Die Scham eines Großen schweißt zusammen

von Kai Schreiber

Als Walter Jens vor vielen Jahren
einmal ein Bier bestellte, zahlte und bekam,
da war er nicht allein, in jener Kneip’ und Stunde waren
auch wir beide frischverliebt Betrachter seiner Scham.

Als erster merkte ich: es zog ein roter Schimmer
dem Denker von der Nase in die Stirn und fraß sich fest,
erglühte feurig, strahlte grell und wurde immer schlimmer.
Dann rauntest Du: "Ich glaube ihn verläßt

jetzt die Kontrolle seiner klangerzeugenden Organe",
und wirklich, es entfuhr dem Greis ein Laut,
gequält, voll Sorge, lang, als ob er wisse oder heimlich ahne,
daß jemand ihm beim Trinken ins Gewissen schaut.

Du strichst die krause Stirn und legtest sie in Falten,
gebeugt war schon der Rücken des Genies,
ich wisperte, "jetzt geht’s zuende mit dem Alten",
doch du: "Ach Quatsch. Ihn, den doch der Mut niemals verließ,

ihn, der aufrecht aller Feinde Schmähen,
den herb antiken Schwanentodsgesang,
das samstagmorgendliche Rasenmähen,
und Lärm, und finstre Zeit, und Untergang bezwang,

Ihn legt ein Bier nicht zwischen holz’ge Stege,
Ihn zwingt der Gerstensaft so früh noch nicht ins Grab!
Der geht noch tapfer rufend aller andern Menschen Wege,
und sticht in weiche Erde seinen weichen Stab,

der überlebt uns alle, wirst schon sehen,
und sei es nur daß sein Gedächtnis später lügt",
und wirklich, da! Der Greis stand auf, das Bier blieb stehen,
wir saßen da und starrten staunend, stumm
zuerst das Glas an, dann einander in die Augen,
dann wieder haltlos im halbdunklen Raum herum,
"das Bier könnt einem andern noch zum Saugen taugen"
mit diesen Worten, denk ich heut, hat Walter Jens sich selbst gerügt.

Wir hörten ihn im Abgehn leise sagen
"Vielleicht ein Bier, das wäre nicht gelogen,
und doch ist so die Scham nicht allzugroß",
dann war der dunkle Sturm, der weise greise Mann vorbeigezogen
wir waren, Walter Jens auch, alle Sorgen los,
und sind nur fester noch ein Paar seit jenen Tagen.