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Wednesday, July 21st, 2010

Fallen durch Decken

Der Aufzug sackt seit Wochen beim Schliessen der Türe ein paar Zentimeter durch, geht dann nochmal auf, dann wieder zu und dann fällt er aber doch noch hydraulisch nach unten durch die Tunneldecke in die Felsenkammer der PATH-Station. Das ist hübsch, das hydraulische Fallen, weil man polierten Stangen dabei zusehen kann, wie sie sich ölig in dickere polierte Stangen schieben während man aus der Decke fällt, und das ist ein schöner Zeitvertreib.

Heute aber sackt der Aufzug nicht, und er muckt auch nicht, die Tür schliesst sich sauber und schnell, und geht auch nicht mehr auf. Auch sonst passiert nichts. Das heisst, nach einer kleinen Weile dann schon. Die Tür geht wieder auf. Und man ist aber durch keine Decke gefallen, vollkommen aufzugszweckwidrig. Das mache ich viermal mit, oder lass es ruhig fünf sein, dann habe ich genug von sich schliessenden Türen. Der Aufzug aber befindet sich in einer Sackgasse hinter einer Zahlschranke, meine Monatskarte ist nach jeder Benutzung für 18 Minuten gesperrt, und deswegen kann ich jetzt also nicht die Treppe nehmen, sondern muss auf einen roten Knopf drücken. Es hupt melodisch. Es knarzt. Und dann redet eine Stimme aus dem Nichts mit mir. Nein, sagt die Stimme während ich wie ein Schwein im Weltall um mich zu sehen vorgebe, von einem Aufzugsproblem sei nichts bekannt, ich solle doch noch ein bisschen probieren. Und legt wieder auf, noch bevor ich sie auf den informationstheoretischen Fehler hinweisen kann, den sie da begeht. Andererseits muss ich ja zugeben: gute Strategie. Müsste aber eigentlich trotzdem gleich nochmal anrufen.

Weil ich so schlecht mit dem Bein ans Ohr komme, drücke ich stattdessen noch ein bisschen auf Knöpfen rum und sehe der Tür beim Auf- und Zugehen zu, und hoffe auf eine erlösende Uniform. Es kommt auch gleich einer, der Aufzug geht nicht, sage ich, er guckt mich stumm an als sei ich nicht bei Trost, geht in den Aufzug und drückt den Schliessknopf. Tür zu, Aufzug steht. Tür auf. Er murmelt unverständlich Fremdsprachiges, rüttelt an der Tür, greift sich in die Hose, zieht einen Schlüsselbund - der Aufzugsresetbuttonrettungsschlüssel! Oh süsse Engelstöne! - und kratzt mit dem Schlüssel den Passagierschmutz aus der Türspalte. Die Tür schliesst sich. Durch das Türfenster sehe ich das Gesicht des PATH-Mitarbeiters, während er durch den Boden fällt. Von drinnen guckt es ein bisschen schuldbewusst zurück.

Der Aufzug kommt wieder, als ich ihn rufe. Ich steige ein, murmle unverständlich Fremdsprachiges (man weiss ja nie) und drücke den zuständigen Knopf. Nichts. Die Tür öffnet sich wieder. Ich zücke meinen Hausschlüssel und grüble in der nun schon fast ganz dreckfreien Türspalte rum. Knopf. Nichts. Tür. Ich rüttle erbost am Aufzug. Knopf. Nichts. Tür. Ich murmle profan Fremdsprachiges und wiederhole es nochmal, aus Langeweile.

Aber keine Bange, da kommt schon das nächste PATH-Männchen. Aufzug kaputt sage ich. Er guckt mich an, als sei ich bei Trost, dreht um und geht, noch bevor ich von meinem Ticketproblem erzählen kann durch die Bezahlschranke nach draussen, und zum anderen Aufzug. Durch dessen Bezahlschranke er sich quetscht, wärhend er mit seinem PATH-Ausweis in Kameras wedelt. Good for you, fuckhead, sage ich nicht, denke es aber.

Kurz überlege ich, nochmal den Anrufknopf zu drücken und der Zentrale einen hübschen Aufzugsmarsch zu blasen, aber die 18 Minuten sind um und ich nehme stattdessen marschlos die Treppe. Der Bahnsteig unten ist voll, der Zug also nahe, und der Schaden begrenzt. Vor dem Aufzug am Bahnsteig steht eine PATH-Mitarbeiterin und wartet. It’s not going to come, sage ich, it’s broken.
It breaks every six days, sagt sie unbeeindruckt, und geht zur Treppe.

Thursday, July 15th, 2010

What is that shit?

Hard to say what the source of the particular power of Rebney’s rant is. Somehow, the mixture of frustrated anger and self deprecation, contrasting with the mindless task of praising a Winnebago - itself the perfect image of a thwarted desire to escape, of resistance domesticated - rises above the heat, the flies and the adversities of the daily grind, and manages to inspire.

Rebney’s story, which the documentary Winnebago Man set out to find and tell, is one of media transition, first from the austere news machine of the middle of the 20th century into the entertainment complex of its end, then on into the fragmented world of me-media. Rebney, a veteran of CBS, does Winnebago spots to escape the Stahlbad of entertainment, and then finds himself being the viral harbinger of the next wave, before the term viral has even been coined. He finally understands that he is not used as a distraction, when he first faces his audience in San Francisco, in a sequence that is both tense and moving.

The movie’s premiere last Friday was supported by the presence of Michael Moore and Jeff Garlin, who threw the audience a bone by claiming that Curb Your Enthusiasm’s very concept was inspired by Rebney’s outbreaks. But the biggest thrill was seeing the man himself, pushing 80, kneeling down in the hope for a publishing deal, increasing the punishment on Bush Jr. from a hot poker up his ass to “being hanged like Goering”, flirting with the ladies, and just being a complete fucking delight.

A little earlier, during the movie, my mood was dampened a little, when Rebney and Steinbauer walk into Golden Gate park, and a sudden wave of melancholy sadness washed over me: I used to live there. I don’t any more. In fact, most of the things I love are in the past and far away. I’m old. Boo hoo. But then that made me angry, and I gave myself a clue from Jack’s book: I don’t want any more sentimental bullshit anytime during this post, from anyone, and that includes me.

There. Now go, see the movie.

Tuesday, July 13th, 2010

Uniquely Bohring

Der Mensch sehnt sich nach Einmaligkeit, und sogar dieses Sehnen selber ist einmalig im Tierreich. Ebenso wie die Gehirnleistung, diese Rekursivität zu erkennen und sie dann in ein Blog zu schreiben. Die Liste der historisch vorgeschlagenen Einmaligkeiten ist lang, das Niesen stand vielleicht auch mal drauf früher - der Mensch, das einzige Tier, dem der Schneuzgott die Niesfähigkeit gab - gehört aber da gar nicht hin, weil: Katzen, Niesen, kein Problem. Die menschliche Empörung allerdings, wenn das Katzenniesen direkt vor, oder eigentlich quasi in der menschlichen Nase passiert: womöglich einmalig. Das Tier an sich tritt fremdem Schleim in der Regel eher unemporen entgegen.

Auch einmalig menschlich ist die Fähigkeit, sich was in den Kalender zu schreiben, wozu man eigentlich überhaupt keine Lust hat; oder Böcke, wie wir Menschen manchmal sagen. Zum Beispiel, naheliegend, zugegeben, aber man kann es sich ja nicht aussuchen, einen Zahnarzttermin. Wenn dem Bären die Zähne schmerzen, beisst er vielleicht ins Gras, weil er bei Zahnweh einen auf irgendwelchen Grasdrogen basierenden Grasbeissinstinkt hat, aber er setzt sich ganz sicher nicht zum Scheissen in den Wald und ruft von da seinen Zahnarzt an. Bären hassen Zahnärzte.

Menschen natürlich auch, aber trotzdem rufen sie an und gehen dann hin, eine ganz erstaunliche Trennung von unmittelbarem Wohlergehen und seltsamen abstrakten Theorien. Wenn ich mich zwei Stunden lang quälen lasse, dann wird es mir in einem halben Jahr besser gehen als ohne Quälerei, denke ich und setze mich in ein Wartezimmer voller Unterschicht. Derartiges zu denken ist auch eine einmalige Fähigkeit, und zwar genauer gesagt: eine einmalig bescheuerte. Das ahnt man, wenn man aus dem Unterschichtgewimmel in den zerknitterten Behandlungsraum gerufen wird. Diese Ahnung verdichtet sich, wenn der Arzt ohne Vorwarnung mit einer riesigen Spritze mehrmals so tief unter die Zunge sticht, dass man sie hinten am Hals wieder austreten spürt, mit einem funkelnden Lidocaintropfen dran. Ein inneres Auge, die imaginierten Schrecken zu zählen, auch das vielleicht einmalig. Dank dir fein, Schöpfung.

Und man weiss es aber ganz sicher, nachdem der Arzt einen Eisenring über einen Zahn gezogen und den Mund mit einem Gummituch zugezeltet hat, und Panik aus dem Menschenmagen aufsteigt, und zwar nicht übertragen oder metaphorisch, sondern so richtig. Herzrasen, Hirnschummer, Adrenalin, alles da. Are you all right, fragt der Arzt, aber mehr als ein Brummen ist zur Antwort nicht drin, wegen Gummizelt im Maul. Patient brummt, Herzerl gsund, denkt der Arzt. Und bohrt. Fünfundvierzig Minuten lang.

Und ein paar Stunden später hat man dann natürlich schon wieder alles vergessen und lutscht zur Belohnung am Zucker. Grad als wie die Tiere.

Friday, July 2nd, 2010

answered

the matter is
what the mind
is fighting
against

Friday, July 2nd, 2010

my thoughts exactly

the thoughts
I think I think
are really just
thoughts thought
by the cat
thought
the cat

Wednesday, June 23rd, 2010

Shermer’s Folly

Figure 6: Some nonsense (not to scale)This plot is from chapter 4 of Michael Shermer’s book “Why People Believe Weird Things”, and it’s quite amusing.

The section of the book this is from concerns ESP experiments. Participants in these experiments have to predict one of five symbols on an unseen card, and the plot is meant to show the chance of a participant getting x of the answers right when being asked 25 times. Predictably, getting 5 right out of 25 is the most likely, but higher numbers of hits are entirely expected, and their occurence alone does not mean much. Shermer stops with the negative statement - high performance doesn’t mean ESP - and doesn’t spell out what a correct analysis would look like - not looking at a single result, but comparing a distribution of results to that predicted from chance - but this unfortunate focus on gleeful debunking rather than the education of the reader isn’t my concern. It’s the plot itself. Look at it.

Its x axis runs from -2.5 to 12.5. Bars of unit width indicate the probabilities of getting a certain number of answers right, and a Gaussian curve (Shermer calls it a Bell curve in the legend, and a normal distribution in the chapter text) to fit the bar data. Pretty much all of this is awful. First of all, fractions of x make no sense. The number of correct answers can only be a whole number, therefore probabilities should be plotted for whole numbers alone. If you want to use bars, make them discontinuous to emphasize their discrete character. Additionally, both the Gaussian and the leftmost bar extend into negative values, which also do not make sense for x. Negative values shouldn’t be on this plot at all. All this could be simply due to sloppy graphical design, of course, but the Gaussian extending into the negative is in fact a hint of the biggest error here: this distribution is not a normal distribution at all. To show a Gaussian here is a blatant statistical and conceptual error.

Random answering in a task like this in fact follows a binomial distribution. Interestingly, the numbers on the bars are from the correct binomial (except for 0.0238, which should have read 0.0236), meaning that whoever prepared the data knew what they were doing. But Shermer, fitting a Bell curve to them, clearly does not. You can even see it’s a bad fit. The bars don’t look symmetrical at all. Furthermore, the claim in the legend that “in a group of 25 several scores [above 7] will always occur purely by chance” is also quite false. He himself provides the probability for scoring below 8, which is 89.1%. Thus, in a group of 25, the chance of everybody scoring below 8 is 89.9% to the 25th power, or 5.56%. In other words, roughly one in eighteen such groups will have nobody scoring 8 or higher. There are lies, damn lies, and statistics done by fools.

Claims of the paranormal are emotionally and spiritually appealing, and it is important to counter them both on their own grounds by providing equally appealing stories about the world, and also by clearly showing where their purported proofs are untenable. Michael Shermer is the founder of the Skeptics Society, who claims this as their task, and he adopts a smug tone of intellectual superiority over the misled and uneducated foolish masses throughout this book. Yet apparently he doesn’t know what he’s talking about himself. He even told me so at the end of his foreword: “why should [you] believe anything [I] say? […] You shouldn’t.”

In the end, the whole thing is probably just a clever lesson in scepticisim. Or is it?

Sunday, June 20th, 2010

on scapegoating

There is something odd, I feel, about the outrage over BP’s role in the current monstrosity unfolding in the gulf, and it’s this: in a situation where enormous profits were to be made by retrieving a natural resource and selling it back to the public who rightfully ought to own it, and where there is no real oversight or control of the way this business is conducted and risks are handled, what in the world did we expect this company to do? It’s all good and well to get irate about these people, for being disgustingly disconnected rich fools, but to punish them because they cut corners and neglected enormous risks, is a bit like leaving a little kid alone in a candy store and then punishing him for taking candy and breaking the jar. Yes, it’s wrong, but how could they possibly not have done it? And who in his right mind leaves a kid alone in a candy store?

The basic capitalist assumption, that providing monetary incentives will make companies do what’s best for everybody, is probably fundamentally flawed, but it very clearly is in areas where companies can reap profits while deferring risks and costs to the general public, or where there is an intrinsic conflict of interest. Take the pharmaceutical industry, which is selling products meant to cure people, and who has a clear interest in both new treatable conditions being invented, and ambiguous ones being solidified (cholesterol, anyone? Or do you have too much ADHD to focus on it?) and existing ones not being eradicated or improved. They are reaping astronomical profits on this flawed process through a monopoly enforced by our own governments, claiming that they need such protection in order to be able to operate and innovate in the public good. This from one of the most profitable industries on the planet. It completely baffles me that this is allowed to continue basically unchallenged. But I digress.

This disaster is at it’s heart not a failure of BP, for all the ways BP has failed, as much as it is a failure of a system of letting third parties with particular interests be responsible for the general and public good. Add the inability of humans to properly assess and weigh risks and to handle large numbers, especially under personal incentives, and you get an explosive mix, where corporation executives are asked to do two opposing and very disparate things - maximizing profit and minimizing a detrimental impact that is very difficult to properly assess, with asymmetrical payouts. Like in the banking industry, being successful nets you vast personal gains, but failure gets spread over the whole of society and only affects you personally if it is so humongous as to be inconceivable. And even then, you might be fine, as we are seeing in the recent banking debacle’s profit and bonus fallout. Do we truly expect somebody given the chance of vast personal enrichment under a widely distributed risk to not take that chance? Are we, then, the very idiots we must think that person to be?

Yes, we can rail against factory farmers polluting entire watersheds with runoff urine, and BP destroying entire marine ecosystems, for their unconscionable behavior, and there definitely should be punishment fitting the crime. But more importantly, I feel, we should think about the changes necessary to prevent massively powerful and dangerous industries from shitting golden bricks all over the public good, and figure out how to not allow corporations to sell the welfare of others to their own profit.

Friday, June 18th, 2010

Geheimnis des Fühlens

Deine Schwärze, Hirn, verdammen wir.
Vor Jahren schon bin ich aus der Kirche ausgetreten, durch eine viel zu hohe, schwere Holztür, aber den liturgischen Formeln hat das nichts von ihrem mystischen Rauschen genommen. Das wurde mir in der Kindheit eingepflanzt, neben all den anderen Filtertierchen, die an den Nerven saugen, und da hockt es nun und lauert auf ein passendes Geräusch. Ich bin nicht komplett glücklich, dass du eingingst unter mein Dach, Filtertierchen, aber hör nur ein Wort, so fühl ich mich wieder wie das Kind, das vor der Beichte zittert. Das war, im Rückblick, nicht die schlechteste Zeit. Eine Angst vor Unerheblichem, danach Erleichterung und Eisbecher in der Sommersonne.

Deine Hellerwerdung preisen wir.
Es ist nicht nur der Aufzug, der heute nicht beim ersten Schliessen der Tür einige Zentimeter durchsackt, die Tür wieder öffnet und dann erneut schliesst, sondern gefügig gleich sackt, als ich reinkomme, schliesst und brav losfährt, obwohl auch das eine angenehme Überraschung ist. Aber auch in mir ist es heute anders, die Ruinen des Geschehenen ragen unverändert in die dünne Luft des Gebirges Vergangenheit, aber das Denken fällt jetzt leichter in der dünnen Luft. Die Dummheiten einzelner bleiben zwar dumm, Enttäuschung und Zurückweisung schmerzhaft, Einsamkeit in der Krise ein kalter Keks aus Beton, aber das Monstrum, das diese Einzelheiten frass und umfassende Isolationsangst und Verzweiflung zurück in die Nervenbahnen schiss, schläft heute, hush, my darling, Ingonyama ifile, mit Acetaminophen bedacht. Und erst durch seine Abwesenheit bemerke ich den chronischen Schmerz der letzten Monate. Schädigte die Seelenwunderdroge Paracetamol nicht Nieren und Leber - aber jetzt zieh ich mir nicht auch noch eine Konjunktivitis zu: wäre die Katze ein Pferd, könnte man auf ihr den Baum raufreiten. Das wäre toll, aber die Katze ist kein Pferd, und Paracetamol keine Dauerdroge. Gehorchen müssen wir den Indikativen, die uns in Bande gelegt. Immerhin ein Tag Urlaub von der Kaputtheit, ist doch auch was.

Bis du denkst in Herrlichkeit.
Die Eltern der jungen Familie, die nach mir aus dem sackenden Aufzug steigt, sind selbst noch Kinder. Die Mutter zetert am Schnürchen auf die beiden Kinder ein, die nichts nachvollziehbar falsch machen, der Vater meldet irgendwann schüchtern an, dass das kleinste doch einfach nur aufs Klo müsse. “Nothin I can do, he don’t have to pee, he just want the junk food that in this bag and he don’t want to wait till we get somewhere where there hotdog or something” ramentert es zurück, dann noch ein paar inhaltlose Aggressionslaute in Richtung der Kinder, jedes kriegt eine faustvoll Karamellpopcorn ins Maul und ein Filtertierchen in den Kopf, it deepens like a coastal shelf, und der einfahrende Zug trennt gütlich unsere Wege.

Wednesday, June 9th, 2010

Statt Gewitter

Heute ist der Hügel schon nicht mehr so steil, der Weg nicht mehr so weit und die Sonne treibt nicht mehr so viel Schweiss, wohl weil die Erinnerung ans letzte Mal mit in die Pedale steigt, und vielleicht auch wegen der fachmännisch eingezogenen Speichen in Hinterrad, das jetzt schnurrt wie eine runde Katze mit aufgepumpten Pfoten. Den hohen Blutdruck schiebe ich dann trotzdem auf diese halbe Stunde leichtes Sonnenradeln, aber der Nierenmann mit dem Kalifennamen ist von diesem Argument unbewegt. Während er mit ernstem Gesicht hochdruckrelevante Notizen schreibt, werde ich deshalb kurz verlegen, als hätte ich meine Hausaufgaben nicht gemacht. Drollig, das, weil mir das ja noch nie peinlich war, und ich sie ausserdem sogar gemacht habe. Alle Ergebnisse da, einschliesslich des zunächst fehlenden Ultraschallbefundes, der per Fax hier eingetrudelt ist während meines Wartens. Und das nach nur einem einzigen Anruf der Sprechstundenhilfe beim schlampenden Schalllabor: die Medizin brummt am Schnürchen wie ein Hinterrad mit weissen Kittel.

Den Nieren geht es besser, sagt der Kalif, die Hormone sind im Rahmen, die Kalziumwerte zum ersten Mal seit Beginn der Aufzeichnungen vor drei Jahren normal, und die Nebenschilddrüsen damit komplett aus dem Rennen. Ich sitze da, und weiss nicht, wie, sehe mir an, wie weitere Überweisungen geschrieben werden, Dopplerdingse, Endokrinologisierer, Blutpröbchen, gehts denn jetzt wohl einfach immer so weiter?, und taste abwesend nach dem Knoten im Hals, den ich bis grade eben für eine amoklaufende Nebendrüse hielt. Und der jetzt aber immer noch da ist, allen Befunden zum Trotz. Hallo, Knoten. Wir sprechen uns noch.

Blinzelnd stehe ich dann in Union City wieder auf der Strasse und entfalte den Rutscher, Manhattan guckt staubiggrau zu von der anderen Flusseite und funkelt kokett ein bisschen im Dunst. Halb hatte ich den Tumor gefürchtet, halb ihn herbeigehofft, das dachte ich jedenfalls, aber jetzt geht es mir in der Abwesenheit seiner Möglichkeit so gut wie lange nicht mehr. Bitterkeit, Verraten- und Verlassenheit, Hoffnungslosigkeit und Zorn, all das bleiche Gewölk ist wie weggefegt, stattdessen wabert mild melancholische Gleichmut überm glatten Denkasphalt, ein warmer Wind im leeren Radlergesicht beim Abwärtsrollen. Versteh einer die Wetter.

Wednesday, June 2nd, 2010

Der Colonel hört nicht

I
Peinliche Zeiten. Weinerlichrotes Kryptonit bloggen; zum ersten Mal im Leben die Bohemian Rhapsody “so richtig hören” und prompt heulen müssen; alle verfügbaren Emotionen zugleich bei vollem Bewusstsein in ihre jeweiligen Sackgassen fahren und den Rückwärtsgang nicht finden. Und sich dann aber auch noch beschweren wollen dauernd. Mal sehen, ob ich die Latte nicht noch ein bisschen tiefer gelegt kriege, bevor dieser Spass sein Ende hat. Lyrik, vielleicht.

II
“If you can’t change your mind, are you sure you have one?” fragt die junge Frau, die die Treppe runterkommt, in der Sprache der T-Shirts. Grade überlege ich mir eine Antwort auf diese kluge Kopfnuss, da sehe ich zugleich an der Bahnsteigkante einen zerrupften Herrn stehen, dessen Shirt mit “Sorry, mind closed until further notice” gegenhält. Ja fein! Und überlasse die beiden Weltgeist-Reisenden hübsch ihrem Dialog. Kommt auch der Zug, muss ich Rad reinwuchten und Scheuererklärung finden. Dazu gleich.

III
What do you want, Colonel, fragt der Herr hinter der Theke den Herrn vor der Theke, aber der Herr vor der Theke antwortet nicht. Also wendet der Herr hinter der Theke sich stattdessen an mich, ich bin immerhin auch ein Vortheke. The Colonel is a bit hard of hearing, erinnert er mich, als seien wir Vortheken alle eine grosse Familie von Colonels, und warum auch nicht, könnte ja sein, sieht man vermutlich schlecht von hinter der Theke. “I’d like two Rollmöpse, please”, sage ich, ein bisschen, weil ich den Satz unbedingt sagen will, und ein anderes bisschen, weil ich tatsächlich zwei Rollmöchte möpse. Grundmultitasking. Nachdem er mir die Möpse zugestellt hat, versucht es der Mann hinter der Theke noch mal, aber der Colonel hört immer noch nicht. Die Hintertheken habens auch nicht leicht.

IV
Seit Wochen schon schwankt mein Klapprad sonderbar beim Rollen. Nicht besorgniserregend, eher so, als habe es sich einen kleinen Schwipps angezwitschert und könne jetzt nicht mehr gradeaus gurken. Ich schob das Gewackel auf die Gabelführung und dachte mir nichts weiter, jedenfalls nicht übers Rad. Bis dann auch noch das Hinterrad am Rahmen scheuerte beim Fahren. Bei dummen Fahrrädern liegt das an gelockerten Radachsmuttern und erfordert eine Achsgraderückung, aber beim Brompton verbeissen sich Unterlegscheiben mit Vampirzähnen ins Rahmenmaterial, und die Achse sitzt bei jedem Wind und Wetter bombenfest.

Bescheuerterweise scheuerte es aber trotzdem. Wer Schlingern ignoriert, kann auch bei Scheuern die Augen schliessen, dachte ich mir, irrte aber, weil, bergauf gegen scheuernde Räder anstrampeln grenzt an Arbeit. Obendrein muss man dabei ziemlich fluchen, und wenn man das richtig macht, geht Ignorieren auch schlecht.

Erst im Pendelzug guckte ich mir das dann näher an. Und staunte. Am Hinterrad waren nur noch die Hälfte der Speichen am Leben, der Rest an der Nabe abgebrochen, und von den Lebenden wiederum war die Hälfte reichlich lose. Die Felge liess sich gegenüber der Nabe zentimeterweit verdrehen. Eine rollende Todesfalle. Beim Bruch der nächsten Speiche wäre das Hinterrad auf der Stelle implodiert und von den rauhen Strassen Jerseys zu feinem Staub zermahlen worden. Wäre ich grade auf einen Alligator zugefahren, oder einen weitoffenen Nilpferdschlund, man mag gar nicht drüber nachdenken. Hingefallen wäre ich womöglich auch noch.

V
Wenn er nur endlich ein Ende hätte, der Spass. Ich liesse mir sogar mal wieder ein schlechtes Gedicht gefallen von mir. T minus eins.