Monday, November 2nd, 2009
(Für den Brenner)
Jetzt ist schon wieder nichts passiert. Aber hätte natürlich sollen. Nur, schwarze Katze von links eigentlich immer Unglück, frage nicht. Obwohl, ob es jetzt von links ist oder von rechts bin ich mir gar nicht sicher, da müsste ich erst mal googeln. Von der Physik her betrachtet ist das natürlich egal. Es macht eigentlich keinen Sinn, dass man annimmt, dass bei einer Katze die Symmetrie gebrochen wird und es plötzlich rechtsrum Unglück bringt und linksrum Glück oder umgekehrt. Bei der Leiter liegt der Fall anders, wenn du da drunter durch gehst und dem der oben steht fällt der Farbeimer aus der Hand, hast du erstmal den Salat, wo aussen rum nichts passiert wäre, aber Katze eigentlich symmetrisch, rein von der Mathematik her. Jetzt sowieso, wenn die Katze deine eigene Katze ist und sie kommt von links aus der Küche während du rechts ins Bad gehst, das ist sowieso nochmal was ganz anderes, weil das ist ja praktisch eine Gesetzmässigkeit, dass das hungrige Tier erst noch mal jault, bevor du gehst, oder vielleicht nicht jault, weil Jaulen eher Hund, sondern maunzt. Aber ein sehr gejaultes Maunzen dann, das schon. Und wenn das gesetzmässig so ist, dass deine Katze immer von links aus der Küche kommt, dann kann das ja kein Unglück bringen, weil sonst wäre ja dauernd Unglück, hält ja kein Mensch aus. Und deswegen also Privatkatzen ausgenommen von der Regel. Aber passiert ist trotzdem nichts.
Hat der Schreiber also die Katze gefüttert und ist aus dem Haus gegangen, und jetzt wenn du heute rausgehst, und es ist draussen warm und schwül und feucht, also einfach schwül, genau genommen, weil warm und feucht schon drin im Wort, und Regen liegt in der Luft und du hast aber keinen Schirm dabei, dann denkst du vielleicht jetzt doch, dass die Katze schuld ist mit ihrem Gelaufe. Aber da muss man aufpassen wie ein Schiesshund, dass man nicht ins Abergläubische fällt, weil das hat sich schnell und du kommst nicht mehr raus. So wie du zum Beispiel auch schwer wieder raus kommst, wenn du zum Beispiel fünf Bücher gelesen hast in einem bestimmten Stil und musst dann was eigenes schreiben, und schreibst es dann in diesem Stil, ob du willst oder nicht. Aus Versehen aber nur, darfst du nicht vergessen, so eine Art Schreibaberglaube ist das, aber passt auch ganz gut zum Anlass, weil jetzt pass auf: es war nämlich Halloween, und da verkleidet man sich ja eigentlich ganz gerne und tut so, als wäre man jemand anderer ein paar Stunden lang. Und warum soll man das nicht mal im Schreiben machen statt immer mit Pappschachteln, auf denen mit Filzstift IPOD draufgeschrieben steht.
Jetzt der Regen. Da weisst Du natürlich gleich, wenn jetzt schon so tiefe Wolken und feine Tröpfchen in der schweren Luft, dann später wahrscheinlich so richtig Guss und du keinen Schirm und nichts. Drehst du aber trotzdem nicht um, weil die schwüle Luft und das Licht, so eine Stimmung ist das, wo man lieber weiter macht mit dem, was man grade angefangen hat und nicht gross abbiegen will. Fatalismus sagt man dazu, aber in diesem Fall kommt es eher vom Wetter her. Jetzt, wenn man sowieso schon eine bestimmte Stimmung hat, dann fallen dir gleich Sachen ein, die in diese Stimmung gut reinpassen und du kommst vom Hundersten ins Tausendste, Faktor zehn Fatalismus, rein von der Mathematik her. Dann fällt dir dies und das wieder ein, dummes Zeug, was du selber gemacht hast, dummes Zeug, was andere gemacht haben, und plötzlich spürst du einen Schmerz hier und einen Schmerz da, und denkst an Spritzen und fühlst dich allein, und es ist aber alles nur wegen dem blöden Wetter, wo es jetzt sogar schon ein bisschen richtig regnet, aber die Kapuze an deiner Jacke sitzt zu eng auf den Haaren und du ziehst sie wieder runter und wirst lieber nass. Obwohl “lieber” vielleicht ganz das falsche Wort hier, Nasswerden eher auch Fatalismus in diesem Fall, Faktor zehn eben.
Bahnhof aber überdacht, beziehungsweise sagt man ja nicht überdacht, wenn was unterirdisch liegt, sondern eben unterirdisch. Obwohl so richtig unterirdisch ist Journal Square dann ja auch wieder nicht, so eine Schneise praktisch ins Gestein gesprengt haben sie da für den Zug, und wenn man die kaputten Rolltreppen runtergeht zu den Bahnsteigen sieht man an den Seiten die nackten Steine und an den Enden aber, von wo die Züge kommen und wohin die Züge fahren, sieht man den Himmel durch eine enge Schlucht. In die es jetzt ein bisschen reinregnet, macht aber nichts, weil Bahnsteig sonst eben unterirdisch und trocken. Und unterirdisch hat aber noch eine andere Bedeutung hier, weil der Bahnsteig ist ausserdem auch voller Geister und Gestalten, praktisch ein Hades, und der Regen dann vielleicht der Styx, naja Quatsch eigentlich, ich lass mal.
Aber Gespenster und Gestalten wirklich, weil heute wie gesagt Halloween, da ist alles voller Gestalten, und der frisch eingefahrene Zug ist auch sofort rappelvoll mit Supermännern und Zombies und Prinzessinnen und Gladiatoren und Master Chief und Cortana, das kennst du wahrscheinlich, aus diesem Spiel da. Und auch rumgestanden auf dem Bahnsteig und später in der Stadt sind dann noch Marios und Supermarios, aus dem anderen Spiel also, und das waren so viele Marios, du konntest praktisch um keine Ecke biegen ohne dass Dir ein Mario entgegen kam. Da kommt man natürlich ein bisschen ins Grübeln, so über die moderne Zeit und das früher, und dass es heute schon ganz schön schwierig ist, was originelles zu machen. Weil originell heisst ja immer, dass es niemand anders macht, und wenn du mitten in ein paar Millionen Leuten stehst ist natürlich die Wahrscheinlichkeit gar nicht so wenig, dass jemand anders auf denselben Trichter gekommen ist wie du. Früher konnte man sich auf seines Daches Zinnen stellen, und war gleich wer, aber heute gehst du da rauf, und da stehen dann noch 10000 andere, weniger Platz als auf einer Stecknadel. Jetzt warum Stecknadel und Platz? Das kennst Du vielleicht, mit den Engeln, aber in diesem Fall keine Engel, oder nur ein paar, aber U-Bahn-Wagen, und zwar superrappelvoll. Schon an der nächsten Station sind nämlich noch viel mehr gekommen, da hat der Schreiber aufgeschaut von seinem Buch, ein Hundekeks war vorne drauf auf dem Buch, kennst du vielleicht, und so ein Gladiator stand ganz eng vor ihm, und da wurde ihm schon kurz komisch und er hat gedacht, wenn jetzt was passiert, komm ich hier nicht raus. Das ist Quatsch natürlich, was soll passieren, ist ja nicht die U-Bahn von Tokio oder von San Francisco wo oben Haie drüber schwimmen, aber so ist der Mensch. Vielleicht war das auch ein bisschen noch der Fatalismus, kann schon sein. Aber Problem jetzt natürlich, wenn du sowas mal gedacht hast dann kannst du gar nicht mehr aufhören, das zu denken, immer im Kreis geht das, nur ist der Kreis ziemlich klein, weil wenn sich so ein Gladiator über dich beugt in einem rappelvollen U-Bahn-Wagen, sehr wenig Platz übrig für Gedanken, ja was glaubst du.
Davon hat der Schreiber sich jetzt ablenken wollen, und aufgehört zu lesen und sich stattdessen umgeschaut im Wagen ob da vielleicht schön verkleidete Frauen sind, weil Frauen immer gut zur Ablenkung. Und Frauen waren schon da, in der U-Bahn nach Manhattan, da muss ich ehrlich sagen, das wäre ja seltsam gewesen, wenn nicht. Aber du kennst kennst das vielleicht. Manchmal, wenn du eh schon in so einem Fatalismus drin bist, dass dir der Kopf schwirrt, dann wenn du schöne Menschen siehst wird das eher schlimmer als besser. Oder vielleicht wäre es auch bei hässlichen Menschen ganz genauso gewesen, weil Tatsache ist ja einfach, dass überhaupt kein Platz mehr in diesem Wagen war und überall, wo du hinschaust, sind Menschen. Jetzt wenn da kein Platz ist, ist es dann eigentlich egal, wie die aussehen, wenn du sowieso zur Klaustrophobie neigst ist dir jeder Mensch zuviel. Nur die schönen erinnern dich halt noch zusätzlich an was, aber egal jetzt.
Aber leider ist es heute so, dass wenn ein Nahverkehrszug von einem nicht so guten Ort an einen besseren fährt, dass dann im Schnitt in jeder Station mehr Personen einsteigen als aussteigen. Ich sage im Schnitt, weil natürlich kann es schon einmal vorkommen dass da ein paar mehr aussteigen, aber doch eher selten, meistens mehr Einstieg, und heute ist besonders Einstieg, ein Rummel, frage nicht. Jetzt sind also in Hoboken nochmal ein paar Dutzend Marios in den Wagen gestiegen, dass du geglaubt hast Sardinen. Oder ehrlich gesagt hat der Schreiber schon vorher gedacht, Sardinen, und jetzt also noch enger, Quetschsardinen praktisch, aber das hat er schon nicht mehr gedacht, weil jetzt hat er gemerkt, denken geht nicht mehr, jetzt kommt das Herz und schlägt zu schnell und der Schweiss, und da ist er schnell aufgestanden und hat sich durch die Sardinen zum Ausgang gewühlt, weil von Hoboken nach Manhattan lange Kurve und Tunnel, und das dauert, und wenn du da in einer Sardinendose steckst und kriegst Panik, mein lieber Herr Gesangsverein, ganz im Ernst jetzt. Jetzt steht der Schreiber also am Bahnsteig und sieht den Zug davonfahren und rundherum aber so viele Zombies und Marios und neue Gladiatoren, dass eigentlich ganz klar ist, der nächste Zug, das geht auch nicht, der wird genauso voll. Und er kann eigentlich gleich wieder heimgehen, weil ganz Manhattan wahrscheinlich alles Sardinen, Fischdose ein Dreck dagegen.
Aber dann war der nächste Zug sogar fast leer, wie er angekommen ist in Hoboken, und direkt da an der Tür konnte man dann nachdem alles Gespenster drin waren selber grade noch so eingequetscht ein bisschen stehen, wieder Sardine eigentlich, aber ohne Quetsch. Jetzt du kennst das vielleicht, wenn was eigentlich nicht geht, dann willst du das erst recht, und jetzt hat sich der Schreiber also auch noch in den Wagen gezwängt und die Tür ging zu und ab ging die Fahrt. Und wie erwartet ist der Zug ganz langsam um die Kurve gefahren von Hoboken nach Manhattan, beinahe angehalten hat der, was Schlimmeres gibt es eigentlich gar nicht, als dass du heute in einem Tunnel eingequetscht im U-Bahn-Wagen stehst und der Zug bleibt dir stehen. Weil du weisst, nach allen Seiten überall nur Steine, selbst wenn jetzt die Tür aufgeht ist da gar kein Platz, nirgends, lieber gar nicht dran denken. Und der Zug ist dann ja auch gar nicht stehen geblieben, sondern langsam weiter nach Manhattan gefahren, Glück gehabt im Unglück, sagt man so, stimmt in dem Fall aber auch. Nur in Manhattan war es dann aber auch nicht besser. Und wie er da im unteridischen Stau gestanden hat, da hat der Schreiber wieder dasselbe denken müssen, das er schon in Hoboken gedacht hat. In Hoboken hat er gedacht: wäre ich mal lieber zu Hause geblieben. Und jetzt in Manhattan hat er gedacht: wäre ich mal schön in Hoboken geblieben. Nicht ganz dasselbe, das stimmt schon, aber du weisst schon, was gemeint ist.
Wie er dann draussen war, hat er sich erst mal auf der sechsten Avenue ein bisschen an die Hauswand gelehnt, weil da natürlich auch wieder alles voller Menschen. Da würde man sich doch mal ein bisschen Originalität wünschen, weil wenn du heute eine Stadt hast mit Millionen von Einwohnern, und die wollen alle dasselbe sehen, Katastrophe. Du machst dir kein Bild. Und jetzt ist es nochmal passiert, er hat die anderen angerufen, also nicht die sechstausend, die ihm da grade auf den Zehen gestanden sind, sondern die, die er eigentlich treffen wollte zum Parade angucken, und dann ist er durch das Gewimmel und Gewühle da hin gegangen, wo sie gesagt haben, dass sie sind, und dann hat er wieder gedacht: wäre ich mal schön an der Hauswand stehen geblieben. Weil die waren natürlich schon längst wieder woanders, und von der Hauswand aus hätte man die Parade sehen können, ganz gut sogar, und von hier aus aber: Pustekuchen.
Und wie er dann zu diesem Wieder Woanders gekommen ist, dasselbe Spiel nochmal, keiner da, ausser ein paar tausend Fremden. Diesmal steht er an einer Polizeisperre, klingt gut eigentlich, Polizei, aber nicht gut für die Nerven, weil dauernd kommt von hinten jemand und will durch, und dann musst du sagen: geht nicht, Polizeisperre, und dann glauben sie dir nicht, und die Frau neben ihm hat schon laut rumgeschrien weil sie nicht kapiert hat, das sind immer andere. Die hat gedacht, sie erklärt immer demselben, dass da der Eingang verrammelt ist, und da ist sie natürlich laut geworden, kann man auch verstehen, keine Frage. Und wie es dann auch noch richtig angefangen hat zu regnen, ist er aber gegangen, weil: den Umzug konnte man von der Sperre aus sowieso nicht sehen, das kannst du vergessen. Jetzt hat er dann am Ende doch noch die anderen gefunden, aber zu spät. Weil die gehen jetzt in eine Bar, und er darf nicht trinken und ist müde wegen der Tabletten oder Pillen oder wie sagt man, und nimmt als sie den Zug nach Norden nehmen stattdessen den nach Süden, weil er hofft, dass er da am World Trade Center umsteigen kann nach Jersey und dann vielleicht nicht der ganze Zug voller Gespenster ist da unten und nicht gerade ein Sitzplatz, aber eine Stehecke vielleicht statt Fischdose.
Aber plötzlich ist der Zug dann an der zweiten Avenue, er hats aus dem Wagenfenster gesehen, zwischen den Marios durch, und das ist überhaupt nicht auf dem Weg zum World Trade Center. Da erschrickst du natürlich erst mal und springt auf und aus dem Zug. Was soll das denn jetzt, weil am Bahnsteig steht ja hier nur die F Linie angeschrieben, und du bist doch in einen A Zug gestiegen, und tatsächlich, der Zug, der da rausfährt ist ein A Zug, es steht ja an jedem Wagen einzeln dran. Und weg ist er. Wäre ich mal lieber sitzen geblieben, denkt der Schreiber, aber zu spät natürlich schon wieder. Geht er eben raus, vielleicht kann er ja zu Fuss weiter, und dann sieht er draussen an einem Kino A Serious Man angeschrieben und denkt sich: warum nicht? Wenn alle auf der Strasse sich nassregnen lassen und einander im Weg stehen setze ich mich in ein Kino und gucke den Film. Wie er dann wieder rausgekommen ist, hat er sich aber eher gedacht: wäre ich mal lieber vorbeigelaufen am Kino. Weil, der Film war deprimierend, das war nicht mehr feierlich, schwarz wie Lumpi, frage nicht. Und aber ein guter Film war es auch, also gut gemacht. Jetzt ist das bei einem deprimierenden Film ja manchmal so, dass du dir wünschst, er ist schlecht gemacht, weil dann wenigstens Lachen möglich. Aber wenn so ein Film dann auch noch gut gemacht ist, hast du natürlich Pech gehabt, ja gute Nacht.
Der Fussweg war dann noch ein ganzes Stück, wo er noch mehrfach gedacht hat, wäre ich mal schön zuhause geblieben bei der schwarzen Katze, aber da war es natürlich schon lang zu spät. Jetzt hätte er sich noch denken können: das mach ich so schnell nicht wieder, aber bringt ja gar nichts, weil Halloween erst wieder in einem Jahr, das machst du so und so nicht so schnell wieder. Und bis dahin hat er das dann vergessen, wie das war, das kennst du bestimmt. Da hilft dann auch Aufschreiben nichts.
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