Infizieren - aber richtig!

von Kai Schreiber

Da waren wir nun monatelang kerngesund und strotzend, echte Wonneproppen mithin und der Stolz der Familie - und jetzt plötzlich das. Anschwellende Lymphknoten, zuschleimende Atemwege. Gelenk- und Gliederschmerzen. Aufbrechende Pestbeulen. Kurz: die gesamte Bakterienwelt scheint sich gegen uns verschworen zu haben. Und das beste: Antibiotika-Präparate helfen plötzlich nicht mehr. Das ist herbe Enttäuschung, ist Lebensunlust pur.

Dabei könnten ein paar einfache Regeln jedem helfen, solch harte Schläge zu vermeiden. Zum Beispiel muß es ja nicht immer gleich die allerneueste resistente Cholera aus Hongkong sein. Eine gepflegte Salmonelleninfektion, so wie früher, tuts schließlich auch. Und wenn die kleinen Racker dann noch aufs Penicilin ansprechen, ist alles nur noch halb so schlimm.

Zwar ist - wie überall - auch im Bereich bakterieller Infektionen die Versuchung groß, stets das schwer Erreichbare, Exklusive haben zu wollen. Aber ein wenig Nachdenken läßt schnell die Vorzüge harmloser Infektionen vor - zum Beispiel - unheilbarer Beulenpest zutage treten. Denn so attraktiv es sein mag, in den ersten Tagen der Erkrankung von einer aufgeregten Menge neidischer Besucher und Schaulustiger umlagert zu werden, so verärgert ist man, wenn dann ausgerechnet während der schmerzhaften Endphase die Aufmerksamkeit schlagartig nachläßt, weil plötzlich jeder dieselbe modische Krankheit hat - oder zumindest so tut.

Und das bringt uns auf die - neben Maßhaltung und Bescheidenheit in der Auswahl der Krankheit selbst - wohl beste Taktik im Umgang mit Infektionen: täuschen Sie die Siechheit einfach vor. So ist sie nicht ansteckend und bleibt schön exklusiv - und wenn die Mode plötzlich wechselt, ziehen Sie im Nullkommanix nach und kriegen einfach ein anderes Leiden nicht.

Kranksein kann so leicht sein.