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Thursday, September 21st, 2006

William Gibson – Virtual Light (2)

gibson light.jpg I am not a fan of Gibson’s – or indeed any of the cyberpunk writers’ – plotlines. I find the constructions they come up with to throw the little guy into the arena of big corporations and social and economic powers of great thrust hard to swallow, and the conclusions shallow. On the other hand, the intricacies of the worlds created are meticulously worked out, and just for imagining the community of people dwelling on the abandoned structure of the west span of the Oakland Bay Bridge this is well worth reading. The characters are memorable, and the ideas have enough Gibson cool to make the ultimate shallowness of it all less of an issue.

Sunday, July 21st, 2002

Da ist der Himmel!

Die Taube sitzt auf dem Gehweg, den ich langradle. “Da ist der Himmel”, würde ich ihr gerne ärgerlich zurufen, aber als erfahrener Taubenwatcher seh ich sofort, daß mit dem Tier was nicht stimmt. Als ich näherradle hüpft die Taube gemächlich auf die Straße. Aus Symmetriegründen müßte ich jetzt wohl fliegen, aber meine Gangschaltung ist kaputt. Die Taube wandert langsam zwischen den vorbeirasenden Autos durch, es ist eine Stadtautobahn. Ich bleibe stehen und schau ihr über die Schulter dabei zu, fasziniert und mit schlechtem Gewissen, weil ich erwarte, daß sie überfahren wird und weil ich trotzdem weiter schaue. Als alle Autos vorbei sind, läuft das Tier zurück auf den Gehweg, dreht sich zum Zaun, hinter dem das Gras grüner lockt, und setzt zum Abflug an. Oft habe ich Tauben nach dem Scheißen von unserem Balkon fliegen sehen, ich weiß, wie Zumabflugansetzen bei Taubens aussieht. Diese jedoch zuckt nur hilflos mit den Flügeln, spreizt sie ein bißchen, versucht es noch einmal und scheitert. Gangschaltung kaputt. Sie dreht sich weg, läuft den Zaun entlang auf dem Gehweg und ich fahre weiter, in die andere Richtung.

Saturday, July 20th, 2002

How do you like?

Die Straßenbahn hält. Vor uns an der Haltestelle stehen zahllose Menschen auf dem Rückweg vom Jazz-Straßenfestival, vorne einzusteigen ist undenkbar, eh die Schlange weg ist, ist die Bahn voll. Wir steigen also hinten ein, nehmen uns vor, zu bezahlen, wenn die Bahn leerer ist, wir sind ja ehrliche Häute. Eingezwängt stehen wir da, eine kleine Mexikanerin wankt, schubst uns mehrfach. “How do you like Toronto?”
Sehr betrunken ist sie, erstaunlich, denn auf den ganzen 3 Kilometern Jazzfestival gab es sehr wenige Kneipen, und die kleine umzäunte Trinkarena lag dunkel und verlassen im Park. Der Ontarier trinkt nur nachmittags. Die Mexikanerin aber ist blau, Deutsche, lallt sie, sie habe einen Deutschen gekannt, der habe ihr was beigebracht, “Ich liebe Dich”. Klare Aussprache, Respekt.
Einem Impuls folgend läßt sie einen Korkenzieher nach hinten durchgeben, zu ihrem Begleiter, der in der Hand eine braune Papiertüte hält, und zu dem sie geht, als die Bahn sich langsam leert.
Kurz vor unserer Haltestelle stehen beide auf, an uns vorbei, sie stockt kurz, schwankt, und erbricht sich auf den Boden. Als die Tür sich öffnet, geht er eilig hinaus, sie hat sich noch einmal gegen die Wand des Wagens erbrochen, und läuft davon, schwankt über die Straße, ihr Begleiter ist nicht mehr zu sehen, als auch wir aussteigen.

Sunday, June 30th, 2002

In schwachen Böen

Musik dröhnt in munterer Mischung aus den Boxen, gestählte Männerkörper im zartbitteren Ledernichts schwingen Bizeps und Brust, und in den strahlend blauen Himmel über der Stadt treiben zwei aufgeblasene Kondome, in den schwachen Böen, die die Temperatur erträglich halten. Ein rotbemalter, Halbnackter auf einem der Wagen lacht, winkt, macht lockende Handbewegungen. Meint er mich? Ehe ich entscheiden kann, fährt der Wagen mit einem Ruck wieder an, die Kondome verschwinden 20 Meter höher um eine Hausecke.

Saturday, June 29th, 2002

Basically

Im Vorübergehen nehme ich einen Bund Petersilie aus dem Topf im Gemüseregal und werfe ihn in den Einkaufswagen. Minuten später fragt die Kassiererin, den Bund halb erhoben, den Blick gesenkt: “Koriander?”
“I thought it was Parsley”, antworte ich, aber Großblattpetersilie und Koriander verwechsle ich immer, ich überlege, macht nichts, zu Couscous paßt auch Koriander, besser vielleicht sogar.
“It‘s basically the same”, sagt die Kassiererin und schaut mich immer noch nicht an, zeigt mir die Wurzeln, “it just got roots”. Ich grinse, nicke, sie sieht es nicht. Erst nach dem Bezahlen, beim Verabschieden, treffen sich kurz unsere Augen.

Sunday, May 19th, 2002

Regen, nachts

Zufriedene Menschen gehen zügig aus dem Saal, beinahe hätte es nach der letzten Szene Applaus gegeben. Durch die Stuhlreihen rasen zwei junge Männer, ohne Rücksicht auf die Gehenden. Der Verfolger hat eine Popcorntüte in jeder Hand, jedes Mal, wenn er dem Verfolgten nahe kommt, stößt eine der Tüten nach vorne, wie eine Waffe. Er läßt kurz ab, hebt zurückgelassene Tüten auf und füllt mit den Resten seine Tüten. Direkt neben uns schleudert er das Popcorn, in einem Kreis von 2 Metern Radius regnet es herab.

Sunday, May 19th, 2002

Eine Handvoll Popcorn

Die Lichter erlöschen im Saal, die letzten Nachzügler suchen die letzten freien Plätze. Hinter uns stehen beide Flügel der Eingangstür offen, das Licht aus dem Flur und Lachen dringt herein. Ich drehe mich um. Ein Mann läuft hinter der letzten Stuhlreihe zur Tür, in der ein kleiner Haufen Popcorn liegt, jemand hat seine Tüte dort verloren. Er bückt sich, nimmt eine Hand voll, steht auf und verschwindet wieder im Schatten.

Sunday, May 19th, 2002

Winterwind

Das erste, was mir auffällt, ist der Kinnbart, dünner, weißer Flaum schwebt vor mir über der Straße, wären die Haar dicker, dichter, es wäre ein Ziegenbart, wie bei einem asiatischen Weisen. Dann sehe ich die rosa Plastikfolie, die den Mantel ersetzt, sehe das Gesicht: eine alte Frau überquert vor mir die Straße. Die Unmöglichkeit des Bartes läßt mich kurz seitlich ausscheren. Ein Straßenbahnfahrer stellt mit schwarzer Stange eine Weiche, sie geht an ihm vorbei, spricht ihn an, er antwortet. Ich kann nichts hören. Links trägt sie einen Winterstiefel, rechts eine Plastiktüte am Fuß. Der Fahrer steigt in seine Bahn, sie bleibt an der Haltestelle stehen und schaut ins Leere. Ich überquere die Kreuzung, der eiskalte Winterwind heute weht mir den ganzen Tag schon ins Gesicht. Vielleicht fahre ich auch nur zu schnell.

Sunday, May 19th, 2002

In der Colalache

Es ist kalt und windig, wie im November. Durch die spiegelverkehte Werbung für ein 99 cent-Sandwich behalte ich mein Rad im Auge. Eine junge Frau neben mir scherzt mit einer Freundin, in Zeitlupe, als Klischee, sehe ich den Getränkebecher auf ihrem Tablett kippen und fallen, die Tonspur setzt aus, beim Aufschlag höre ich einen Hall. Jedesmal wenn ich ins Leben blicke, kommt es wie schlechtes, dummes Kino heraus. Die Angestellte wiederholt meine Bestellung Stück für Stück, sie hat alles verstanden, sucht dennoch meine Zustimmung. 200 Dollar und fünf Cent tippt sie in die Kasse, 194 soll ich zurückbekommen. Sie stutzt kurz, dann läuft sie nach hinten und kommt mit einem Taschenrechner wieder. Routiniert jede ihrer Bewegungen, während sie mein tatsächliches Wechselgeld, 14 Dollar, berechnet und mir auszahlt. Neben mir steht eine Frau mit ihrem Kind in der Colalache, ich will etwas sagen, aber sie hat es schon bemerkt. Zwei junge Männer verdecken die Sicht auf mein Rad. Bin ich paranoid?

Wednesday, April 17th, 2002

Windstoß vom Golf

Seit zwei Tagen bläst der tausend Kilometer entfernte Golf schwülwarme Luft in die Stadt, die plötzlich sehr anders aussieht. Überall stehen Tische auf den Straßen, sitzen leichtbekleidete Menschen. Vor dem Hart House, an einem der Tische, sitzt ein älterer Herr, aber er sitzt eigentlich nicht am Tisch, er hat sich vom Tisch weggedreht, am Nachbartisch sitzt er eigentlich, und sucht ein Gespräch mit dem älteren Paar dort. Zwar ist Frühling, aber er blitzt ab. Suchend schweift sein Blick, wir unterhalten uns grade über die Spatzen, die unter den Stühlen hüpfen, aus dem Augenwinkel sehe ich ihn aufstehen, er steht an unserem Tisch, “These are the Hart House sparrows.” Man füttere sie, das bringe Glück, nun ja, den Spatzen mehr als denen, die füttern. Er lacht über seinen Witz, geht zurück und setzt sich wieder.

Nach einer kurzen Pause zeigt er auf die Laternen entlang der Zufahrtsstraße: dort wohnen sie, sagt er, und wirklich, aus den Eisenstreben unter jeder der Laternen quellen Bündel von Stroh. Spatzennester, in Griffnähe und doch unsichtbar.

“Are you a student”, fragt die Frau vom Nebentisch ihn, er lächelt, nein, ein Dozent für alte Literatur sei er gewesen, aber das sei lange her.

Als er geht, spürt man einen Hauch Melancholie. Oder einen warmen Windstoß vom Golf.