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Brompton Stories



Saturday, August 7th, 2010

life in the folding lane

“Nice ride”, ruft einer der Jungs in weissen T-Shirts von gegenüber als ich den Lenker verschraube. Vier sinds, und aus dieser Entfernung sind sie nicht zu unterscheiden, which is the point, no doubt, you feel me? Ich steige auf, 40 Minuten zu spät für meinen Termin, “how fast does it go” ruft jetzt ein anderer, im Wegradeln drehe ich mich um, “going fast enough” und biege um die Ecke. White boy on the run, that’s me.

Saturday, August 7th, 2010

Chocolate Muffin Matters

Alles sieht gleich unverdaulich aus und ist gleich unappetitlich verpackt und also nehme ich am Ende des zweiten Suchduchgangs ein Chocolate Chip Muffin, nicht weil es gesünder aussähe als der Rest, sondern des Namens wegen: klingt immerhin wie ein Nahrungsmittel. Ich zerreisse die Plastikfolie und esse auf dem Fahrrad, mit Blick auf White Castle, das Fort des guten Geschmacks, und beobachte die Blechbüffel auf der Asphaltprärie in great plain Jersey. Bei der Abfahrt werfe ich die Hälfte des Gebäckfaksimiles in den Müll.

Mir fällt auf dass mein Abschiedsscherz von vorhin, im Labor, “I’ll be back in two months for a Trippler renal ultrasound” für die Dame, die mich auskultierte, vermutlich unverständlich war, Doppler und double, die Verbindung liegt nicht nahe. Sie hatte mich aber wiedererkannt, als ich rein kam, und mir am Ende die Bohnenform meiner Niere gezeigt, da hatte ich sicher einen Brösel Kryptonit gut.

Oder das Fahrrad. Wahrscheinlich das Fahrrad.

Mittags sitze ich in der Waschküche vor der Bücherei, niemand klebt ausser mir hier in der Hitze, und beende Everything Matters! Ein Tropfen fällt auf den Umschlag, könnte eine Träne sein oder Öl vom Chicken Saltimboca, oder vielleicht Kondenswasser von der Eisteeflasche. Ich wische ihn mit der Serviette ab und gehe aus der Schwüle zurück nach drinnen, wo es viel zu kalt ist.

Wednesday, June 9th, 2010

Statt Gewitter

Heute ist der Hügel schon nicht mehr so steil, der Weg nicht mehr so weit und die Sonne treibt nicht mehr so viel Schweiss, wohl weil die Erinnerung ans letzte Mal mit in die Pedale steigt, und vielleicht auch wegen der fachmännisch eingezogenen Speichen in Hinterrad, das jetzt schnurrt wie eine runde Katze mit aufgepumpten Pfoten. Den hohen Blutdruck schiebe ich dann trotzdem auf diese halbe Stunde leichtes Sonnenradeln, aber der Nierenmann mit dem Kalifennamen ist von diesem Argument unbewegt. Während er mit ernstem Gesicht hochdruckrelevante Notizen schreibt, werde ich deshalb kurz verlegen, als hätte ich meine Hausaufgaben nicht gemacht. Drollig, das, weil mir das ja noch nie peinlich war, und ich sie ausserdem sogar gemacht habe. Alle Ergebnisse da, einschliesslich des zunächst fehlenden Ultraschallbefundes, der per Fax hier eingetrudelt ist während meines Wartens. Und das nach nur einem einzigen Anruf der Sprechstundenhilfe beim schlampenden Schalllabor: die Medizin brummt am Schnürchen wie ein Hinterrad mit weissen Kittel.

Den Nieren geht es besser, sagt der Kalif, die Hormone sind im Rahmen, die Kalziumwerte zum ersten Mal seit Beginn der Aufzeichnungen vor drei Jahren normal, und die Nebenschilddrüsen damit komplett aus dem Rennen. Ich sitze da, und weiss nicht, wie, sehe mir an, wie weitere Überweisungen geschrieben werden, Dopplerdingse, Endokrinologisierer, Blutpröbchen, gehts denn jetzt wohl einfach immer so weiter?, und taste abwesend nach dem Knoten im Hals, den ich bis grade eben für eine amoklaufende Nebendrüse hielt. Und der jetzt aber immer noch da ist, allen Befunden zum Trotz. Hallo, Knoten. Wir sprechen uns noch.

Blinzelnd stehe ich dann in Union City wieder auf der Strasse und entfalte den Rutscher, Manhattan guckt staubiggrau zu von der anderen Flusseite und funkelt kokett ein bisschen im Dunst. Halb hatte ich den Tumor gefürchtet, halb ihn herbeigehofft, das dachte ich jedenfalls, aber jetzt geht es mir in der Abwesenheit seiner Möglichkeit so gut wie lange nicht mehr. Bitterkeit, Verraten- und Verlassenheit, Hoffnungslosigkeit und Zorn, all das bleiche Gewölk ist wie weggefegt, stattdessen wabert mild melancholische Gleichmut überm glatten Denkasphalt, ein warmer Wind im leeren Radlergesicht beim Abwärtsrollen. Versteh einer die Wetter.

Wednesday, June 2nd, 2010

Der Colonel hört nicht

I
Peinliche Zeiten. Weinerlichrotes Kryptonit bloggen; zum ersten Mal im Leben die Bohemian Rhapsody “so richtig hören” und prompt heulen müssen; alle verfügbaren Emotionen zugleich bei vollem Bewusstsein in ihre jeweiligen Sackgassen fahren und den Rückwärtsgang nicht finden. Und sich dann aber auch noch beschweren wollen dauernd. Mal sehen, ob ich die Latte nicht noch ein bisschen tiefer gelegt kriege, bevor dieser Spass sein Ende hat. Lyrik, vielleicht.

II
“If you can’t change your mind, are you sure you have one?” fragt die junge Frau, die die Treppe runterkommt, in der Sprache der T-Shirts. Grade überlege ich mir eine Antwort auf diese kluge Kopfnuss, da sehe ich zugleich an der Bahnsteigkante einen zerrupften Herrn stehen, dessen Shirt mit “Sorry, mind closed until further notice” gegenhält. Ja fein! Und überlasse die beiden Weltgeist-Reisenden hübsch ihrem Dialog. Kommt auch der Zug, muss ich Rad reinwuchten und Scheuererklärung finden. Dazu gleich.

III
What do you want, Colonel, fragt der Herr hinter der Theke den Herrn vor der Theke, aber der Herr vor der Theke antwortet nicht. Also wendet der Herr hinter der Theke sich stattdessen an mich, ich bin immerhin auch ein Vortheke. The Colonel is a bit hard of hearing, erinnert er mich, als seien wir Vortheken alle eine grosse Familie von Colonels, und warum auch nicht, könnte ja sein, sieht man vermutlich schlecht von hinter der Theke. “I’d like two Rollmöpse, please”, sage ich, ein bisschen, weil ich den Satz unbedingt sagen will, und ein anderes bisschen, weil ich tatsächlich zwei Rollmöchte möpse. Grundmultitasking. Nachdem er mir die Möpse zugestellt hat, versucht es der Mann hinter der Theke noch mal, aber der Colonel hört immer noch nicht. Die Hintertheken habens auch nicht leicht.

IV
Seit Wochen schon schwankt mein Klapprad sonderbar beim Rollen. Nicht besorgniserregend, eher so, als habe es sich einen kleinen Schwipps angezwitschert und könne jetzt nicht mehr gradeaus gurken. Ich schob das Gewackel auf die Gabelführung und dachte mir nichts weiter, jedenfalls nicht übers Rad. Bis dann auch noch das Hinterrad am Rahmen scheuerte beim Fahren. Bei dummen Fahrrädern liegt das an gelockerten Radachsmuttern und erfordert eine Achsgraderückung, aber beim Brompton verbeissen sich Unterlegscheiben mit Vampirzähnen ins Rahmenmaterial, und die Achse sitzt bei jedem Wind und Wetter bombenfest.

Bescheuerterweise scheuerte es aber trotzdem. Wer Schlingern ignoriert, kann auch bei Scheuern die Augen schliessen, dachte ich mir, irrte aber, weil, bergauf gegen scheuernde Räder anstrampeln grenzt an Arbeit. Obendrein muss man dabei ziemlich fluchen, und wenn man das richtig macht, geht Ignorieren auch schlecht.

Erst im Pendelzug guckte ich mir das dann näher an. Und staunte. Am Hinterrad waren nur noch die Hälfte der Speichen am Leben, der Rest an der Nabe abgebrochen, und von den Lebenden wiederum war die Hälfte reichlich lose. Die Felge liess sich gegenüber der Nabe zentimeterweit verdrehen. Eine rollende Todesfalle. Beim Bruch der nächsten Speiche wäre das Hinterrad auf der Stelle implodiert und von den rauhen Strassen Jerseys zu feinem Staub zermahlen worden. Wäre ich grade auf einen Alligator zugefahren, oder einen weitoffenen Nilpferdschlund, man mag gar nicht drüber nachdenken. Hingefallen wäre ich womöglich auch noch.

V
Wenn er nur endlich ein Ende hätte, der Spass. Ich liesse mir sogar mal wieder ein schlechtes Gedicht gefallen von mir. T minus eins.

Thursday, May 27th, 2010

Lösungen an der Bahnsteigkante

That’s a folding bike. Euphorisch kommt das Geräusch aus dem Dreitagebart, und dann dreht er sich auch schon wieder um. Erst halte ich es für den süssen Rausch einer Weltverstehensillusion, aber eine hohe Anzugsglatze neben mir lässt ein langgezogenes und schwer zweifelndes Hmmm fahren, und hat ja recht: man sieht in andere Menschen nicht hinein und soll keine eiligen Urteile über ihre Räusche fällen. (Nebenbei: wenn im Wald ein Urteil fällt, und keiner hörts, ist dann überhaupt jemand da?)

Wirklich war es gar nicht Weltverständnis, sondern Erfindergeist, der den Bart beglückte. Jetzt dreht er sich nämlich nochmal um, die innere Blaupause ist fertiggekritzelt, und entwickelt in schnellen, präzisen Formulierungen die Vorstellungen eines Fahrradrahmens gefüllt mit Wasser, mit einem kleinen Trinkschlauch und unter Strom gesetzt, wohl um das Rosten zu verhindern. Das sei perfekt, gerade auch für Radrennen. Und dreht sich wieder weg. Eine tolle Idee, will ich den Bart schon loben, da macht es von links hinter mir wiederum “Hmmm”. Recht hat Glatze, schon wieder. Das ist doch Quatsch, wer fährt denn Rennen mit einem Klappfahrrad?

Ein drittes Mal wendet sich nun der Bart. I just had this idea, right now, right here, when I was looking at your bike, ein Geistesblitz, ein Geniestreich, und ich habe das warm rieselnde Gefühl, dabeigewesen zu sein, als Fahrradgeschichte geschrieben wurde. Hmmm, macht auch Glatze noch einmal, als der Zug schon einrollt, und fasst sich dann ein Herz und fängt doch noch zu sprechen an. This bike, sagt er und macht ein dramatisches Sprechpäuschen. I bet the Japanese didn’t make it. No, antworte ich schlagfertig. The British did.

Glatze nickt zufrieden, der Zug hält, wo er immer hält, und öffnet eine Wagentür direkt vor unserer Dreiergruppe. Glatze aber eilt einen Wagen nach rechts, Bart einen nach links, und ich gehe, ein wenig verwirrt, geradeaus, die kleine Konferenz abrupt beendet. Es wird schon alles seinen Sinn haben, vielleicht.

Wenn man übrigens unter den Sitzen der Nahverkehrszüge kleine Bier- oder Whiskyfässchen installierte, und Schläuche durchs Haltegestänge führte, man könnte sich zufriedenstellend zuballern auf dem Weg vom einen lausigen Ort an den anderen, zum Beispiel auf dem Weg von A nach B, und alles wäre ein bisschen besser, subjektiv jedenfalls. Das fiel mir jetzt grade ein, beim Schreiben übers Warten auf dem Bahnsteig. Nur falls dann später wieder die Japaner behaupten wollen, sie seiens gewesen.

Tuesday, March 16th, 2010

looking stupid

Zwei kleine Räder drehen sich, schneller noch als grosse das müssten, und rollen über den Deckel auf dem alten Kanal. Vor hundert Jahren schwammen hier Lastkähne mit pennsylvanischer Kohle in den glühenden Industrieofen Newarks, heute rollt auf dem Grund des Kanals die Strassenbahn und oben drauf die Neuerfindung der Stadt fürs nächste Jahrtausend, mit Condos und Handyläden und neuen Pflanztrögen. Aus der Metropole wurde nach dem Niedergang ihrer Industrie ein sozialer Herd, verschlimmert durch die Bauernschläue der Stadtherren, die Bundesmittel zum Wohnblockbau einwarben, und dann mit der geballten Unterschicht, die kam, um darin zu wohnen, nicht fertig wurden. In den sechziger Jahren dann der Bürgerkrieg, die Innenstadt brannte ab, die Nationalgarde besetzte die Stadt drei Tage lang, und vier Jahrzehnte lang regierten danach Armut, Mord und Schrecken die Stadt, ein Geschwür, das alle amerikanischen Städte von innen aushöhlt, ihre Innenstädte verschlingt, die Hoffnungen der Bewohner, die Güte, den Gemeinsinn. Klingt komisch, ist aber so.

Ich denke aber an ein anderes Geschwür, als ich über den versteckten Kanal rolle auf meinem lächerlichen Rad, und zugleich an noch ein drittes. Anschreien hätte ich ihn mögen, den feigen, alten Sack, ihm vergeben, ihn verfluchen, stattdessen verging seine Welt eine Welt weit weg, und meine Fragen und meine Enttäuschung und das verängstigte Kind unter der Decke mit ihr. Das ist der alte Schmerz, der neue jetzt von anderer Dimension, diesmal gibt es keinen Hass, keine Verletzungen, nur die Fassungslosigkeit, dass es ernst ist mit dem Elend und mit dem Tod, und wieder ist es eine Welt weit weg, und hilflos wieder wie damals das Kind. You look stupid, ruft einer gutgelaunt aus seiner tief hängenden Hose, für ein Stückchen Prestige, und einen anerkennenden Blick aus den anderen Hosen heraus, die ihn begleiten. “I don’t mind *looking* stupid”, lege ich mir zurecht, “how is *being* stupid working out for you”, aber als mir das einfällt bin ich ja schon einen Block weiter auf dem Kanal, und ohnehin: er hat recht. Ich sehe bescheuert aus. Warum soll man mir das nicht sagen dürfen?

Am Abend rollt der Tag sich wieder ein, unten am Ende des Kanals der Bahnhof, und gleich nach der Tür ein Schubs gegen die Schulter. Hey man, grüsst es mich. Ich gehe grusslos weiter, hier, wo die Greyhounds abfahren, halten sich Elemente auf und Figuren, Tony Soprano verabschiedete hier Janice, was soll man da stehen bleiben, aber jetzt ruft es von weit hinten laut “You don’t recognize me, do you?” und ich drehe mich doch noch um. “No”, sage ich unsicher, “are you the guy who asked about my bike the other day”? Nein, ist er nicht. Where do you live, fragt er schalkhaft, und dann wirft er meine Antwort triumphierend als Beweis auf mich zurück: Jersey City, eben, sag ich doch, er sei nämlich der Briefträger. Also der Aushilfsbriefträger sei er, er sehe mich immer am Samstag. Und sein Auto habe eine Panne, er deutet nach draussen in den eisigen Regen. Ob ich dieses Spray kenne, mit dem man Reifen von innen flickt, er macht eine Handbewegung, die Finger spreizen sich auf, schliessen eine Lücke. Und ob ich am Samstag zuhause sei. Und ob ich ihm vierzig Dollar leihen könne, er werde sie einwerfen beim Zustellen, er lacht freundlich, voller Hoffnung, appelliert an meine Güte und an meinen Gemeinsinn und an das Loch in meinem Herzen. Oder vielleicht auch an das in meinem Magen und den resultierenden Unterzucker, oder an das Summen in meinen Ohren. Ich gebe dem Aushilfspostboten Geld, das ich selbst nicht habe, frage nicht nach seinem Namen, sage ihm nicht meine Adresse, und gehe schnell zur Rolltreppe, um den Gedanken zu entkommen. In meinem Rücken höre ich ihn lachen, das Geräusch abgerissen von der zufallenden Bahnhofstür. Ich stelle mir vor, wie er sich in der kalten, nassen Nacht von Newark auflöst wie das Gespenst einer alten Angst, die Hand mit den sich spreizenden Fingern hoch erhoben, ein Loch zu stopfen, das die Zeit in die Welt gerissen hat.

Tuesday, January 12th, 2010

the handy man

Who can take a Schutzblech
Thread it with a screw
Replace it on his bike, and make it look brand new?
The handy man.
Oh, the handy man can.
Cause he screws it up with love,
And makes the wheels turn good.

Who can stain his fingers
Blacker than the night
Full of grease and tar and dirt, reflecting zero light?
The handy man.
The handy man can.
The handy man can,
Cause he grabs the dirty parts
And makes them work all right.

Who can take a seat clamp
And add the right sized nut
Fix the saddle with it and then use it for his butt?
The handy man
The handy man can
The handy man can,
Cause he screws it really tight,
And makes the wheels turn right

And the wheels turn right,
Because the handy man hoped they might.

Thursday, May 21st, 2009

Der Stand der Dinge

Wie ein gelandetes UFO steht das Mana Diner da, am Fuss des Bergrückens der Jersey City Heights. Vom Park an der Kuppe oben, ein paar hundert Meter östlich vom Tresen, an dem die Frau in der speckigen Schürze die Burger grillt, sieht man weit ins Tal des Hackensack und über die einst unpassierbaren Sümpfe hinweg, trübe Wasserflächen, gespickt mit den aufragenden Schloten von Kohlekraftwerken, Papiermühlen und Müllverbrennern, und mehrfach durchstrichen von Strassen auf Stelzen; Pulaski Skyway und New Jersey Turnpike erheben sich über den salzigen Riesentümpel der Meadowlands, seine dioxinverseuchte Flussbette, seine legendären verschnürten und versenkten Mafialeichen, umtanzen einander inmitten der toten Wasser, Verkehr geflochten zu einem rauchenden, blökenden Ornament auf bröckelndem, feuchtem Grund. Multimedia.

Vom Tresen aus sieht man nichts davon, der Blick trifft in alle Richtungen auf von Fassaden blätternde Farbe und geschundene Karosserien. Ausgebleichte Werbemalereien künden von den längst verschwundenen Mietern hinter den Fassaden, oder vielleicht auch nur von der Gleichgültigkeit des Fortdauernden gegenüber seinem Ausdruck. That ad up there? Fuhgetaboutit. Das riecht nach Klischee, nach einem dummen Scherz, der dem Scherzenden Gefühle einer Überlegenheit verschafft, die er nicht sich verdiente, aber obendrein reden die wirklich so hier. Vielleicht ist aber auch die Verwunderung über das bestätigte Klischee, dass die Geräusche aus dem stämmigen Trucker an der Burgertheke wirklich klingen wie ihr Abbild im Fernsehen, der eigentliche Scherz, auf Kosten des auf seinem Klappfahrrad in den Industrieverfall geradelten feinsinnigen Beobachters, der sich über den Zusammenhang zwischen Popkultur und ihrem Vor- und Abbild den Kopf zerbricht, während um ihn her die Welt in Brösel fällt.

Die Frau in der speckigen Schürze geht durchs UFO nach hinten, eine Art UFO-Wippe wohl, oder ein Mana-Wetterhäuschen, denn ein schmuddliges Oberlippenbärtchen reitet zugleich aus einem anderen Türchen nach vorne. Ob ich schon bestellt habe. Der Trucker sucht im Styroporbecher derweil seinen Kaffee, findet ihr, grunzt ihn an. Ich sei versorgt, erkläre ich mich, und mache eine vage Handbewegung speckschürzenwärts. Das ist dem Bärtchen nichts, und also dreht es sich kurzerhand einmal im Kreis, bewegt etwas auf der Theke vor ihm von hier nach da, und fragt mich so erfrischt von neuem nach meinen Bestellwünschen. Ich will nicht essen, sage ich, ich will ein Kleidungsstück. Bärtchen begreift jetzt, und geht wieder nach hinten, die Wippe knirscht, und es erscheint aus dem anderen Türchen wieder die Speckschürze und bringt das Gewünschte. Acht Dollar. Danke. Bitte.

Das White Mana Diner war das “Diner of the Future” auf der Weltausstellung 1939 in Flushing Meadows, und hier steht es jetzt in dieser Zukunft rum, die ihm doch gehören sollte, und speit mich in die ungebende Industrieruine, direkt auf mein Klapprad drauf, praktischerweise. Ich umfahre nun zunächst ein “Sidewalk closed”-Schild und zwei gelb-schwarze Absperrungen, stehe einen Moment insektenhaft vor dem quer über den Gehweg stehenden Führerhaus eines riesigen Sattelschleppers, der die Tankstelle verlassen will und des Verkehres wegen nicht kann, und umfahre schliesslich den ganzen langen Schlepper. Auf der anderen Schlepperseite ist alles anders, der Sidewalk jetzt wirklich und ernsthaft closed, grober Schotter knirscht, oder Geröll vielmehr, eine Baustellenendmoräne, dann Lehm, dann eine Reihe von Jerseybarrieren, ein Riesenkran, Metallmüll, ein gehsteigbreiter Bauzaun. Weltende. Damn.

Jerseybarrieren, so heissen diese Betonblockadeeinheiten wirklich; zwei Meter lange Betonmauern mit Spreizfuss sind das, entwickelt auf der anderen Seite der Heights, in Hoboken am Ufer des Hudson. Ein schöner Scherz des Weltgespenstes ist das, dass die hässlichen Steinklumpen, die überall in Amerika hässliche Highways noch ein bisschen mehr verhässlichen, ausgerechnet hier erfunden wurden. Die Sackgasse, in der ich stecke, wird von einer Reihe von Jerseybarrieren von der Fahrbahn getrennt, und die Fahrbahn von einer weiteren solchen Reihe von der Gegenfahrbahn. Zwischen mir und dem verlockenden urwaldgleichen Grünstreifen auf der anderen Strassenseite also: zwei Jerseybarrieren und ein steter Strom von Irren in ihren Irrenschleudern. Da ist nichts zu machen, Überquerung ausgeschlossen. Ich gehe in mich, grummle da ein bisschen im Dunkeln, und kehre dann um.

Der riesige Sattelschlepper hat sich eine Einfahrt weitergeschleppt. Wie eine ausserordentlich ungelenkige Schlange steht er staksig verdreht auf dem Parkplatz eines Motels, das Führerhaus schnuppert am Schlepperhintern, an allen Seiten blockiert Jerseygerümpel, und es geht weder vor noch zurück. Am Parkplatzrand steht eine Frau im leichten Sommerkleid, rosa der Stoff auf der dunklen Haut. Sie steht als wolle sie von dort beim Manovrieren helfen. Sie hilft aber nicht, steht nur so, und guckt dem Schlepper beim Krabbeln zu.

Endlich eine Lücke in den Jerseybarrieren, ich wechsle die Seite, balanciere das Rad auf dem endlich erreichten Seitenstreifen voller Grün, der aus der Nähe schmaler scheint und scherbenvoller, riesige Jerseytrucks blasen mir mit ihrem Fahrtwind Nervosität in Kreuz, dann endet auch noch der Streifen. Der Highway macht eine Kurve, kreuzt zwei andere Highways, Brücken und Rampen kommen einander in die Quere, ich lege mich ins Zeug, nur schnell durch durch das Gewirr aus grossen und sehr grossen Autos, am Rand der Fahrbahn, wo sich Kiesel, Sand und Scherben zu einem schönen, griffigen Belag verdichten. Die Ampel grün, hinter mir schon wieder ein riesiger Schlepper, vielleicht der aus dem Motel, der aufgegeben hat, ach nein, die Jerseybarrieren sind auch ihm eine Hürde. Bedrohlich näher rückt mir jetzt der fremde Schlepper von rückwärts, aber nur Meter trennen mich ja von der Einbuchtung hinter dem Brückenpfeiler, noch ein bisschen schneller die Pedale, das winzige Vorderrad rollt über Asphalt und Sand, nur ist das plötzlich gar kein Asphalt mehr, und nur noch Sand. Vorderrad bohrt sich in den weichen Grund und blockiert. Hinterrad weiss davon nichts und faltet sich unter mir leise maulend nach vorn, während Sattel, Rahmen und Fahrer sich aufwärts und strassenwärts heben. Reflexhaft hartes Zugreifen am Lenker, ein scharfer Zug in der Schulter und ich stehe über Treibsandgrube und Radfalte und werde von Hormonen geflutet. Endlos rumpelnd zieht links ein Sternzerstörer vorbei. Und noch ehe mir klar wird, was gerade beinahe geschehen wäre, ist die Gelegenheit auch schon wieder vorbei.

Ich dreh mich schon gar nicht mehr um wenn ich von hinten angesprochen werde, aber diesmal hab ich nix verstanden und muss doch. Is that a Brompton, fragt der stämmige Schwarze. Yes, sage ich, it is. How is it for bigger people? fragt er. Us bigger people, meint er vermutlich.

Das ist immerhin zweites Level der Fahrradverehrung. Menschen, die von Klappfahrrädern wissen und praktische Fragen haben anstelle der Frage nach dem Herkunftsplaneten des UFOs. Well, sage ich, it’s fine for me. Die Sattelstange gebe gelegentlich ein wenig nach, aber ansonsten sei alles gut am Rad. Ja, auch der Reifendruck sei mir durchaus gewachsen.

Die Rolltreppe endet mit der üblichen Frage nach dem Preis, dann hebe ich das Fahradpaket übers Drehkreuz und geh auf den leeren Bahnsteig. Zug grade weg. Kein Problem. Buch.

That folds up tight sagt der beleibte Schwarze als er sich neben mich setzt. Yes, sage ich, ohne aufzublicken, and it folds really quick. I never had a Dahon, but these are much better designed for folding up. Ich ramble noch ein paar Sätze weiter und blicke nun doch auf, und da sitzt ein ganz anderer dicker Schwarzer und guckt als werde er grade in Reaktion auf eine kurze Bemerkung mit rätselhaftem Zeug zugequatscht.

Ich bin dann still und er telefoniert und ich lese im Buch.

Sunday, August 24th, 2008

fishing

In den Eingeweiden des Internet liegt ein scherzhafter Psychotest vergraben, bei dem man für verschiedene soziale Problemstellungen an einer Pissoirzeile die jeweils passende Antwort zu finden hat. Ähnlich schwierig, aber wegen weniger Geschlechtsorgannähe meines Wissens noch nicht originell beleuchtet ist das Problem des Sitzplatzes in der U-Bahn. Haltestangen, andere Passagiere, ihr Geschlecht, ihre Laune, die Einschätzung ihrer Gesprächigkeit, zurückgelassener Müll, Türnähe, Wärmegradienten – das alles schafft eine komplexe Umgebung, durch die Menschen oft in Sekundenbruchteilen zu navigieren verstehen. Bis die Roboterhunde von Sony so weit sind, werden noch viele Pissoirprobleme gelöst werden.

Er setzt sich links neben mich, ans Ende der Sitzbank und lässt einen freien Sitz zwischen uns. Sein Interesse am Brompton umweht ihn in meinem Augenwinkel wie die Körperaura ein Esoterikopfer, und natürlich dauert es nur Sekunden bis zur unvermeidlichen Frage nach dem Preis und der immergleichen Antwort. Nach seiner Auskunft, so eins noch nie gesehen zu haben, lese ich weiter. Er tippt mir über den Sitzgraben hinweg leicht ans Knie. Ich schliesse das Buch.

Seit Jahrzehnten wohnt er in Jersey City, nachdem er als junger Knabe aus East Orange, zehn Meilen westlich von hier, dorthin umgezogen war. Damals hatte er ein Dreigangrad, und als er seine Liebe zu diesem nun wohl in der Vergangenheit versunkenen Relikt erklärt, verklären sich seine Augen ein wenig. Oder vielleicht will ich das auch nur sehen. Einmal sei er mit diesem Dreigangfahrrad über eine der grossen Brücken gefahren. Hinauf habe er es geschoben, über einen engen Seitenstreifen hinweg, aber dann sei er auf der anderen Brückenseite bergab gefahren, wacklig, gefährlich. Die Erinnerung an den Teufelsritt des Knaben spielt wie ein Film in den Falten seines Gesichts, ein Stück damals das jetzt in einer ruhigen, geraden Linie über die Gleise nach Jersey City gezogen wird.

Seit Jahrzehnten gehe er hinter seinem Haus den Hang bergab und dann über die Eisenbahnbrücke in das Sumpfgebiet der Meadowlands hinein zum Angeln. Vor einiger Zeit hat der Sumpf den Besitzer gewechselt, und noch immer gehe er jetzt über die Eisenbahnbrücke dort hinunter, aber die Sicherheitsleute des neuen Inhabers vertrieben ihn, wenn sie ihn sähen. They run me off, sagt er, aber als ich nachfrage, wie man sich das Verscheuchen eines angelnden Rentners aus den Sümpfen Jerseys vorzustellen habe, stellt sich heraus, dass der Aufseher stattdessen sagte, dass er ihn verscheuchen müsse, wenn er ihn sehe, und er also lieber hinter einigen Büschen angeln solle.

Dann stürzt die vom Rad über den leeren Sitz gebaute Brücke ein und der Fischer und der Radler schweigen, bis er aussteigt am Journal Square und ich noch ein wenig weiter fahre.