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Vision



Sunday, May 28th, 2006

Ende der Lage

Während sich die Kindheitserinnerung an Sprühpflasterapplikationen am sensorischen Material labt und selbst verstärkt, erprobe ich in der Gegenwart Zen-Taktiken zur Schmerzkontrolle, und staune nicht schlecht, als mir tatsächlich teilweise gelingt, das beinumfassende Brennen, das aus den paar offenen Quadratzentimetern strahlt, als blosse Tatsache zur Kenntnis zu nehmen. Die Fühldistanz zum Schmerz oszilliert, wie zum Beispiel ja auch bei der binokularen Rivalität die Wahrnehmung unterschiedlicher Bilder in den beiden Augen im Sekundenrhythmus zwischen links und rechts zu schwanken neigt, und interessanterweise diese Distanz aber nicht in der Schmerzintensität, sondern in ihrer Bedeutung zu liegen scheint, denn es tut nicht weniger weh in den Entlastungsphasen, es ist mir nur mehr egal. Leider muss ich schon nach ein paar Minuten das Experiment abbrechen, weil den Schmerzfasern das Weiterleiten endlich zu dumm wird und Friede einkehrt in der Haxe.

Ein Auto parkt vor meiner Nase, eins aus der aufgepumpten Minivan/Pickup-Familie, eine junge Frau steigt aus, ihr Blick streift mich, dann ist sie auch schon im Walgreens verschwunden. Noch während ich überlege, ob ich denn wirklich einem am Boden sitzenden mit blutigen Beinen ein tröstendes Wort zukommen ließe, wie ich mir im Interesse der Anonymitätsverteilung einrede, oder nicht, kommt sie wieder raus, stracks auf mich zu, und sagt “Sorry”. Aha! Also doch!

“I have to use that”, fährt sie zielsicher fort, und meint das Telefon. Ich sitze da zwar nicht wirklich im Weg, aber wohl doch zu nah dran, wer will schon neben Siechen oder Wunden telefonieren, womöglich sind Viren oder Pechstrahlen in der Luft. Sie sollte wirklich über die Anschaffung eines Mobiltelefons (Händi) nachdenken. Praktisch, so ein Gerät.

Sekunden später rollt Chris auf den Parkplatz, in seiner Mietwagenlimousine, einem von fünf Autos, die sich das Berkeleykontingent hier teilt. Er bestaunt mein Bein und die Wunden, die er nicht erwartet hatte, ich war absichtlich vage gewesen am Telefon, und wir verladen das Rad und die Posterrolle und fahren davon.

Mein Poster war noch am selben Abend fertiggedruckt, offenbar Ehrensache für Michelle, die nur Minuten nach meinem Davonhumpeln von ihrem Arztbesuch zurückgekehrt war. Die beiden Nachtangestellten bei Kinko’s, die mir das erzählen, sind freundliche Gesellen, die sich neugierig nach dem Thema der Konferenz erkundigen, für die sie nun schon ein knappes Dutzend Poster last minute gedruckt haben, und die sie doch überhaupt nicht einordnen können. Die Renaissance ist lang dahin, ich erkläre kurz, dass es ums Sehen geht, denke mir nichts weiter zu Spezialistenproblem und Universalwissenschaft, und humple in die Nacht. Justin im Auto hebt angesichts der Papierrolle in meinem Arm den Daumen. Ich erwidere die Geste und steige ein.