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Blinddarm



Saturday, November 25th, 2006

Blinddarm Alarm IX

Als das Dasein eine unbestimmte Zeit später wieder einsetzt, ist der Empfang verstellt, oder der falsche Treiber installiert, die Welt ist ein Voynich-Manuskript, nur weniger hübsch illustriert und nicht so alt. So müssen sich Krokodile fühlen, oder Lurche, oder Steine. Später werde ich diesen vegetationsnahen Zustand interessant finden, im Augenblick sind das Findezentrum und das Interessezentrum noch zwei Kleinbaustellen mit ungenügender Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr, und ich finde also gar nicht. Irgendwo im Kopfgetriebe wird registriert, dass mich eine körperlose Stimme höflich mit Namen anspricht „Hello Mister Schreiber“, dann schaltet das Relais wieder schwarz.
Das zweite Mal begrüsst mich niemand. Ein riesiger leeren Raum erstreckt sich in alle Richtungen, entlang der Wände kleine Alkoven, in jedem ein schwacher, regloser Körper auf der Rückreise aus dem Nichts, Arme und Hände hängen über hochgeklappte Bettgeländer. Immerhin liegt niemand mit verkrümmten Gliedern am Boden, der Bettgeländer wegen, vermutlich. Das Findezentrum wurde in der Zwischenzeit wohl eingeweiht, vermutlich billiger Sekt am kaum erstarrten Beton zerschmissen, und ich finde das alles ein bisschen doof. Dann aber wieder Licht aus.
Beim dritten Mal ist offenbar irgendwas anders, ich weiss nicht recht, was, die Angestellten hier aber wohl doch, denn jetzt klickert es unter mir, Bremsen werden gelöst es geht zurück nach Hause. Also jedenfalls nach oben, auf meine Station. Hört sich gut an, „meine Station“. Ein Stück Heimat, Menschen, die mich als Nummer auf einem Formular zu schätzen wissen und sich um mich sorgen, wenn ich aus dem Bett falle und einen Versicherungsvorfall auslöse. Aber auch sonst.
„How are you feeling“, fragt die dicke Krankenschwester. „Not bad“ sage ich, wahrheitsgemäss, weil die Bauarbeiten am Schlechtfühlzentrum vermutlich hinter dem Projektplan her hinken, und jedenfalls dort grade nicht gearbeitet wird. „That’ll work“ sagt sie, fummelt undefinierbar an den Tropfbeuteln rum und geht.
That’ll work. Sie wird es in den kommenden Tagen noch oft sagen.

Saturday, November 25th, 2006

Blinddarm Alarm VIII

In der Nacht wache ich noch einmal auf, sehe Caroline in unbequemer Haltung auf einem Sessel sitzen, den Kopf vornüber auf die Bettmatratze gelegt, und schlafen, und will mich grade über diese unpraktische Behandlung meiner Leibwache empören, da schlafe ich selber auch schon wieder ein. Gut, dass zum Beispiel Politiker nicht aus einem Krankenhausbett heraus regieren, es würde sonst vermutlich rein gar nichts erledigt.
Am frühen Morgen dann kommt die dicke Schwester wieder herein, jetzt gehe es zur Sache, noch einmal wird mir Kalium gegeben, dabei könnte ich genaugenommen Valium besser gebrauchen, denn ein bisschen unangenehm ist mir die Vorstellung schon, in Bälde vollständig ausgeknipst zu werden. Obwohl auch ein gutes Stück Faszination mitschwingt, und sogar Begeisterung über die riesige Medizinmaschinerie, die da angeworfen wurde, nur um ein kleines Stück Dreck aus meinem Bauch zu entfernen.
Und dann geht es auch schon los, durch Gänge, Flure, Aufzüge hinunter in den Operationskeller, oder vielmehr in die sogenannte Staging Area, das Aufmarschgebiet also quasi, in der sich die Armeen der Geschundenen hinter Vorhängen auf ihr je eigenens Elend vorbereiten sollen. Auch hier ist die Anzahl der mit mir befassten Personen wieder bemerkenswert, zwei Männer, zwei Frauen fuhrwerken um mich herum, und nur bei einem davon, dem braungebranntem Anästhesisten, der sich von meiner Blinddarmgebühr vermutlich die Teilnahmegebühr eines Golfturniers auf Hawaii finanziert, oder einen neuen Raketenwerfer auf seiner Kampfjacht, hat es einen erkennbaren Sinn. Werde ich hier ausgestellt? Wartet ein furchtbares Geheimnis darauf, mir enthüllt zu werden, und das Personal weiss aber schon darum, und kommt nun in der Frühstückspause an mein Bett marschiert, um später sagen zu können, dabei gewesen zu sein?
Tatsächlich verrät der Anästhesist mir jetzt was, nämlich, dass man mich auf einen eiskalten Operationstisch legen werde, er betont das mehrfach, vermutlich hat man schlechte Erfahrungen mit renitenten Patienten gemacht, die mit erstickten Unterkühlungsklagen drohen, während sie ins Schlummerland verräumt werden, und wenn ich dann auf diesem – kalten – Tisch liege, ziehe man mir segmentweise aufblasbare Thrombosedinger an und blase sie dann segmentweise auf, um so die Säfte in meinen Beinen zurück in den Rumpf zu pumpen.
Dann geht es Schlag auf Schlag, schon steht mein Bett neben der Schlachtbank, man schubst mich rüber, noch einmal eine Warnung wegen der Temperatur, es ist gradezu absurd, denn der Operationstisch, der den Warnungen zufolge von Eiswichteln aus Trockeneis gehauen worden ist, ist kaum kälter als mein bewegliches Bett. Jetzt breite ich noch die Arme aus, zwei neue Schwestern schon wieder fuhrwerken nun an mir herum, die eine an den Armen, die andere schraubt die Pumpstrümpfe fest, dann bläst sich der Strumpf auf, ein seltsames Gefühl, „You’ve been double teamed“, sagt der Anästhesist und kichert, eine der Schwestern guckt konsterniert, er setzt mir eine Sauerstoffmaske auf, „here it comes“ und ehe ich mir noch überlegen kann, ob die Antwort „I’ve changed my mind“ eine lustige Bemerkung, Anlass zu juristischer Panik oder beides sei, hört das Dasein auf.

Saturday, November 25th, 2006

Blinddarm Alarm VII

Der Schlitten aber fährt erst mal nur virtuell oder anderweitig eingebildet, und ich liege noch eine Weile still in meinem Übergangsquartier herum. Denn, so informiert mich Schnauz, bevor er für immer aus meinem Leben verschwindet, man habe „da oben“ kein Zimmer frei für mich im Augenblick, ich müsse also noch ein Stündchen zuwarten. Man versüsst mir dieses und alle noch folgenden Wartestündchen mit regelmässigen Morphiumgaben, ein schöner Operationsadventskalender zur Unterhaltung und Entlastung des Patienten.
Als ungefähr die Hälfte der angekündigten Wartezeit vergangen ist, schrecke ich wie in plötzlicher Erkenntnis aus meinem Delir, oder träume jedenfalls von solchem plötzlichen Aufschrecken, mache in Wahrheit aber wohl nur zögernd die Äuglein auf und frage die Zimmerdecke: „wo kommt denn um diese Zeit eigentlich ein freies Zimmer her?“ Die Zimmerdecke stutzt einen Moment, dann versteht sie, und in stummer Übereinkunft entscheiden wir, dass im Hause des Blinddarmpatienten, oder jedenfalls in der Ecke in der Notaufnahme, in der er die Adventszeit abliegt, von dergleichen zu schweigen sei. Es ist, wird mir dann aber schnell klar, gar nicht die Zimmerdecke gewesen, sondern Caroline, die sich über mich gebeugt hat, und also nach wie vor Wache hält an der Lagerstatt des Gebeutelten. Aha, da wäre das also auch geklärt.
Wie aus dem Nichts werden dann tatsächlich die Bremsen an meinem Bettfahrzeug gelöst, und das Gerät schiebt sich in einer Art Magie selbst durch allerhand Gänge, Abteilungen und Ländereien, in einen Aufzug, aus einem Aufzug heraus, und durch weitere Hallenfluchten und vorbei an Kinderzeichnungen Genesender zu meiner neuen Wohnstatt. Es war dann aber doch keine Magie, sondern eine dicke Krankenschwester, die noch einen Beutel mit Potassium, also Kalium, an meinen Wunderbaum hängt, darauf, behauptet sie verschwörerisch, hätten die Ärzte bestanden, meines Blutbildes wegen, und ich nicke gleichermassen verschwörerisch, verstehe aber nicht, was das alles über den reinen Nachrichtenwert hinaus bedeuten soll.
Vielleicht gar nichts.

Monday, November 13th, 2006

Blinddarm Alarm VI

Ist nicht das Leben, nicht die Welt ein einziger ausgedehnter Urlaub in einem wunderbaren Wintersportgebiet? Und ist es nicht angenehm, wenn der Druck, fortwährend Entscheidungen über Abfahrtsstrecke und Schrägungswinkel zu fällen, der den Abfahrtslauf so anstrengend und gleichzeitig aufregend macht, weggenommen wird, und man stattdessen in einem Achterbob unter jamaikanischer Leitung als Ballastsack die Bahn hinabschliddert. Man hat keinerlei Kontrolle, aber dafür kann man die Aussicht geniessen und kriegt vielleicht von leckeren Drogen ab.

Ich wurde vermutlich vom Subjekt zum Objekt dieser kleinen medizinischen Komödie, als jemand irgendwo in einer Notrufzentrale den Hörer abnahm, aber definitiv geschieht es jetzt, als Schnauz ins Zimmer tritt und mich aus dem Morphiumtaumel zurück ruft. Ich hätte tatsächlich zuviel Weisse im Blut, sagt er, und die Katze zeige eine leichte Vergrösserung des Zielorgans, und somit sei wohl alles entschieden. Man könne den Blinddarm auch gleich hier rausnehmen, sagte Schnauz, und machte eine angedeutete Bewegung auf meinen Bauch hin.

Ob er denn auch Hühnerblut und Schweineinnereien zur Hand habe – hübsches Wort, Schweineinnereieien – um die Wunderheilung angemessen durchzuziehen frage ich schlagfertig messerscharf zurück. Leider glückt mir die Äusserung nicht ganz, und ich lege stattdessen rasselndes Atmen und debiles Grinsen vor. Schnauz ist es gewohnt, und kontert mit der nächsten Nummer seiner Patientenunterhaltungsrevue: wir warten wohl besser auf den Chirurgen, der komme am Morgen und werde dann am Wochenende wohl einen schönen grossen Fisch fangen mit dem aus mir rausgeschnittenen Köder. Aber nicht, halte ich dagegen, dass der Fisch dann Blinddarmentzündung bekommt, das arme Tier, oder stelle mir jedenfalls vor, das zu sagen. Oder gesagt zu haben.

Jetzt warten wir erstmal bis ein Bett frei wird, sagt Schnauz, einfach ruhig liegen und die Fahrt geniessen. Dann jagt der Jamaikaner mir nochmal Dope in die Armbeuge, man könnte sich regelrecht dran gewöhnen, und der Schlitten, der hier mit mir gefahren wird, kommt richtig in Fahrt. Hei!

Sunday, November 12th, 2006

Blinddarm Alarm V

Die Katze ist ein Parsprototo, wie der Tisch, unter den man sprichwörtlich seine Füsse steckt für nicht nur das ganze Haus, sondern obendrein die darin symbolisierte elterliche Fürsorge stehen soll, so soll ein zwei Meter durchmessender Katzenafter hier die Katze ersetzen. Kein Wunder tanzen da die (Geld-)Mäuse auf dem OP-Tisch, fantasiere ich mir irgendeinen sozialkritischen Murks zusammen, während ein weiterer Fremder, ein Schiff in der Nacht – längst habe ich zu zählen aufgehört – die aus dem After ragende Katzenzunge absenkt, damit ich mich von der Patientenliege aus rübermachen kann.

Er sagt nicht viel, das hat er mit der Schwester gemein, die mich hier in Ego-Shooter-Manier durch die verlassenen Gänge schubste, Türen öffnete und schwungvoll Kurven nahm, aber jetzt muss er doch was sagen, nämlich belehrt er mich, dass die Katze gleich wollen würde, dass ich die Luft anhalte. Sie sage das aber gleich auch noch mal selbst, die Katze. Ich glaube, ich mag Morphium gerne.

Jetzt deckt er mich auf meiner Zunge noch mit etwas schwerem zu, dann geht er raus und wir sind allein, der Katzenafter und ich. Es klickt, es rumpelt, die Zunge zuckt und zieht mich rasch durch den Ring, hält an, dann fängt der Katzenarsch zu rotieren an, allmählich geht mir das ein bisschen zu weit, aber es ist zu spät. Breathe in, sagt die Katze jetzt tatsächlich, und: hold your breath, und zeigt digital an, wie lange noch, 38, 37, man kann es sich ja vorstellen. Ganz schön lange, eigentlich. Scheisskatze. Geht aber überraschend gut, vielleicht ist auch Luft in der Droge. Oder vielmehr: Sauerstoff. Mit Stickstoff kommt man hier nämlich nicht weit.

Jetzt kurbelt der fremde Mann die Katzenzunge samt Ichkadaver wieder nach oben, ich ruckle mühsam zurück auf meine Bahre, und dann spielen wir das Level rückwärts, alle Türen, Gänge, Ecken, und noch immer sind keine Monster drin. Aber ich bin sowieso unbewaffneter als je zuvor im Leben und wäre leichte Beute. Bzw bin.

Soweit also die Katze. Es ist unterdessen wohl zwei Uhr früh, im Unterleib regt sich der Schmerz, mein alter Freund, aber schon ist auch wiederum Eimer zur Stelle und pumpt neue Droge in mich rein. Gelähmt beobachte ich, wie vier kleine Luftbläschen den Schlauch entlang driften und in meinem Arm verschwinden, der alte Mordtrick aus dem Dutzendkrimi – Herzversagen, Herr Kommissar, ein natürlicher Tod – und von der tatsächlich rasant einsetzenden Todesangst wird mir kurz warm ums Herz. Es passiert aber gar nichts.

Saturday, November 11th, 2006

Blinddarm Alarm IV

Die Schmerzintensität, das muss man erklärt bekommen, wenn man es noch nicht weiss, weil man alleine vermutlich nun doch nicht draufkäme, wird in der Notfallmedizinischen Abteilung des Alta Bates Krankenhauses in Berkeley, und vermutlich ja insgesamt im Notfallsystem wenigstens der USA, wenn nicht gleich rundum der ganzen sogenannten zivilisierten Welt, auf einer Skala von eins (1) bis zehn (10) gemessen, und zwar durch Nachfrage beim Patienten.

Eins bedeutet angeblich “kein Schmerz”, wobei sicherlich zur Eichung der zugrundeliegenden Skala von Hintergrundschmerzen wie Heimweh, Zivilisationsmüdigkeit oder Phantomangst abgesehen werden soll. Zehn, andererseits, sei der Zustand, in dem man erwarte, sich zu befinden, nachdem man von einem Bus angefahren worden sei. So jedenfalls erklärte man es mir im Ambulanzfahrzeug, vielleicht kontextspezifisch. Wie gross der Bus gewesen sei, fragte ich keck zurück, der Frage wegen werden meiner Antwort vermutlich gleich zwei Schmerzpunkte wegen Renitenz abgezogen worden sein, und eine Antwort gabs natürlich auch keine. Fünf, behauptete ich, einigermassen haltlos, im Krankenwagen, sei die korrekte Lösung der Aufgabe.

Jetzt in der Notaufnahme, umkreist von Eimer und Schnauz, lege ich nach. Ohnehin hat sich die Skala plötzlich geändert, jetzt soll zehn plötzlich nicht mehr den Zusammenstoss mit einem Bus unbestimmter Grösse, sondern gleich den allerschlimmsten Schmerz vertreten, den man sich vorstellen kann. Das ist natürlich ähnlich kompletter Unsinn, wie nach der grössten Zahl zu fragen, obendrein kann man sich Schmerzen nicht merken, dafür hat unser Gehirn gnädigerweise keine Schublade eingerichtet, und also sind akute Schmerzen immer erheblich schlimmer, als man sie sich je vorstellen hätte können, aber ich will lieber keine komplizierte Diskussion mit Schnauz oder Eimer vom Zaun brechen, und denke mir eine Sieben aus, hauptsächlich, um mir Bewertungsspielraum nach oben zu lassen. Aber dann wirkt, nach überraschenden zwanzig Minuten, doch noch das Morphium, und die Sache fängt ziemlich unvermittelt an, mir ein bisschen Spass zu machen.

Schnauz zeigt auf meinen Bauch, man habe Blut abgenommen und sehe grade nach, ob da zu viele Weisse drinseien, hier an der Stadtgrenze zu Oakland wäre das natürlich ein Problem. Man unterziehe mich jetzt ausserdem der Katze. Es könne nämlich der Anhang sein, aber wenn die Katze nichts zeige, müsse man womöglich bis zum Vormittag warten, da hätten die Katzen Schichtwechsel oder was, ich habe aber längst den Faden verloren, gucke dankbar zu Caroline, die sich den ganzen Zirkus mit antut, obwohl sie von keinerlei ausgedachtem Bus angefahren wurde, und surfe ein bisschen auf der warmen Drogenwelle.

Saturday, November 11th, 2006

Blinddarm Alarm III

Irgendwo im zentraleuropäischen Hinterland, im Erzgebirge ja wahrscheinlich, dessen Bewohner ja offenbar einige Evolutionsschritte übersprungen haben und direkt vom Baum runter in Nickligkeitsschnitzwerkstätten gestiegen sind, bauen Menschen, denen es sonst an nichts gebricht, kleine Türmchen mit Achse drin Propeller drauf, und Platz für eine Kerze innendrin, und mit zahlreichen winzigen Figürchen drauf. Die Heissluft, die in der Verbrennungshitze der Kerzenflamme aus der gewöhnlichen Zimmerluft entsteht, steigt im Inneren des Türmchens auf, die Schrägstellung der Propellerflügel erzeugt aus der Linearbewegung ein Drehmoment, die Achse rotiert, und die Figürchen, aufgereiht, beginnen am entzückten Betrachter vorbei zu marschieren. Man sagt Oh!, wenn ein besonders schönes vorbeikommt, bis dann die Kerze erlischt und der Spass ein Ende hat.

So ist es hier jetzt auch, die Kerze wird irgendwo im Krankenhauskeller stehen, und in unermüdlicher Folge propellert es Gesichter und Uniformen an mir vorbei, tut es weh, wo tut es weh, wo tat es zuletzt weh, tut das weh, wann fing es an, wehzutun. Ich begreife nicht, woher die alle kommen, sind es Schichtwechsel, oder ist den Leuten hier so langweilig, dass sie alle den maroden Deutschen sehen wollen. Es kann doch nicht sein, dass man fünf Dutzend ausgebildete Hemdchenträger braucht, um einen einzelnen wimmernden Narren zu versorgen, aber sie kommen und kommen, eine endlose Kette und wie die Erzgebirskarussellzuschauer sage ich brav “Au” für einen jeden und winde mich ein bisschen. Es scheint ihnen zu gefallen.

“He’s not going to kick the bucket yet” sagt einer der Bearbeiter, ich werde ihn zur Strafe Eimer nennen. Nimm das, Eimer. Er kommt mir sowieso bekannt vor, das ist derselbe, der mir vor einer halben Stunde eine winzige nierenförmige und hautfarbene Plastikschüssel gegeben und um Erbrochenes gebeten hat. Mir wurde allein von der Vorstellung, eventuell in ein hautfarbenes Nierbenbeckchen kotzen zu müssen, natürlich auf der Stelle sehr schlecht, ansonsten kam es aber zu nichts weiter. Auch das etwas grössere Plastikding, das Eimer anlieferte, nachdem er meinen vertrauensfernen Blick aufs Nierenschälchen richtig deutete, wird diese Nacht jungfräulich überstehen wie eine Dotterblume den Junimond. Eingeklammertes Fragezeichen.

Man sticht jetzt natürlich auch längst wild in mich hinein, praktisch jedes der Erzgebirgfigürchen zapft sich am Hahn in meiner Armbeuge ein wenig vom Roten und trägt es weg, in unterirdische Operationskammern. Eine der Figuren, sie trägt Schnauz und ist also wohl Arzt, nimmt sich eine Extraportion, und gibt mir im Austausch irgendwas gegen Übelkeit und etliche Fingerhüte Morphium. Guter Tausch. Sehr guter Tausch.

Friday, November 10th, 2006

Blinddarm Alarm II

Noch während der Fahrt im roten Spielmobil durch das Strassenraster von Berkeley, das rede ich mir jedenfalls jetzt nachträglich ein, wurde ich schwer an die Toronto-Affäre von 2003 erinnert, bei der man mich wimmernd aus einer Schnellrestauranttoilette kratzte und in einen ganz ähnlichen Krankenwagen kippte. Damals waren Black Beans schuld, heute wissen wir es noch gar nicht, der gekrümmte Körper und die an- und abschwellenden La-Ola-Schmerzwellen sind völlig ursachenneutral. Trotz der aufdringlichen Parallele antworte ich auf die mehrfach gestellte Frage nach Allergien triumphierend ahnungslos und stolz mit “keine”, als sei das eine Leistung, ein grosses Entgegenkommen meinerseits, das mir ja wohl bessere Behandlung eintragen müsste. Kurz vor der Entlassung ein paar Tage später wird mir dann klar, dass es sich natürlich tatsächlich ganz genau so verhält.

Als man mich, am Krankenhaus angekommen, an der Liege festschnallt, um mich besser hinten aus dem Auto rausverklappen zu können, dämmert mir erstmals das ganze Ausmass des nun leider sich entfaltenden Unfugs. Dass hier nämlich jetzt eine monströse Maschine angeworfen wurde, deren mahlende Räder turmhoch und wie entfesselt, ah, Moment, die Metapher wackelt, autsch! Vorsicht da unten! Verflucht, Misthaufen. Kaputt. Hm.

Dass also jedenfalls was mit einem kurzen Anruf begonnen wurde, nicht vor Ablauf der Nacht enden wird. Vielleicht sind es die kostbaren Erinnerungen an lange Stunden zwischen röchelnden Siechen, während man auf die zuständige Bürokratenkraft wartet, die einen als Patienten überhaupt erst ins System speist, die mich misstrauisch machen. Es ist aber ganz unnötig, denn nach dem wackligen, schiefen und schmerzhaften Auswurf aus der roten Minna, und dem Aufpumpen oder was des Fahrgestells unter mir drunter, geht es wie am Schnürchen, hier eine Rampe rauf, da einen Gang entlang, da durch eine Tür, vorbei am gefürchteten Notfallaufnahmebürofenster (“You’re lucky, no one here” kommt es von der Schiebekraft hinten rechts), nur die Türschwellen und das leise Rumpeln stört den Frieden, und schon stehe ich in einem unbekannten Raum rum und winde mich und stöhne. Nicht schön, einerseits, aber da müssen sie jetzt durch, die andern. Au. Au. Au.

Wednesday, November 8th, 2006

Blinddarm Alarm I

Ich habe nichts gegen Krankenhäuser. Sie helfen den Menschen, die man in sie hineinsteckt, zumindest theoretisch, sie erinnern uns mit dem geballten Elend, das in ihnen stattfindet, daran, dass es uns eigentlich ganz gut geht. Sie sind riesige Übelkeitsstaubsauger, und ziehen mit einem sanft bohrenden Geräusch Bakterien, Viren, Fortsätze und ihre Träger an, in sich hinein und halten dadurch die Strassen frei. Zudem ist das Essen in ihnen gar nicht schlecht.

Hier in der Gegend sind die Krankenhäuser alle auf die Hayward Erdbebenspalte draufgebaut, aus der in ein paar Wochen, Monaten oder Jahren wie eine Krake die Geoenergie steigen wird, um an allen Häusern ein bisschen zu rütteln. Die Plattentektonik, aus der sich die Geokrake speist, hat das sich auftürmende Faltgebirgsgestein im Laufe der Jahrtausende zu Sand zermahlen, und die findigen Europäischen Siedler bauten auf diese Sandflächen dann Fussballstadien und Krankenhäuser, weil es so schön flach war. Hätte man selber vermutlich auch nicht anders gemacht.

Aber genug des Allgemeinen, das ist ja nichts Besonderes. Der vierschrötige Neger, der da unser Apartment betritt, andererseits, der ist was besonderes. Er trägt einen Helm, zur Arbeitssicherheit, obwohl ihm bei uns nicht viel auf den Kopf fallen könnte, ein auf ein Frühstücksbrett geklebter Pfeilschwanzkrebs vielleicht, aber nur wenns bebt, und es bebt ja nicht. Was ist los? fragt der Neger, und ich stehe immerhin aufrecht vor ihm und stammle etwas Inkohärentes über meinen Bauch. Vor ein paar Sekunden war ich noch sicher, dass sich alles in einer kleinen Peinlichkeit auflösen würde, eine simple Muskelzerrung im Bauch, was soll das Theater, Herr Schreiber, hier die Rechnung, aber jetzt, wo drei mächtige Feuerwehrleutsgebirge sich tektonisch in unser winziges Apartment schieben, verschiebt sich auch meine Wahrnehmung. Wahrscheinlich nur, weil man mich ernst nimmt, in meinen absurden Lederflipflops und der Haushose. Profis, man merkt es gleich.

Eh ich mich versehe, habe ich drei Leuten erklärt, wie das mit den Schmerzen ist, und finde mich auf einer Tragbahre hinten in einem roten Auto wieder. Gegenüber steht ein Feuerwehrauto, eine Weile lang werde ich denken, das geträumt zu haben, aber dann erfahren, dass in den Feuerwehrautos der Sauerstoff drin ist, für wenn man mal Sauerstoff braucht. Brauch ich aber ja gar nicht, und bekomme auch keinen gereicht. Stattdessen fragt man mich, zwischen Stöhnlauten, die mir selbst übertrieben vorkommen, fachkundig aus, wer weiss, was ich der Krankenschwester alles an kritischen Passwörtern und dunklen Geheimnissen erzählt habe, ich jedenfalls nicht mehr. Ist mein last.fm Account noch sicher oder hört die Feuerwehr jetzt mit?