Der Besuch

von Kai Schreiber

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Im Halbdunkel des beginnenden Tages rumpelte eine klapprige Kutsche den Weg zum Lustnauer Tor hinauf, auf dem Bock ein kleines, gebücktes Männlein mit verwittertem Gesicht und schäbiger Kleidung, und auf der Rückseite ein Messingschild: "Wenn Du das lesen kannst, bist Du ein Pferd". Die mit glitzerndem Metall beschlagenen Räder waren kaum zum Stillstand gekommen, da hüpfte auch schon der Gnom vom Bock, wieselte nach hinten und öffnete den Verschlag mit einer Verbeugung, die ihn noch ein Stück kleiner machte, als er ohnedies schon war.

Zögernd schob sich ein mit bunten Sportschuhen bewehrter Fuß ins Freie, das zugehörige Bein steckte in einer Hose aus dehnbarem Stoff, mit zwei farbigen Streifen längs der Außennaht und zahlreichen Flicken. Quälend langsam erschien das zweite Bein, dann endlich der in ein bunt bemaltes Hemd gehüllte Oberkörper, und schließlich ein bizarrer Schädel, aus dem eine gewaltige Nase wie ein Bollwerk hervorstand. Die Haare trug der Ankömmling vorne auf die Länge eines kleinen Fingers gestutzt, während sie ihm rückwärtig prächtig und fettverklebt bis weit in den Nacken hinabfielen. Mehr still gebannt als erstaunt oder aufmerksam betrachteten das seltsame Schauspiel zwei Weinbauern, die zum Fassen der Trauben bereiten Kiepen auf den gebeugten Rücken, und blickten einander zuweilen ratlos in Augen.

"Endlich da, blöder Sack. Wird ja wohl auch Zeit.", motzte Riesennase und rümpfte dieselbe gleich darauf. "Puh, hier stinkts ja gottserbärmlich. Der Schwabe scheißt wohl recht laut", rief er provozierend und lachte gleich darauf anhaltend über seinen gelungenen Scherz.

"Hä-hä, scheißt sehr laut", wiederholte er noch einmal und klopfte dem Kutscher jovial auf den Rücken. "Und in dem Dreckloch wohn ich wohl?" fragte er, und ging dann ohne Antwort abzuwarten, zur Tür. "Ficken", sagte er vernehmlich und trat ein, während der Kutscher schmerzlich die Miene verzog und sich daran machte, das Gepäck auszuladen.

"Wa ischn des fir oiner?" fragte ratlos der eine Weinbauer den anderen. "Wa hotn der fir Schua oh? Dia gibts doch no gar ned"

"Desch dr Geethe", erwiderte der andere gedehnt, "der ischd älleweil seiner Zeit weit voraus gwä."

Die beiden verharrten einen Moment schweigend, während der Kutscher keuchend die Köffer Goethes in die "goldene Traube" trug, dann sagte der erste mit einer wegwerfenden Handbewegung: "Der moint halt au, er wär dr Käs, derwelsch stenkt r bloß."

Und lachend gingen die beiden braven Weinbauern davon.

Als der geheime Rat in den finsteren Hausflur getreten war, sah er zunächst überhaupt nichts.

"He!" brüllte der Dichter, doch nichts geschah.

"Idioten", grunzte er, fuhr sich mit der Hand durch die Haare und machte ein paar Schritte in die Finsternis hinein.

"Hey", wiederholte er etwas lauter, und fügte nach einer kleinen Pause ein wohldosiertes "ihr schimmligen Kackeimer" hinzu, denn er wußte um die Fixierung der Einheimischen auf die Latrine.

Von Ferne näherte sich nunmehr ein flackerndes Licht, das vor einem erschrockenen Gesicht hergetragen wurde, aus dem es gleich besorgt herausfragte: "Bitte um Vergebung, werter Herr. Mit wem han ich das Vergnügen?"

"Das Vergnügen werden wir schon sehen, du Sackpfeife", bellte Goethe giftig, "Ich bins, Goethe, nicht deinesgleichen. Ich will sofort auf mein Zimmer und dann was Gelenkiges zum Aufwärmen, aber dalli."

Das Gesicht hinter der Kerze wurde ein wenig länger und schmaler, und nahm einen beinahe ehrerbietigen Ausdruck an.

"Ja was! Der Herr Geheimrat selber!" hauchte das Gesicht und zückte aus einer unbegreiflichen Falte seiner Kleidung ein kleines Buch. "Wir haben sie schon sehnlichst erwartet, Herr Geheimrat. Wenn Sie mir nur vielleicht, eh sie auf Ihr ehrenwertes Zimmer gangen, hier einen Namen hineinschreiben täten, ins Buch. Das wär sehr freundlich."

Der Herr Geheimrat hatte während des ganzen Sermons mit einer dunklen Mischung aus Spott, geschmeichelter Eitelkeit und Ungeduld auf das Gesicht hinabgeschaut und ergriff nun mit allen Zeichen zufriedener Sattheit den Griffel, während er schon erwog, wie er den armen Kerl gleich zur Sau machen werde.

Doch zunächst drehte er den Titel des ihm zur Signierung gereichten Bandes ins Licht und starrte blöde und verblüfft auf die Buchstaben.

"Der Zauberlehrling?", blökte er verständnislos. "Was soll denn der Scheiß? Das ist überhaupt nicht von mir, du Hundeschiß."

Wutentbrannt giftete er den Gastwirt an, der mit einemmal gar nichts mehr begriff, und hätte ihn wohl auf der Stelle zu einem Häufchen rauchender Asche niedergeschmäht, wäre nicht der Kutscher in dem Moment ächzend zur Türe hereinmarschiert, und, mit einem Bilck die Lage begreifend, eiligst schlichtend dazwischengetreten.

Aus fast geschlossenen Zähnen zischte er etwas von früher Morgenstunde, langer Fahrt, Vokuhila und Denkvermögen und drängte den erbosten und wild gestikulierenden geheimen Rat die Treppe ins Obergeschoß hinauf. Der ließ sich zwar willig abführen, schimpfte aber auf dem ganzen Weg bis in sein Zimmer aufs Unflätigste die dunklen Stufen hinab, doch ins Leere, denn der arme Wirt hatte sich längst in seinen Grundfesten erschüttert in seine Stube verkrochen und starrte auf das schöne Bändchen in seiner Hand, seinen ganzen Stolz, der nun so plötzlich entwertet schien.

"Walle walle", gluckerte er ratlos, dann brach er in Tränen aus.

Das Zimmer, in dem der Geheimrat von seinem Kutscher schließlich abgeladen wurde, hatte ein winziges Fenster, das auf die Straße hinausblickte, über die sie gekommen waren, und auch jetzt sah der noch immer erboste Goethe eine Kutsche fern aus Lustnau heranrumpeln und sich dem Stadttor nähern. Und für einen Moment war ihm, als säße in der Kutsche er selbst und doch nicht er selbst, und auf dem Bock oben sein Kutscher, der doch eben erst zur Türe hinausgegangen war, doch dann war der ganze Spuk auch schon vorbei und Goethe rieb sich die Augen.

"Zuviel gesoffen", dachte er belustigt, "kommt davon", und zuckte erschrocken zusammen, als eine gewichtige, strenge Stimme wie als Echo seiner Gedanken ertönte.

"Du warst schon immer ein wenig ungläubig, Albaris", klang es aus einem finsteren Winkel des Raumes. "Würdest Du ein wenig mehr auf Dinge wie diese Kutsche achten und ein bisserl weniger saufen, dann müßte ich vielleicht nicht hiersein."

In dem Winkel bewegte sich ein Schatten, eine Person erhob sich und seufzte.

"Ist das nicht spaßig, Wolfgang, daß ich extra aus Gotha hierher kommen muß, um mich mit einem Goethe herumzuärgern, oder einem Albaris?"

Goethe stand wie gebannt, starrte auf den Schatten, und man sah förmlich, wie sich in seinem Kopf die Gedanken jagten.

"Adam?" fragte er schließlich zaghaft und wie von schlechtem Gewissen übertäubt, und die Gestalt raschelte ein bißchen, als lachte sie stumm.

"Natürlich, Albaris. Wer denn sonst."

"Nenn mich nicht so", sagte Goethe trotzig, doch Adam schien den Einwurf zu überhören.

"Du machst uns große Sorgen, Albaris. Sehr große Sorgen sogar."

Albaris wandte sich wieder ab, starrte zum Fenster hinaus und schwieg.

"Du schweigst", sagte Adam schlau, "und das ist klug von dir. Du erinnerst dich ja sicher, was üblicherweise passiert, wenn du nicht schweigst? Wie du damals beispielsweise Schiller eine Hormonschwuchtel genannt hast? Oder Gotthold einen schwanzlosen Religionsschwachkopf? Der arme Kerl wär beinahe gestorben."

"Das ist jetzt zwanzig Jahre her, Adam", versuchte Albaris eine halbherzige Ausflucht, "und außerdem stimmt es doch wohl."

"Das tut nichts zur Sache. Was glaubst du, wer deine ganzen Scharten wieder auswetzen muß? Wir hatten ein Abkommen, Albaris, getroffen bei deinem Eintritt in unseren Kreis. Du solltest unserer Sache dienen und dafür von uns eine einflußreiche Position erhalten. Und unserer Sache zu dienen, Albaris, bedeutete, auf die Unflätereien zu verzichten, und ehrenwert und wohlfällig zu dichten. Und was tust du stattdessen?"

"Ich schreibe", bellte Albaris trotzig dazwischen, "oder etwa nicht?"

"Oh, natürlich schreibst du. Soll ich zitieren? ‘Gedicht an mein Geschlecht. Du bist so groß als wie ein Specht. Das ist mir durchaus recht.’

So hatten wir uns das nicht vorgestellt, Albaris. Wir dachten an hehre Werke, die die Nachwelt einschüchtern und uns gefügig machen sollten. An Monumentales, das das Selbstbewußtsein von Generationen von Menschen dämpfen sollte. Über diesen Mist lachen ja nichtmal die Hühner. Soll ich noch eins zitieren?"

Albaris winkte kraftlos ab, doch Adam fuhr unerbittlich fort.

"Aphorismus: Es spricht der Christ: Ein gutes Rohr ist leicht verlegt, noch eh die Glocke dreizehn schlägt, da spricht der Jud: ein so ein Mist, ich sag ja: dumm fickt gut."

"Ich kanns halt nicht besser", brummte Albaris, "ich war schließlich freiberuflicher Ochsenziemer, als ihr mich geworben habt, das weißt ja wohl noch."

"Geworben ist gut, mein Lieber. Du bist doch auf Knien durch Ingolstadt gerutscht und hast jeden nach dem geheimen bayrischen Illuminatenorden gefragt, bis wir dich dann aus dem Verkehr gezogen haben. Und das werden wir übrigens auch jetzt wieder tun, bloß ein wenig gründlicher als damals."

Der Schatten ragte nun bedrohlich auf, schien den ganzen Raum zu erfüllen und dann zum Nebel zu zerfließen. Albaris wurde einen Moment ein wenig schwindlig.

"Das könnt ihr nicht", sagte er schwach, "dazu bin ich schon zu mächtig. Ihr braucht mich." Eine diffuse Übelkeit stieg im Körper des Dichters auf und wölbte seinen Brustkorb weit hervor. Albaris hielt den Atem an.

"Irrtum, mein Bester. Wir brauchen Johann Wolfgang Goethe, einen würdigen, eindrucksvollen, geistreichen Schriftsteller und Politiker, nicht dich. Schau dich doch an, wie du aussiehst, wie du rumläufst. Wie du dich benimmst. Du bist nichts als eine Last für uns. All die Bücher, die wir für dich schreiben ließen, und die unter deinem Namen durch die Welt geistern. Ach, es ist eine Last."

Nach diesem Ausruf entstand eine kleine Pause, in der Adam sich zu besinnen schien und aus Albaris pfeifend die Luft entwich, dann sprach Adam rasch weiter.

"Kurz und gut: du wirst diesen Gasthof nicht verlassen, jedenfalls nicht als der, der ihn betreten hat. Wir Illuminaten haben dir deinen Namen gemacht, nun nehmen wir ihn dir wieder. Du bist nicht würdig, ein Goethe zu sein."

Albaris wandte sich abrupt vom Fenster ab und ging auf den Schatten zu, hielt jedoch auf halbem Weg inne.

"Das könnt ihr nicht machen", sagte er noch einmal schwach, doch Adam war schon auf dem Weg zur Tür. "Du warst damals ein erbärmlicher, stinkender Mistfink", sagte er, ehe er sie von außen schloß, "und das wirst du wieder sein. Wir lassen uns den Großen Goethe-Plan doch von dir nicht zerstören."

Und in just dem Moment, in dem Adam die Tür des Zimmers schloß, rumpelte die Kutsche, die Albaris vom Fenster aus hatte näherkommen sehen, am Gasthof vorbei und durch das Tor in die Stadt, wo der Verleger Cotta schon auf seinen Gast, den großen Dichter Goethe wartete und ein Bändchen des Zauberlehrlings bereithielt, das der gewandte Herr gerne signieren würde.

Adam ging unterdessen die dunklen Stufen des Gasthofes hinab, rief mit sanfter Stimme nach dem Wirt, bekundete seinen Wunsch, die Rechnung zu begleichen ("Jawohl, Herr Weishaupt") und sagte, als er die "goldene Traube" verließ, wie beiläufig: "Ach und, der Herr Pustkuchen, der bleibt für ein paar Tage, denke ich. Geben Sie acht, er hält sich bisweilen für den großen Goethe. Lachhaft, finden sie nicht auch?"

Und der Wirt beeilte sich, zustimmend zu brummen, und spürte ein Hoffnungsflämmlein zart erglimmen, und als Weishaupt dann noch sagte: "Ich denke, Goethe wird noch einmal in Tübingen wohnen wollen, und ich könnte mir gut vorstellen, daß er dann bei ihnen absteigt, und etwas signiert", da war die Seelenruhe des Wirtes der "goldenen Traube" völlig wiederhergestellt.

Weishaupt aber trat durch die Tür ins Freie und war nach kurzer Zeit verschwunden.