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I must not fear.
Fear is the mind-killer.
Fear is the little-death that brings total obliteration.
I will face my fear.
I will permit it to pass over me and through me.
And when it has gone past I will turn the inner eye to see its path.
Where the fear has gone there will be nothing.
Only I will remain.
(Frank Herbert: Litany Against Fear)

Ich fasse mit der rechten Hand unter den Sattel, hebe das Rad in der Mitte leicht an und ziehe dabei die Sattelstange nach vorn. Die Hinterradaufhängung rotiert samt Hinterrad um ihr Lager unter die Rahmenstange, die beiden Standrädchen, die ein bisschen wie Stützräder aussehen und erst vor kurzem jemanden zu gutmütigem Spott anregten in der U-Bahn, wer war das noch, und wann, rotieren nach unten, ich lasse den Sattel sinken und das Rad steht platzsparend und stabil vor der Verkaufstheke. Anfangs faltete ich es in Geschäften immer komplett zusammen, trug es die Regale entlang und zeigte ihm Erbsen und Kokosmilchdosen, jetzt schiebe ich es nur noch rein, schwinge das Hinterrad unter, und lass es stehen. Haven’t seen you in a while, sagt der Ladeninhaber, lächelt freundlich und berechnet sieben Dollar fürs Sixpack Yuengling. I’ll be back soon, lüge ich während ich bezahle. Beim Liquor Store neben dem Chinarestaurant, ein Stück die Strasse runter, wo immer die Drogenhändler und Bettler stehen, kostet es nur sechs. Ein Schwung, das Hinterrad klappt aus und ich bin wieder draussen, auf der dunklen leeren Strasse am Friedhof, und keine fünf Minuten später dann zu Hause.

Die Bäume wedeln zur Zeit an allen Strassenecken mit ihren Genitalien, und wir Menschen erfreuen uns daran. Dass Blüten ästhetisch so viel ansprechender sind als Sojakeime, Kürbiskerne oder Runkelrüben ist ein wenig rätselhaft. Man kann sie nicht essen, man kann sie nicht trinken, und nur in raren Ausnahmefällen schützen sie vor Wind und Wetter. Aber Rätsel sind ja nicht schlimm, im Gegenteil. Vielleicht finden wir Geblüh toll, weil es ein Werbemedium der Geschlechterindustrie ist, vielleicht, weil eine Gegend voller Blühen einen Herbst voller Frucht verheisst, seis drum: wenn Bäume ausschlagen, sieht das gut aus. Kichernd laufen drei Japanerinnen durch den Kirschenhain am World Financial Center, zwitschern Sakura! Sakura! und sind offensichtlich derselben Ansicht. Gegenüber, im Hudson, zwitschern derweil zwei Küstenwachboote vorbei, maschinengewehrbewehrt an Bug und Heck, und eskortieren einen einsamen Kajakinsassen zurück auf die Insel, die sie doch eigentlich vor ihm beschützen sollen. Hoffentlich verhaften sie ihn, ehe er irgendeinen Schaden anrichtet mit seinen Paddeln. Wir gehen erstmal zurück nach Jersey, denn es wird jetzt Nacht in Manhattan, und nachts schlafen die Kirschen doch.

Der Frühling tut der Welt gut, er lässt flattern und wehen, er hat lang, und lässt lang hängen, warm wird es in ihm, und mild wird es, die Bäume strotzen und die Menschen tragen ihre Maschinengewehre auf den Flüssen spazieren wie Frischverliebte. Sogar Jersey City sieht plötzlich freundlich aus und bewohnbar, das frische Grün, die Erdtöne der Wohnhäuser, die Sirenen eines Polizeiwagens. Oh, noch einer.
Oh, noch einer.

Schnell fahren diese Polizeiwagen, und alle kommen sie uns entgegen, mit wichtigtuerischem Huihuihui und Geblinkbling. Kommt vor, alles schon gesehen. Da denkt man sich hier nichts bei. Statt uns also was zu denken, rufen wir ein Huhn an, verabreden uns, gehen einen kleinen Umweg und holen es ab, samt Brokkoli und Glückskeksen und Reis. Vor der Huhnwohnung kommen uns noch zwei Polizeiautos entgegen, allmählich wird es sonderbar. Denn wo die herkamen stehen sogar noch mehr. Duncan Avenue ist, hundert Meter hinter unserer kleinen Sackgasse, komplett gesperrt. Ein Kran steht da ragend in der Nacht und wirft Flutlicht auf die Fahrbahn, eine kleine Menschentraube lungert an der Absperrung, und Polizisten wimmeln durcheinander wie uniformierte Moleküle in einem Hochofen. Es sieht alles ein bisschen aus wie im Fernsehen. “Sir, get onto the sidewalk, off the street, NOW” bellt ein Polizist in einem Tonfall, der nach Bisiness klingt, ein Glatzkopf taucht auf und sieht aus wie ein echter Polizist aus The Wire, jemand wird abgeführt, He jumped, sagt eine Person in der Menge zu einer anderen, aber mehr ist nicht zu hören, und ich fühle mich fremd genug, niemanden fragen zu wollen. Als wäre jemandem, den ich nur flüchtig kenne, ein privates und ein wenig peinliches Unglück geschehen, und die Scham einer Nachfrage überwöge womöglich den Trost der Anteilnahme eines Fremden. Es wird also nicht gefragt, wozu gibt es denn schliesslich Internet.

In unserer Sackgasse stehen die Autos aufgereiht, die der Sperre wegen abbiegen mussten, ein kleiner Vekehrsknoten hat sich da gebildet, und einer der Polizisten leitet das Ballett der Neuankommenden und der schon Gewendeten zu einer Knotenlösungsfigur an. Als wir in die Strasse abbiegen winkt er grade einen silbern funkelnden Panzer raus, in dem Stringer Bell und Chris Partlow sitzen und Unhörbares sprechen. Oder vielleicht war es auch gar kein Panzer, ich bin ein sehr unzuverlässiger Zeuge. Der Rest stimmt aber.

Im Internet kein Wort über Flutlicht und Polizistenflut, noch nicht mal auf Twitter, und wir gehen ungeleitet zu Bett.

Am nächsten Morgen stehen wir früh auf, denn wir wollen nach Newark fahren, wo die Kirschen kirschiger blühen als anderswo. Mehr Kirschbäume gibt es da als in Washington, das doch für seine Kirschbäume berühmt ist, das sagte Larry der Tierwart, und ich glaube ihm. Obwohl er andererseits die Sternmagnolien vor der Institutstür für Dogwood hielt, aber man kann ja nicht alles wissen, man kann nicht auf jede blöde Frage eine Antwort haben.

Zum Beispiel wissen wir immer noch nicht, was eigentlich los war auf Duncan. Die Sperre ist weg, der Flutlichtkran ist weg, die Markierungen am Boden sind weg. Die Strasse liegt wieder da als sei nichts geschehen, man kann wieder ungehindert zum Hackensack fahren auf ihr, vorbei an den Projects, den Sozialbauten, die grade nach und nach abgerissen werden, und durch neue Pappschachteln aus der Retorte ersetzt.

Newark hat sich seine Führungsrolle der Alptraumstatistiken zum Teil mit dem Bau solcher Projects erstritten. Der soziale Wohnungsbau wurde geraume Zeit lang zu 100 Prozent aus Bundesmitteln bezahlt, und wo andere Städte die Konzentration der Kaputten scheuten, baute Newark mehr Armenschachteln als jede andere Stadt der USA. Die Mieteinnahmen der kostenlosen Wohnblocks füllten die Stadtkassen, und die, die sich ein vernünftiges Leben anderswo nicht leisten konnten füllten die Stadt mit Armut und Verzweiflung. 1975 wurde Newark von Harper’s Magazine mit grossem Abstand zur schlimmsten Stadt der USA erklärt, 2006 ist es ein wenig abgerutscht und zum Beispiel in der Mordhitparade nur noch auf Platz 4, nach Detroit, Baltimore und New Orleans.

Aber Kirschbäume gibts offenbar viele und schöne, und also gehen wir jetzt da hin. Der Weg zur Pathstation an Journal Square führt auf West Side Avenue nach Norden, am Friedhof entlang. Auch hier blüht alles, über den Gräbern treiben die Bäume den Leichensaft lindgrün in die Blätter, und gegenüber, am Briefkasten Ecke West Side und Highland, treibt eine andere Leiche die Blumen aus einem Schild. Votivkerzen drängen sich eng zusammen in einem kleinen Pappaltar, Kinderfotos, Kugelschreiberkondolenzen, und auf der Strasse ein grosser Blutfleck, “Bestimmt gang related” denken wir, ein Zerrbild der Hoffnung, und gehen weiter.

Im ersten Wagen des Zuges fahren wir nach Newark, eine schöne Strecke durch die Industriewüste, dann mit der schicken, neuen Light Rail durch verfallene, alte Bahnhöfe und am Ende von Branch Brook Park aussteigen und drei Kilometer nach Süden laufen, vorbei an zwei Mahnmalen für tote Polizisten, und zahlreichen Transparenten fürs Cherry Blossom Land. Aber wir finden kein Cherry Blossom Land, und kein Fest und deutlich weniger Kirschblüten als versprochen. An der Kathedrale, die wir dann stattdessen besichtigen wollen, hängt vorne ein Schild: Eingang an der Seite, an der Seite aber ein Schild: Eingang vorne. Die Belegschaft ist vermutlich Ratzinger huldigen gegangen, in der Stadt, die man am Horizont im Dunst schweben sieht. Die Häuser neben der Kathedrale haben zugenagelte Fenster und Türen. Im Gemischtwarenladen, in dem wir uns statt des erhofften Sushi und Sake zwei Sandwiches kaufen, liegen die Schokoriegel diebstahlsicher hinter Plastik. Von der Zeitungstitelseite verspricht der Papst Frieden und Liebe unter den Menschen. Ich sag das nicht, weil es irgendwas bedeutet, ich sag das, weils so war.

Auf dem Rückweg wollen wir wieder in den ersten Wagen, um zu sehen, wie der Zug New Jersey frisst, aber ein Polizist kommt uns in der Tür entgegen, und von hinten ruft ein anderer “Sir, you can’t go there”. Get off the street, NOW. Ein Teenager in Handschellen wird im ersten Wagen verstaut. Gehen wir eben in den zweiten.

Die Menschentraube am Pappaltar ist grösser jetzt, eine seltsam gelöste Stimmung scheint zu herrschen, nicht fröhlich, aber entspannt. So wird es in San Francisco nach dem Erdbeben sein, die Überlebenden wühlen in den Trümmern nach den Knochen toter Hunde, oder Zeitungen vom Vortag, oder wonach man eben wühlt nach solchen Erschütterungen. Den Blutfleck waschen die Freunde des Opfers jetzt mit Alkohol von der Strasse, Schnaps aus umgekehrten Flaschen. Immer noch fühle ich mich fremd, die Fotos, die wir machen, machen wir feige aus sicherer Entfernung, Leichenfledderei.

Jetzt weiss auch das Internet Bescheid, Raubmord, Vater zweier Kinder, erschossen beim Einkaufen von einem Gleichaltrigen namens Quaheem, der bei uns um die Ecke wohnte und dort wenig später von Polizisten beschossen und gestellt wurde, das Disziplinarverfahren wegen der Schüsse schon niedergeschlagen, nichts zu sehen, gehen sie weiter.

Heute früh rollte ich wieder auf dem Brompton auf den Altar zu, hebe, klappe, stehe, schaue. Die Kerzen haben neue gemacht, kein Wunder, so eng wie die stehen, Feuerzeuge, leere Flaschen, Zigaretten, eine Zigarre liegen da, die Chiffren schlingernder Leben, ein Passant beugt sich darüber. Eine greise Asiatin spricht mich an, “Excuse me, was he from here”, und ich blicke einen Moment lang leer zurück, meine Augen tränen ein bisschen vom Fahrtwind entlang West Side. “Yes he was”, antwortet der Passant, “over there on Glenwood”, und ich nicke und bin plötzlich Teil von irgendwas. “I’ll be back”, denke ich, heute abend, und dann stelle ich da auch eine Kerze hin, vielleicht, weil die Asiatin mich gefragt hat. Ich stehe noch einen Moment ratlos rum, schnalze mir den Sonnenbrillenaufsatz ins Gesicht, klappe das Hinterrad raus, und fahre nach Newark.

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