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Fischtagebuch



Wednesday, July 9th, 2008

geschmacksfragen

Die Liebe ist ein seltsamer Snack. Manchem schwimmt sie ungefragt ins Maul, er kaut ein bisschen drauf rum und spuckt sie dann wieder aus. Mehr Salz, verlangt er vielleicht, oder mehr Maggi oder Sojasauce, dann hätte man das schlucken können. Aber so pur, nein danke. Andere wiederum hungern jahrzehntelang vor sich hin, essen nur Salat, und fallen dann ohne Vorwarnung über ein harmloses, blutiges Steak her wie ein Liger über eine Herde Maulesel. Das nur zur Illustration und zur Verwirrung des Lesers.

Während ich in Deutschland war, buk die feuchte Jerseyglut in einer kleinen Plastiktrommel Flocken und Krümel zu einem Flocken- und Krümelkuchen zusammen, der Kuchen passte nicht mehr durch die Trommelöffnung des Futterautomaten, und die Fische litten Hunger. Wenn man Fisch ist, hat man keine Moral, und also fehlen nach der Rückkehr im Becken verschiedene Fische. Aufgegessen von anderen Fischen, wie ich nach ein paar Tagen erkennen muss, als noch ein Fisch fehlt und stattdessen ein Fischhintern mit rausguckender Wirbelsäule zwischen den Pflanzen liegt.

Als Ersatz schwimmen mir sechs Neon-Tetras in Haus, winzigklein, und ein Prachtbarschweibchen, weil das vorhandene Paar ganz offensichtlich keinerlei Interesse füreinander aufbringt, vielleicht fehlt Salz. Jetzt fehlt jedenfalls keins mehr, denn nur Sekunden nachdem das nur halb so grosse neue Weibchen im Becken ist, läuft das Mannstier untenrum puterrot an, stellt den Goldkamm in die Höhe und macht sich wichtig. Die Frau, ebenso rot erglüht, biegt sich und zeigt den Bauch her. Auch der betrachtende Mensch errötet ein wenig.

Warum es mit dem neuen Paar sofort klappte, mit dem alten aber wochenlang nicht, wer kann es erraten. Unüberbrückbare Differenzen, möglicherweise. Man kann in so einen Fisch ja nicht reingucken. Ausser natürlich er ist tot und halb aufgegessen. Dann schon.

Friday, March 28th, 2008

Apparition



Hiding most of his day, a spirit, benign,
he walks on many legs among the beasts,
his searching eyes on stalks, his mind afloat,
and gazes with longing into the deep.

Friday, April 6th, 2007

Reisevorbereitungen

Als die nachdenklichen Menschen vor einigen Jahrtausenden in eine Regenpfütze starrten und das Individuum entdeckten, wurden sie von dieser merkwürdigen Beobachtung dazu verleitet, dieses sogenannte Individuum für ein unabhängiges Gebilde zu halten, für eine losgelöste, eigene Welt, in die die äussere Welt nur als Wahrnehmung eindringe, als gepflegte Samstagabendunterhaltung mit Werbeeinblendungen, ein Schattenecho eines anderswo brennenden, heissen Fusionsfeuers, gefahrlos und jederzeit abschaltbar.
Hätten sie mal genauer hingeschaut, damals. Denn das Selbstbild in dieser Pfütze warf Wellen vom Wind, Kaulquappen perlten darunter hin und ehr, ein Laubblatt verbirgt den Ausdruck des Auges. Und nun kommt ein Fisch, verschlingt die jungen Frösche, die Pfütze ist ein Meer, eine Nahrungskette, eine Fresspyramide, über der sich das mickrige Ich auflöst, als Schaumkrone auf den Sturmwellen und in Blasen zerstäubt. In mittlerer Wassertiefe dieser Metapher schwimmt ein Atom-U-Boot, die Besatzung sehnt sich, nach unterschiedlichen Dingen und doch gemeinsam und aus dem Reaktor leckt Plutonium oder Cäsium, oder irgendein anderer Scheiss, eine leuchtende, verschlungene Unterwasserspur einmal um den Globus, entlang der neues, leuchtendes Leben entsteht und sofort wieder vergeht, die absinkenden verkrüppelten und vergifteten Flossen und Schwänze und Herzen Nahrung für einen hungrigen Bodenbewohner. Aber genug davon.
Im Aquarium hat sich nichts weiter ereignet, seit die Schwertträgerin sich einen Bauernhof kaufte. Hunde, Ottos und Pleco ernähren sich von Unsichtbarem, eingeworfenes Futter wird nicht beachtet, die Tiere scheinen nicht auf mich angewiesen, aber das ist möglicherweise auch nur ein Trug. Überstünden diese Bodenbrüter zwei Wochen Einsamkeit? Die überlebenden Schwertträger knabbern lustlos am eingeworfenen Futter, denn auch sie haben offensichtlich einen Job gefunden und kommen jetzt alleine durch. Drei Tage gabs nichts zu fressen, dem Ammoniak Einhalt zu gebieten, und die Fische kacken trotzdem wie die Weltmeister. Die Schnecken ernähren sich ohnehin von grünem Schleim, und davon ist ja genug da.
Bleiben die einsame Barbe und das Cichlidenpaar. Godzilla habe ich noch nie essen sehen, von irgendwas muss er sich aber wohl doch ernähren. Godzilla seine Frau nimmt zwar eingeworfenen Quatsch gerne entgegen, zupft aber ansonsten keck an den Pflanzen rum. Und die Barbe, herrje, wer versteht schon Barben? Ausser Sterben haben die doch nichts im Kopf.
Jetzt habe ich absätzelang vor mich hin ramentert, bin der Antwort auf die auslösende Frage aber immer noch nicht näher gekommen: kann das Aquarium zwei Wochen ohne mich dastehen, oder braucht es einen menschlichen Aufpasser? Und kann man denn überhaupt jemandem zumuten, die Verantwortung für die sich ja sicherlich schon anbahnende nächste Katastrophe zu übernehmen?
Ach, wäre man das Spiegelbild einer Insel in einer leeren Pfütze.

Friday, March 30th, 2007

Neue Weltordnung

Wie jeder weiss, der schonmal Schuhe gekauft hat, kommt es im Leben vor allem auf die Grösse an. Und Fische wissen das natürlich auch und beugen sich gerne dem geistlosen Diktat der Körpermasse. Einserseits verhält sich Godzilla wie ein scheuer, tapsiger Riese, rumpelt beim Rumschwimmen ständig irgendwo gegen und kann sich nur unter grossen Mühen das Schloss überstreifen, um dann mit wachsamem Auge zum Tor herauszuspähen, ob niemand ihm übel wolle. Andererseits aber kann Godzilla in unserem Becken nun komplett machen, was er will, seine schiere Grösse erstickt ohnehin schon unplausiblen Widerstand im Keim. Und was schon gekeimt ist, aber nicht an der richtigen Stelle steht, wird kurzerhand ausgerupft.
Am Morgen nach der Godzillaankunft schwimmen deshalb zahlreiche Pflanzen zerrupft an der Oberfläche, die restlichen Fische stecken hinter Steinen und im Laub und glubschen nervös, und von der Ursache ist aber nichts zu sehen. Nur die Cichlidfrau, die ihren eivollen Bauch vor dem Schlosseingang auf und ab paradiert ist ein Indiz: da wird er wohl drin sein.
Ist er aber nicht. Denn unvermittelt entfaltet sich jetzt die Eröffnungssequenz eines Star Wars-Films, ein massiver Raumfisch schiebt sich unter Bassgrummeln hinter dem Schloss schräg aufwärts, ein riesiges Auge späht, und immer mehr und mehr blauer Fisch taucht auf, die absurd grossen und Detailarmen Schuppen und Flossen ein Hinweis darauf, dass hier die Effektabteilung eine Attrappe gebaut hat, und der Fisch in Wahrheit nur ein paar Zentimeter lang ist. Jetzt schiebt sich rot- und gelbglühend die Schwanzflosse ins Freie, die den Zerstörer antreibt auf seiner Bahn durch den Kosmos, kurz steht der ganze, massive Fisch frei über dem Schloss.
Dann sieht er mich, und versenkt sich wieder, schüchtern, aber durchaus selbstsicher, ein zärtliches, blaues Monster.
Am anderen Ende des Grössenspektrums sind unterdessen zwo der Schwertträgerjungen grundlos verendet und schwimmen leblos im Kindergarten. Noch zwei.

Wednesday, March 28th, 2007

Wurmloch

Die weitere Observation des rückgratlosen Schmarotzers offenbart schon bald Erstaunliches. Zwar weigert sich die bewohnte Fischin nach wie vor, vom Medikament mehr als einen Hauch zu sich zu nehmen. Die reichlich als Chemieteppich über ihr abgeladenenen bitteren Pillen umschwimmt sie geschickt, um sich dann selbstzerstörerisch die am wenigsten medikamentverseuchten Krümel aus dem Kies zu picken. Aber trotz diesem anhaltenden Widerstand des Patienten geht es auch der Krankheit offenbar nicht recht gut. Weit jetzt ragt nämlich der Wurm aus dem Poloch, krümmt sich mal hierhin, mal dahin und scheint unzufrieden. An seiner Flanke lässt sich eine angeschwollene dunkelrote Zornesader erkennen, entlang der er unzweifelhaft letzten Lebenssaft aus seinem Opfer saugt, aber es hilft ihm nicht viel, denn auch dieser Saft ist ja wurmfeindlich vergiftet.
Ich weiss nicht, ob das Fenbendazolfutter oder die sicherlich im Krankenwasser noch vorhandene Antibiotikamagie der Arschlametta das Licht ausbliesen, aber jedenfalls ist nach zwei Tagen des Rausragens in wechselnden Richtungen der Wurm verschwunden und der Fisch gesund. Es ertönen Pausanen, Tromtepen und andere unbekannte Instrumente der Freude und der Hoffnung, sowie ein Glückstriangel, in einem schönen Jingle.
Schnell ist sie eingefangen und ins Hauptbecken verschifft, beziehungsweise verfischt, wo nur noch ein wenig Akklimatisierung zwischen ihr und einer triumphalen Rückkehr steht. Während sie darauf wartet, ziehe ich noch schnell Wasser unter ihr weg, und sauge gleich die grünen Berge von Schwertträgerscheisse, die sich vorne rechts in einem Strömungswinkel anreichern, aus der Landschaft, damit alles schön blinkt, wenn die Patientin zurück kommt. Beim Wiedereinfüllen stosse ich an den Schwimmkindergarten, der obere Rand wird unter Wasser gedrückt und zwei der Schwertträgerkrümel entweichen keck in die Freiheit.
Nur einen davon finde ich später wieder. Den anderen haben wohl die Barben geholt. Noch vier.

Saturday, March 24th, 2007

Heilvorgänge

Wenn man einem Seestern ein Beinchen ausreisst, kann der Seestern, anders als Herr Sumsemann übrigens, sich das Beinchen flink nachwachsen lassen – übrigens ist es aus Sicht des Seesterns ja ein richtiges, grosses Bein und der Diminuitiv nimmt dem Tier das bisschen Würde, das der Schöpfer eingebaut hat, auch noch fort – sich also: das Bein nachwachsen lassen und dann wieder durch die Gegend krabbeln, Schnecken zu knacken oder Muscheln auszulecken.
Andererseits hat aber, so denkt man zumindest, wenn man denken kann, der Seestern nicht viel von seinem nachwachsenden Seesternleben. Schnecken knacken und Muscheln auslecken mögen dem Geistesmüden wie Paradiese simpler Freuden klingen, der Seestern andererseits nimmt all das ja ungefragt hin, und versteht von Moralphilosophie und Differentialrechnung nichts, und es dürfte offensichtlich sein, dass ohne diese beiden man diese sogenannte Existenz eigentlich gar nicht erst anzutreten braucht.
Hat man nun aber einen Körper, dessen Biomasse die Differentialrechnung nicht nur implizit auszuführen, sondern auch explizit symbolisch zu repräsentieren in der Lage ist – mit anderen Worten, hat man bei der Herstellung ein ordentliches Gehirn reingeschraubt bekommen und nicht nur eine Strickleiterattrappe – ist es leider aus mit den nachwachsenden Beinchen. Je komplexer so ein Ding ist, desto weniger wächst ihm nach, was man abschneidet oder kaputthaut. Das ist ein Naturgesetz, das ganz ähnlich wie der Rest der Naturgesetze erst zusammenbricht, wenn man zu sehr an der Massstabsschraube dreht. Staaten beispielsweise können einander die Beinchen abhacken und durch Nachwuchs ersetzen, es scheint ihnen sogar Spass zu machen.
Aber Menschen, Schwertträger oder Barben sind keine Staaten, noch nicht einmal kleine Königreiche sind sie, oder halbautonome Behörden unter einer Dienstaufsicht, sondern ergebene Untertanen des Stofflichen. Und schon deswegen müssen die drei überlebenden Karpfen jetzt genauestens überwacht und gegen die anstürmende Materie verteidigt werden. Die Schwanzflossen sind ausgefranst, das Verhalten zwar fröhlich, aber gedämpft, die Gesamterscheinung hoffnungsreich, aber auch dräuend. Aber wem erzähle ich das?
Im Krankentank unterdessen pickt die Cichlidin Medikamentenbrocken aus dem Kies, um sie jeweils Sekunden später als Nebelwolken wieder aus den Kiemen zu jagen, verwehende Heilmacht, ich sehe es ungern . Ob sie die im weisen Zeug versteckten vergifteten Futterbrocken auch aufisst, ist nicht zu erkennen, dafür aber, dass der Wurm, frech geworden vielleicht, sich weiter als je zuvor aus dem Fisch lehnt, fast einen vollen Zentimeter ragt das Geschmeiss hervor. Fällt er nun endlich ab, wird nun alles gut? Zwanzig Minuten lang beobachte ich das Ding, dann zieht es sich wieder zurück und nur mehr der spitze Kopf lugt raus. Bin also ich selbst, beim Fischbeaufsichtigen, ein Programmpunkt der Wurmunterhaltung? Haben Arschwürmer Augen? Denkt der Parasit über eine Besiedlung meiner Person nach?
Man möchte es lieber nicht wissen.

Wednesday, March 21st, 2007

Ausmerz

Die erste Prüfung nach der Heimkehr am späten Abend gilt dem Barbenkrankenhaus, in dem auf den ersten Blick alles vernünftig und im Lot scheint, es ist geradezu sonderbar. Bei näherer Kontrolle findet sich dann aber doch noch ein toter Fisch, im kleinen Schloss drin, das hier wohl die Rolle eines Elefantenfriedhofes spielen will. Es wäre sonst auch zu Dings gewesen, zu, na, wisst schon. Noch drei.
Es schweift nun der Blick des Wiedergekommenen, also mein eigener Blick, in einem hoffnungsfrohen Bogen auf die Kinderstube hin – herrje, was ein geschraubter Quatsch, ich guck mir halt das Aquarium an, dazu steht es ja da. Was dagegen, Zaungast? Will ich auch nicht gehofft haben. Ja.
Aber Kinderstube kann man das andererseits schon kaum mehr nennen, nein, Kinderstube wäre entschieden in diesem Moment das ganz und gar falsche Wort. Dieses kleine semantische Beben ereignete sich aber nicht durch Heranwachsen der Jungfische, durch Jungfischpubertät und Unabhängiggewordensein, durch Poster von Fischen in sexuell gewagten Posen an den Wänden und Substanzen in geheimen Dosen unter dem Fischbett, sondern im Gegenteil durch das fast vollzählige Verschwinden der Brut aus dem Weltzusammenhang. Es scheint schwer zu glauben, aber von den knapp dreissig kleinen Fischen sind tatsächlich noch mit dem Finger draufzeige, zähle, sage und schreibe fünf übrig.
Fünf! Die unbeeindruckt von den über ihren Häuptern schwebenden Trägerschwertern sich in der Vegetation tummeln. Hat also die Hemmung der Elterntiere nach nur einem kurzen, verstrichenen Tag ihr Ende erreicht, und ein kannibalistischer Furor kam über die sonst so friedlichen Tiere? Oder hat vielleicht die Cichlidin, im Diktat des Arschwurms stehend, sich über die hilflosen Fischlein hergemacht und sie mit Mann und Maus abgeweidet, um dem Wurmdämon neue Substanz zuzuführen? Die Hunde und Ottos, soviel ist nahezu sicher, sind des Fischmordes unverdächtig, und auch dem Schneck ist wohl ein Persilschein auszustellen. Er traut sich noch immer nicht aus seiner Dose und wird wohl vor Kummer vergehen, wenn kein Wunder geschieht. Und überdies kommen Killerschnecken nur in der Literatur vor. Die beiden anderen kleinen Schnecken, die wohl aus Eiern herausgeschlüpft sein müssen, und sich hin und wieder öffentlich irgendwohin setzen, sind zwar der Untat nicht völlig unverdächtig, aber zur Fischjagd vermutlich doch zu langsam.
Nein, es werden schon die Eltern gewesen sein, die die versehentliche Geburt in Windeseile wieder rückgängig machten, vierzig blühende Leben, Karrieren, Hoffnungen und Träume, zerstört und zernagt. Fischsaupack.
Die verbleibenden fünf, die Besten, oder immerhin jedenfalls Ungefressensten ihrer Generation, dürfen zum Trost jetzt im Schwimmgefängnis in Isolationshaft und also sicher vor hungrigen Mäulern, heranwachsen.
Wenn sies denn überhaupt packen sollten.

Tuesday, March 20th, 2007

Vormerz

Die zweite Überraschung, gleich nach der Ankunft des vielköpfigen Kindergartens, ist seine fortgesetzte Anwesenheit nach vollen zwölf Stunden in der Fischhölle. Zwar scheint es, als sei die Zahl ein wenig von geschätzt vierzig auf vielleicht dreissig eingeschnurrt, aber in dem Gewimmel ist das ein bisschen schwer zu sagen. Leichter fällt die Zählerei bei den Barben nebenan, da sind es nämlich noch vier. Toter Fisch raus, Tablette rein, ein Kommen und Gehen, ein Nehmen und Geben.
Aber zurück zu den winzigen Kinderfischen mit den grossen Augen. Wenn man genau hinsieht, kann man sehen wie die Miniaturtiere Miniaturkrümel oder Algenreste oder auch einfach nur Wasser in ihre Miniaturmünder saugen. Manchmal sind die Krümel zu gross, dann geschieht ein winziger Auffahrunfall, der Asteroid klebt einen Moment lang vorne am Fisch und wird dann einige Millimeter weit weggespuckt. Vielleicht leckt in diesen Augenblicken der Miniaturfisch Salz vom Brocken, oder Schleim, oder Grind. Es ist zauberhaft.
Noch immer stehen die Jungfische in zwei Herden im Becken, und ich frage mich, ob das vielleicht damit zu tun hat, dass beide Mütter zugleich geworfen haben, und jetzt also zwei genetisch unterschiedliche Jugengandgs zum Face Off angetreten sind, die Eastside gegen die Westside, und irgendwann Schlägereien winziger Fische anstehen.
Vorerst aber wedeln sie nur mit den winzigen Seitenflossen planlos durch die Gegend, schwimmen ein bisschen hierhin und dorthin, nehmen alles, was vorbeischwimmt und klein genug ist, in den Mund. An dieser millimetergrossen Niedlichkeit wird es wohl liegen, dass die Eltern nicht über ihre Brut hergefallen sind wie Japantouristen über ein Sushibuffet. Es haben die Fische, allem äusseren Anschein zum Trotz, wohl eben doch ein Herz aus Gold und sind im Kern gute Menschen.

Monday, March 19th, 2007

Das Wunder des Lebens

Im Hauptbecken ist zu dieser gottlosen Morgenstunde noch kein Licht, nur undeutlich sieht man darum, dass alle Fische sich noch in ihren Nachtecken verstecken. Obenauf schwimmen zwei welke Blätter, die ich mit spitzen Fingern herausfische, und hastunichtgesehen zuckt es als wie ein lebendes, kleines Komma vor meiner Hand davon. Was aber, Freunde, war das? Vielleicht zwei Millimeter lang, rötlich schimmernd, wieselflink. Es wird doch nicht der verfluchte Wurm ein Schwimmstadium erreicht haben und nun vollends übers Aquarium herfallen wollen?
Aber dann gucke ich in eine der Beckenecken, und da stehen sie, still und hoffnungsvoll wie Stubenküken oder Mastkälber, wohl zwanzig winzige Schwertträgerfische, die über Nacht aus ihrem Muttergefängnis entkommen sind. Drei Millimeter lang, halb durchsichtig, halb schon orangegetönt wie die Eltern, mit zwei winzigen Augen, die neugierig hierhin und dorthin spähen – ein Vorteil der Kurzsichtigkeit ist die sozusagen ins Gesicht eingebaute Lupe, die einen dergleichen aus nächster Nähe sehen lässt. Jetzt endlich gibt die Ankündigung Patricks, die Fische produzierten pro Monat so an die 40 Nachkommen, einen greifbaren Sinn. Nicht über den Monat hinweg meinte der Fischmeister, sondern je auf einen Satz. Und wirklich stehen ja in der gegenüberliegenden Ecke weitere zwanzig winzige Fische und wissen nicht, was das Leben soll. Herrje.
Mal sehen, wieviele heute abend noch da sind. Die Schwertträger fressen nämlich – Überraschung – ihre Kinder.

Monday, March 19th, 2007

Todesmelodie

Bis zum Abend hat eine weitere Barbe den Eimer gekickt und besieht sich die Wasserradieschen von oben. Noch sechs.
Eine weitere Medizintablette wird reingeworfen, Futter obendrein, aber es fühlt sich an und sieht aus nicht wie ein Heilvorgang, sondern wie eine Massenhinrichtung. Selbst wenn einige wenige Barben dieses Massaker überstehen werden, sieht die Zukunft finster aus. Barben sind Herdentiere, aber nach den bisherigen Erfahrungen ist mein Interesse an einer neuen Barbenherde gering. Robuste Anfängerfische sind das angeblich, und was das über mich aussagt, muss ich mir wohl nicht erklären. Ich denke ja mit, während ich schreibe.
Im anderen Becken ist unterdessen Kristallklarheit eingekehrt. Noch immer trübt keine Alge das Wässerchen, und die verbliebenen Fische huschen munter durch die Fluten. Natürlich hat die Cichlidin immer noch ihre Wurmbesatzung im rückwärtigen Cockpit sitzen, aber das ist letztlich auch kein Wunder, das dumme Tier frisst ja allerhand Grünzeug statt der giftigen Futterlieferung, die ich blind hoffend noch immer über ihr ablade. Die Schwertträger spachteln es gern in sich rein.
Bei der staunenden Inspektion der neuen Wasserklarheit entdecke ich dann aber doch noch einen weiteren toten Fisch, abgestumpft und blöd nehme ich es nur mehr zur Kenntnis. Der kleinste der drei Hunde war von vorneherein nicht gesund, die Flossen kahl, schlug sich wacker und versuchte, mit seinen doppelt so grossen Artgenossen mitzuhalten, musste aber letztlich einsehen, dass es keinen Sinn hatte. Weil Hunde am Boden leben, leben auch tote Hunde am Boden, und man sieht sie beinahe nicht. Nun aber ab aufs Brettchen, Hund.
Es schwinden die Fische wie Butter auf Toast, der frisch noch aus dem Ofen kam, dahin.
Am nächsten Morgen dann hat es wiederum eine Barbe erwischt, eine richtige muntere kleine Todesfabrik betreibe ich da in unserem Wohnzimmer. Vielleicht brauche ich bald mal eine schneidige Uniform. Noch fünf.