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Jersey



Wednesday, September 15th, 2010

Nach Hause

1 Union City
Das Lächeln war ein Duchenne-Lächeln, der Orbicularis Oculi im Co-Kontrakt, aber dennoch rann es wie Sand durch die Engstelle in meinem Hals und auf einen kompakten Haufen in meiner Magengrube, kaum dass sich die Aufzugstüre geschlossen hatte: nichts dauert. Mein letzter Besuch beim Spezialisten war das, Händedruck, freundliche Sprechstundenhilfen, alles Gute in germany, should be an adventure, Neugier in den blanken Augen. Ihr Wohlwollen erinnerte mich an das der Cafeteriaangestellen im Krankenhaus in Münster, wo ich, grade übernächtigt aus dem Flugzeug gefallen, mir das vergessene Rasierzeug ersetzte. Hoffentlich können Sie bald wieder nach Hause, hatte die damals, meinen Einkauf missverstehend, gesagt, und mich kurz aus meinem Tran geworfen damit. Hmja, danke. Nach Hause.
Bei ihr gekauft hatte ich statt Rasierschaum ein Deospray, der Wegwerfrasierer auf der Institutstoilette später kratzte unangenehm, dafür roch ich gut.

Vor dem verabschiedenden Händedruck stand eine ratlose Diagnose, chronisches Nierenversagen, Ursache unbekannt, und Ausdrucke der Testergebnisse, Konzentrationen. Von hier oben aus sieht man die Hochhäuser von Manhattan wo sich durch die Querstrassen der Blick eröffnet, ich rolle aber ungebremst den Berg hinab, schnaufender Elefant auf meinem Dreirad, schliesse sekundenlang die Augen und spüre den warmen Wind dunkel im Gesicht. Die Dunkelheit ist in Bewegung, Schwarz wirbelt um Schwarz. In der Helligkeit, in die ich nach diesem eitlen Flirt mit dem Dunkel zurückkehre, sieht alles aus wie zuvor. Trotz des Fahrtwindes klebt mir das Hemd feucht im Rücken und Salz rinnt in die Augen. Der Schmerz in der Seite kommt und geht. Vom Körper verraten und verschwitzt. Dumme Sau, Körper.

2 Newark
Vor dem Zaun eines Parkplatzes, an einer Strassenkreuzung, stand vor zwei Wochen noch am Boden ein Aquarium, ein kleines, das nur zehn Gallonen fasst. Darin einige Zentimeter Sand und Nippes, kleine Plastikfiguren, ein winziges Surfbrett, ein Cocktailglas. Am Zaun über dem Aquarium hängt ein wetterfestes Plakat, auf Kunststoff gedruckt, auf dem eine Reihe von Fotos das Strandleben eines jungen Mannes zeigen, Anfang zwanzig, braun gebrannt, ein breites Lächeln im hoffnungsvollen Männchengesicht, Duchenne oder nicht ist schwer zu sagen bei der Auflösung. Über die Todesursache ist nichts zu lesen, Krankheit oder Unfall, aber der junge Mann, der aussieht wie der Feind, dem nicht das Hemd am Rücken klebte beim Surfen, oder wenn, dann sah es gut aus, dieser junge Mann ist tot, und das Aquarium ist ein Altar, den Freunde und Familie ihm hier aufgestellt haben an der räudigen Kreuzung. Wider Willen rührt mich dieses Schicksal, und ich schäme mich für den Neid auf einen, der doch schon tot ist.

Zwei Wochen später steht das Aquarium noch immer unter dem Plakat, die Scheiben zersprungen, der Sand bis auf einen kleinen Rest heraus gewaschen, die Figuren zerstreut, das Cocktailglas zerbrochen.

So it goes.

3 Jersey City
Im Wasser schwimmt unbesehen ein Wels.
Seit Monaten schwimmt er da, alle paar Tage werfe ich mit schlechtem Gewissen Futter dazu, und offenbar ist ihm das genug, dem Fisch ist jedenfalls kein Unwohlsein anzumerken. Das Aquarium hatte ich einst betrieben, um eine Leerstelle zu füllen und hatte es beschrieben, um die Leerstelle zu umschreiben. Die Leerstelle hat nun gewonnen, und das Becken ist verwahrlost und unbesungen. Die Leuchtröhren seit Monaten defekt, der Filterimpeller schlägt in hoher Frequenz gegen den Kunststoff des Gehäuses, rasselnder Maschinenatem eines Fischreichs im Koma.

Um das Becken herum stapeln sich die Fragmente zerfallenden Lebens, die Sedimente von zehn Jahren, nicht mit Pinseln und kleinen Meisseln abgebaut, sondern los gesprengt und in rostigen Loren zur Schmelzgrube verbracht. Der Staub, der sich auf die Schnittkante der Alben gesetzt hat steigt in Wolken auf nur weil ich in seine Richtung atme, und ist schon nicht mehr zu sehen. Ein Kasten voller Mineralienproben, nicht geöffnet seit dem letzten Umzug aus Berkeley, eine selbst gebaute Blumenpresse, Utensilien der Kleinbürger-Hochstapelei, und immer wieder Bücher, alt gewordene Gedanken, die mir plötzlich wie Schuppen aus dem Kopf fallen. Wenig wird bleiben, und dieser ist doch nur der kleine Bruder, ein Erwachen in Westfalen, ein Augenreiben, die Skyline von New York das verblassende Fantasma einer langen Dämmerung.

Hoffentlich kann ich bald nach Hause. Doof hier.

Saturday, August 7th, 2010

life in the folding lane

“Nice ride”, ruft einer der Jungs in weissen T-Shirts von gegenüber als ich den Lenker verschraube. Vier sinds, und aus dieser Entfernung sind sie nicht zu unterscheiden, which is the point, no doubt, you feel me? Ich steige auf, 40 Minuten zu spät für meinen Termin, “how fast does it go” ruft jetzt ein anderer, im Wegradeln drehe ich mich um, “going fast enough” und biege um die Ecke. White boy on the run, that’s me.

Saturday, August 7th, 2010

Chocolate Muffin Matters

Alles sieht gleich unverdaulich aus und ist gleich unappetitlich verpackt und also nehme ich am Ende des zweiten Suchduchgangs ein Chocolate Chip Muffin, nicht weil es gesünder aussähe als der Rest, sondern des Namens wegen: klingt immerhin wie ein Nahrungsmittel. Ich zerreisse die Plastikfolie und esse auf dem Fahrrad, mit Blick auf White Castle, das Fort des guten Geschmacks, und beobachte die Blechbüffel auf der Asphaltprärie in great plain Jersey. Bei der Abfahrt werfe ich die Hälfte des Gebäckfaksimiles in den Müll.

Mir fällt auf dass mein Abschiedsscherz von vorhin, im Labor, “I’ll be back in two months for a Trippler renal ultrasound” für die Dame, die mich auskultierte, vermutlich unverständlich war, Doppler und double, die Verbindung liegt nicht nahe. Sie hatte mich aber wiedererkannt, als ich rein kam, und mir am Ende die Bohnenform meiner Niere gezeigt, da hatte ich sicher einen Brösel Kryptonit gut.

Oder das Fahrrad. Wahrscheinlich das Fahrrad.

Mittags sitze ich in der Waschküche vor der Bücherei, niemand klebt ausser mir hier in der Hitze, und beende Everything Matters! Ein Tropfen fällt auf den Umschlag, könnte eine Träne sein oder Öl vom Chicken Saltimboca, oder vielleicht Kondenswasser von der Eisteeflasche. Ich wische ihn mit der Serviette ab und gehe aus der Schwüle zurück nach drinnen, wo es viel zu kalt ist.

Wednesday, July 21st, 2010

Fallen durch Decken

Der Aufzug sackt seit Wochen beim Schliessen der Türe ein paar Zentimeter durch, geht dann nochmal auf, dann wieder zu und dann fällt er aber doch noch hydraulisch nach unten durch die Tunneldecke in die Felsenkammer der PATH-Station. Das ist hübsch, das hydraulische Fallen, weil man polierten Stangen dabei zusehen kann, wie sie sich ölig in dickere polierte Stangen schieben während man aus der Decke fällt, und das ist ein schöner Zeitvertreib.

Heute aber sackt der Aufzug nicht, und er muckt auch nicht, die Tür schliesst sich sauber und schnell, und geht auch nicht mehr auf. Auch sonst passiert nichts. Das heisst, nach einer kleinen Weile dann schon. Die Tür geht wieder auf. Und man ist aber durch keine Decke gefallen, vollkommen aufzugszweckwidrig. Das mache ich viermal mit, oder lass es ruhig fünf sein, dann habe ich genug von sich schliessenden Türen. Der Aufzug aber befindet sich in einer Sackgasse hinter einer Zahlschranke, meine Monatskarte ist nach jeder Benutzung für 18 Minuten gesperrt, und deswegen kann ich jetzt also nicht die Treppe nehmen, sondern muss auf einen roten Knopf drücken. Es hupt melodisch. Es knarzt. Und dann redet eine Stimme aus dem Nichts mit mir. Nein, sagt die Stimme während ich wie ein Schwein im Weltall um mich zu sehen vorgebe, von einem Aufzugsproblem sei nichts bekannt, ich solle doch noch ein bisschen probieren. Und legt wieder auf, noch bevor ich sie auf den informationstheoretischen Fehler hinweisen kann, den sie da begeht. Andererseits muss ich ja zugeben: gute Strategie. Müsste aber eigentlich trotzdem gleich nochmal anrufen.

Weil ich so schlecht mit dem Bein ans Ohr komme, drücke ich stattdessen noch ein bisschen auf Knöpfen rum und sehe der Tür beim Auf- und Zugehen zu, und hoffe auf eine erlösende Uniform. Es kommt auch gleich einer, der Aufzug geht nicht, sage ich, er guckt mich stumm an als sei ich nicht bei Trost, geht in den Aufzug und drückt den Schliessknopf. Tür zu, Aufzug steht. Tür auf. Er murmelt unverständlich Fremdsprachiges, rüttelt an der Tür, greift sich in die Hose, zieht einen Schlüsselbund – der Aufzugsresetbuttonrettungsschlüssel! Oh süsse Engelstöne! – und kratzt mit dem Schlüssel den Passagierschmutz aus der Türspalte. Die Tür schliesst sich. Durch das Türfenster sehe ich das Gesicht des PATH-Mitarbeiters, während er durch den Boden fällt. Von drinnen guckt es ein bisschen schuldbewusst zurück.

Der Aufzug kommt wieder, als ich ihn rufe. Ich steige ein, murmle unverständlich Fremdsprachiges (man weiss ja nie) und drücke den zuständigen Knopf. Nichts. Die Tür öffnet sich wieder. Ich zücke meinen Hausschlüssel und grüble in der nun schon fast ganz dreckfreien Türspalte rum. Knopf. Nichts. Tür. Ich rüttle erbost am Aufzug. Knopf. Nichts. Tür. Ich murmle profan Fremdsprachiges und wiederhole es nochmal, aus Langeweile.

Aber keine Bange, da kommt schon das nächste PATH-Männchen. Aufzug kaputt sage ich. Er guckt mich an, als sei ich bei Trost, dreht um und geht, noch bevor ich von meinem Ticketproblem erzählen kann durch die Bezahlschranke nach draussen, und zum anderen Aufzug. Durch dessen Bezahlschranke er sich quetscht, wärhend er mit seinem PATH-Ausweis in Kameras wedelt. Good for you, fuckhead, sage ich nicht, denke es aber.

Kurz überlege ich, nochmal den Anrufknopf zu drücken und der Zentrale einen hübschen Aufzugsmarsch zu blasen, aber die 18 Minuten sind um und ich nehme stattdessen marschlos die Treppe. Der Bahnsteig unten ist voll, der Zug also nahe, und der Schaden begrenzt. Vor dem Aufzug am Bahnsteig steht eine PATH-Mitarbeiterin und wartet. It’s not going to come, sage ich, it’s broken.
It breaks every six days, sagt sie unbeeindruckt, und geht zur Treppe.

Friday, June 18th, 2010

Geheimnis des Fühlens

Deine Schwärze, Hirn, verdammen wir.
Vor Jahren schon bin ich aus der Kirche ausgetreten, durch eine viel zu hohe, schwere Holztür, aber den liturgischen Formeln hat das nichts von ihrem mystischen Rauschen genommen. Das wurde mir in der Kindheit eingepflanzt, neben all den anderen Filtertierchen, die an den Nerven saugen, und da hockt es nun und lauert auf ein passendes Geräusch. Ich bin nicht komplett glücklich, dass du eingingst unter mein Dach, Filtertierchen, aber hör nur ein Wort, so fühl ich mich wieder wie das Kind, das vor der Beichte zittert. Das war, im Rückblick, nicht die schlechteste Zeit. Eine Angst vor Unerheblichem, danach Erleichterung und Eisbecher in der Sommersonne.

Deine Hellerwerdung preisen wir.
Es ist nicht nur der Aufzug, der heute nicht beim ersten Schliessen der Tür einige Zentimeter durchsackt, die Tür wieder öffnet und dann erneut schliesst, sondern gefügig gleich sackt, als ich reinkomme, schliesst und brav losfährt, obwohl auch das eine angenehme Überraschung ist. Aber auch in mir ist es heute anders, die Ruinen des Geschehenen ragen unverändert in die dünne Luft des Gebirges Vergangenheit, aber das Denken fällt jetzt leichter in der dünnen Luft. Die Dummheiten einzelner bleiben zwar dumm, Enttäuschung und Zurückweisung schmerzhaft, Einsamkeit in der Krise ein kalter Keks aus Beton, aber das Monstrum, das diese Einzelheiten frass und umfassende Isolationsangst und Verzweiflung zurück in die Nervenbahnen schiss, schläft heute, hush, my darling, Ingonyama ifile, mit Acetaminophen bedacht. Und erst durch seine Abwesenheit bemerke ich den chronischen Schmerz der letzten Monate. Schädigte die Seelenwunderdroge Paracetamol nicht Nieren und Leber – aber jetzt zieh ich mir nicht auch noch eine Konjunktivitis zu: wäre die Katze ein Pferd, könnte man auf ihr den Baum raufreiten. Das wäre toll, aber die Katze ist kein Pferd, und Paracetamol keine Dauerdroge. Gehorchen müssen wir den Indikativen, die uns in Bande gelegt. Immerhin ein Tag Urlaub von der Kaputtheit, ist doch auch was.

Bis du denkst in Herrlichkeit.
Die Eltern der jungen Familie, die nach mir aus dem sackenden Aufzug steigt, sind selbst noch Kinder. Die Mutter zetert am Schnürchen auf die beiden Kinder ein, die nichts nachvollziehbar falsch machen, der Vater meldet irgendwann schüchtern an, dass das kleinste doch einfach nur aufs Klo müsse. “Nothin I can do, he don’t have to pee, he just want the junk food that in this bag and he don’t want to wait till we get somewhere where there hotdog or something” ramentert es zurück, dann noch ein paar inhaltlose Aggressionslaute in Richtung der Kinder, jedes kriegt eine faustvoll Karamellpopcorn ins Maul und ein Filtertierchen in den Kopf, it deepens like a coastal shelf, und der einfahrende Zug trennt gütlich unsere Wege.

Wednesday, June 9th, 2010

Statt Gewitter

Heute ist der Hügel schon nicht mehr so steil, der Weg nicht mehr so weit und die Sonne treibt nicht mehr so viel Schweiss, wohl weil die Erinnerung ans letzte Mal mit in die Pedale steigt, und vielleicht auch wegen der fachmännisch eingezogenen Speichen in Hinterrad, das jetzt schnurrt wie eine runde Katze mit aufgepumpten Pfoten. Den hohen Blutdruck schiebe ich dann trotzdem auf diese halbe Stunde leichtes Sonnenradeln, aber der Nierenmann mit dem Kalifennamen ist von diesem Argument unbewegt. Während er mit ernstem Gesicht hochdruckrelevante Notizen schreibt, werde ich deshalb kurz verlegen, als hätte ich meine Hausaufgaben nicht gemacht. Drollig, das, weil mir das ja noch nie peinlich war, und ich sie ausserdem sogar gemacht habe. Alle Ergebnisse da, einschliesslich des zunächst fehlenden Ultraschallbefundes, der per Fax hier eingetrudelt ist während meines Wartens. Und das nach nur einem einzigen Anruf der Sprechstundenhilfe beim schlampenden Schalllabor: die Medizin brummt am Schnürchen wie ein Hinterrad mit weissen Kittel.

Den Nieren geht es besser, sagt der Kalif, die Hormone sind im Rahmen, die Kalziumwerte zum ersten Mal seit Beginn der Aufzeichnungen vor drei Jahren normal, und die Nebenschilddrüsen damit komplett aus dem Rennen. Ich sitze da, und weiss nicht, wie, sehe mir an, wie weitere Überweisungen geschrieben werden, Dopplerdingse, Endokrinologisierer, Blutpröbchen, gehts denn jetzt wohl einfach immer so weiter?, und taste abwesend nach dem Knoten im Hals, den ich bis grade eben für eine amoklaufende Nebendrüse hielt. Und der jetzt aber immer noch da ist, allen Befunden zum Trotz. Hallo, Knoten. Wir sprechen uns noch.

Blinzelnd stehe ich dann in Union City wieder auf der Strasse und entfalte den Rutscher, Manhattan guckt staubiggrau zu von der anderen Flusseite und funkelt kokett ein bisschen im Dunst. Halb hatte ich den Tumor gefürchtet, halb ihn herbeigehofft, das dachte ich jedenfalls, aber jetzt geht es mir in der Abwesenheit seiner Möglichkeit so gut wie lange nicht mehr. Bitterkeit, Verraten- und Verlassenheit, Hoffnungslosigkeit und Zorn, all das bleiche Gewölk ist wie weggefegt, stattdessen wabert mild melancholische Gleichmut überm glatten Denkasphalt, ein warmer Wind im leeren Radlergesicht beim Abwärtsrollen. Versteh einer die Wetter.

Wednesday, June 2nd, 2010

Der Colonel hört nicht

I
Peinliche Zeiten. Weinerlichrotes Kryptonit bloggen; zum ersten Mal im Leben die Bohemian Rhapsody “so richtig hören” und prompt heulen müssen; alle verfügbaren Emotionen zugleich bei vollem Bewusstsein in ihre jeweiligen Sackgassen fahren und den Rückwärtsgang nicht finden. Und sich dann aber auch noch beschweren wollen dauernd. Mal sehen, ob ich die Latte nicht noch ein bisschen tiefer gelegt kriege, bevor dieser Spass sein Ende hat. Lyrik, vielleicht.

II
“If you can’t change your mind, are you sure you have one?” fragt die junge Frau, die die Treppe runterkommt, in der Sprache der T-Shirts. Grade überlege ich mir eine Antwort auf diese kluge Kopfnuss, da sehe ich zugleich an der Bahnsteigkante einen zerrupften Herrn stehen, dessen Shirt mit “Sorry, mind closed until further notice” gegenhält. Ja fein! Und überlasse die beiden Weltgeist-Reisenden hübsch ihrem Dialog. Kommt auch der Zug, muss ich Rad reinwuchten und Scheuererklärung finden. Dazu gleich.

III
What do you want, Colonel, fragt der Herr hinter der Theke den Herrn vor der Theke, aber der Herr vor der Theke antwortet nicht. Also wendet der Herr hinter der Theke sich stattdessen an mich, ich bin immerhin auch ein Vortheke. The Colonel is a bit hard of hearing, erinnert er mich, als seien wir Vortheken alle eine grosse Familie von Colonels, und warum auch nicht, könnte ja sein, sieht man vermutlich schlecht von hinter der Theke. “I’d like two Rollmöpse, please”, sage ich, ein bisschen, weil ich den Satz unbedingt sagen will, und ein anderes bisschen, weil ich tatsächlich zwei Rollmöchte möpse. Grundmultitasking. Nachdem er mir die Möpse zugestellt hat, versucht es der Mann hinter der Theke noch mal, aber der Colonel hört immer noch nicht. Die Hintertheken habens auch nicht leicht.

IV
Seit Wochen schon schwankt mein Klapprad sonderbar beim Rollen. Nicht besorgniserregend, eher so, als habe es sich einen kleinen Schwipps angezwitschert und könne jetzt nicht mehr gradeaus gurken. Ich schob das Gewackel auf die Gabelführung und dachte mir nichts weiter, jedenfalls nicht übers Rad. Bis dann auch noch das Hinterrad am Rahmen scheuerte beim Fahren. Bei dummen Fahrrädern liegt das an gelockerten Radachsmuttern und erfordert eine Achsgraderückung, aber beim Brompton verbeissen sich Unterlegscheiben mit Vampirzähnen ins Rahmenmaterial, und die Achse sitzt bei jedem Wind und Wetter bombenfest.

Bescheuerterweise scheuerte es aber trotzdem. Wer Schlingern ignoriert, kann auch bei Scheuern die Augen schliessen, dachte ich mir, irrte aber, weil, bergauf gegen scheuernde Räder anstrampeln grenzt an Arbeit. Obendrein muss man dabei ziemlich fluchen, und wenn man das richtig macht, geht Ignorieren auch schlecht.

Erst im Pendelzug guckte ich mir das dann näher an. Und staunte. Am Hinterrad waren nur noch die Hälfte der Speichen am Leben, der Rest an der Nabe abgebrochen, und von den Lebenden wiederum war die Hälfte reichlich lose. Die Felge liess sich gegenüber der Nabe zentimeterweit verdrehen. Eine rollende Todesfalle. Beim Bruch der nächsten Speiche wäre das Hinterrad auf der Stelle implodiert und von den rauhen Strassen Jerseys zu feinem Staub zermahlen worden. Wäre ich grade auf einen Alligator zugefahren, oder einen weitoffenen Nilpferdschlund, man mag gar nicht drüber nachdenken. Hingefallen wäre ich womöglich auch noch.

V
Wenn er nur endlich ein Ende hätte, der Spass. Ich liesse mir sogar mal wieder ein schlechtes Gedicht gefallen von mir. T minus eins.

Tuesday, April 20th, 2010

Phänomenologie des Geisteskranken (3)

Treets!
III. Unterdessen, anderswo.

“I feel I must interject here. You’re getting carried away feeling sorry for yourself” (Postal Service, Nothing Better)

Es ist ja nicht so, dass mich diese Dinge nicht interessierten. Billy Wilder soll einen flüchtigen Ideenschmetterling, der ihm mehrfach nachts durch die Träume flatterte, und der jeweils am nächsten Morgen verschwunden war, in einem Zettel-und-Stift-Netz neben seinem Bett gefangen haben, und als er das schillernde Insekt am nächsten Morgen bestaunen wollte, gespannt auf den Einfall, der dem Traum zufolge zum besten Film führen würde, den er je gedreht hatte, stand auf dem Zettel: “boy meets girl”. Denn es ist ja so: alles ist interessant und wichtig für den, der die Hauptrolle spielt. Und dem Publikum ist aber vieles fad und banal. Beziehungen bröseln unter Stress und mit der Zeit, Freundschaften sind schwierig, wo die Liebe mitmischt, Geldsorgen essen Seele auf, der Tod ist gross und wir die seinen, filled with the faults they had. Und so weiter, in ewiger Wiederkehr. Und eben Widerkehr auch.

Alles natürlich monumental, wenn man drin eingesperrt ist, aber gleichzeitig doch auch sehr bla, Alltagsgewürge, banaler Kram letztlich. Der Mist dieses Kleinviehs kann doch nicht sein, weswegen ich jetzt Pillen schlucke als wärens Treets, und trotzdem die Hälfte der Zeit emotional durch die Gegend taumle wie ein angetrunkener Albatross beim Landen.

Moment. Treets?

An Treets hatte ich zwanzig Jahre lang nicht gedacht, und dann fiel mir neulich in einem Gespräch über Affenspezialfutter plötzlich ein: die hiessen so, weil es treats sind: Feiertagsnüsschen im Schokomantel. Das Strahlen der Erkenntnis in meinem Gesicht, das rein gar nicht in dieses Gespräch passte, versuchte ich dann umständlich zu erklären, es blieb aber wohl unverstanden. Treets. Mannmann.
Im Hirnsieb sammelt sich so viel Schotter über die Jahre, es ist ein kleines Wunder, dass aus dem Kopf überhaupt noch sinnvolle Geräusche kommen ab zirka dreissig, und nicht nur noch inkohärente Nostalgie und Assoziationen zu Stellvertretersachen für ein damals und ein dort, für eine Kultur und ein Milieu. “Kennst du das” und “weisst du noch”, die Hauptsätze der Zugehörigkeitsrechnung. Dabei ist Differentialrechnung doch viel interessanter. Gleichheit definiert die Spezies, der Unterschied macht das Individuum.

Trotzdem, Auswanderer kleben weltweit zusammen wie ein Bienenschwarm auf Höhlensuche. Mir war lange nicht klar, warum das so ist, es schien wie das Klischeeeisbein (Triple-E Qualität! Kein Flachs!), des deutschen Urlaubers im Süden, ein ängstlich paradoxes Klammern ans Vertraute, wo man doch reist, um die und das Fremde zu erleben. Oder jedenfalls das Gefühl des Erlebnisses zu haben. Möglicherweise ist das Kennenlernen der Fremde ja ebenso unmöglich, wie einem Japaner unmöglich ist, die R- und L-Raute zu unterscheiden, aber herrje, versuchen kann mans doch wenigstens.
Aber nichts da. Beim Chinesen auf Spadina sitzen die Chinesen und speien gemütlich die Knorpel auf die Tische, im Latino-Supermarkt von Jersey City shoppen die Latinos in sauber nach südamerikanischem Land geordneten Regalreihen, wie zu Hause in der alten Heimat, und deutsche Besucher sind begeistert, wenn es irgendwo Bratwurst gibt und richtiges Bier. In New York!

Aber wer braucht Bratwurst, wenn er Internet hat? Man kann mich unter die Hippies werfen und unter die Homies, dachte ich, es bleibt immer der Rückzug in die Online-Horde, in die Ersatzfamilie, anstelle der dysfunktionalen echten. Nur dass diese Horde aus Einsen und Nullen besteht, und nicht aus Menschen, und lange Ketten aus Einsen und Nullen summieren sich für den sozialen Instinkt zu einem Nichts. “Was fehlt: Fernlausen” schrieb K. jüngst in eine dieser virtuellen Hütten; denn dem bloss geschriebenen Wort ohne persönliche Rückkopplung, ohne Achselgeruch und Augenrollen und Mundwinkelzucken, fehlen Bindungskraft und affektive Eindeutigkeit. Man kann das lange ignorieren, ein Fortschritt gegenüber der guten alten Zeit, in der Exilanten gleich nach Ankunft in Finsternis versanken. Aber irgendwann wird die Rechnung trotzdem fällig. Und dann helfen nicht mal mehr Käseknacker.

Igitt.

Thursday, April 15th, 2010

Frühling in der Stadt

Gesang der Sirenen,
Widerhall gleisser Fassaden:
Echos einer Stille.

Fremder Namen auf Markisen,
Flugblätter im Blütenschnee,
Matrix des Leerraums
zwischen den Zeichen.

Lockfarben geiler Bäume,
Referenten
des Grau.

Motor-
sägen-
zeit.

Monday, April 5th, 2010

ostersamstag

What are you doing?
Ich blicke vom Sucher und den auf den Gehweg gefallenen Blütenblättern darin auf. Die Richtung, aus der es fragt, ist nicht auszumachen. Ich suche die Fenster der Häuserfront ab, sehe aber niemanden.
What are you taking a picture of?
Die Stimme ist nicht neugierig oder freundlich, sie ist aggressiv und erbost: ein Hausbesitzer vermutlich, der Angst um die Seele seiner vinylverschalten Schachtel am Hang hat. Where are you, frage ich zurück.
What are you doing? fragt es jetzt erneut, drängender, und dann wird es dem Frager zu bunt, oder vielleicht auch zu schwarzweiss. Eine Gittertür öffnet sich hinter dem Parkplatz und ein drahtiger Mann mit Bierdose in der Hand kommt heraus.
What are you taking a picture of? fragt er jetzt, er schätzt offenbar die Wiederholung. Die Antwort ist ihm egal, kaum hat er sie, stellt er sie auch schon drängend in Frage: why are you taking a picture of that? Stop it. Und fuchtelt mit dem Finger in meinem Gesicht.

Er sucht Streit, droht und posiert. Wäre er ein kleiner Hund, er kläffte jetzt wild. Und weil wir hier in Jersey sind und nicht beim Zuckerschlecken, fliegen in Windeseile die What the fucks und I’ll fuck you ups hin und her; What aus meiner, up aus seiner Richtung.
Erneut öffnet sich die Gittertür und das Haus speit eine dickliche Frau aus. Ignore him, fleht sie uns an, come in, Eddie den drahtigen Desperado.
If I see you again, I’ll fuck you up, zischt Eddie im Abgang erneut, prickelnd, erfrischend, dann hat ihn aber endgültig die Dickliche am Wickel und zieht ihn hauswärts. What if they call the police on you again? schilt sie und die Gittertür schliesst sich.

Dann ist es wieder still in Jersey.