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Gesundheit



Wednesday, September 15th, 2010

Nach Hause

1 Union City
Das Lächeln war ein Duchenne-Lächeln, der Orbicularis Oculi im Co-Kontrakt, aber dennoch rann es wie Sand durch die Engstelle in meinem Hals und auf einen kompakten Haufen in meiner Magengrube, kaum dass sich die Aufzugstüre geschlossen hatte: nichts dauert. Mein letzter Besuch beim Spezialisten war das, Händedruck, freundliche Sprechstundenhilfen, alles Gute in germany, should be an adventure, Neugier in den blanken Augen. Ihr Wohlwollen erinnerte mich an das der Cafeteriaangestellen im Krankenhaus in Münster, wo ich, grade übernächtigt aus dem Flugzeug gefallen, mir das vergessene Rasierzeug ersetzte. Hoffentlich können Sie bald wieder nach Hause, hatte die damals, meinen Einkauf missverstehend, gesagt, und mich kurz aus meinem Tran geworfen damit. Hmja, danke. Nach Hause.
Bei ihr gekauft hatte ich statt Rasierschaum ein Deospray, der Wegwerfrasierer auf der Institutstoilette später kratzte unangenehm, dafür roch ich gut.

Vor dem verabschiedenden Händedruck stand eine ratlose Diagnose, chronisches Nierenversagen, Ursache unbekannt, und Ausdrucke der Testergebnisse, Konzentrationen. Von hier oben aus sieht man die Hochhäuser von Manhattan wo sich durch die Querstrassen der Blick eröffnet, ich rolle aber ungebremst den Berg hinab, schnaufender Elefant auf meinem Dreirad, schliesse sekundenlang die Augen und spüre den warmen Wind dunkel im Gesicht. Die Dunkelheit ist in Bewegung, Schwarz wirbelt um Schwarz. In der Helligkeit, in die ich nach diesem eitlen Flirt mit dem Dunkel zurückkehre, sieht alles aus wie zuvor. Trotz des Fahrtwindes klebt mir das Hemd feucht im Rücken und Salz rinnt in die Augen. Der Schmerz in der Seite kommt und geht. Vom Körper verraten und verschwitzt. Dumme Sau, Körper.

2 Newark
Vor dem Zaun eines Parkplatzes, an einer Strassenkreuzung, stand vor zwei Wochen noch am Boden ein Aquarium, ein kleines, das nur zehn Gallonen fasst. Darin einige Zentimeter Sand und Nippes, kleine Plastikfiguren, ein winziges Surfbrett, ein Cocktailglas. Am Zaun über dem Aquarium hängt ein wetterfestes Plakat, auf Kunststoff gedruckt, auf dem eine Reihe von Fotos das Strandleben eines jungen Mannes zeigen, Anfang zwanzig, braun gebrannt, ein breites Lächeln im hoffnungsvollen Männchengesicht, Duchenne oder nicht ist schwer zu sagen bei der Auflösung. Über die Todesursache ist nichts zu lesen, Krankheit oder Unfall, aber der junge Mann, der aussieht wie der Feind, dem nicht das Hemd am Rücken klebte beim Surfen, oder wenn, dann sah es gut aus, dieser junge Mann ist tot, und das Aquarium ist ein Altar, den Freunde und Familie ihm hier aufgestellt haben an der räudigen Kreuzung. Wider Willen rührt mich dieses Schicksal, und ich schäme mich für den Neid auf einen, der doch schon tot ist.

Zwei Wochen später steht das Aquarium noch immer unter dem Plakat, die Scheiben zersprungen, der Sand bis auf einen kleinen Rest heraus gewaschen, die Figuren zerstreut, das Cocktailglas zerbrochen.

So it goes.

3 Jersey City
Im Wasser schwimmt unbesehen ein Wels.
Seit Monaten schwimmt er da, alle paar Tage werfe ich mit schlechtem Gewissen Futter dazu, und offenbar ist ihm das genug, dem Fisch ist jedenfalls kein Unwohlsein anzumerken. Das Aquarium hatte ich einst betrieben, um eine Leerstelle zu füllen und hatte es beschrieben, um die Leerstelle zu umschreiben. Die Leerstelle hat nun gewonnen, und das Becken ist verwahrlost und unbesungen. Die Leuchtröhren seit Monaten defekt, der Filterimpeller schlägt in hoher Frequenz gegen den Kunststoff des Gehäuses, rasselnder Maschinenatem eines Fischreichs im Koma.

Um das Becken herum stapeln sich die Fragmente zerfallenden Lebens, die Sedimente von zehn Jahren, nicht mit Pinseln und kleinen Meisseln abgebaut, sondern los gesprengt und in rostigen Loren zur Schmelzgrube verbracht. Der Staub, der sich auf die Schnittkante der Alben gesetzt hat steigt in Wolken auf nur weil ich in seine Richtung atme, und ist schon nicht mehr zu sehen. Ein Kasten voller Mineralienproben, nicht geöffnet seit dem letzten Umzug aus Berkeley, eine selbst gebaute Blumenpresse, Utensilien der Kleinbürger-Hochstapelei, und immer wieder Bücher, alt gewordene Gedanken, die mir plötzlich wie Schuppen aus dem Kopf fallen. Wenig wird bleiben, und dieser ist doch nur der kleine Bruder, ein Erwachen in Westfalen, ein Augenreiben, die Skyline von New York das verblassende Fantasma einer langen Dämmerung.

Hoffentlich kann ich bald nach Hause. Doof hier.

Saturday, August 7th, 2010

Chocolate Muffin Matters

Alles sieht gleich unverdaulich aus und ist gleich unappetitlich verpackt und also nehme ich am Ende des zweiten Suchduchgangs ein Chocolate Chip Muffin, nicht weil es gesünder aussähe als der Rest, sondern des Namens wegen: klingt immerhin wie ein Nahrungsmittel. Ich zerreisse die Plastikfolie und esse auf dem Fahrrad, mit Blick auf White Castle, das Fort des guten Geschmacks, und beobachte die Blechbüffel auf der Asphaltprärie in great plain Jersey. Bei der Abfahrt werfe ich die Hälfte des Gebäckfaksimiles in den Müll.

Mir fällt auf dass mein Abschiedsscherz von vorhin, im Labor, “I’ll be back in two months for a Trippler renal ultrasound” für die Dame, die mich auskultierte, vermutlich unverständlich war, Doppler und double, die Verbindung liegt nicht nahe. Sie hatte mich aber wiedererkannt, als ich rein kam, und mir am Ende die Bohnenform meiner Niere gezeigt, da hatte ich sicher einen Brösel Kryptonit gut.

Oder das Fahrrad. Wahrscheinlich das Fahrrad.

Mittags sitze ich in der Waschküche vor der Bücherei, niemand klebt ausser mir hier in der Hitze, und beende Everything Matters! Ein Tropfen fällt auf den Umschlag, könnte eine Träne sein oder Öl vom Chicken Saltimboca, oder vielleicht Kondenswasser von der Eisteeflasche. Ich wische ihn mit der Serviette ab und gehe aus der Schwüle zurück nach drinnen, wo es viel zu kalt ist.

Tuesday, July 13th, 2010

Uniquely Bohring

Der Mensch sehnt sich nach Einmaligkeit, und sogar dieses Sehnen selber ist einmalig im Tierreich. Ebenso wie die Gehirnleistung, diese Rekursivität zu erkennen und sie dann in ein Blog zu schreiben. Die Liste der historisch vorgeschlagenen Einmaligkeiten ist lang, das Niesen stand vielleicht auch mal drauf früher – der Mensch, das einzige Tier, dem der Schneuzgott die Niesfähigkeit gab – gehört aber da gar nicht hin, weil: Katzen, Niesen, kein Problem. Die menschliche Empörung allerdings, wenn das Katzenniesen direkt vor, oder eigentlich quasi in der menschlichen Nase passiert: womöglich einmalig. Das Tier an sich tritt fremdem Schleim in der Regel eher unemporen entgegen.

Auch einmalig menschlich ist die Fähigkeit, sich was in den Kalender zu schreiben, wozu man eigentlich überhaupt keine Lust hat; oder Böcke, wie wir Menschen manchmal sagen. Zum Beispiel, naheliegend, zugegeben, aber man kann es sich ja nicht aussuchen, einen Zahnarzttermin. Wenn dem Bären die Zähne schmerzen, beisst er vielleicht ins Gras, weil er bei Zahnweh einen auf irgendwelchen Grasdrogen basierenden Grasbeissinstinkt hat, aber er setzt sich ganz sicher nicht zum Scheissen in den Wald und ruft von da seinen Zahnarzt an. Bären hassen Zahnärzte.

Menschen natürlich auch, aber trotzdem rufen sie an und gehen dann hin, eine ganz erstaunliche Trennung von unmittelbarem Wohlergehen und seltsamen abstrakten Theorien. Wenn ich mich zwei Stunden lang quälen lasse, dann wird es mir in einem halben Jahr besser gehen als ohne Quälerei, denke ich und setze mich in ein Wartezimmer voller Unterschicht. Derartiges zu denken ist auch eine einmalige Fähigkeit, und zwar genauer gesagt: eine einmalig bescheuerte. Das ahnt man, wenn man aus dem Unterschichtgewimmel in den zerknitterten Behandlungsraum gerufen wird. Diese Ahnung verdichtet sich, wenn der Arzt ohne Vorwarnung mit einer riesigen Spritze mehrmals so tief unter die Zunge sticht, dass man sie hinten am Hals wieder austreten spürt, mit einem funkelnden Lidocaintropfen dran. Ein inneres Auge, die imaginierten Schrecken zu zählen, auch das vielleicht einmalig. Dank dir fein, Schöpfung.

Und man weiss es aber ganz sicher, nachdem der Arzt einen Eisenring über einen Zahn gezogen und den Mund mit einem Gummituch zugezeltet hat, und Panik aus dem Menschenmagen aufsteigt, und zwar nicht übertragen oder metaphorisch, sondern so richtig. Herzrasen, Hirnschummer, Adrenalin, alles da. Are you all right, fragt der Arzt, aber mehr als ein Brummen ist zur Antwort nicht drin, wegen Gummizelt im Maul. Patient brummt, Herzerl gsund, denkt der Arzt. Und bohrt. Fünfundvierzig Minuten lang.

Und ein paar Stunden später hat man dann natürlich schon wieder alles vergessen und lutscht zur Belohnung am Zucker. Grad als wie die Tiere.

Friday, June 18th, 2010

Geheimnis des Fühlens

Deine Schwärze, Hirn, verdammen wir.
Vor Jahren schon bin ich aus der Kirche ausgetreten, durch eine viel zu hohe, schwere Holztür, aber den liturgischen Formeln hat das nichts von ihrem mystischen Rauschen genommen. Das wurde mir in der Kindheit eingepflanzt, neben all den anderen Filtertierchen, die an den Nerven saugen, und da hockt es nun und lauert auf ein passendes Geräusch. Ich bin nicht komplett glücklich, dass du eingingst unter mein Dach, Filtertierchen, aber hör nur ein Wort, so fühl ich mich wieder wie das Kind, das vor der Beichte zittert. Das war, im Rückblick, nicht die schlechteste Zeit. Eine Angst vor Unerheblichem, danach Erleichterung und Eisbecher in der Sommersonne.

Deine Hellerwerdung preisen wir.
Es ist nicht nur der Aufzug, der heute nicht beim ersten Schliessen der Tür einige Zentimeter durchsackt, die Tür wieder öffnet und dann erneut schliesst, sondern gefügig gleich sackt, als ich reinkomme, schliesst und brav losfährt, obwohl auch das eine angenehme Überraschung ist. Aber auch in mir ist es heute anders, die Ruinen des Geschehenen ragen unverändert in die dünne Luft des Gebirges Vergangenheit, aber das Denken fällt jetzt leichter in der dünnen Luft. Die Dummheiten einzelner bleiben zwar dumm, Enttäuschung und Zurückweisung schmerzhaft, Einsamkeit in der Krise ein kalter Keks aus Beton, aber das Monstrum, das diese Einzelheiten frass und umfassende Isolationsangst und Verzweiflung zurück in die Nervenbahnen schiss, schläft heute, hush, my darling, Ingonyama ifile, mit Acetaminophen bedacht. Und erst durch seine Abwesenheit bemerke ich den chronischen Schmerz der letzten Monate. Schädigte die Seelenwunderdroge Paracetamol nicht Nieren und Leber – aber jetzt zieh ich mir nicht auch noch eine Konjunktivitis zu: wäre die Katze ein Pferd, könnte man auf ihr den Baum raufreiten. Das wäre toll, aber die Katze ist kein Pferd, und Paracetamol keine Dauerdroge. Gehorchen müssen wir den Indikativen, die uns in Bande gelegt. Immerhin ein Tag Urlaub von der Kaputtheit, ist doch auch was.

Bis du denkst in Herrlichkeit.
Die Eltern der jungen Familie, die nach mir aus dem sackenden Aufzug steigt, sind selbst noch Kinder. Die Mutter zetert am Schnürchen auf die beiden Kinder ein, die nichts nachvollziehbar falsch machen, der Vater meldet irgendwann schüchtern an, dass das kleinste doch einfach nur aufs Klo müsse. “Nothin I can do, he don’t have to pee, he just want the junk food that in this bag and he don’t want to wait till we get somewhere where there hotdog or something” ramentert es zurück, dann noch ein paar inhaltlose Aggressionslaute in Richtung der Kinder, jedes kriegt eine faustvoll Karamellpopcorn ins Maul und ein Filtertierchen in den Kopf, it deepens like a coastal shelf, und der einfahrende Zug trennt gütlich unsere Wege.

Wednesday, June 9th, 2010

Statt Gewitter

Heute ist der Hügel schon nicht mehr so steil, der Weg nicht mehr so weit und die Sonne treibt nicht mehr so viel Schweiss, wohl weil die Erinnerung ans letzte Mal mit in die Pedale steigt, und vielleicht auch wegen der fachmännisch eingezogenen Speichen in Hinterrad, das jetzt schnurrt wie eine runde Katze mit aufgepumpten Pfoten. Den hohen Blutdruck schiebe ich dann trotzdem auf diese halbe Stunde leichtes Sonnenradeln, aber der Nierenmann mit dem Kalifennamen ist von diesem Argument unbewegt. Während er mit ernstem Gesicht hochdruckrelevante Notizen schreibt, werde ich deshalb kurz verlegen, als hätte ich meine Hausaufgaben nicht gemacht. Drollig, das, weil mir das ja noch nie peinlich war, und ich sie ausserdem sogar gemacht habe. Alle Ergebnisse da, einschliesslich des zunächst fehlenden Ultraschallbefundes, der per Fax hier eingetrudelt ist während meines Wartens. Und das nach nur einem einzigen Anruf der Sprechstundenhilfe beim schlampenden Schalllabor: die Medizin brummt am Schnürchen wie ein Hinterrad mit weissen Kittel.

Den Nieren geht es besser, sagt der Kalif, die Hormone sind im Rahmen, die Kalziumwerte zum ersten Mal seit Beginn der Aufzeichnungen vor drei Jahren normal, und die Nebenschilddrüsen damit komplett aus dem Rennen. Ich sitze da, und weiss nicht, wie, sehe mir an, wie weitere Überweisungen geschrieben werden, Dopplerdingse, Endokrinologisierer, Blutpröbchen, gehts denn jetzt wohl einfach immer so weiter?, und taste abwesend nach dem Knoten im Hals, den ich bis grade eben für eine amoklaufende Nebendrüse hielt. Und der jetzt aber immer noch da ist, allen Befunden zum Trotz. Hallo, Knoten. Wir sprechen uns noch.

Blinzelnd stehe ich dann in Union City wieder auf der Strasse und entfalte den Rutscher, Manhattan guckt staubiggrau zu von der anderen Flusseite und funkelt kokett ein bisschen im Dunst. Halb hatte ich den Tumor gefürchtet, halb ihn herbeigehofft, das dachte ich jedenfalls, aber jetzt geht es mir in der Abwesenheit seiner Möglichkeit so gut wie lange nicht mehr. Bitterkeit, Verraten- und Verlassenheit, Hoffnungslosigkeit und Zorn, all das bleiche Gewölk ist wie weggefegt, stattdessen wabert mild melancholische Gleichmut überm glatten Denkasphalt, ein warmer Wind im leeren Radlergesicht beim Abwärtsrollen. Versteh einer die Wetter.

Wednesday, June 2nd, 2010

Der Colonel hört nicht

I
Peinliche Zeiten. Weinerlichrotes Kryptonit bloggen; zum ersten Mal im Leben die Bohemian Rhapsody “so richtig hören” und prompt heulen müssen; alle verfügbaren Emotionen zugleich bei vollem Bewusstsein in ihre jeweiligen Sackgassen fahren und den Rückwärtsgang nicht finden. Und sich dann aber auch noch beschweren wollen dauernd. Mal sehen, ob ich die Latte nicht noch ein bisschen tiefer gelegt kriege, bevor dieser Spass sein Ende hat. Lyrik, vielleicht.

II
“If you can’t change your mind, are you sure you have one?” fragt die junge Frau, die die Treppe runterkommt, in der Sprache der T-Shirts. Grade überlege ich mir eine Antwort auf diese kluge Kopfnuss, da sehe ich zugleich an der Bahnsteigkante einen zerrupften Herrn stehen, dessen Shirt mit “Sorry, mind closed until further notice” gegenhält. Ja fein! Und überlasse die beiden Weltgeist-Reisenden hübsch ihrem Dialog. Kommt auch der Zug, muss ich Rad reinwuchten und Scheuererklärung finden. Dazu gleich.

III
What do you want, Colonel, fragt der Herr hinter der Theke den Herrn vor der Theke, aber der Herr vor der Theke antwortet nicht. Also wendet der Herr hinter der Theke sich stattdessen an mich, ich bin immerhin auch ein Vortheke. The Colonel is a bit hard of hearing, erinnert er mich, als seien wir Vortheken alle eine grosse Familie von Colonels, und warum auch nicht, könnte ja sein, sieht man vermutlich schlecht von hinter der Theke. “I’d like two Rollmöpse, please”, sage ich, ein bisschen, weil ich den Satz unbedingt sagen will, und ein anderes bisschen, weil ich tatsächlich zwei Rollmöchte möpse. Grundmultitasking. Nachdem er mir die Möpse zugestellt hat, versucht es der Mann hinter der Theke noch mal, aber der Colonel hört immer noch nicht. Die Hintertheken habens auch nicht leicht.

IV
Seit Wochen schon schwankt mein Klapprad sonderbar beim Rollen. Nicht besorgniserregend, eher so, als habe es sich einen kleinen Schwipps angezwitschert und könne jetzt nicht mehr gradeaus gurken. Ich schob das Gewackel auf die Gabelführung und dachte mir nichts weiter, jedenfalls nicht übers Rad. Bis dann auch noch das Hinterrad am Rahmen scheuerte beim Fahren. Bei dummen Fahrrädern liegt das an gelockerten Radachsmuttern und erfordert eine Achsgraderückung, aber beim Brompton verbeissen sich Unterlegscheiben mit Vampirzähnen ins Rahmenmaterial, und die Achse sitzt bei jedem Wind und Wetter bombenfest.

Bescheuerterweise scheuerte es aber trotzdem. Wer Schlingern ignoriert, kann auch bei Scheuern die Augen schliessen, dachte ich mir, irrte aber, weil, bergauf gegen scheuernde Räder anstrampeln grenzt an Arbeit. Obendrein muss man dabei ziemlich fluchen, und wenn man das richtig macht, geht Ignorieren auch schlecht.

Erst im Pendelzug guckte ich mir das dann näher an. Und staunte. Am Hinterrad waren nur noch die Hälfte der Speichen am Leben, der Rest an der Nabe abgebrochen, und von den Lebenden wiederum war die Hälfte reichlich lose. Die Felge liess sich gegenüber der Nabe zentimeterweit verdrehen. Eine rollende Todesfalle. Beim Bruch der nächsten Speiche wäre das Hinterrad auf der Stelle implodiert und von den rauhen Strassen Jerseys zu feinem Staub zermahlen worden. Wäre ich grade auf einen Alligator zugefahren, oder einen weitoffenen Nilpferdschlund, man mag gar nicht drüber nachdenken. Hingefallen wäre ich womöglich auch noch.

V
Wenn er nur endlich ein Ende hätte, der Spass. Ich liesse mir sogar mal wieder ein schlechtes Gedicht gefallen von mir. T minus eins.

Saturday, May 29th, 2010

Kritik der Körperlichkeit

Interessant, wie Urteilskraft sich auflöst, wenn der Verstand sich erreimt hat, dass dem Gefühl nicht zu trauen sei. Nicht, dass die Hilflosigkeit des reinen Verstandes eine neue Erkenntnis wäre, findet man bei Hume zum Beispiel, aber sie mal eben so unmittelbar am eigenen Leib auszuprobieren, man kriegte das Experiment durch keine Ethikkommission. Und mir wirds gratis geliefert. Danke, Natur.

Verlassenheit, Beistand und Verrat, Erwartung und Enttäuschung: wacklige Interpretationen alle. Selbst klar formulierte Sätze und die Intentionen einfacher Handlungen sind ratternden und schlecht geölten Deutungsmaschinen unterworfen, die, wenn sie aufhören, rund zu laufen, schwarze Rauchschwaden werfen, fumata nera, und da steh ich dann, entscheidungslos hustend im Faktennebel. Unfehlbarkeit ade.

Was man anderen anvertraut und vorhält, Gründe, aus denen man sich freut, Ursachen der Verletzung: es ist ja alles konfabuliert und fürs Selbstbegreifen irrelevant. Man fühlt diffus vor sich hin, sucht im Katalog der Überzeugungen eine farblich zum Feeling passende Rationalisierung, und bestellt dann blind: wird schon passen. Und passt wegen starker Dehnbarkeit auch meist. Bei arger Dissonanz winkt stillschweigender Umtausch.

Sollte sich diagnostisch herausstellen, dass nichts von meiner Malaise aufs Konto des vermuteten Tumors geht, wenn das Peptid bloss den Normalfall probt, und also alle Verirrungen und Verwirrungen nicht der Drüse, sondern eben doch wieder dem Hirn zur Last zu legen wären, warum eigentlich wäre das schlimmer? Warum sollte ich verantwortlich sein, wenn mein Gehirn selbst spinnt, aber nicht, wenns nur spinnt, weils in einer Nebenschilddrüse rappelt? Warum muss überhaupt immer irgendwer schuld sein, und nicht vielmehr nichts? Kann ich denn was für den Unsinn, den meine Zellen so treiben?

Kollateral der Selbstunterwanderung: festen Grund zu finden im Sumpf zwischen Paranoia und Vertrauen ist unmöglich, wenn man schon den eigenen Füssen nicht traut. Was aber macht man mit denen, denen man entweder den Kopf mit sauren Kieseln waschen müsste, oder aber reuig die Hand reichen, und man weiss aber nicht welches? Kopf mit der Hand waschen? Saure Kiesel reichen? Und wenn man dann vorsichtshalber gar nichts macht, ist das nicht ein Punkt für die Paranoia?

Und wozu eigentlich die Nabelschau? Das Internet hat doch gar keine Ohren, nur ein System von Röhren, und eine Armee von Katzen auf der Suche nach Noms. Aber immerhin vergeht so die Zeit. Den ganzen Tag XBox geht ja auch nicht.

T minus fünf.

Wednesday, May 19th, 2010

+2

10
Die Erde bebt bei jedem ihrer Schritte und im Gesicht trägt die Labordame die grimmige Maske der benachteiligten Minderheit, dass sofort eine rechte Gottesfurcht in jeden Patienten fahre und ihn senkrecht halte. Weshalb sie ihn ja vermutlich aufsetzt, den Grimm. Zimmer zwei, bellt sie jetzt in eine unbestimmte Richtung ins Wartezimmer hinein, ich erschrecke, und weiss also, ich bin gemeint.

In Zimmer zwei lege ich ihr den alten Laborauftrag vor, das “PTH related peptide” eingekreist und ein “follow up” daneben vermerkt. Ich erwarte jetzt ein Schauspiel der Verwirrung, aber sie ruft ohne Zögern souverän die Krankenkasse an, und lässt sich den Buchungscode für den mysteriösen Test geben. Das zieht nun auch die andere Labordame ins Zimmer, die vom Freitag. Peptide!, flötet sie begeistert, it doesn’t exist! I tried to call the doctor, aber Schwester Grimm gibt schon den errungenen Code in die Maschine ein, und der Test erscheint. Aha! Protein! ruft die ursprüngliche Schwester triumphierend, I knew the doctor wrote it wrong. Dann geht sie zufrieden davon, und ich blute noch schnell ein “Röhrchen mit lila Deckel” und ein “Röhrchen mit grünem Deckel” voll. Ich hoffe man hält mich nicht für arrogant, weil ich diese Fachausdrücke des Laborantengewerbes benutze. Der Jargon färbt ab.

Als Schwester Grimm dann “should be done in about a day or two” sagt, und ich sage, das sei durchaus in Ordnung so, und sich aber herausstellt, dass sie zwar zimmerlaut und in meine Richtung, aber eben trotzdem mit der Kollegin im Nachbarzimmer gesprochen hat, und ich dann sage, das gehe trotzdem klar mit mir, lacht sie dann doch noch. Ich sehe es in ihrem Gesicht, und spüre es im Fussboden. Geht doch.

11
Telefon am Morgen, es ist die Sprechstundenhilfe des Arztes. Die Testergebnisse seien da. Bis auf diesen einen Test da, da habe das Labor angerufen, den könnten sie da wohl nicht durchführen. PTH related Peptide, frage ich. Ja, sagt sie. Das ist geklärt, sage ich, der ist gemacht. Da gab es ein Missverständnis, das Labor verstand nichts von Peptiden, und daran habe sich zwar nun nichts geändert, aber der Test sei trotzdem planmässig durchgezogen und also alles in Butter, nämlich das PTH related protein gemessen, in bunt bedeckelten Röllchen, und das Ergebnis sei nun praktisch schon auf dem Weg in die Akte. Schön und gut, wendet die Sprechstundenhilfe schüchtern ein, aber was denn mit dem PTH related phosphate nun sei? Dann folgen ein paar Sekunden Schweigen in der spannungsvoll knisternden Leitung.

Nachdem sie meine Frage, ob sie mit Phosphaten Peptide meine, bejaht hat, erkläre ich dann noch einmal den ganzen Summs und Brumms, und sie gibt dann an, dem Doktor von diesen erfreulichen Umständen umgehend Bericht geben zu wollen. Dann legt sie auf. Ich bin in guten Händen.

Friday, May 14th, 2010

Neun Röllchen

1
Neun Röllchen liegen hier nebeneinander, so viel Röllchen war nie. Zehn wären es geworden, hätte Haroon Rashid – der Nephrologe wurde anstelle des Nephrologen – nicht “Peptide” auf meine Überweisung geschrieben statt “Protein”. Peptid, das Wort kennen sie nicht, es handelt sich schliesslich um ein diagnostisches Labor und nicht um ein Lexikon. Protein hätte es gegeben im System, das ist doch dasselbe, sage ich ohne echte Energie und Hoffnung. We can’t guess, und der Arzt geht nicht ans Telefon. Muss ich eben wiederkommen fürs letzte Röllchen und fürs Peptidprotein. Isschongud.

2
You’re done sagt sie und klebt zwei Streifen über die Haare auf meinem Arm. Machen sie immer, Blut saugen und Haare verkleben, obwohls kompletter Unsinn ist, es blutet praktisch nie nach bei mir, dafür muss ich jetzt Haare ausreissen. I think you still need to give me the bottle, murmle ich, und sie zeigt auf die Flasche, 60 Zentimeter hoch und knallorange direkt vor mir. I already did in the beginning. Ich erschrecke ein bisschen, oh yes, I kind of remember that now, sage ich, und es ist nicht mal gelogen: I kind of wirklich do.

3
Bindungspsychophysik: aus dem See aller möglichen Verbindungen hebt Oxytocin einzelne heraus, manche höher, manche kaum wahrnehmbar, und im Verbindungssee, der ruhig und einsam und kalt da liegt wie ein Gletscherausfluss, bleibt dann ein warmes Loch, in dem man sich verkriechen kann. Oben schwebt das Gelichter eine kleine Weile haltlos, fällt schliesslich zurück und verschwindet im See. Es wird dann negative Energie frei.

4
Dass man das kann, in Schleifen denken, und nicht nur ein Ereignis, sondern auch seine Mitteilung und die Umstände seiner Mitteilung und der Kontext der Umstände und die Geschichte des Kontexts bewerten und sich zu Herzen nehmen und zu Tode begrübeln, das ist doch eher: lästig. Hirn schön und gut und nützlich, aber es geht doch auch eine Menge Käse drin vor.

Schuhe binden, andererseits, und mit Doppelschleife: kann man brauchen. Dafür danke, Kindheit.

5
Der Unterarm ruht warm auf meiner Hüfte während sie mir verschleimtes Plastik in die Rippen drückt. Eine vage Erinnerung an Erotik, und ein: vergiss es.

Kurz frage ich mich, warums eigentlich nicht brummt, aber dann: ist ja ultra. Ultra brummt net.

6
Ergebnisse gibt es keine, sagt die Dame vom Ultraschall zu mir, I don’t read these, mit entschuldigendem Lächeln. Dabei starrte sie doch minutenlang auf Schallbilder meiner Eingeweide, das ist ja wohl lesen, wie ein Augur in der Gans oder Taube liest. Sag mir, was du sahst, schöne Frau, und mach die Angst weg und das Elend. Aber ich nicke natürlich nur stumm, schon auf dem Weg nach draussen, an den anderen Angespülten vorbei. Furchtsame Gesichter in Wartezimmern: eine Photodokumentation.

7
Wenn ich mir das ausdenke und zusammenhypochondriere, diesen Schmerz beim Urinieren, das Unwohlsein, den dumpfen Druck, die ganzen verdächtig passenden Symptome; wenn die überfunktionierende Drüse das unterfunktionierende Ich nicht erklärt obwohl sies könnte; wenn es keine Operation geben wird, oder sie dabei die Verzweiflung im Bauch vergessen am Ende, und mich aber trotzdem wieder zunähen: wer nimmt mich dann freundlich bei der Hand? Mutter Natur, wo ist dein Lolli?

8
Ich starre dem Geld in die Gesichter, fünfzig Cent brauche ich, warum brauche ich die noch mal, und wie viele sind da in meiner Hand, zwei kleine, ein mittleres und ein grosses Gesicht, sind das denn fünfzig? Ich presse angestrengt, aber die Zahlen kommen nicht, Kanal verstopft. I’m broken sage ich nach einer Weile, und you’ll get over it antwortet der dicke Pizzabäcker sofort und zuversichtlich. Neben ihm steht die Hübsche, die immer schon vorher weiss, was ich gleich bei ihr bestelle. Ich würde gerne mal mit ihr reden, aber ich weiss nicht, wie.

9
Gatterklettern, Bretterpfad durch Mangroven, Vogelrufe im lichtlosen Unterholz. Die Unterhaltungen der in Grüppchen und Paaren dem Partylärm Entflohenen werden leiser und verschwinden in Wind und Laub. Am Strand erschöpftes Liegen, allein im Brandungs- und Gedankenrauschen, in das sich bald Stimmen drängen: eine bekannte darunter, vielleicht. Zögernd nähere ich mich der kleinen Silhouettengalaxie mit ihren Partyleuchtringen, aber nur Stimmfetzen schweben über den Wassern. Trunken und dunkel in Wurfweite stehe ich, bis der Schatten laut genug spricht und ich ihn doch noch erkenne. I know that guy, rufe ich beim Näherkommen, aber es hilft nicht, die Nachtstrandkonventionen sind verletzt, ich bin jetzt der Mann aus dem Dunkel. Ich fliehe ins Meer, und tanze die schwankende Devolution. Einzeller, ich komme.

Nach der Diskussion über Neurophilosophie mit einem anderen Schatten schwimme ich weiter nach draussen und fange leuchtende Tiere in meiner Unterhose. Universen aus Wolken und Sternen und Galaxien, die momentweise auflodern und wieder vergehen. You really creeped the girls out, sagt der bekannte Schatten später, und ist seltsam begeistert davon, vielleicht weil er sie so selbst in Schutz nehmen konnte vor dem Monstrum. Nichts Neues. I’ll get over it.

Thursday, April 29th, 2010

MADDness

Reasons to keep the drinking age at 21: Since the drinking age in New Jersey was raised to 21, the number of young people killed in drunk driving crashes has dropped nearly 78%. Need we say more…

I’ve stared at this claim numerous times, while being carried hither and tither by PATH. In it, MADD, the non-profit that took its name from Alhazred’s infamous Acronomicon (A Complete Reference Of Nerdy Or Maximally Impossibly Convoluted Organization Names) is trying to rally support for their cause, and they’re doing it in a way that makes my number sense go off. To the Mathcave!

First: they don’t tell us what they base their numbers, excuse me, what they base their number on. 78% of what, taken from which source, and calculated how? I realize it’s just a small subway ad, but it does manage to mimic a statistical claim quite well. Which it frankly isn’t. It’s an unfounded and barely even meaningful assertion.

Second, they don’t mention when exactly this raising of the drinking age happened, do they? It happened way back in 1982. In the 28 years since, the number of fatal accidents overall might have dropped considerably. Given the safety advances since then, it’s a fair bet it has. If it had dropped by as much as 80%, the number MADD gives us for drunksters would be merely the average drop. The same were true if just the number of young people on the road, or the number of young involved in any kind of crash, had dropped by 80%. In fact, there is a whole host of variables that a claim like this one needs to be controlled against for it to have meaning.

Third, the drop is in “young people killed in drunk driving crashes”. Sounds like that also includes crashes caused by drunk adults. Which are irrelevant to the question of drinking age.

And fourth, how many saved lives do those 78% actually correspond to, and what fraction are they of the total number of young people killed in traffic accidents? If both were small numbers, would the good of the few really outweigh the good of the many here? While this argument assumes there is a net benefit from getting drunk, which itself may seem debatable, there is no foregone conclusion either way. Not allowing people under 21 to drive at all would make their fatalities drop even further, yet I don’t envision that implemented any time soon. The cost would be too high.

Just to be clear: I think drunk driving is irresponsible and stupid at any age, and young people, especially males, are much more likely than the average to do it. They can’t help it, their frontal lobes are hormonal mush. But whether or not raising the drinking age lowers the risk is an empirical question that deserves proper treatment. Mothers, do not mislead us! It makes us SADD (Scientists Against Data Distortion).