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Zwischen dem zu Eis verdichteten Schnee der Laufrinne auf dem Bürgersteig und dem Sattelschlepper liegt eine grau überpuderte Matratze aus feuchtem Schnee und Harsch, in die ich jetzt trete, um den Schaltungskasten mit Grünlandschaft zu fotografieren.

Kaum stehe ich auf, materialisiert eine mittelalter, hagerer Mann neben mir, ich habe ihn nicht kommen sehen oder hören, und fragt übergangslos: Sind Sie von hier? In einem drängenden Tonfall fragt er das, als hinge eine Entscheidung von einigem Gewicht an der Antwort, als ändere sich durch sie noch der Lauf der Dinge, blosse Stunden vor dem Ende der Zeit.

Ja, antworte ich, aber noch nicht lange, und unmittelbar ziehen Wolken der Enttäuschung über sein gespanntes Gesicht. Warum fotografieren Sie das? fragt er noch, aber er hat die Hoffnung schon aufgegeben, das ist zu hören, Hoffnung worauf auch immer. Ich mag den Kontrast zwischen dem Schnee und dem schwarzweissen Winter und der blühenden Landschaft auf dem Stromkasten, antworte ich, und höre, wie ein Relais umspringt im Innern des Hageren, ein metallischer Schnappton.

Die Kästen, erzählt er mir, seien im Rahmen eines Schulprojektes bemalt worden, stadtweit, aber niemand sehe die Kunstwerke, beachte sie, und schlimmer noch, Plakatierer schändeten die Kästen und die aufgemalten Werke mit Kleister und Papier. Er habe nun gehofft, dass endlich die Zeitung sich der Sache annehme und ein öffentlicher Aufschrei durch die Lande gehe. Er seufzt. Dann, abrupt, dreht er sich weg, geht schnell davon auf dem Laufeis, als habe er eine Grenze verletzt und fürchte die Folgen. Guten Rutsch, rufe ich ihm nach, er dreht sich halb zurück, murmelt Unverständliches und ist wieder verschwunden.

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Die Strassen sind beinah leer, selbst das Eis sublimiert oder getaut. Vereinzelt fahren Autos, aber zu Fuss unterwegs scheint ausser mir niemand, nur die gefrorenen Fussspuren zeugen von der Existenz der Menschen. Ich versuche, hinter die dunklen Fensterscheiben zu sehen, ob Vorbereitungen laufen für einen Partybesuch, ob auch andere sich für den Einzelkampf im Raketenkrieg rüsten, aber nichts regt sich im Schwarz hinter den Gardinen. Bei Lidl keine Raketen mehr, dafür eben Prosecco. Warum ich Prosecco kaufe? Weil ich gern, ach, weiss auch nicht.

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Kurz vor Mitternacht trete ich doch noch hinaus auf die schneefreie Dachpappe, die Vorbotin unangekündigten Rausgeklingeltwerdens im neuen Jahr: Dachdeckerschweine. Rundum eine Nebelwand, vereinzelte Lichtblitze flackern, aber still ist es nicht hier im Auge der Wolke – Wolken haben überall da Augen, wo jemand steht und die Wolke wahrnimmt: verkehrte Welt des Wasserdampfs – still ist es nicht, sondern es knallt entfernt von allen Seiten, im ungefähren Takt der flackernden Lichthöfe. Ohne schöne Bälle und Flammenregen ist das Geräusch aber trist, die entfärbte Freude der Anderen. Ich gehe zurück in die Wärme, zur Katze, die sich vor der Lautstärke der Tristesse unterm Tisch versteckt. Das täte ich auch gerne, aber für mich ist kein Platz mehr, nur für meine Hand noch. Besser als nichts.

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