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Monday, September 21st, 2020

Neues aus dem Traumland

Der Tag, an dem ich eine verwesende Maus im Rucksack fand und mir ein halber Zahn ausfiel, ist mir noch gut im Gedächtnis. Der Zahn ist unterdessen aufgebohrt, gefüllt, wieder aufgebohrt, wurzelbehandelt, gefüllt, wieder aufgebohrt, wurzelverfüllt und verplombt, sowie verbrieft, berechnet und versiegelt. Und tut nur noch wenig und selten weh. Dieser Traum also verblasst nach und nach.
Aufgefrischt wird er aber von erneutem Verwesungsgeruch, der mir immer mal wieder in die Nase steigt oder halluzinatorisch vorgeistert – eine Quelle ist jedenfalls nicht zu finden. Irgendwann aber bemerke ich, dass das Phänomen immer dann auftrit, wenn ich meine Converse-Stoffschuhe trage und sitze, will sagen: die Nase nah am Schuh trage. Und tatsächlich, mein rechter Schuh stinket, dass es Gott erbarm. Buttersäure, schließe ich, muss sich da gebildet haben, und schelte mich innerlich fürs tagelange Tragen derselben Schuhe, wundere mich allerdings auch ein wenig, warums denn nur den rechten traf, und warum so plötzlich ein Gestank einzog. Aber wichtiger als Verstehen ist die Lösung, und so stell ich die Schuhe in den reinigenden Strom der großen UV-Hygienelampe am Himmel auf den Balkon.
Einen Tag später stinkt der Schuh leider unvermindert entsetzlich oder womöglich sogar noch einen Zacken grauenhafter. Beim Rausziehen der Einlegesohle bemerke ich ganz vorn im Schuh ein kleines Büschel verfilzter Haare, sowas passiert in einem Katzenhaushalt, die Haarpest schlüpft überall rein. Aber das Büschel ist nun doch erstaunlich groß. Ich hol es neugierig raus, der Gestank legt schlagartig eine erhebliche Schippe drauf, und bei näherem Hinsehen hat das Haarbündel Beine, die aber schon kaum noch als solche zu erkennen sind, und eine einzelne Made krabbelt in ihm herum. Ein Kopf oder sonstige Körperform ist nicht mehr zu erkennen.
So unglaublich es mir scheint, die unerbittlichen Gesetze der Deduktion zwingen mich zur Einsicht, dass ich tagelang mit einer toten, verwesenden Maus in meiner rechten Schuhspitze unterwegs war, ohne das, abgesehen von gelegentlichen sonderbaren Geruchsattacken, zu bemerken. Ich frage mich, ob beim Verfüllen der Zahnwurzel die Zahnärztin wohl von meinem Schuh der Geruch von Tod und Verderben anwehte, und wenn ja, was sie sich dabei wohl gedacht haben mag.
Is all that we see or seem
But a dream within a dream?
Ich glaube, ja.

Saturday, August 1st, 2020

Von Viren, toten Mäusen und offenen Nasen

Ich bin ein Pionier. Wochen bevor das ganze Land seine Kinder an die Virenfront in die Schulen schickt, um zu sehen, wie die Schlachten wohl ausgehen werden, sind wir im Auftrag des Landes Nordrhein-Westfalen schon mal als kleiner Stoßtrupp unterwegs. Sieben Kinder zwischen 10 und 14 und ich Greis stecken 20 Stunden lang Köpfe und Nasen unter dem Dach eines Sommerprojektes zusammen, um einen Stop-Motion-Film zu produzieren. Die Idee dazu ist über ein Jahr alt, gefällt mir aber immer noch ausgesprochen gut, vor allem, weil ich das selbst noch nie ernstlich ausprobiert habe aber schon immer wollte. Aber acht Leute und zwanzig Stunden, das sind einhundertsechzig Probleme, wenn ich mich an die Mathematik aus dem Grundstudium recht erinnere. Und da ist der imaginäre Teil der Gleichung noch gar nicht ordentlich berücksichtigt.
Meine erste Maßnahme ist deshalb, in den Räumen, in denen wir planen und drehen wollen, alle Fenster weit aufzureißen. Draußen wütet der Halbsommer mit Macht, will sagen: es ist recht kühl, und wenig später ist das dann auch drinnen so und zieht, Hechtsuppe Hilfsausdruck. Aber lieber Jäckchen an als tot, wie Christian Drosten ja immer sagt in seinem Podcast, also, bitte.

Die Kinder verteile ich so weit es geht auf verschiedene Räume und denke, dass unter diesen Umständen die Masken verzichtbar sind. Daran erkennt der Fachmann meine fehlende Erfahrung mit größeren Kindergruppen, denn Abstandhalten ist natürlich, äh, so eine Sache. Die Filmplanung und die Dreharbeiten gehen über die Tage munter voran, die Pausen verbringen wir draußen auf der dreistöckigen Feuerleiter und im Garten, der Wind pfeift durch die Räume, dieweil der Club der Detektivinnen sich mit Batman verbündet, um den bösen Pinguin am Morden zu hindern. General Grievous und Yoda sind auch dabei.

Während des ersten Tages, als wir noch im Nebel nach einer Geschichte stochern, die wir erzählen wollen, habe ich immer wieder leichten Verwesungsgeruch in der Nase, trotz des Durchzugs. “Ist das Erzählen nun also doch gestorben” denke ich nicht, sondern habe, weil ich direkt neben der Spüle sitze, natürlich sofort den Abfluss im Verdacht. Das Haus ist nicht mehr ganz taufrisch, vielleicht liegt ein toter Elefant im Siphon, oder das Wasser da drin ist in den Ferien von einem wandernden Abflussschwämmchen aufgesaugt worden. Was weiß ich, was es alles gibt hier in Norddeutschland.

Nix weiß ich, stellt sich heraus, als ich im Bus, der mich zum Remscheider “Hauptbahnhof” (Eingeweihte verstehen die Anführungszeichen) bringen soll, plötzlich wieder Verwesungsgeruch in der Nase habe. Weit und breit kein Kulturpessismismus oder Siphon zu sehen. Ach, der Gestank kommt aus meinem Rucksack? Oha.

Ich mache auf und gucke rein, sehe aber nichts außer meines des Stinkens unverdächtigen Gerümpels. Nach und nach räume ich vorsichtig den Inhalt meines Herrenhandtäschens beiseite und suche nach der Geruchsquelle, als ich plötzlich etwas Kaltes, Weiches und Pelziges in der Hand habe. Den Reflex, den ganzen Salat quer durch den Bus zu schleudern, kann ich grade noch unterdrücken, und Sekundenbruchteile später weiß ich auch, was ich da in der Hand hatte. Eine tote Maus. Mjam.

Nicht die erste, die Meadow, die Zauberkatze, mir lebend in die Wohnung geschleppt hat. Die meisten erleiden da einen Herzinfarkt und bleiben unangetastet liegen, bis ich sie später entdecke. Das kann je nach Ort des Todes auch mal bedeuten, einer Schmeißfliegenprozession zu folgen. Meadow weiß, wie Töten geht, aber vom Essen versteht sie nichts. Nicht die erste Maus, aber die erste, die es zum Sterben in meinen Rucksack geschaft hat. Chapeau, Micky.

Den Rest der Busfahrt zum “Hauptbahnhof” verbringe ich damit, sehr konzentriert nicht nochmal in meinen Rucksack zu fassen. Dabei male ich mir aus, wie ich die Maus gleich am “Bahnhof” raushole und sodann kilometerweit von mir werfe. Und so kommt es auch, nur die Wurfweite hatte ich beim Vorstellen um mehrere Größenordnungen überschätzt. In vier Metern Entfernung bleibt die Stinkbombe anklagend liegen.
Später am Abend löst sich beim Zähneputzen fast beiläufig ein großes Stück der Flanke eines Backenzahns und ich spiele kurz mit der Theorie, versehentlich in einem Klischeealptraum eingesperrt worden zu sein. Ich warte auf Schmerz, aber der kummt net, stattdessen folgt traumloser Schlaf. “Wie soll man mit dieser abstrusen Realität traumseitig mithalten” fragt sich mein Gehirn vielleicht. Vielleicht fragt es sich das auch nicht, sondern wartet gespannt, was als nächstes Blödsinniges passiert.

Am nächsten Tag mehr Legospaß, Zahnarztbesuch, Rumgebohre mit dem üblichen sinnlosen Zusammenzucken bei der kleinsten Andeutung von spürbaren Nervensignalen von unterm Bohrergepfeif her. Ist so, will der Körper so, machste nix. Füllung raus, Karies raus, Nelkenöl rein, vorläufige Füllung drauf, Schnabel könnse zumachen, Wiedersehn.
Am nächsten Morgen finde ich gereizten Rachen vor. Kennt man ja, Narkosespritze, Chemikalien, Bohren, kick knack. Mal trotzdem das dritte Auge drauf richten, ihr wisst schon, das, das hinten oben hinterm Gaumensegel sitzt und Krankheiten kommen sieht, aber vorläufig erstmal weiter das Batmobil animieren.

Am letzten Drehtag ist aus dem gereizten Rachen leichter Halsschmerz geworden und ein unterschwelliger Hustenreiz. Den hab ich wegen Reflux und Speiseröhrensperenzchen auch sonst hin und wieder mal, aber das gibt mir nun doch zu “denken”. Sieben Kinder und ein Greis, in Innenräumen. Kracht uns jetzt die Coronagranate in den Schtzngrrm? Der Film wird fertig, die Tonspur buchstäblich in letzter Sekunde, während die Eltern schon vor der Tür ungeduldig die Brut erwarten. Kurs zuende, Symptome verdichten sich.

Am nächsten Morgen bin ich sicher: es kratzt im Hals, es zwackt in der Lunge. Ein Infekt will mir ans Leder. Anruf bei der Medizinhotline ergibt das fun fact, dass an Wochenenden landesweit nirgendwo mehr auf die Krönchenpest getestet wird. Wochenende haben die Viren frei. Ob das so richtig sinnvoll ist bei einer Krankheit, die womöglich nur ein paar Tage ansteckend und außerhalb der ansteckenden Zeit mit den Tests nicht mehr nachweisbar ist, haben andere, Klügere entschieden. Und zwar offensichtlich falsch. Aber es ist wie es ist und es kommt wie es kommt, wie der weise Rheinländer in seinem kuriosen Dialekt manches Mal zu sagen versucht. Mein Hausarzt ist im Urlaub, erste Testmöglichkeit Montag früh bei der Vertretung, vielleicht, vielleicht auch nicht, Webseite gibts keine. Ob das geht erfahr ich dann eben Montag früh.
In Erwartung einer möglichen Quarantäne zwinge ich mich notgedrungen noch zum Hamsterkauf. Holundersaft ist ausverkauft, guck mal an, das ist ja schlimmer als beim Klopapier damals im Krieg, hat sich wohl rumgesprochen, dass das Zauberbrühe ist. Aber Baked Beans gibts noch, gottlob.

Die Symptome werden derweil schlimmer, die Temperatur steigt, die Verwirrung auch, ich schlafe den halben Tag, schleppe mich die andere Hälfte durch die Wohnung. Irgendwann fällt mir ein, dass Katzen Kroni auch kriegen können und dass unklar ist, ob sie dann ansteckend sind, und ich mache Balkontür und Fenster zu. Tut mir leid, Meadow, meine Unvorsichtigkeit bringt dich jetzt in den Knast. So it goes.
Sonntag ist Nebel, 38.5 Grad, Schweißausbrüche, Fieberwahn. Typische Männergrippe, vorerst nicht mit echter Substanz, aber dabei ganz erstaunliche psychische Qualen. Was _der_ Scheiß wohl soll? Nervt jedenfalls kolossal.

Montag früh Anruf bei der Arztvertretung. Kommse halb Zwölf zur Praxis, bitte klingeln und nicht reinkommen, wir ziehen uns dann den Raumanzug über, duschen mit Sagrotan und stecken Ihnen was in den Hals. Na gut, dann also so.

Um halb zwölf steht niemand vor der Praxis, ich klingle, man bedeutet mir mit Signalflaggen, dass man mich gesehen hat. Sprechanlage ist wohl kaputt, Technik aus dem letzten Jahrtausend. Maskiert stelle ich mich mit Abstand neben den Eingang und warte also. Ein weiterer Testkandidat tritt von bühnenlinks auf, und ist sehr unruhig. Die Maske elegant unter der Nase platziert stellt er sich direkt an den Eingang der Praxis, wo alle, die rein oder rausgehen, an ihm vorbei müssen, aber an der Stelle vergeht die Zeit wohl schneller, und das ist ihm wichtig, denn er blickt immer wieder auf die Armbanduhr, der ganze Wartevorgang offensichtlich eine unzumutbare Belastung für ihn.

Ich würde ihn auf die von ihm derart aufgebaute Virenfalle hinweisen, bin aber viel zu müde und zu beschäftigt damit, das Spektrum möglicher Folgen durchzugehen. Müssen sieben Remscheider Familien in Quarantäne, wenn ich positiv teste? Wirds in der Zeitung stehen? “Videokurs verseucht das bergische Land”. War ich zu nachlässig mit den Hygieneregeln während des Kurses? Ist normaler Schulunterricht unter diesen Umständen Irrsinn oder Schwachsinn? Verschlimmert Kroni meine Thromboseneigung? Überdrehte Angstbilder von einer Lungenembolie, bei der die Katze zusieht, hatte mir das Fieber ja schon beschert. Danke Hirn, Du geistproduzierende Müllmaschine.

Irgendwann gehts weiter, der Arzt kommt, lässt uns der Reihe nach Schleim hochrotzen (“Machen Sie jetzt mal das, was man nie machen soll”) und klaubt ihn uns dann mit dem Wattestäbchen aus dem Rachen. Mein Name fällt kein einziges Mal und der Arzt hat mich vorher nie gesehen. Dass die Helferin sagt “das ist der Vertretungspatient” muss ja wohl bedeuten, dass da der richtige Name auf dem Röhrchen steht, in das das corpus delicti dann verschoben wird. Right? RIGHT?

Während ich noch ein bisschen nachwürge, steht einen Meter neben mir der Ungeduldige mit weit runtergelassener Maske, Nase und Mund im Fahrtwind, Gefahr ja jetzt vorbei, die Lage ist in der Hand der Medizin, endlich Entspannung, auch die Uhr hat ihren Reiz verloren. Wieder sag ich nix. Menschen, ey.

Der Test ist negativ, die ganze sinnlose Aufregung wegen eines der anderen lustigen Coronitas und einer mittelschweren Erkältung. Ich freu mich schon auf Herbst und Winter, das wird sicher lustig.

Friday, August 16th, 2019

Epsteins Zungenbein im Lichte Bayes

Wir werden im Moment Zeuge, wie ein Mythos geboren wird, der es vermutlich in Verästelung und Langlebigkeit mit den Theorien zu Kennedys Ermordung wird aufnehmen können. Der verurteilte Sexualstraftäter und Multimillionär (verurteilt wurde er allerdings nur wegen einem der beiden Sachverhalte) wurde vor einer Woche in seiner Gefängniszelle unter auffälligen Umständen tot aufgefunden. Tod durch Erhängen, mutmasste Trumps Generalstaatsanwalt.

Aber tatsächlich bekannt ist bislang sehr wenig, insbesondere gibt es noch keinen offiziellen Obduktionsbericht. Aber die erste Untersuchung ergab, dass Epsteins Zungenbein (englisch: Hyoid Bone) gebrochen sei. Ein solcher Zungenbeinbruch sei viel wahrscheinlicher bei einem Mord durch Erwürgen als bei Selbstmord durch Erhängen, ist zu lesen, und deshalb deute dieser Befund auf Mord hin. Tut er das? Und wie sehr?

Zum Glück gibt es Publikationen wie zum Beispiel Slate, die uns mit ausführlichen Artikeln auf die Sprünge helfen (“Epstein’s Broken Hyoid Bone Doesn’t Tell Us Much”). Der Bruch sagt uns also nicht viel. Mal sehen wie es diesbezüglich und den Slate-Artikel selber steht.

Es handelt sich um ein Wahrnehmungsproblem wie aus dem Lehrbuch für Bayesianisches Schlussfolgern: wie verändern sich die Wahrscheinlichkeiten dafür, dass es Mord beziehungsweise Selbstmord war, wenn wir erfahren, dass das Zungenbein gebrochen ist?

Der Slate-Artikel kümmert sich nun zunächst um die Anfangswahrscheinlichkeiten. Es ist 20 mal so wahrscheinlich, dass bei einer zufällig in den USA aufgefundene Leiche Selbstmord durch Erhängen vorliegt wie Mord durch Erwürgen. Interessant, aber in diesem Fall wurscht, denn Epstein ist ja ungefähr das Gegenteil einer zufällig aufgefundenen Leiche. Er war Gefängnisinsasse in (momentaner, sein Zellengenosse wurde kurz vor Epsteins Tod verlegt) Einzelhaft, die angeführen Wahrscheinlichkeiten haben mit seinem Fall nichts zu tun.

Aber uns interessiert ohnehin mehr, wie sich die unbekannten Grundwahrscheinlichkeiten für Mord und Selbstmord verändern, wenn wir das gebrochene Zungenbein mit berücksichtigen. Bei 25% aller Erhängten, schreibt Slate, komme ein solches gebrochenes Zungenbein vor. Und verschweigt die für die Interpretation wichtige Vergleichszahl für die Mordopfer. Warum ist die relevant? Wenn auch bei 25% der Mordopfer ein Zungenbeinbruch vorläge, sagt uns dieser Bruch überhaupt nichts über die Todesursache. Läge bei gar keinem Mordopfer ein solcher Zungenbeinbruch vor, wäre ein Bruch sogar ein Beweis für Selbstmord. Und liegt die Wahrscheinlichkeit bei Mordopfern für einen Zungenbeinbruch höher als die 25% der Erhängten, dann brauchen wir erstens diese genaue Wahrscheinlichkeit und zweitens Bayes Regel.

Zum Glück gibts die Wikipedia, der wir entnehmen können, dass diese Wahrscheinlichkeit rund doppelt so hoch ist wie bei Selbstmord. Kein großer Unterschied, der sich entsprechend auch nicht dramatisch auswirkt. Bayes Regel besagt, dass das Verhältnis der Wahrscheinlichkeiten sich verdoppelt. War Mord vorher halb so wahrscheinlich wie Selbstmord, sind beide nach der Entdeckung gleich wahrscheinlich. War Mord vor der Entdeckung ein Zehntel so wahrscheinlich, dann ist er hinterher immerhin ein Fünftel so wahrscheinlich geworden wie Selbstmord.

Die Schlussfolgerung des Slate-Artikels, dass der Zungenbeinbruch bei einem zufälligen Mordopfer ein wichtiges Indiz, in Epsteins Fall aber belanglos sei, ist abenteuerlich und ireführend. Denn diese Verdopplung der Wahrscheinlichkeiten tritt unabhängig von allen anderen Umständen ein, dramatisch ist sie also nie und den beschworenen Columbo-Moment gibt es bei derartigen Zahlen niemals.

Der Zungenbeinbruch sagt uns nicht viel. Slate leider auch nicht. The End.

Ach, nein, Moment. Eine Frage noch…

Friday, August 2nd, 2019

Punkt vor Tante Sally

Kennen Sie diese Sorte von Mathematik-Aufgabe aus sozialen Medien? Oft sind es extrem einfache Rechnungen, zum Beispiel:

Was ergibt 8/2*(2+2)?

Und drunter stehen hunderte falscher Antworten.

Das Zeug geistert immer wieder durch Facebook und Twitter, und es erscheint unerklärlich, bei einer doch vermeintlich exakten Lehre wie der Mathematik, dass es da immer wieder so große Meinungsverschiedenheiten geben kann. In diesem Fall berechnen die zwei größten Löse-Lager 16 beziehungsweise 1. Zu welchem der Lager gehören Sie? Was halten Sie von den Rechenkünsten der Leute im anderen Lager? Und wieso sind solche Aufgaben im englischen Sprachraum noch viel beliebter als bei uns?

Klären wir erstmal, wie es überhaupt zur Meinungsverschiedenheit kommen kann. Mathematische Formeln sind ja nichts als aufgeschriebene Rezepte für Berechnungen. Nimm eine 2, pack noch eine 2 dazu, dann multipliziere das Ergebnis mit…, und so weiter, bis zum Ergebnis.

Das funktioniert nur, weil die Übersetzung der Zeichen ins Rezept eindeutig (1) ist. Weil man sich auf Regeln für diese Übersetzung geeinigt hat. Die Faustregel, die Schulkinder bei uns lernen ist: Zuerst Klammen, dann Potenzen, dann Punkt vor Strich, alles von links nach rechts. Das ist die globale Konvention, und mit dieser Konvention berechnet man oben eine 16.

In den USA handelt die entsprechende Eselsbrücke aber nicht von Punkten und Strichen, sondern von der lieben Tante Sally, der man bitte verzeihen soll: Please Excuse My Dear Aunt Sally, PEMDAS. Das steht für: Parentheses, Exponents, Multiplication, Division, Addition, Subtraction. Und erweckt leider den Eindruck, Multiplikation müsste vor der Division ausgeführt werden und die Addition vor der Subtraktion.

Daran wäre gar nichts falsch, das könnte man so machen. Dann würden wir hier eben erst die Klammer berechnen, dann das Ergebnis 4 mit der 2 multiplizieren, und dann die 8 durch dieses Zwischenergebnis 8 teilen. Ergebnis 1.

Ob man es so oder so macht, hat mit Mathematik, und mit richtigem oder falschem Rechnen nichts zu tun. Es handelt sich um reine Konvention. Man kann auch in beiden Konventionen die jeweils andere Berechnung aufschreiben. Man braucht nur zusätzliche Klammern. Also 8/(2*(2+2)) um trotz Punkt-vor-Strich eine 1 zu berechnen, beziehungsweise (8/2)*(2+2), wenn man Tante Sally weiterhin falsch verstehen will und trotzdem 16 als Antwort möchte. Falsches Rechnen wäre, nach 4 mal 4 gefragt zu werden und 15 zu antworten. Hier passiert etwas ganz anderes.

Denn das eigentliche Problem hier ist nicht, dass die Leute im anderen Lager nicht rechnen können (geben Sie ruhig zu, dass sie das oben gedacht haben), sondern dass die Regel der Tante Sally zu diesem Missverständnis einlädt. Das Problem ist eine lausige Eselsbrücke, und der Fehler liegt eigentlich nicht bei dem, der sich da verrechnet, sondern bei dem, der es ihm irreführend beigebracht hat.

Übrigens, wo wir grade beim Thema sind: was ergibt 230-220*0,5?
Sie werdens vermutlich nicht glauben, aber die Antwort ist 5!

(1) Für die Mathe-Freaks: ein-eindeutig ist diese Übersetzung nicht, weil man ja jeder Formel jederzeit noch Klammern zufügen kann, die an den Berechnungen gar nichts ändern.

Thursday, July 18th, 2019

Harris/Gervais/Hitchens

Tipp für alle, die des Englischen mächtig genug sind, mit einem flott auf Niveau dahergeplauderten Gespräch fertig zu werden. Der Podcast von Sam Harris ist regelmäßig großartig und inspirierend, aber diese Woche schlägt er selbst für seine Verhältnisse besondere Funken. Er hat Ricky Gervais zu Gast (beziehungsweise hat er ihn in London besucht), und das ist für mich nicht nur großartig, weil hier zwei sehr kluge und lustige Köpfe aufeinandertreffen (es klingt nach Buch, Herr Lichtenberg), sondern auch weil ich meine Bewunderung für die beiden Herren bislang in recht unterschiedlichen Schubladen aufbewahrt hatte und jetzt gewissermaßen den Inhalt der einen in die andere schütten kann. Provokanter Humor und besonnene Rationalität, zwei Seiten einer extrem wichtigen Medaille.

Und dann reden sie am Ende auch noch über die Rückkehr von Christopher “Hitch” Hitchens, der auf einem von Richard Dawkins geklonten T-Rex in die Stadt reiten soll, wenn ich das recht verstanden habe.

Den Podcast findet man hier auf der Webseite von Sam Harris.

Monday, July 15th, 2019

Stressanfälligkeiten

Wahrnehmung ist immer ein schwieriges Geschäft, und die größten Fallen sind nicht die einfachen Sinnestäuschungen, sondern die komplizierten Verstrickungen von Urteil und Vorurteil, über die wir regelmäßig stolpern. Aber diese Grafik des Künstlers Yurii Perepadia demonstriert aufs Unterhaltsamste, wie anfällig wir sind.

(So unglaublich es scheinen mag: das ist ein statisches Bild. Alle Bewegung findet in unseren Köpfen statt.

Hier ist Perepadias Facebook-Seite und hier eine Auswahl seiner Arbeiten auf BoredPanda.

Saturday, June 15th, 2019

Der liebe Focus und die Wissenschaft

(Quellen stehen unterm Text)

“Forscher warnen vor hohen Emissionen: Salat umweltschädlicher als Bacon. Sind Vegetarier schuld am Klimawandel?” (1) titelt der Focus gewohnt subtil und sachlich. Er übersetzt damit, wie im Online-Journalismus ja leider sehr verbreitet, einfach einen Post auf Science Daily (“Vegetarian and Healthy diets could be more harmful to the environment, experts say” (2)) ins etwas schlichter Tendenziöse und annähernd Deutsche. Dazu Stock-Footage von Leuten montiert, die in Salaten stochern und eine Leierstimme, die es vorliest, fertig ist das Premiumcontent Wissenschaftsvideo. Die Botschaft klingt nicht gut, sondern eher, als müssten selbst die irren Vegetarier sich jetzt mal ein paar Steaks grillen, wenn der Eisberg gerettet und Greta Thunberg nicht weinen soll.

Grundlage der Meldung, die waffenfähigen Schurkengemüse Sellerie, Aubergine und Gurkei seien schlechter fürs Klima als Schweinespeck ist natürlich, wie immer, eine wissenschaftliche Studie. Sie hat den erwartbar sperrigen Titel “Energy use, blue water footprint, and greenhouse gas emissions for current food consumption patterns and dietary recommendations in the US” (3). Das „in the US“ behalten wir direkt mal im Hinterkopf, könnte wichtig werden.

Der Aufsatz beschäftigt sich mit Lösungen für das in den USA weit verbreitete Problem der Fehlernährung, genauer mit zwei Empfehlungen der US-Amerikanischen Gesellschaft für Ernährung, nämlich die Kalorienzufuhr insgesamt zu reduzieren, und auf gesünderes Essen umzusteigen. Die Studie schaut sich nun schlicht an, wie das Anwenden je einer dieser Empfehlungen oder beider zusammen sich auf die Umweltfolgen auswirkt.

Überraschendes Ergebnis: nur bei Reduzierung der Kalorienmenge sinken Wasser- und Energieverbrauch und Treibhausgasemissionen. In den anderen beiden Fällen (gleiche Kalorienmenge, aber gesünder, oder weniger Kalorien und gesünder) werden durch die Änderung mehr Ressourcen verbraucht. Dieser Anstieg ist die Grundlage der Focus-Meldung, Salat sei schlimmer für die Umwelt als Speck. Kurioses Ergebnis, denkt man nun vielleicht und hat womöglich sogar milde Zweifel.

Im Artikel selbst weisen die Autoren darauf hin, dass es eine entsprechende Studie auch für Deutschland gibt, Titel „Environmental Impacts of Dietary Recommendations and Dietary Styles: Germany As an Example” (4). Ergebnis? Das glatte Gegenteil der amerikanischen Studie. Hält man sich an die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, geht die Belastung für die Umwelt bei der Herstellung des Essens zurück. Na sowas. Wie kommts denn wohl zu diesem Unterschied, lieber Focus? Wisst Ihr nicht? Lasst es Euch erklären.

Steht sogar in der Studie, die ihr da zitiert. Deren Autoren führen es einerseits auf das andere Profil der deutschen Ernährungsempfehlungen zurück, die weniger Milchprodukte und Fisch und mehr Nüsse vorschreiben, andererseits darauf, dass die Produktion von Früchten und Gemüse in den USA überwiegend in Kalifornien passiert. Und Kalifornien eignet sich für die Landwirtschaft ohne immensen Energie- und Bewässerungsaufwand halt leider gar nicht. Die blühenden Gärten dort wären ohne diesen Aufwand Wüsten. Ja aber, haben die USA denn nicht auch Gegenden, in denen man Gemüße ohne großen Aufwand anbauen könnte? Haben sie. Was aber bauen sie dort an? Futtermittel für die Fleischindustrie, zum Beispiel im großen Maßstab Soja und Mais. Ziemlich fairer Vergleich, so insgesamt.

Also: eine Umstellung auf die jeweils empfohlene gesündere Ernährung reduziert in Deutschland die Umweltkosten dieser Ernährung, in den USA erhöht sie diese Kosten. Die Gründe liegen in der erstaunlich unterschiedlichen Auffassung davon, was eine gesunde Ernährung eigentlich ist, und darin, dass es große regionale Unterschiede in der Landwirtschaft gibt. Um Vegetarier oder Veganer geht es übrigens in keiner der beiden Studien, alle betrachteten Ernährungsempfehlungen enthalten Fisch, Fleisch und Milchprodukte. Am Ende der Studie erwähnen die Autoren allerdings noch, dass etliche Studien belegt haben, dass eine vegetarische Lebensweise besser für die Umwelt ist, aber Schwamm drüber.

Denn all das wirft für den Focus halt zwangsläufig die Frage auf: „sind Vegetarier schuld am Klimawandel?“ Und bei allen anderen: „Ist der Focus schuld an der Propaganda oder einfach nur doof?“

Echt schwer zu sagen.

(1) Focus: “Salat umweltschädlicher als Bacon”: Sind Vegetarier schuld am Klimawandel?
(2) Science Daily: Vegetarian and ‘healthy’ diets could be more harmful to the environment, researchers say
(3) Tom, M.S., Fischbeck, P.S. & Hendrickson, C.T.: Energy use, blue water footprint, and greenhouse gas emissions for current food consumption patterns and dietary recommendations in the US. Environ Syst Decis (2016) 36: 92
(4) Toni Meier and Olaf Christen: Environmental Impacts of Dietary Recommendations and Dietary Styles: Germany As an Example. Environmental Science & Technology 2013 47 (2), 877-888

Wednesday, November 2nd, 2011

monasterienses

1
Ich habe die Wahl. Entweder biege ich nach der Grundstücksausfahrt rechts ab, stadtauswärts, fahre dann bis zur Ampel an der Tankstelle und umkreise dort, Ampel für Ampel, die Kreuzung, oder ich biege links ab und fahre dann, illegal und gegen die Fahrtrichtung neben dem Radweg, hundert Meter stadteinwärts bis zur Fußgängerampel, quere und kehre dort in die Legalität zurück, die ich um den Preis einiger ersparter Warteminuten leichtfertig verlassen haben würde, sollte ich mich für diese Möglichkeit entschieden haben. Und ich würde so entschieden haben.

Es gibt auf diesen hundert Metern eine einzige, sehr schmale Hofeinfahrt. Als das Auto daraus hervor rollt, ist das kein Problem, weil ich so langsam und eigentlich schon gar nicht mehr langsam, sondern in diskreten, wohlgesetzten infinitesimalen Schrittchen fahre, dass ein Antippen der Bremse, ach was, ein Anhauchen des Bremshebels, mich zum sofortigen Stehen bringen sollte. Stattdessen blockieren die Räder nach dem Hauchen, der Gehweg ist wohl feucht, es muss wohl ausnahmsweise geregnet haben, und ich rutsche gradewegs und ungebremst ins gleichfalls ungebremst weiterrollende Auto. Ein sehr kleines Geräusch entsteht, als die Stoßstange und mein Rad sich begegnen, dann stehen beide Fahrzeuge für einen kurzen Moment inert und gleichberechtigt da und mein Herz sagt Hoppla. Die Fahrerin kurbelt die Scheibe runter. “Nichts passiert”, sage ich ihr und mir, aber “schnapp”, sagt die Empathiefalle dazu, denn das wollte ja gar niemand wissen. “Gegen die Fahrtrichtung!” bellt sie empört, kurbelt wieder hoch und gewinnt aus dem nun folgenden Kopfschütteln soviel Antriebsenergie, dass sie noch eine halbe Stunde später keinen Tropfen Benzin verbraucht.

2
Die Fußgängergruppe geht, wie Fußgängergruppen das tun, wenn sie auf die Fremden vergessen, die ihren mit tollen Gesprächen tapezierten Gruppenraum teilen, wegbreit dahin, und es ist also an dieser Engstelle kein Vorbeikommen. Auch kommt noch jemand entgegen, ein Knäuel aus Leibern verstopft die Verkehrsader, aber ich habe es nicht eilig, rolle im Gehtempo hinter ihnen her und warte auf die Entspannung der Lage, die mir gleich das Vorbeirollen ermöglichen wird. Stattdessen bemerkt mich aber die hinterste der Personen und ruft “Lasst doch mal das Rad vorbei” in den Gruppenraum. Eine andere ruft “der könnte doch auch mal klingeln!” vorwurfsvoll und mit gezücktem Handschuh, eine dritte steuert “Klingel ist wohl kaputt” noch bei. “Ruhig bleiben”, sage ich, “ich habs ja nicht eilig”, und ärgere mich, dass auch ich jetzt ziemlich klinge, als wolle ich mich streiten. Will ich doch gar nicht, Herrgott. Idioten.

3
Der Rentner fixiert mich, die Lippen gepresst gegen den schalen Geschmack in seinem Mund, und dreht als wir aneinander vorbeirollen den Kopf mir zu, Blick an meinen Blick geschweißt und Verbotsschilder in den Augen, eine Regelüberwachmaschine in beiger, wetterfester Verpackung. Das Zurückschnellen des Rentnerkopfes nach vorne, und die zufrieden vorschießende Reptilzunge sehe ich nicht, weil ich ja nach vorne gucke, dahin, wo das Auto neulich rausrollte. Ich bin ja schließlich nicht blöd und lerne dazu.

Thursday, August 25th, 2011

golightly and the big stick

Heute morgen hatte der Rowohlt-Verlag, über seine Facebook-Präsenz, dies mitzuteilen:

Mit einem modernen Klassiker möchten wir heute zum Frühstück an Truman Capote erinnern, der heute vor 27 Jahren verstarb. Seine Romane “Frühstück bei Tiffany” und “Kaltblütig” wurden beide verfilmt und können zu den Klassikern der Filmgeschichte gezählt werden. Das Buch zu “Frühstück bei Tiffany” wird durch drei melancholische Erzählungen ergänzt.

Dran angehängt der Werbetext zu “Frühstück bei Tiffany”

Das von Gin und Rosen umduftete Porträt der charmant verrückten achtzehnjährigen Holly Golightly, die mit entwaffnender Unschuld bekennt: “Ich habe wirklich nicht mehr als elf Liebhaber gehabt.” Verfilmt mit Audrey Hepburn. Dazu drei beschwingt melancholische Erzählungen.

Nun ist Truman Capote zweifellos einer von den Guten, und auch wenn eine Würdigung zum siebenundzwanzigsten Jahrestag ein wenig gezwungen scheint, hat er ja jede Würdigung verdient, und warum also nicht diese?

Aber, ach. In Cold Blood ist kein Roman, es ist “a true account of a multiple murder and its consequences”, die Bücher keine “Klassiker” und schon gar keine “der Filmgeschichte”, Frühstück bei Tiffany nicht das Buch zum Film, “charmant verrückt”, “entwaffnender Unschuld”, “von Gin und Rosen umduftet”, “beschwingt melancholisch”, das alles ist so ungenau, verkitscht und vermatscht, man wünscht sich einen großen Stock zur Hand.

Ich reagierte auf das Rowohlt-Posting mit einem leicht polemischen Kommentar, in dem ich auf die Diskrepanz zwischen der Rolle des Rowohlt-Verlages und ihrer Ausübung im Facebook-Rahmen hinwies. Ich würde ihn gerne hier zitieren, den Kommantar, aber leider war er Minuten nach dem Absetzen auch schon wieder verschwunden.

Und zwar, wie man mir nach einem Folgekommentar mit Beschwerde über die vermeintliche Löschung erklärte, war er im Spam gelandet. Beziehungsweise wohl, in Rowohlt-Sprech: von Frühstücksfleisch umduftet.


Wednesday, April 13th, 2011

Der Jüngling und die Sache

Raum ist in der kleinsten Stätte
Zum Verschlampen allen Seins.
Und wieviel Wesen ich auch hätte,
Brauch ich eines: find ich keins.