Goethe als Elementarteilchen

von Kai Schreiber

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Jedem Leser dieser Schrift ist sicherlich bekannt, welch herzliches Verhältnis der pfiffige Großdichter aus Weimar zur Naturwissenschaft unterhielt, trotzdem sei es hier noch einmal unterstrichen: Goethe selbst war durchaus den Geifereien gegen Newton, seiner merkwürdigen Farbenlehre und seiner botanischen Gehversuche zum Trotz immer auch und vor allem Naturwissenschaftler. Keine Frage also, daß der Meister, würde er heute wiedergeboren, nicht etwa Günter Grass, Wolf Wondratschek, Sarah Kirsch oder Bodo Kirchhoff werden wollte, sondern ein vitales, dynamisches Elemtarteilchen. Bloß welches?

Da stehen wir also zunächst vor der kniffligen Entscheidung: Hadron oder Lepton? Völlig klar, daß die Entscheidung Goethes für die Hadronen ausfallen muß die fehlende innere Struktur aller Leptonen ist schließlich jedem Goethekenner von Kindesbeinen an ein echtes Greuel. Insofern ist uns also die erfreuliche Mitteilung möglich: Goethe könnte keinesfalls Elektron werden, um womöglich dann als Datumspunkt einer Digitaluhr zu enden. Gefahr gebannt!

Die weitere Eingrenzung jedoch wird schwieriger. Baryon oder Meson, lieber Herr Geheimrat was darf es sein? Da ist guter Rat nun wirklich teuer; zum Glück aber hilft uns eine andere Unterscheidung aus der Patsche: Sind nicht die Baryonen, durch ihren halbzahligen Spin alle auch Fermionen, gehorchen also der Fermi-Dirac-Statistik? Und bedeutet nicht, dieser Statistik zu gehorchen, daß nur immer ein Teilchen pro Niveau erlaubt ist? Andererseits gehorchen die Mesonen ja der Bose-Einstein-Statistik, in der alle Teilchen sich auf demselben Niveau aufhalten können, und dies auch überwiegend tun. Schamloserweise wählen die Mesonen aber meist das tiefste Niveau, das zur Verfügung steht, für ihre Versammlung na, da stelle man sich mal unseren geheimen Rat vor! Das gäbe ein Geschrei!

Nein, es steht ganz außer Frage, für Goethe muß es nun einmal ein Baryon sein, auf seinem einsamen Niveau unvergleichlich. Nun ist nicht mehr schwer zu erraten, welches: doch wohl kaum eines der Hyperonen - zu exotisch, zu schwer nachzuweisen und viel zu kurzlebig. Das Neutron aber, als eben neutrales Ding, fällt gleichfalls durch.

Nein, es bleibt eben für Goethe nur das Proton übrig, mit entschieden positiver Ladung, in starker Wechselwirkung mit der Umgebung, durch eine enorm lange Lebensdauer Goethes literarischem Werke gleich und, plaziert ja in den Materiezentren der Welt, von elementarer Bedeutung. Daß das Proton von innen besehen aus dreifachem Quark besteht, darüber sehen wir hier gerne hinweg.

Wir hätten es beim wirklichen Goethe schließlich auch getan.