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Jigsaw Pieces



Friday, May 14th, 2010

Neun Röllchen

1
Neun Röllchen liegen hier nebeneinander, so viel Röllchen war nie. Zehn wären es geworden, hätte Haroon Rashid – der Nephrologe wurde anstelle des Nephrologen – nicht “Peptide” auf meine Überweisung geschrieben statt “Protein”. Peptid, das Wort kennen sie nicht, es handelt sich schliesslich um ein diagnostisches Labor und nicht um ein Lexikon. Protein hätte es gegeben im System, das ist doch dasselbe, sage ich ohne echte Energie und Hoffnung. We can’t guess, und der Arzt geht nicht ans Telefon. Muss ich eben wiederkommen fürs letzte Röllchen und fürs Peptidprotein. Isschongud.

2
You’re done sagt sie und klebt zwei Streifen über die Haare auf meinem Arm. Machen sie immer, Blut saugen und Haare verkleben, obwohls kompletter Unsinn ist, es blutet praktisch nie nach bei mir, dafür muss ich jetzt Haare ausreissen. I think you still need to give me the bottle, murmle ich, und sie zeigt auf die Flasche, 60 Zentimeter hoch und knallorange direkt vor mir. I already did in the beginning. Ich erschrecke ein bisschen, oh yes, I kind of remember that now, sage ich, und es ist nicht mal gelogen: I kind of wirklich do.

3
Bindungspsychophysik: aus dem See aller möglichen Verbindungen hebt Oxytocin einzelne heraus, manche höher, manche kaum wahrnehmbar, und im Verbindungssee, der ruhig und einsam und kalt da liegt wie ein Gletscherausfluss, bleibt dann ein warmes Loch, in dem man sich verkriechen kann. Oben schwebt das Gelichter eine kleine Weile haltlos, fällt schliesslich zurück und verschwindet im See. Es wird dann negative Energie frei.

4
Dass man das kann, in Schleifen denken, und nicht nur ein Ereignis, sondern auch seine Mitteilung und die Umstände seiner Mitteilung und der Kontext der Umstände und die Geschichte des Kontexts bewerten und sich zu Herzen nehmen und zu Tode begrübeln, das ist doch eher: lästig. Hirn schön und gut und nützlich, aber es geht doch auch eine Menge Käse drin vor.

Schuhe binden, andererseits, und mit Doppelschleife: kann man brauchen. Dafür danke, Kindheit.

5
Der Unterarm ruht warm auf meiner Hüfte während sie mir verschleimtes Plastik in die Rippen drückt. Eine vage Erinnerung an Erotik, und ein: vergiss es.

Kurz frage ich mich, warums eigentlich nicht brummt, aber dann: ist ja ultra. Ultra brummt net.

6
Ergebnisse gibt es keine, sagt die Dame vom Ultraschall zu mir, I don’t read these, mit entschuldigendem Lächeln. Dabei starrte sie doch minutenlang auf Schallbilder meiner Eingeweide, das ist ja wohl lesen, wie ein Augur in der Gans oder Taube liest. Sag mir, was du sahst, schöne Frau, und mach die Angst weg und das Elend. Aber ich nicke natürlich nur stumm, schon auf dem Weg nach draussen, an den anderen Angespülten vorbei. Furchtsame Gesichter in Wartezimmern: eine Photodokumentation.

7
Wenn ich mir das ausdenke und zusammenhypochondriere, diesen Schmerz beim Urinieren, das Unwohlsein, den dumpfen Druck, die ganzen verdächtig passenden Symptome; wenn die überfunktionierende Drüse das unterfunktionierende Ich nicht erklärt obwohl sies könnte; wenn es keine Operation geben wird, oder sie dabei die Verzweiflung im Bauch vergessen am Ende, und mich aber trotzdem wieder zunähen: wer nimmt mich dann freundlich bei der Hand? Mutter Natur, wo ist dein Lolli?

8
Ich starre dem Geld in die Gesichter, fünfzig Cent brauche ich, warum brauche ich die noch mal, und wie viele sind da in meiner Hand, zwei kleine, ein mittleres und ein grosses Gesicht, sind das denn fünfzig? Ich presse angestrengt, aber die Zahlen kommen nicht, Kanal verstopft. I’m broken sage ich nach einer Weile, und you’ll get over it antwortet der dicke Pizzabäcker sofort und zuversichtlich. Neben ihm steht die Hübsche, die immer schon vorher weiss, was ich gleich bei ihr bestelle. Ich würde gerne mal mit ihr reden, aber ich weiss nicht, wie.

9
Gatterklettern, Bretterpfad durch Mangroven, Vogelrufe im lichtlosen Unterholz. Die Unterhaltungen der in Grüppchen und Paaren dem Partylärm Entflohenen werden leiser und verschwinden in Wind und Laub. Am Strand erschöpftes Liegen, allein im Brandungs- und Gedankenrauschen, in das sich bald Stimmen drängen: eine bekannte darunter, vielleicht. Zögernd nähere ich mich der kleinen Silhouettengalaxie mit ihren Partyleuchtringen, aber nur Stimmfetzen schweben über den Wassern. Trunken und dunkel in Wurfweite stehe ich, bis der Schatten laut genug spricht und ich ihn doch noch erkenne. I know that guy, rufe ich beim Näherkommen, aber es hilft nicht, die Nachtstrandkonventionen sind verletzt, ich bin jetzt der Mann aus dem Dunkel. Ich fliehe ins Meer, und tanze die schwankende Devolution. Einzeller, ich komme.

Nach der Diskussion über Neurophilosophie mit einem anderen Schatten schwimme ich weiter nach draussen und fange leuchtende Tiere in meiner Unterhose. Universen aus Wolken und Sternen und Galaxien, die momentweise auflodern und wieder vergehen. You really creeped the girls out, sagt der bekannte Schatten später, und ist seltsam begeistert davon, vielleicht weil er sie so selbst in Schutz nehmen konnte vor dem Monstrum. Nichts Neues. I’ll get over it.

Monday, April 19th, 2010

Kulturvergleich

warum Männer, warum Frauen
Ohne Worte.

Friday, August 21st, 2009

Unsere kleine Strasse



Andere Hunde,
andere Nachbarn,
selbe Strasse.

Die Familie von der anderen Strassenseite sitzt auf und um die Stufen unseres Gebäudes, als ich die Haustür öffne. Die beiden Teenager auf der Treppe rücken an den Rand, um mir und meinem Klapprad Platz zu machen, der linke hält einen kleinen Hund an der Leine. Unsicher, wie ich auf die sonderbare Belagerung reagieren soll, murmle ich einen Gruss. Die dicke Familienmutter, die in einem Faltstuhl vor ihren Kindern sitzt, erwidert neidisch “I bet that bike was expensive”, und sagt dann nichts mehr. Schnaufende Staunenslaute kommen von den Sitzenden, als ich in der drückenden, schwülen Hitze das Fahrrad entfalte. Der Bullterrier, den der stehende etwas ältere Mann an der Leine hat, sieht interessiert und freundlich zu. Dieses Tier hat den Mops eines befreundeten Paares, das damals im Haus wohnte, halb zerfleischt, die dicke Mutter sich trotz Gerichtsbescheid um die horrende Tierarztrechnung gedrückt.
“Have a good day”, sage ich, als ich losfahre, der Bullterrier geht zugleich auf mich los. Während ich aus dem Vormittagsschatten, den unser Haus spendet, in die grelle Sonne rolle, höre ich ihn noch ein paar Sekunden lang sich würgend in seine kurz gehaltene Leine legen.

Thursday, May 21st, 2009

Der Stand der Dinge

Wie ein gelandetes UFO steht das Mana Diner da, am Fuss des Bergrückens der Jersey City Heights. Vom Park an der Kuppe oben, ein paar hundert Meter östlich vom Tresen, an dem die Frau in der speckigen Schürze die Burger grillt, sieht man weit ins Tal des Hackensack und über die einst unpassierbaren Sümpfe hinweg, trübe Wasserflächen, gespickt mit den aufragenden Schloten von Kohlekraftwerken, Papiermühlen und Müllverbrennern, und mehrfach durchstrichen von Strassen auf Stelzen; Pulaski Skyway und New Jersey Turnpike erheben sich über den salzigen Riesentümpel der Meadowlands, seine dioxinverseuchte Flussbette, seine legendären verschnürten und versenkten Mafialeichen, umtanzen einander inmitten der toten Wasser, Verkehr geflochten zu einem rauchenden, blökenden Ornament auf bröckelndem, feuchtem Grund. Multimedia.

Vom Tresen aus sieht man nichts davon, der Blick trifft in alle Richtungen auf von Fassaden blätternde Farbe und geschundene Karosserien. Ausgebleichte Werbemalereien künden von den längst verschwundenen Mietern hinter den Fassaden, oder vielleicht auch nur von der Gleichgültigkeit des Fortdauernden gegenüber seinem Ausdruck. That ad up there? Fuhgetaboutit. Das riecht nach Klischee, nach einem dummen Scherz, der dem Scherzenden Gefühle einer Überlegenheit verschafft, die er nicht sich verdiente, aber obendrein reden die wirklich so hier. Vielleicht ist aber auch die Verwunderung über das bestätigte Klischee, dass die Geräusche aus dem stämmigen Trucker an der Burgertheke wirklich klingen wie ihr Abbild im Fernsehen, der eigentliche Scherz, auf Kosten des auf seinem Klappfahrrad in den Industrieverfall geradelten feinsinnigen Beobachters, der sich über den Zusammenhang zwischen Popkultur und ihrem Vor- und Abbild den Kopf zerbricht, während um ihn her die Welt in Brösel fällt.

Die Frau in der speckigen Schürze geht durchs UFO nach hinten, eine Art UFO-Wippe wohl, oder ein Mana-Wetterhäuschen, denn ein schmuddliges Oberlippenbärtchen reitet zugleich aus einem anderen Türchen nach vorne. Ob ich schon bestellt habe. Der Trucker sucht im Styroporbecher derweil seinen Kaffee, findet ihr, grunzt ihn an. Ich sei versorgt, erkläre ich mich, und mache eine vage Handbewegung speckschürzenwärts. Das ist dem Bärtchen nichts, und also dreht es sich kurzerhand einmal im Kreis, bewegt etwas auf der Theke vor ihm von hier nach da, und fragt mich so erfrischt von neuem nach meinen Bestellwünschen. Ich will nicht essen, sage ich, ich will ein Kleidungsstück. Bärtchen begreift jetzt, und geht wieder nach hinten, die Wippe knirscht, und es erscheint aus dem anderen Türchen wieder die Speckschürze und bringt das Gewünschte. Acht Dollar. Danke. Bitte.

Das White Mana Diner war das “Diner of the Future” auf der Weltausstellung 1939 in Flushing Meadows, und hier steht es jetzt in dieser Zukunft rum, die ihm doch gehören sollte, und speit mich in die ungebende Industrieruine, direkt auf mein Klapprad drauf, praktischerweise. Ich umfahre nun zunächst ein “Sidewalk closed”-Schild und zwei gelb-schwarze Absperrungen, stehe einen Moment insektenhaft vor dem quer über den Gehweg stehenden Führerhaus eines riesigen Sattelschleppers, der die Tankstelle verlassen will und des Verkehres wegen nicht kann, und umfahre schliesslich den ganzen langen Schlepper. Auf der anderen Schlepperseite ist alles anders, der Sidewalk jetzt wirklich und ernsthaft closed, grober Schotter knirscht, oder Geröll vielmehr, eine Baustellenendmoräne, dann Lehm, dann eine Reihe von Jerseybarrieren, ein Riesenkran, Metallmüll, ein gehsteigbreiter Bauzaun. Weltende. Damn.

Jerseybarrieren, so heissen diese Betonblockadeeinheiten wirklich; zwei Meter lange Betonmauern mit Spreizfuss sind das, entwickelt auf der anderen Seite der Heights, in Hoboken am Ufer des Hudson. Ein schöner Scherz des Weltgespenstes ist das, dass die hässlichen Steinklumpen, die überall in Amerika hässliche Highways noch ein bisschen mehr verhässlichen, ausgerechnet hier erfunden wurden. Die Sackgasse, in der ich stecke, wird von einer Reihe von Jerseybarrieren von der Fahrbahn getrennt, und die Fahrbahn von einer weiteren solchen Reihe von der Gegenfahrbahn. Zwischen mir und dem verlockenden urwaldgleichen Grünstreifen auf der anderen Strassenseite also: zwei Jerseybarrieren und ein steter Strom von Irren in ihren Irrenschleudern. Da ist nichts zu machen, Überquerung ausgeschlossen. Ich gehe in mich, grummle da ein bisschen im Dunkeln, und kehre dann um.

Der riesige Sattelschlepper hat sich eine Einfahrt weitergeschleppt. Wie eine ausserordentlich ungelenkige Schlange steht er staksig verdreht auf dem Parkplatz eines Motels, das Führerhaus schnuppert am Schlepperhintern, an allen Seiten blockiert Jerseygerümpel, und es geht weder vor noch zurück. Am Parkplatzrand steht eine Frau im leichten Sommerkleid, rosa der Stoff auf der dunklen Haut. Sie steht als wolle sie von dort beim Manovrieren helfen. Sie hilft aber nicht, steht nur so, und guckt dem Schlepper beim Krabbeln zu.

Endlich eine Lücke in den Jerseybarrieren, ich wechsle die Seite, balanciere das Rad auf dem endlich erreichten Seitenstreifen voller Grün, der aus der Nähe schmaler scheint und scherbenvoller, riesige Jerseytrucks blasen mir mit ihrem Fahrtwind Nervosität in Kreuz, dann endet auch noch der Streifen. Der Highway macht eine Kurve, kreuzt zwei andere Highways, Brücken und Rampen kommen einander in die Quere, ich lege mich ins Zeug, nur schnell durch durch das Gewirr aus grossen und sehr grossen Autos, am Rand der Fahrbahn, wo sich Kiesel, Sand und Scherben zu einem schönen, griffigen Belag verdichten. Die Ampel grün, hinter mir schon wieder ein riesiger Schlepper, vielleicht der aus dem Motel, der aufgegeben hat, ach nein, die Jerseybarrieren sind auch ihm eine Hürde. Bedrohlich näher rückt mir jetzt der fremde Schlepper von rückwärts, aber nur Meter trennen mich ja von der Einbuchtung hinter dem Brückenpfeiler, noch ein bisschen schneller die Pedale, das winzige Vorderrad rollt über Asphalt und Sand, nur ist das plötzlich gar kein Asphalt mehr, und nur noch Sand. Vorderrad bohrt sich in den weichen Grund und blockiert. Hinterrad weiss davon nichts und faltet sich unter mir leise maulend nach vorn, während Sattel, Rahmen und Fahrer sich aufwärts und strassenwärts heben. Reflexhaft hartes Zugreifen am Lenker, ein scharfer Zug in der Schulter und ich stehe über Treibsandgrube und Radfalte und werde von Hormonen geflutet. Endlos rumpelnd zieht links ein Sternzerstörer vorbei. Und noch ehe mir klar wird, was gerade beinahe geschehen wäre, ist die Gelegenheit auch schon wieder vorbei.

Sunday, April 13th, 2008

Inversions



Stabbed by the light, by beauty, by the day,
The network, falling silent,
Becomes a lump of fat and blood.
But sensing night and seeing lack,
Frantically firing electrical sparks,
Numbing brain, it awakes,
Shivers adrift in the empty sea of all.

Lonely screens showed this at night,
The fear of an absence of message,
Creating bad news from nil, noisy chatter,
The frosty hold of a particle winter.
This was all and it was nothing,
The birth of the nothing from the all was in this snow,
Covering dark earth, putting old eyes to sleep.

Now fragments of humanity cast through the air,
Around the clock, unending and repeating,
At speed of light and broadband, piercing skull and mind,
Melt snowy voices in my soul.

Their endless turquoise river,
Heralding a spring of end,
A going to sleep of all awakening,
Will mask the absence
Of each word.

Tuesday, February 19th, 2008

Untergrundatem

Die Welt ist plötzlich unangenehm distanzlos, warm und drückend. Ein kilometerhoher See dieser feuchtwarmen Luftsuppe schwappt über Newark hin, und am Grund krabble ich entlang, oder rolle auf meinem Klapprad, und schwitze mehr Feuchtigkeit hinein in die Schwüle. In der Strassenschlucht vor Broad Street fegt wie immer starker Gegenwind, heute aber ist er nicht eisig und raubt mir nicht den Atem, sondern fasst mich warm an, ungebeten, ungewollt. Dann durchfahre ich einen kühlen Luftstrom aus der Tiefe, der Winterwind aus dem U-Bahn-Eingang ahnt nicht, was ihn hier oben erwartet und löst sich mit leisem Seufzen auf.

Monday, January 7th, 2008

Chase

West Side bis zum verbunkerten Rite Aid an der Ecke, dann Sip steil bergauf. Links ein Apartmentgebäude, komplett weihnachtsbeleuchtet, absurd in der sonst tristen Umgebung. Unheimlich auch, die Locklichter eines gefrässigen Tiefseefisches. Hinter Journal Square links Summit bergauf bis zum Reservoir und der weiten Brache davor, über die eisig der Wind pfeift. Entlang des Reservoirs quer zum Bergrücken abwärts, dann eine Schleife, unter der Strasse durch, und schliesslich überraschend nicht nach oben, wie anhand der Karte gedacht, sondern nach unten aus Jersey City nach Hoboken rollen, unsichtbare Schildermasten im Dunkeln auf dem engen Gehweg. Keine Ahnung, warum mich die Abwärtsrichtung überrascht, hinter Hoboken liegt schliesslich der Hudson, nicht die Appalachen. Vermutlich weil Hoboken eben oben ist, und vorne.

Zwischen den Boken Hos und den Fraternity Boys durchschlängeln, Washington Avenue aufwärts, sechs Meilen Gesamtstrecke werden es sein, von Tür zur Ecke, dann Anrufbeantworter, Wahlwiederholung, beim zweiten Anruf geht er ran, kommt der Bänker runter und macht die Tür auf. Er ist wortkarg, ein gegelter, glatter junger Hai, wie alle hier, und isst fritiertes Huhn aus einem Pappbecher, während ich mir den Apparat ansehe. Ich verstehe, warum Sie den Kleinen verkaufen wollen, sage ich und zeige auf das wandgrosse Flachbildmonster. No, sagt er, nach einer verwirrten Pause, und erst jetzt, beim Schreiben wird mir klar, dass er mich für komplett verrückt halten musste, I’ve had that one for a while, I bought a new one for back there, und deutet über seine Schulter, Richtung Schlafzimmer, begreife ich jetzt, wo er den kleinen Bettfernseher durch wohl noch ein Flachbildmonster ersetzte. Die absurde Vorstellung, er könnte dieses winzige, alte Gerät mit 20 Inch Diagonale im Wohnzimmer stehen gehabt haben, verursachte ihm hoffentlich körperliche Schmerzen.

Winzig ist aber immer noch zu gross für unser Wohnzimmer. Es ist zwar ein Flachbildschirm, wie in der Anzeige stand, aber auch ein Röhrenfernseher, der uns vornüber aus dem Regal kippen würde. Ausserdem natürlich mit einem Fahrrad nicht transportierbar. Bei der Bank für die er arbeitet, haben wir Kreditkartenschulden in Höhe von knapp dreien meiner Monatsgehälter, ein paar Sekunden lang verachte ich ihn dafür.

Für dem Rückweg runter nach Jersey City nehme ich die U-Bahn.

Monday, January 7th, 2008

Washington Street Station

Das Rad mit dem platten Reifen an der rechten Hand stehe ich in der eisigen Station unter der Strasse, Nebelwolken durch die Skimütze. Vorne im einfahrenden Zug sitzt hinter getönten Scheiben der Fahrer und blickt kurz von seinem Buch auf, als er den Zug zum Stehen bringt.

Wednesday, December 19th, 2007

Zeit, Türen

Nur die Hand hat er noch zwischen die sich schliessenden Türen klemmen können, reicht aber, zwei Durchsagen macht der Schaffner: step away from the doors, dann gibt er auf und öffnet noch einmal. Ein triumphierendes Lächeln auf dem Gesicht tritt er in den Wagen, this is the train to New York, right?, no, antwortet eine Frau, Newark, die Türen hinter ihm schliessen sich, seine Hand schnellt hoch, schiebt sich zwischen die Gummilippen, diesmal keine Durchsage, erneut öffnen sich die Türen, er geht wieder nach draussen. Hundertachzig Menschen, zwanzig Sekunden. Eine Stunde.

Wednesday, December 19th, 2007

Traube

An meinem Bahnsteig steht ein Zug, aber die Traube Mensch, die davor hängt, macht keine Anstalten, einzusteigen. Hat die Traube Angst? Als ich der Trete beitraube, nein, andersrum, als ich die Betraube trete, begreife ich auch, weshalb: im Zug hängen Lametta und Musikanten, Menschen in Anzügen stehen verteilt in den leeren Wagen, und die Musikanten spielen Weihnachtslieder in diese Anzugleere. Davor habe ich auch Angst.

Dann kugelt auf dem Nachbargleis mein Zug rein, und fast zeitgleich ein weiterer Batzen Anzugträger die Treppe runter, durchsetzt mit ethnischen Teenagern und aufgebrezelten Vorstadtmüttern, stolzgeschwellt und durchonduliert. Von ethnischer Teenagerhand gestaltete Weihnachtsplakate werden hier prämiert, die Türen schliessen sich und klemmen die Worte ab, der Bahnsteig, der Zug, die Weihnachtskapelle rutschen nach hinten weg und werden durch kaputte Fabriken ersetzt. Ruhe kehrt ein.