hin. Ihre Stunde kommt ganz gewiß.