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Wednesday, November 2nd, 2011

monasterienses

1
Ich habe die Wahl. Entweder biege ich nach der Grundstücksausfahrt rechts ab, stadtauswärts, fahre dann bis zur Ampel an der Tankstelle und umkreise dort, Ampel für Ampel, die Kreuzung, oder ich biege links ab und fahre dann, illegal und gegen die Fahrtrichtung neben dem Radweg, hundert Meter stadteinwärts bis zur Fußgängerampel, quere und kehre dort in die Legalität zurück, die ich um den Preis einiger ersparter Warteminuten leichtfertig verlassen haben würde, sollte ich mich für diese Möglichkeit entschieden haben. Und ich würde so entschieden haben.

Es gibt auf diesen hundert Metern eine einzige, sehr schmale Hofeinfahrt. Als das Auto daraus hervor rollt, ist das kein Problem, weil ich so langsam und eigentlich schon gar nicht mehr langsam, sondern in diskreten, wohlgesetzten infinitesimalen Schrittchen fahre, dass ein Antippen der Bremse, ach was, ein Anhauchen des Bremshebels, mich zum sofortigen Stehen bringen sollte. Stattdessen blockieren die Räder nach dem Hauchen, der Gehweg ist wohl feucht, es muss wohl ausnahmsweise geregnet haben, und ich rutsche gradewegs und ungebremst ins gleichfalls ungebremst weiterrollende Auto. Ein sehr kleines Geräusch entsteht, als die Stoßstange und mein Rad sich begegnen, dann stehen beide Fahrzeuge für einen kurzen Moment inert und gleichberechtigt da und mein Herz sagt Hoppla. Die Fahrerin kurbelt die Scheibe runter. “Nichts passiert”, sage ich ihr und mir, aber “schnapp”, sagt die Empathiefalle dazu, denn das wollte ja gar niemand wissen. “Gegen die Fahrtrichtung!” bellt sie empört, kurbelt wieder hoch und gewinnt aus dem nun folgenden Kopfschütteln soviel Antriebsenergie, dass sie noch eine halbe Stunde später keinen Tropfen Benzin verbraucht.

2
Die Fußgängergruppe geht, wie Fußgängergruppen das tun, wenn sie auf die Fremden vergessen, die ihren mit tollen Gesprächen tapezierten Gruppenraum teilen, wegbreit dahin, und es ist also an dieser Engstelle kein Vorbeikommen. Auch kommt noch jemand entgegen, ein Knäuel aus Leibern verstopft die Verkehrsader, aber ich habe es nicht eilig, rolle im Gehtempo hinter ihnen her und warte auf die Entspannung der Lage, die mir gleich das Vorbeirollen ermöglichen wird. Stattdessen bemerkt mich aber die hinterste der Personen und ruft “Lasst doch mal das Rad vorbei” in den Gruppenraum. Eine andere ruft “der könnte doch auch mal klingeln!” vorwurfsvoll und mit gezücktem Handschuh, eine dritte steuert “Klingel ist wohl kaputt” noch bei. “Ruhig bleiben”, sage ich, “ich habs ja nicht eilig”, und ärgere mich, dass auch ich jetzt ziemlich klinge, als wolle ich mich streiten. Will ich doch gar nicht, Herrgott. Idioten.

3
Der Rentner fixiert mich, die Lippen gepresst gegen den schalen Geschmack in seinem Mund, und dreht als wir aneinander vorbeirollen den Kopf mir zu, Blick an meinen Blick geschweißt und Verbotsschilder in den Augen, eine Regelüberwachmaschine in beiger, wetterfester Verpackung. Das Zurückschnellen des Rentnerkopfes nach vorne, und die zufrieden vorschießende Reptilzunge sehe ich nicht, weil ich ja nach vorne gucke, dahin, wo das Auto neulich rausrollte. Ich bin ja schließlich nicht blöd und lerne dazu.

Wednesday, April 13th, 2011

Der Jüngling und die Sache

Raum ist in der kleinsten Stätte
Zum Verschlampen allen Seins.
Und wieviel Wesen ich auch hätte,
Brauch ich eines: find ich keins.

Monday, May 4th, 2009

sattelschubser

Der Fluss der Automobile ist, wie üblich um diese Zeit, in einem Zustand der Auflösung. Auf der rechten Spur steht warnblinkend verteilt die Lunchbrigade und blockiert. Wir restlichen Rollenden umfliessen zäh die aufragenden Ichkisten mit ihren sandwichhoffenden Fahrern. Ein Sattelschlepper schlängelt sich durch die Blockade, und ich schlängele ihm nach, bis er auf der Rechtsabbiegespur an der Ampel zu stehen kommt. Rechts steht er zu eng am Bordstein, ich richte also die Radnase nach links, die Fahrerin des dort nachkommenden Wagens bremst und winkt mich in die Lücke. Aus dem Augenwinkel aber sehe ich die riesigen Reifen des Schleppers sich drehen, das Monster rollt rückwärts und schräg verschwindet mein Rad unter ihm. Hey, rufe ich, asshole, what are you doing, springe ab und ziehe das Rad nach, aber unerbittlich schiebt sich der Verbrecher hinterher. Hey, ruft es nun auch vom Gehweg, there are people behind you, pay attention. Endlich hält das Vieh, schafhaft guckt ein Fahrerkopf aus der Kabine. You OK fragt es von da oben, und schon wieder sage ich, anstatt einem Bereicherungsprozess den Weg zu bereiten, I am, and I think the bike is, too. Schiebe das Rad zum Beiweis kurz nach vorne und wieder zurück, überrolle dabei eine schimpfende Ameise, und radle davon.

Monday, March 16th, 2009

Journal Square, 11:30

Vor dem Bahnhof tummeln sich ungewohnt viele Menschen, schwer, mit dem Rad durchzukommen, ohne dass sich wer bedroht fühlt, und je näher ich der Treppe komme, desto dichter wird der Menschenauflauf. St. Patricks trinkt demonstrativ ein Erklärungsbier in meinem Kopf, aber sein Tag ist ja erst morgen, und betrunken oder grün ist hier auch keiner. Alle fünf Rolltreppen funktionieren, ein statistischer Ausreisser, der nur durch einen grösseren Defekt anderswo nicht zu einem Ungleichgewicht im Gefüge der Natur führen kann, und so weiss ich dann auch schon bevor ich es den dicken Mann in der Uniform sagen höre, dass keine Züge fahren. Wie lange es dauert, kann niemand sagen, eine halbe Stunde aber mindestens. Na gut, geh ich halt was essen.

Hinter dem Bahnhof, an der Brücke über die Gleise, noch ein Auflauf, Menschen auf Zehenspitzen diesmal. Die gaffen wohl kaputte Züge, denke ich augenrollend, gleite noch ein paar Meter würdevoll am Gafferspalier vorbei, knicke ein, steige ab und gaffe mit. This will happen a lot more, sagt einer, with the way the economy is going. Zwei Züge stehen ausserhalb des Bahnhofs rum, Gleisarbeiter dazwischen, es ist kein Problem zu sehen. From the bridge? fragt jemand. No, from the other train, sagt jemand anders, und langsam verwandelt sich das technische Problem unter mir in einen Selbstmord. Clear the wall, ruft ein weiterer dicker Mann in Uniform, eine schwarze Limousine mit Blaulicht hält am Strassenrand. Ich stehe noch einen Moment, ein undefinierbares Gefühl im Bauch. Vielleicht Hunger.

Die Salatbar im Deli um die Ecke ist erstaunlich gut sortiert, der Essbereich schäbig, fensterlos und überheizt. Auf dem unvermeidlichen Fernsehschirm schreien sich drei Männer an. Einer, der sich bisher für den Vater seiner beiden Kinder hielt, zwei andere, die auch in Frage kommen, zwischen ihnen die weinende Mutter und ein dicker Moderator mit Glatze. Nach jedem emotionalen Ausfall, jedem Geschrei, applaudiert das Publikum höflich und zivilisiert, dann ist der nächste dran. Schliesslich verliest der dicke Moderator mit dramatischen Pausen die Ergebnisse des Vaterschaftstests. Schnitt auf die weinende Mutter, den fassungslosen Nichtvater, den ausdruckslosen Jetztvater. Applaus.

Die Züge fahren eine halbe Stunde später immer noch nicht, der einzige Bus ist überfüllt, bleibt nur, mit dem Fahrrad quer durch den Sumpf und über ein Gewirr aus Zubringern und Schrottbrücken zu fahren, über Russhaufen gespickt mit Unfallscherben. Wie ein gejagtes Kaninchen hopple ich über die Autobahnauffahrt, als sich zwischen den Sattelschleppern kurz eine Lücke öffnet, und dann vorbei an zerbröselnden Fabriken, nach Newark und zwischen seinen Banktürmen hindurch zu unserem kleinen Campus. Ich komme exakt rechtzeitig.

Monday, May 5th, 2008

Shameless Flashing

Why are the genitalia of plants so pleasant to look at? Would tulip men bring their tulip ladies a bouquet of penis in the evening if they weren’t so thoughtless? Do roses enjoy looking at pricks?

Spring, a time of questions.

0716740044_cs.jpg To the reader interested in love, sex and animal and human happiness, though rare a beast such a reader might be, this book holds a treasure trove of observations, deliberations and insights. Always keeping in mind the obvious question – how does all this relate to us? – the authors lead us on a walk through animal species, to look for evolutionary reasons and pressure for or against monogamy, and revealing it to be quite uncommon even among species long thought to be faithful mates for life. As it turns out, the fact that affairs need to be concealed from the adulterer’s mate implies automatic and almost perfect concealment from the researcher ape hiding in a camouflaged tent, who after all is much less adept that the animals involved in detecting suspicious behaviour.

The second half of the book then is devoted to the human animal, with the evidence seeming to indicate that our natural instincts would have us being a mildly polygynic, socially monogamous, but sexually adventurous bunch of chimps. As the authors point out in a final chapter aptly captioned “So what?”, no moral law follows directly from any of these observations. Natural impulses do not necessarily have to be acted upon – indeed the core of the idea of civilization might be perceived to be the reining in of such impulses -, yet their denial, and the forcedly naive insistence that monogamy is the mature way of channeling sexual and romantic desires that so much of the western christian tradition hold in fairly low esteem to begin with, seems unnecessarily dire and uninspired a reaction to the question that could well be said to be at the heart of human happiness and fulfillment. For, to change Dorothy Parker’s delightful punchline around on her, what earthly good does not, in fact, come from the sweet tensions of love, courtship and attraction?

General Review of the Sex Situation

Woman wants monogamy;
Man delights in novelty.
Love is woman’s moon and sun;
Man has other forms of fun.
Woman lives but in her lord;
Count to ten, and man is bored.
With this the gist and sum of it,
What earthly good can come of it?

Kafka Americana From Jonathan Lethem, who recently masterfully argued the fruitfulness of apropriating someone else’s intellectual property and turning it into something original of one’s own, and Carter Scholz, whom I hadn’t heard of before, comes this set of reinventions of Kafka’s themes with the frame of American culture. Witty, dark and unexpected, these stories toy with great ideas in a very delightful way. My favorite of the bunch is easily Lethem’s and Scholz’ collaboration on the story of how Kafka and Capra collaborated to make “It’s a Wonderful Life”. Great stuff.

leni_riefenstahl_lrg.jpg It is a disturbing fact of post-war German history that plenty of active National Socialists continued on to positions of power and influence in the Bundesrepublik, partly because of a lack of skilled leadership personnel not involved with the regime, but also because the anti-communist notions of the old criminals fit well into the new political struggle emerging in Europe. Against this historical background, Riefenstahls particular story becomes all the more fascinating. Her unsettlingly effective propaganda documentaries, Triumph des Willes and Fest der Völker, on the 1935 Nuremberg rally and the 1936 Olympic Games, created a fame for her that was probably the reason for her fall after the war. She wasn’t able to make any more movies, and all her other creative efforts – most notably her photography of the people – got subjected to close scrutiny and harsh criticisms for suspicions of a fascist esthetic, and were always contextualized with her past. This movie portrays her both as the victim of scapegoating and a stubborn denier of aspects of her life, but most of all it paints the fascinating picture of a multifaceted woman, who had the misfortune to live in evil times. You might not like her after this documentary, but you won’t regret having seen it.

It is one of the secrets of the creative process that a bunch of people who sound like they haven’t a clue about what they are doing, or why, can produce something profound and moving. Comparing, in this case, the cast and crew interviews on the DVD with the movie itself, the dichotomy couldn’t be greater. Where the movie is a masterpiece for so many reasons and in so many ways (and in spite of its occasionally stilted acting in the tradition of the German Kleines Fernsehspiel), the comments of the people who made it fall amazingly short. Most telling was Maria Schrade, who in the space of under two minutes mentioned no less than six times that the fact that it was a lesbian lovestory didn’t matter at all. Form and function, quite at odds, but thanks for the effort.
When Brokeback Mountain made it big recently, some German critic complained how utterly unthinkable a like movie would be in a German setting – two male blue collar workers in the Ruhrgebiet getting it on – the opposite of cool and moving (I’m transcribing liberally here)(which, funny enough, is just one little typo away from literally, as I just discovered). But Aimee and Jaguar is that movie, and both the fact that it tells a true story, and the backdrop of the apocalyptic insanity of Berlin during the end of the Second World War, heighten the intensity of its message. I don’t want to compare Brokeback Mountain and Aimee and Jaguar to each other, both movies are great achievements in their own right, but I do think they should have the right to marry each other and have lots of kids. I’d love to see them.

Bei manchen dokumentarischen Büchern fragt man sich unweigerlich, warum man sich die deprimierende Abfolge unheilvoller Tatsachen ins Denkgebäude schraubt. Nun ist es andererseits natürlich Unsinn auf dem Niveau der Erstmal-besser-machen Kritikverneiner, Unschönes nur deshalb abzulehnen, weil es keine konstruktiven Schlüsse anzubieten hat, aber erbaulich hätte ich es doch gefunden, nach der Durchsicht all der Naziwiderlichkeiten rund um Vertriebene und ihre Zentren, Kriegsgeschichte und Schuldausgleich ein paar Vorschläge zu finden, wie man das Pack zum Schweigen und die Geschichte auf einen guten Weg brächte. So ganz ohne das ist das Buch jedenfalls nicht der Diskussionsbeitrag, der es sein möchte, sondern eher die Grundlage für einen. Muss dann eben jemand anders schreiben.

Die für mich interessanteste Detailinformation betrifft das Verbot der Todesstrafe im Deutschen Grundgesetz, das mir angesichts der sonstigen Kontinuitäten von Mordbubenwirtschaft und Gewaltapparat immer ein wenig inkonsistent vorkam. Später schildert, wie ein Vertriebenenfunktionär sich für die Abschaffung verwendet, um seine alten Nazikumpane vor den Galgen der Alliierten zu retten. Das ging schief, weil die Alliierten sich bei den Hinrichtungen ums Grundgesetz der Besiegten nicht recht scheren mochten, und der Plan, die Todesstrafe für gemeine Mörder flugs wieder einzuführen, scheiterte dann ebenfalls. Sie kennen doch unser heiteres Suchspiel? In der Geschichte hat der Weltgeist Sepp Arnemann eine konstruktive Lehre über den Umgang mit repressiven gesellschaftlichen Kräften versteckt. Suchen Sie sie selbst, mir gefällt sie nicht.

Nachtrag: konkret dokumentiert in der aktuellen Ausgabe die Reaktionen Vertriebener auf Späters Buch, und ich nehme einen Teil des oben gesagten zurück. Wer derart die Hunde zum Bellen bringt, hat allerhand richtig gemacht.